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Laufberichte

Wer meckern will, muss woanders laufen

 

Wenn in der S-Bahn die Sitzplätze nicht mehr ausreichen, aber kaum einer der Fahrgäste ein Ticket gekauft hat, dann findet an diesem Tag nicht das Treffen der Vereinigung der Schwarzfahrer statt, sondern der VVO Oberelbe-Marathon. VVO heißt Verkehrsverbund Oberelbe, das Unternehmen ist der Titelsponsor und zeigt sich mehr als großzügig: Freifahrt für alle – für alle die laufen… Im gesamten Verbundnetz und für den ganzen Tag!

So nutze ich natürlich gemeinsam mit meinem Lauffreund Uwe die S-Bahn. Beim Überqueren der Elbe genießen wir den Blick auf die Dresdner Altstadt. Die Altstadt werden wir auch beim Lauf sehen, aber aus eigener Erfahrung weiß ich, bei Kilometer 41 fällt das Genießen doch etwas schwer. 

Nach der Elbe-Passage heißt es: Augen rechts! Denn sonst verpasst man den Blick auf das Heinz-Steyer-Stadion. In der nach dem von den Nationalsozialisten 1944 hingerichteten kommunistischen Fußballspieler benannten Sportstätte herrscht schon reges Treiben. Nur wegen uns! In einigen Stunden werden wir hier über den Zielstrich sprinten. Mehr oder weniger…

Die Eisenbahnstrecke Dresden-Prag führt entlang der Marathonstrecke. Bis Pirna bekommt man die Laufstrecke zwar nicht zu Gesicht, ab Pirna läuft sie aber unmittelbar neben den Gleisen. Einige Kilometerschilder lächeln uns schon an. Der Zug braucht von Dresden bis Königstein 50 Minuten. Ohne jetzt Angaben über meinen Trainingszustand preisgeben zu wollen: Für den Rückweg werde ich doch etwas länger brauchen…

 
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Der Bahnhof in Königstein ist kaum in der Lage, die aus dem Zug drängenden Menschenmassen aufzunehmen. Im Bahnsteigtunnel kommt die Karawane ganz zum Stehen. Wenn ich bösartig wäre, würde ich vermuten, dass die Ersten vom Blick aus dem Tunnel so überwältigt sind, dass sie erst einmal fotografieren…

Rennsteigläufer wissen: Das schönste Ziel der Welt - ist in Schmiedefeld. Und der schönste Start? Der ist in Königstein! Das reimt sich zwar nicht, ist aber dennoch wahr.

Der Startplatz befindet sich unterhalb des Bahnhofs auf einer Wiese, an der langsam die Elbe vorbeiplätschert. Ja, es gibt größere Flüsse, das gebe ich zu! Auf der anderen Flussseite der Lilienstein, ein Tafelberg, einer der markantesten Berge der Sächsischen Schweiz, so etwas wie das Wahrzeichen des Nationalparks Sächsische Schweiz. Stimmt, es gibt auch höhere Berge! Aber es gibt auch noch die Festung Königstein. Flussabwärts gelegen erweckt die größte Bergfestung Europas den Eindruck, als würden wir nach dem Start direkt darauf zulaufen. Ja, es gibt auch gewaltigere Festungen! Aber diese landschaftliche Einheit von Elbe, Lilienstein und Festung Königstein ist einmalig. Da hat sich der liebe Gott bei der Landschaftsgestaltung selbst übertroffen.

Der Start für die 915 Marathonläufer und 178 Marathonläuferinnen erfolgt um 9.25 Uhr. Wer kommt auf so eine krumme Startzeit? Die Deutsche Bahn! Aber die Startzeit ist alles andere als blöd. Die Bahn hat extra für uns Läufer ein Zeitfenster gelassen und die Strecke gesperrt, damit wir nicht vor der geschlossenen Schranke stehen müssen. Da muss man die Deutsche Bahn auch mal loben. Was die Bahn sehr überraschen wird, denn so oft kommt das nicht vor.

