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Laufberichte

Stadt-Land-Fluss

 

In vergangenen Jahren war ich in Sachen Marathon durchaus mobiler als es derzeit der Fall ist. In welcher Hinsicht?

Einerseits ist es mir aus privaten Gründen nicht möglich, so häufig an allen Ecken und Enden des Veranstaltungskalenders aufzukreuzen, andererseits bewege ich mich immer noch etwas sperrig. Da kommt mir ein Marathon in nächster Nähe gerade recht, dazu einer, der in zwei Runden absolviert wird. Sollte sich die Bandscheibe wieder melden oder der leere Eisenspeicher mich schwächeln lassen, könnte ich nach der Streckenhälfte, ohne Aufsehen zu erregen, den Ausgang wählen.

Diese Möglichkeit hätte ich nicht, wenn die angedachte Änderung für dieses Jahr umgesetzt worden wäre. Es stand nämlich die Idee im Raum, auf einem Ein-Runden-Kurs zu laufen, welcher durch die Stadt hindurch geführt hätte. Denn in diesem Jahr feiert Winterthur. Vor 750 Jahren wurde das Stadtrecht verliehen, was nun ausgiebig gefeiert wird.

Der Aufwand für eine Streckenführung durch die Stadt wäre zu groß geworden, so bleibt man beim bewährten Konzept.

So weit, so gut. Ein Problem stellt sich mir. Was soll ich diesmal berichten? Die Strecke ist die gleiche und Winterthur wurde als Stadt weder neu erfunden noch auf den Kopf gestellt. Egal, dabei sein ist alles und ein paar Neuigkeiten und aktuelle Bilder ist doch besser als viele alte Fakten.

 

 
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Zielsicher steuere ich die alte Reithalle an. Hier kenne ich mich aus. Ich bewege mich auf „home turf“, wie der Amerikaner zu sagen pflegt. Der große Platz gegenüber – eigentlich ein Parkplatz, ist von einem Zirkus in Beschlag genommen und verleiht der Start- und Zielgasse etwas Bohémien-Flair.

Das Wetter sieht gut aus und zieht offensichtlich einige Nachmelder an. Um die 1200 Halbmarathonis und über 500 Teilnehmer für die 10km-Strecke sind es, da sind die 200 und etwas Marathonis doch eine rare Spezies.

Ich treffe Matthias seit langem wieder einmal. Er wird bei einer der gut 50 Staffeln mittun und so nach seiner Muskelverletzung wieder im Marathongeschäft Fuß fassen. Sonst bleiben die bekannten Gesichter aus. Stimmt nicht ganz. Im hinteren Teil des Startfeldes entdecke ich beim Lostraben Gerhard, den ich das letzte Mal 500 Meter unter der Erde habe laufen sehen. Nach ein paar Monaten gibt es doch wieder einiges zu erzählen. Wir können es uns leisten, denn wir haben keine zeitlichen Ambitionen und kennen die Strecke so, dass wir uns auch nachts bestens zurechtfinden würden.  Unter diesen Umständen ist die Spitzkehre kurz nach dem Start und die darauf folgende scharfe Ecke keine Schikane.

 

 
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Zuerst geht es durch eine kleine Nebenstraße mit viel Grünflächen und älteren Mehrfamilienhäusern auf der einen und –gegen die Innenstadt zu – neuen Büro-, Verwaltungs- und Hochschulbauten auf der anderen Seite. Anschließend ist die Straße leicht ansteigend. Linkerhand ist eine alte Reihenhaussiedlung mit Ausblick auf die Gleisanlagen und die Industriebauten.

Aber Winterthur wäre nicht Winterthur, wenn wir nicht kurz danach in den Wald eintauchen würden. Zwar haben wir noch Asphalt unter den Füßen, der Rest ist aber Natur pur. Vogelsang lautet bezeichnenderweise der Flurname.

Nach vier Kilometern kommt der erste Verpflegungsposten, komplett bestückt mit Iso, Wasser, Iso, Sport-Eistee, Bananen, Riegel und Gel. Selbstredend, dass alle folgenden Verpflegungsposten darin nicht zurückstehen, ich kann mir jegliches Memorisieren der Angebote der einzelnen Posten sparen. Es ist ganz einfach, es gibt jedes Mal einfach alles und bis zum Schluss in ausreichender Menge. Mit der Speisung des Volkes haben die Winterthurer Erfahrung. Für die Erklärung dafür muss ich etwas ausholen.

