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Laufberichte

Am Wintergartenstadtrand

 

Ich habe jetzt schon dreimal mehr um die Ohren als mir lieb ist und im Kalender  herrscht nächste Woche der Ausnahmezustand. Ich glaube, ich brauche einen Rettungsschirm. Es muss kein globaler sein, nicht einmal ein europäischer; ein lokaler tut es. Ich brauche ihn nicht über mir, sondern unter meinen Füßen und es gibt ihn in Form einer  verpflichtende Anmeldung zu einem Marathon, hinter welcher ich Schutz finde vor all den vielen Gründen, die mich sonst vom Laufen abhalten. Den Hunden und einer gewissen Grundkondition sei Dank, kann ich auf diese Weise an einem Tag wenigstens ein mageres Wochen-Minimalprogramm unterbringen.

Ich habe Glück, dass ich keine halbe Stunde fahren muss um beim Winterthur Marathon anzutreten. Das Mehrzweckzentrum Teuchelweiher ist vom Bahnhof gut zu Fuß oder mit dem Bus zu erreichen und dient heute mit seinen zwei großen alten Reithallen als Laufzentrum, wo fast alles an einem Ort zu finden ist. Fast alles deswegen, weil den Herren 250m Fußmarsch zur Umkleide in der Wirtschaftsschule zugemutet werden.  Wer mit dem Auto anreist, wird zu den ausgeschilderten Parkplätzen eingewiesen.

 
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Die Startnummer und ein Funktionshemd dazu erhalte ich blitzartig. Gegen eine Zuzahlung bei der Anmeldung gibt es einen Vermerk auf der Startnummer, dass man im Ziel eine Medaille umgehängt bekommt. Länger gedulden müssen sich die Nachmelder, und von denen gibt es heute viele. Waren es in den vergangenen Jahren jeweils um die 400, so sind es heute um die 650. Da reicht auch die großzügige Reserve an Startnummern und Zeitmesschips nicht, was dazu führt, dass eine Hundertschaft mit handgeschriebenen Startnummern unterwegs und mit handgestoppter Zeit in den Ranglisten aufgeführt sein wird.

Ich kann mir vorstellen, dass der Ansturm darauf zurückzuführen ist, dass die Wetterauguren der verschiedensten Portale für das Zeitfenster der Veranstaltung eine nur minimste Niederschlagswahrscheinlichkeit angekündigt haben und die Temperatur im idealen Bereich zwischen Hitzeschlaggefahr und Erfrierungsrisiko zu liegen kommt. Halt so, wie man es im März erwarten kann – oder wie heißt der Monat mit M und drei Buchstaben schon wieder?

Ich gönne mir noch eine Tasse warmen Kaffee , mache Gebrauch vom Service der Pumpspender-Bar mit Wärmegel und ziehe über meine zwei Kleiderschichten sicherheitshalben doch noch eine Jacke, dann geht es schon los.  Stadtrat Stefan Fritschi – er wird später als Schlussläufer einer Marathon-Staffel zum Einsatz kommen -gibt mit Stöpseln in den Ohren den Startschuss; der orange Reporter  -mit einem Knalltrauma für die nächste Minute – ist beim Geschehen und hält das für die Leserschaft mit der Kamera fest.

Kaum losgelaufen, ist das Sausen in den Ohren verschwunden, und mit ihm alle anderen Traumata der vergangenen Woche. Trotz dem kalten Wind ist der Winter in diesem Moment in Winterthur für mich kein Thema mehr, denn die Stadt ist grün. Der Grundstein dazu wurde schon vor 150 Jahren gelegt, als der Industrielle Heinrich Rieter seine Angestellten nicht in Mietskasernen einpferchte, sondern ihnen auf dem Fabrikgelände in Niedertöss freistehende Doppelhäuser mit Pflanzgärten baute. Die später in England als Gegenentwurf zu den bestehenden Städtemustern mit all Ihren negativen Begleiterscheinungen entstandene Gartenstadtbewegung beeinflusste weitherum die Stadtplanung. Auch in der Schweiz wurde die Gartenstadt das Leitbild des modernen Städtebaus und konnte in Winterthur mit einer wegweisenden Bauordnung (1909)  die guten Anfänge weiterführen.

 
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Bereits der erste Kilometer –nur einen Steinwurf von der Altstadt entfernt – ist links und rechts begrünt. Zwischen uns und dem Zentrum liegt das Technikum, eine Schule für technisches Kader, welche 1873 gegründet wurde, um den Mangel an fähigen Berufsleuten zu beheben. Als 1901 der berühmteste Dozent der heutigen Fachhochschule, Albert Einstein, unterrichtete, waren die Hauptprobleme der Anfangszeit schon längst überstanden. Die waren disziplinarischer Natur, nicht zuletzt deshalb, weil Winterthur in jenen Jahren noch keine Polizeistunde kannte und laut zechende Technikumschüler für Ärger und Unmut sorgten… Heute ist es ruhig.

