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Laufberichte

Wie beim letzten Mal?

19.02.06

11.-19.2.2006 Yukon Arctic Ultra 178:43h, 320M (515km) Whitehorse, Yukon Territory, Kanada

Nein, so wie letztes Jahr sollte es eigentlich nicht mehr werden: Abbruch nach sechs Tagen und 370km - so was Ärgerliches! Aber die sechs Tage vor dem Abbruch waren dafür sehr, sehr schön und die ganze Aktion für mich persönlich ein voller Erfolg. Also doch wie beim letzten Mal?

Lieber nicht auf das Zeitlimit schauen und dafür die traumhafte Natur und die Wildnis des kanadischen Westens genießen? Was genau ist hier eigentlich wichtig: Durchkommen? Siegen? Überleben? Spaß haben? Warum tue ich das? Warum nicht?

All diese Fragen schienen nach 5:50h Rennzeit vergessen, als ich am Samstag, den 8. Februar 2006 um 16:25h auf Ingrid und Rolfs North Country Ranch ankam. Der Weg hierher erinnerte mehr an eine frühlingshafte Skitour in unseren Voralpen als an den "kältesten und härtesten Lauf", wie der Veranstalter Robert Pollhammer ihn selbst nennt. Überaus milde Temperaturen und recht gute Trailbedingungen ließen mich nicht nur mit einem Lächeln, sondern sogar mit einem Strahlen am Checkpoint ankommen. Vor allem die vorher allgegenwärtige Frage "Warum?" hatte sich damit schon wieder erledigt.

Doch von vorne: Meine Teilnahme am YAU 2006 stand schon seit einem Jahr fest. Wie gesagt musste ich bei der letzten Ausgabe auf der siebten von neun Etappen leider aufgeben, weshalb eine Rückkehr nicht nur denkbar, sondern absolut sicher war. Auch rückblickend gesehen war der YAU ein würdiger Lauf für mein erstes und bisher einziges DNF (did not finish) und nachdem die Reaktionen auf den Abbruch eher positiv als negativ waren hatte ich diese "Niederlage" gut verdaut. Die Vorfreude auf den zweiten Versuch war weit stärker als irgendwelche Ängstlichkeiten, dass es beim zweiten Mal auch nicht klappen könnte. Ehrlich gesagt freute ich mich tierisch darauf, diesmal schwungvoll an der Stelle vorbei zu laufen, an der ich letztes Jahr auf den Motorschlitten stieg. Nachdem ich mittlerweile auch die gesamte Strecke kenne, weiß ich, dass ich mich 2005 niemals so hätte zusammenreißen können, dass es doch noch geklappt hätte. Auch das bestätigt die Entscheidung von damals noch.

Gemeldet hatte ich mich 2006 für die neue Strecke von Whitehorse bis Dawson (460M, 740km), die leider aufgrund des Einspruchs einiger Yukon Quest-Musher (Hundeschlitten-führer) wieder abgesagt wurde. Der Yukon Quest, eines der längsten Hundeschlittenrennen der Welt, das jährlich über eine Strecke von 1.000M ausgetragen wird, ändert jedes Jahr seine Richtung. 2006 war wieder Fairbanks (Alaska) - Whitehorse angesagt. Der Quest kam uns also entgegen. Zunächst keine Schwierigkeit, darin waren sich Robert Pollhammer und die Organisatoren des Quest schnell einig. Jedoch meldeten später einige Musher ihre Bedenken an, da sie Zusammenstöße mit uns befürchteten und Angst um ihre Hunde hatten. Vielleicht wollten sie aber auch nur vermeiden, dass wir ihren Verfolgern genau sagen konnten, wo sie gerade sind, und ob vielleicht ein Gegner gerade pausierte. Wer weiß das schon? Um die Beziehung und Zusammenarbeit mit dem Quest nicht auf die Probe zu stellen, beschloss Robert die Sache abzusagen, denn das Interesse an einer Ausweichstrecke unter den Läufern war nicht gerade groß. Und nächstes Jahr ist ja auch noch ein Jahr!

So fand ich also meinen Namen auf der Liste der 320M-Läufer wieder. Unter anderem war da noch Joachim "Fisse" Rintsch, der zwar auch gerne über die 460M gestartet wäre, aber so nun halt die 320M zum dritten Mal in Angriff nahm. Seine badische Begründung: "Mir g'fallts halt da!" Des Weiteren war auch Klaus Schweinberger wieder am Start, der im letzten Jahr die 100M erfolgreich absolvierte und damals schon schwor: " Nachsd's Joar moch i die drähundert!" - diesmal im Tiroler Dialekt. Besonders freute ich mich, dass ich auch Tobias Modl, einen Freund aus Studienzeiten zur Teilnahme bewegen konnte. Zugegebener Maßen brauchte es dazu nicht viel, denn als ich ihm noch vor meinem Abflug zum YAU 2005 davon erzählte, glänzten schon seine Augen. Als begeisterter Radlfahrer entschied er sich natürlich für die Disziplin Mountainbike. Langlauf und Skijöhring standen auch noch im Angebot, waren aber zahlenmäßig nur wenig vertreten.

So trafen wir uns alle am Morgen des 9. Februar im Frühstückssaal des High Country Inn Hotel in Whitehorse. Und zwar im T-Shirt, denn draußen hatte es lächerliche -3°C. Das Wetter war denn auch Gesprächsthema No.1 und die Vorhersage verhieß nichts Gutes: Für die Tage des Rennens sollte es in Whitehorse nicht kälter als -12°C werden. Jetzt mag der passionierte Schönwetterläufer fragen, was daran so schlimm ist: Nasse Füße und jede Menge Blasen, ferner noch ein Schlitten, der am Schnee pappt und - vermutlich das Schlimmste - verschwitzte Kleidung und ein feuchter Schlafsack.