Einer der drei Heiligen, denen die Stadtkirche geweiht ist, ist Albanus. Der vor vielen hundert Jahren um den Sonnenwendtag herum mit dem Schwert in den Status eines Märtyrers erhobene Albanus wurde später auch Schutzpatron Winterthurs. An seinem Namenstag wurde 1264 durch Fürst Rudolf von Habsburg, einem Erbe der Kyburger, der Stadtrechtsbrief verliehen. Der Geburtstag der Freiheit für Winterthur wurde jeweils zum Anlass der Wahl der Politiker und Beamten. Nachdem die Bürgerrechte und –pflichten wahrgenommen waren, wurden die Einwohner von der Stadt zum Albanimahl, bestehend aus Brot, Käse und Wein, geladen. Bis ins Jahre 1874 wurde an diesem Brauch festgehalten, dann konnte sich die Stadt diese Ausgaben für den Wein nicht mehr leisten. Nicht, weil der plötzlich viel teurer geworden wäre oder die Leute über die Maßen soffen. Der Grund war so etwas wie die Elbphilharmonie oder der neue Berliner Flughafen. Damals war es das Debakel um die Nationalbahn, welche dafür sorgte, dass die betuchte Stadt klamm wurde.

Das Albanifest gibt es seit 1971 wieder und gilt als größtes jährliches Stadtfest Europas. Auch wenn mittlerweile der Wein zu einem für alle Ausschenkenden festgelegten Preis gekauft werden muss, ist die Tradition des Albanimahls wieder aufgenommen worden.

Es geht am Fuße des Eschenbergs weiter in östlicher Richtung und bald kommt der Asphaltbelag zu einem Ende. Die erste Ablösung der Staffelläufer steht im Ausguck. Der Übergabepunkt ist zwar nicht hier, sondern direkt an der Töss bei der gedeckten Holzbrücke. Bis dorthin gibt es für uns noch eine ordentliche Schlaufe zu laufen. Am Wendepunkt geht es dann ein paar Meter hinunter auf den Uferweg, welcher stellenweise mit rustikalen Wurzelabschnitten bestückt ist. Die „trailigste“ Stelle ist aus Sicherheitsgründen mit einem Holzsteg überbrückt.

Mit der Sonne im Rücken und dem Blick auf das ruhig dahinplätschernde Wasser der Töss ist die Sonne im Herzen garantiert und schon werden wir wieder verpflegt.  Bald schon geht es hoch auf die Straße und das kurze Begegnungsstück, auf welchem mir vor Jahren noch Horden von den 15 Minuten später gestarteten Halbmarathonis entgegenkamen. Heute sind es nur einzelne. Werden die jedes Jahr schneller…?

Auf der Tössbrücke unweit der Bahnlinie stehen zahlreiche Zuschauer, feuern an und wundern sich, dass ich mir Zeit und Muße zum Fotografieren nehme. Weiter geht es wieder flussaufwärts auf einem breiten, unbefestigten Fußweg. Etwas weniger Schatten, die Sonne im Gesicht  aber immer noch ideale äußere Bedingungen für einen zügigen Sonntagsspaziergang.

Auch auf dieser Seite der Töss gibt es einen Holzsteg, der einen Engpass verhindert. Über die Pünten habe ich vergangenes Jahr berichtet. Wer also nicht weiß, was das ist, der muss in unser Archiv steigen. Auch dieses Jahr hängt da am Anschlagbrett ein Plakat für die bevorstehende Ballettaufführung im Stadttheater Winterthur, bei welcher ich wieder im Einsatz sein werde (Auf der Bühne –aber nur als Bühnenhelfer hinter dem Vorhang).

Auf dem erwähnten Holzsteg kommt Matthias von hinten angelaufen und der Hafer sticht mich, ihm mindestens ein Stückchen auf den Fersen zu bleiben. Dass ich dafür büßen werde, braucht mir niemand zu erzählen, das weiß ich selbst. Manchmal ist Spaß halt mit Unvernunft gekoppelt.