Einen Eindruck von Winterthurs industrieller Vergangenheit gibt es auf der leicht ansteigenden Straße. Die Aussicht der alten Reihenhäuser geht über einen breiten Strang von Gleisanlagen hinüber zu Fabrikhallen. Gerüste, Baukräne und dazwischen Elemente neuer Architektur verdeutlichen die Transformation in deren neue  Bestimmung. Im nicht weit entfernten Hintergrund wird das Bild von Grün gerahmt. Winterthur, ist auch in diesem winterlichen Frühsommer klar eine Gartenstadt.

Einen Kilometer weiter verschwinden wir bereits im Wald. Auf der noch asphaltierten Zufahrtsstraße zu den Fußballplätzen begleiten uns die Holländer des Kantons Zürich. Was die Affinität der Winterthurer zum Fahrrad betrifft, kann man sie tatsächlich mit den Niederländern vergleichen. Mit den zahlreichen Fahrradwegen und –spuren und den guten Bahn- und Busverbindungen wird da einem das Leben ohne Auto leicht gemacht.

Leicht gemacht wird es auch verpflegungstechnisch. Alle vier Kilometer steht einer der mit Wasser, Iso, Tee, Bananen, Gel und Riegel bestückten Posten.  Nicht lange nach der ersten Verpflegung erfolgt der Wechsel auf Naturbelag. Das Feld hat sich in die Länge gezogen, ist schön verteilt und bereit, die eine Viertelstunde später gestarteten Staffelläufer aufzunehmen. 

Mittlerweile bin ich an der scharfen Biegung angekommen, welche einerseits an die Töss, andererseits wieder flussabwärts führt. Auf diesem teilweise mit Matsch durchsetzten Stück preschen dann auch die ersten Staffelläufer vorbei. Im Gegensatz zu ihnen hatte ich bisher beim Lauf Zeit, alte Bekannte nicht nur zu treffen, sondern mich mit ihnen auch zu unterhalten, und neue Bekanntschaften zu schließen. Ein gemütliches Zusammensein eben, wie im Wintergarten.

Für Anfeuerung im sonst ruhigen Wald am Ufer der Töss sorgen die Läufer der Staffeln in der ersten Wechselzone. Bevor wir die Brücke über die Töss queren und wieder in die entgegengesetzte Richtung laufen, bekommen wir auf der kurzen Begegnungsstrecke noch den hinteren Teil des Halbmarathonfeldes zu sehen. 

Nun fließt die Töss gemächlich links des Weges, während recht, jenseits der Pünten, die Schnellzüge und S-Bahnen vorbeirauschen. Jenseits der was? Pünten haben in Winterthur nichts mit der Schifffahrt zu tun. In der Stadt Winterthur gibt es an die 3‘000 Pünten und es gibt sie nur in Winterthur. Anderswo nennt man diese kleinen Gemüsegärten Schrebergärten und sind Auswirkungen der Lebensreformbewegung um die Jahrhundertwende. Die Pünten hingegen haben eine viel längere Tradition. Bereits im 15. Jahrhundert gab es in Winterthur rund um die Altstadt so genannte Bürgergärten, welche die Leute mit Gemüse versorgten, wenn die Lebensmittel knapp wurden. Viele dieser Gärten mussten allmählich der industriellen Entwicklung weichen. Als Ersatz richtete die Stadt weiter außerhalb der Stadt Pünten ein, die der Bevölkerung gegen einen geringen Zins verpachtet wurden. Im Zweiten Weltkrieg kam den Pünten grosse Bedeutung zu, sie waren ein wichtiger Teil der Anbauschlacht. Danach verloren sie nach und nach ihre ursprüngliche Funktion. Heute dienen sie weitgehend als Freizeiteinrichtung.

Im Aushang dieser Püntenanlage hängt Werbung für den Marathon und nebendran für die Ballettaufführung  „Die Schöne und das Biest“  im Stadttheater Winterthur. Das eine mache ich heute und das andere – mache ich nicht selber, aber bin als Bühnenhelfer dabei. Hier hat der Ballettlehrer unserer Jüngsten, Ballettmeister Dimitri Cheremeteff, auch eine Pünte, passender wäre vielleicht in diesem Fall die Bezeichnung Datscha, und ich kann ihn im Vorbeilaufen grüßen.

Ein Viertel der Strecke ist schon vorbei und ich bin bisher mit drei Marathon-Neulingen ins Gespräch gekommen. Mit Salome laufe ich mehr oder weniger auf gleicher Höhe. Wenn ich stehen bleibe und fotografiere, zieht sie davon, dann überhole ich sie wieder bis zum nächsten Stopp.

 
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Weite Flächen im Wald leuchten weiß, doch – oh, Wunder – es ist weder Schnee noch Hagel, es sind Bärlauchblüten. Wie wenn ihm ein Bär auf den Fersen wäre, flitzt nun auch der Führende des Halbmarathons vorbei. Er wird einen neuen Streckenrekord aufstellen; die äußeren Bedingungen sind also wirklich gut.