Aber es half ja nichts, wir stellten uns auf die etwas anderen Bedingungen ein so gut es ging und trafen uns am Morgen des 11. Februar mit geschnürten Schlitten am Start. Tobi musste leider mit einem Leihrad antreten, denn sein Bike, das er in Alaska bestellt hatte war nicht mehr rechtzeitig eingetroffen: Zunächst hatte der Händler wohl schon einiges verbockt, dann machte auch noch der Zoll Schwierigkeiten und so traf das Rad mit den extrabreiten Reifen erst am Dienstag in Whitehorse ein - vier Tage zu spät. Er hatte Glück im Unglück, denn Thomas Muhler, der bereits im letzten Jahr die 320M mit dem Fahrrad absolviert hatte, hatte für seine Solotour von Braeburn bis Tuktoyaktuk (ca. 1.000M auf dem Dempster Highway) ein weiteres, straßentaugliches Rad dabei, das er ihm leihweise zur Verfügung stellte. Die normalen MTB-Reifen waren zwar für den Trail völlig ungeeignet, aber immerhin: Es war ein Fahrrad!

Hier am Start wurde erst so richtig sichtbar, was die Meldeliste schon angekündigt hatte: Der Teilnehmerrekord mit insgesamt 62 Athleten aus 13 Ländern. Die Fotografen hatten ernste Schwierigkeiten, alle aufs Display zu kriegen und auch auf den ersten Metern war es recht eng. Doch dank unterschiedlicher Geschwindigkeiten zog sich dass Feld schnell auseinander - Platz genug gab es ja. Angestachelt von der Vorstellung, dass 3.500 Laufkilometer im Jahr 2005 ausreichen müssten, um vorne dabei zu sein, gab auch ich richtig Gas. Anfangs mussten wir zwar noch einige Abschnitte mit weichem, tiefem Schnee überwinden, aber oft waren wir sogar auf dem blanken Eis unterwegs und da ließ sich richtig Druck machen. Auch von meinem neuen Schlitten war ich recht schnell überzeugt: Er folgte mir treu und unauffällig wohin ich auch ging und bremste dazu auffallend wenig. Auf den Eispassagen hatte ich sogar manchmal das Bedürfnis mich umzudrehen und zu schauen, ob er überhaupt noch da war.

Schneller als erwartet ging es vom Yukon River links weg auf den Takhini River. Das Wetter war diesmal wieder fantastisch und in der Ferne strahlten schneebedeckte Berge zu uns herüber. Irgendwann war es so weit, dass ich trotz leichten Windes meine Laufhose hochkrempelte und meine GoreTex-Jacke in der Pulka verstaute. Ich versuchte, andere auch davon zu überzeugen, sich den warmen Bedingungen anzupassen, aber vergeblich: So manchem liefen die Schweißtropfen die Stirn herunter und ich hoffte, dass diejenigen, die sich zu warm angezogen hatten im weiteren Verlauf des Rennens nicht von einem Kälteeinbruch überrascht würden.

Eher als ich gedacht hatte, verließen wir den Fluss in einer scharfen Rechtskurve, die das baldige Ende der ersten Etappe ankündigte. Während ich meine Pulka die steile Böschung hochzog erwartete ich, sofort im weichen, tiefen Schnee zu versinken, denn im letzten Jahr durften wir uns hier durch wadenhohes Pulver quälen. Doch dieses Jahr schien wirklich gar nichts mehr zu stimmen: Genauso wie auf dem Fluss, so ging es nun auf festem Untergrund an Ingrids und Rolfs Haferfeldern vorbei. Dass man die Haferstoppeln aus dem Schnee herausragen sah, fand Rolf gar nicht gut, denn dies zeigte deutlich, wie dünn die isolierende Schneeschicht war. Ein zukünftiger Kälteeinbruch bei einer so geringen Schneeschicht könnte dazu führen, dass die Wurzeln der Pflanzen den Winter nicht überleben würden.

Wie dem auch sei, um 16:25h, also nach nicht einmal 6h kam ich freudestrahlend am ersten von acht Checkpoints an, parkte meine Pulka im Biwakbereich und freute mich, als Rolf verkündete, dass die Lagerfeuersession eröffnet sei. Bald kam auch Fisse an und so machten wir es uns wie letztes Jahr am Feuer gemütlich. Leider achteten die Betreuer streng auf die Rationierung des Essens, sodass wir uns mit einer Schüssel Suppe, einem Sandwich und einem Stück Kuchen zufrieden geben mussten. Von den hier vorgesehenen 4h Pflichtaufenthalt nutzten wir dann aber doch nur zwei für die Lagerfeuerromantik, um noch zwei Stunden Schlaf anzuhängen. Die Überprüfung des Kochers und des Schlafsacks ver lief wie erwartet unproblematisch und weil der Kocher schon lief, beschloss ich gleich noch, dem Sandwich und der Suppe eine halbe Packung Peronin hinterher zu schieben. Schließlich hatte ich mir fest vorgenommen, immer ausreichend zu essen. Leere Akkus wie im letzten Jahr wollte ich unbedingt vermeiden. Im viel zu warmen Schlafsack machte ich die Augen zu und freute mich tierisch, wieder hier sein zu dürfen.

 
 

Informationen: Yukon Arctic Ultra
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