Auf dieser Seite der gedeckten Holzbrücke sind die dritte Verpflegungsstation aufgebaut und schon etwa 12 Kilometer zurückgelegt. Von hier an führt die Forststraße mal näher mal weiter an der Töss durchs Leisental nach Sennhof, ein nächster Wechselpunkt der Staffeln, wo auch ein weiterer Verpflegungsposten aufgebaut ist. Hier ist auch der Start einer weiteren Unterdistanz, dem 5,4km-Lauf.

 

 
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Neu gestärkt nehme ich den nächsten Abschnitt in Angriff, welcher – abgesehen von einem ganz kurzen Anstieg auf dem ersten Kilometer – die einzige nennenswerte Steigung aufweist. Es dürften um die 70 Höhenmeter sein, die hier den Eschenberg hochgekraxelt werden. Und kraxeln ist dabei völlig übertrieben. Es ist für einen Landschaftsmarathon eine ziemlich sanfte Steigung. Ein kurzes Flachstück über einen Feldweg lässt Zeit zum Umstellen auf den kurzen Abstieg auf einem schmalen Waldweg hinunter nach Seen. Durch ein friedliches, grünes Wohnquartier geht es zum Mattenbach, welchem der mittlerweile wieder asphaltierte Rad und Spazierweg folgt, vorbei an Pünten und Feldern, hin zur nächsten Verpflegungsstelle.

Es sind keine zwei Kilometer bis zum Ausgangspunkt, der Reithalle, welche wirklich nur ein Steinwurf von der Altstadt entfernt ist, und auch auf diesen Metern beweist Winterthur ihren Status als Gartenstadt.  Während die Halbmarathonis zum Endspurt ansetzen, sortiere ich mich links ein, entschwinde dem Trubel im Zieleinlauf auf die zweite Runde. Eine Wasserstation sorgt nach den letzten vier Kilometern mit wenig Schatten nötigenfalls für den Flüssigkeitsausgleich.

Erwartungsgemäß sind wir Läufer jetzt ziemlich verteilt, das Feld weit auseinander gerissen. Dann und wann zieht ein Staffelläufer an mir vorbei, ansonsten ist es ziemlich ruhig und ich kann laufend meinen Gedanken nachhangen und diesen meteorologisch ersten Sommertag genießen. Angesichts der medizinischen Baustelle, die ich darstelle, mit besonderer Intensität.

Auf der steilen schmalen Gefällstrecke zwischen Km 38 und 39 muss ich mich ganz rechts halten, damit des Führungsfahrrad und der Führende des 10km-Laufs an mir vorbeipreschen können.  Bis ins Ziel kann ich eine ganze Menge dieser „Sprinter“ sehen, denn von da an stelle ich den Laufschritt ein und spaziere fast den ganzen Rest.

Die Medikamente, die ich der vergangenen Woche wieder einwerfen musste, haben meinen Verdauungstrakt ordentlich aufgewühlt und auch gestern noch war statt „carbo loading“  mehr „unloading“ angesagt. Mit ziemlich leerem Speicher musste ich mich heute mehr verpflegen als üblich, und das hat mir mein Magen übelgenommen. Damit es ihn nicht dreht, nehme ich es gemütlich. Ich bin nicht bereit, mich wegen ein paar Minuten, die niemanden je interessieren werden, im wahrsten Sinn des Wortes auszukotzen.

Mit dieser Taktik auf dem letzten Stück komme ich entspannt zum Zieleinlauf und halte ein paar Mal an, um die Atmosphäre bildlich einzufangen, bevor ich die Ziellinie überquere. In diesem Moment singt mir Miley Cyrus aus den Lautsprechern entgegen: „I came in like a wrecking ball…“

Na ja, mit der Wucht der Abrissbirne habe ich den heutigen Marathon nicht ins Ziel gebracht, allerdings auch nicht so ungelenk; ein bisschen graziler war mein Zieleinlauf sicher, sonst könnte ich nicht ohne zu hinken und zu eiern gemütlich zum Auto zurückspazieren und zuhause – nach einer heißen Dusche – mit den Hunden zu einem entspannten Nachmittagsspaziergang aufbrechen.

 

 

Informationen: Winterthur Marathon
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