Abgesehen von den dem Läuferischen Verbundenen sind nicht viele Leute an diesem Sonntag in der grünen Lunge am Stadtrand anzutreffen. Erst nach etwas mehr als 15 Kilometern taucht wieder ein Außenposten der Zivilisation auf: Sennhof. Dieses ehemals eigenständige, durch den Bau der Spinnerei Bühler an der Töss erst entstandene Dorf ist Ort für Staffelwechsel, Zeitnahme und Verpflegung. Die mittlerweile eingemeindete Ortschaft ist in den vergangenen Jahren als zentrums- und doch naturnahe Wohnlage gewachsen. In einem der großen Wintergärten eines neuen Doppelhauses sitzt eine Familie mit der Läuferschar als Kulisse beim sonntäglichen Brunch.

Es gibt hier nur einen kurzen Abschnitt mit Hartbelag, dann geht es natürlich weiter. Es folgt die zweite wirklich spürbare Steigung, doch die Flanke des Eschenbergs wird nur gekitzelt. Statt weiter hinauf zu Gasthaus und Sternwarte geht es rechts aus dem Wald hinaus, wo sich ein wunderbarer Blick ins Grüne auftut, zwischen dem der Ortsteil Seen eingebettet ist.

Ein kurzes Wegstück mit Singletrail-Anmutung, das auch für Adipöse breit genug ist, führt an den Rand von Seen hinunter, wo da und dort Anwohner und Angehörige an der Strecke für Unterstützung besorgt sind. Anschließend geht es auf einem Spazier- und Fußgängerweg während mehr als einem Kilometer weiteren Pünten entlang.  Plötzlich höre ich meinen Namen rufen, was an und für sich nicht außergewöhnlich ist, wenn er auf der Startnummer aufgedruckt ist. Doch die Stimmen kenne ich und freue mich, ausnahmsweise nicht nur im Teilnehmerfeld Bekannte zu treffen.

 
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Kaum gibt es wieder beidseits der Strecke Gebäude, sind wir schon wieder beim Ausgangspunkt. Rechts setzen die Halbmarathonis zum Schlussspurt an, links geht es ab auf die zweite Runde. Leider nicht bei Start und Ziel vorbei, sondern auf der anderen Seite der Reithalle auf der Parallelstraße. Auch wenn jetzt keiner der 1500 Halbmarathonis mehr überholen wird, wird es auf der zweiten Runde alles andere als langweilig. Salome und ich unterhalten uns und dann findet während einer Viertelstunde sogar noch der Sommer statt. Lang ersehnt und doch nicht mehr richtig erwartet, zeigt sich die Sonne in ihrer ganzen Pracht. Und ich bin in dem Moment dabei. Draußen, live, bei dem, was ich dort so gerne mache: laufen.

Dann und wann stößt von hinten ein Staffelmitglied oder ein Negativ-Split-Fetischist vor, zwischendurch schieben wir uns an anderen Marathonis vorbei. Einerseits locker und entspannt, andererseits spüre ich das fehlende Training und Salome die Realität des letzten Viertels. Doch sie hat gut eingeteilt und im Gegensatz zu mir kein Problem damit, dass es beim zweitletzten Verpflegungsposten in Sennhof kein Gel und keine Riegel mehr gibt. Wenn ich wenigsten von den überschüssigen Reserven im Mittelbau zehren könnte…

Bei den Pünten spüre ich, dass Salome auf den letzten zwei Kilometern noch Energie zur Steigerung besitzt und schicke sie vor, zumal Fabienne und Markus immer noch an der Strecke ausharren und ich mich mit ihnen noch ein wenig unterhalten will. Ich habe danach zwar Anlaufschwierigkeiten, doch die kümmern mich nicht wirklich, denn die Läufer der Kurzdistanzen, besonders die Kinder und Jugendlichen, beim Überholen zu beobachten,  ist auch immer spannend.

Im Zielbereich treffe ich auf eine entspannt und locker wirkende Marathon-Debütantin. Es scheint ihr Spaß gemacht zu haben! Und wenn ich einen Beitrag dazu geleistet habe, sie mit dem Marathonvirus zu infizieren, dann fühle ich mich nicht schuldig. Ich kann auch nichts dafür, dass Winterthur die besten Voraussetzungen hat, am Rand der Gartenstadt einen so ansprechenden Marathon stattfinden zu lassen, und dass es genügend Freiwillige für die Umsetzung gibt. Mir gefällt es seit dem ersten Mal und jedes Jahr besser.

Marathonsieger

Männer

1. Feremutsch Christoph, Kölliken            2:36.52,2
2. Hugenschmidt Stephan, DE-Radolfzell       2:39.41,9
3. Gröbli Adrian, Oetwil an der Limmat       2:44.42,9

Frauen

1. Müller Astrid, Grafstal                   2:55.36,9
2. Meister Dominique, Sempach Stadt          3:15.26,9
3. Zuercher Renate, Unterägeri               3:18.10,4

245 Finisher

 

Informationen: Winterthur Marathon
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