 
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Bevor  wir starten, heißt es Leinen los für einen Schaufelraddampfer der Weißen Flotte. Beim Oberelbe-Marathon müssen die Angehörigen der Läufer nicht an der Straße stehen und warten, bis der Vati oder die Gattin endlich mal vorbeigehuscht kommen. Hier können sie an Bord des Dampfers das Läuferfeld von Königstein bis Dresden begleiten. Meine Frau ist nicht an Bord, die hätte mich vom Schiff aus ohnehin nicht gesehen. Ich muss neidlos anerkennen: Obwohl der Dampfer noch älter ist als ich, ist er weitaus schneller.

Beim Start habe ich mich in eine der ersten Reihen gestellt. Einige der um mich stehenden werfen mir bewundernde Blicke zu. Die denken, wie geil ist denn das, der Alte will gewinnen. Das sind die, die mich nicht kennen. Die mich kennen schauen eher entgeistert, so nach dem Motto: Hat der noch alle? Ich will nicht gewinnen, ich will nur fotografieren…

Wie schon erwähnt, laufen wir auf die Festung Königstein zu - hoch müssen wir zum Glück nicht. Aber ich habe mal eine Frage. Wer von euch kennt Sebastian Abratzky? Der Schornsteinfeger hat das geschafft, woran ganze Armeen gescheitert sind. 1848 ist er ohne Hilfsmittel durch eine Felsspalte in die als uneinnehmbar geltende Festung geklettert. Abratzky stammte übrigens aus einem Ortsteil meines Heimatdorfes Wermsdorf… Ja, so sind wir Wermsdorfer, richtige kleine Helden! Dass Abratzky nur hochgeklettert ist, um das Eintrittsgeld zu sparen erwähne ich mal lieber nicht.

Was sich heute Marathonstrecke nennt, ist für den Rest des Jahres der Elbe-Radweg. Da musste man nicht viel ausschildern, die Strecke ist fast durchweg asphaltiert, keine Berge und was auch erwähnenswert ist: Wir haben heute bestes Laufwetter, sonnig, um die 20 Grad! Wer meckern will, muss woanders laufen.

Am Anfang gibt es einige Hügel, die als Berge zu bezeichnen wäre Hochstapelei. Eigentlich gar nicht der Rede Wert, da kann man durchlaufen. Muss man natürlich nicht. Und tatsächlich, ein Läufer vor mir wird an einem der Hügel zum „Geher“. Wenn ich die Aufschrift auf seinem T-Shirt richtig deute, kommt er aus Mecklenburg. Na gut, für Mecklenburger sind das hier schon Berge.

Keine fünf Kilometer bin ich unterwegs, da liege ich auch schon auf dem Asphalt. Das wollte ich nicht, aber irgendwie bin ich an den Asphaltrand geraten und mit dem Fuß umgeknickt. Andere Läufer wollen mir helfen, aber ich lebe noch, wenn auch ab sofort mit blutendem Knie. Weiter geht’s.

Die ersten Kilometer durch das Elbtal der Sächsischen Schweiz sind etwas für die Seele. Hier verbringen Leute ihren Jahresurlaub! Wir müssten uns eigentlich schämen, so durch diese wunderschöne Landschaft zu hetzen. Höhepunkt ist ohne Frage der Abschnitt vor Kurort Rathen, der Blick auf den Basteifelsen. Eigentlich ist das gar nichts für Läufer - das ist eher was für Maler und Fotografen.

Ich komme mit einer Läuferin ins Gespräch. Auch sie ist begeistert von der Landschaft. Was ich dabei noch zu bedenken geben muss: Sie ist Österreicherin - also mit schönsten Landschaften aufgewachsen. Da braucht man sich nicht zu wundern, das der Oberelbe-Marathon bei den Umfragen von Marathon4you bei den Landschaftsläufen  immer ganz vorne dabei ist.

Bei Kilometer 15 verabschieden sich die Felsen der Sächsischen Schweiz von der Läuferschar. Die Elbe bleibt uns treu. Aber wir müssen die Gefühle wechseln. Denn nun geht es in die Stadt, nach Pirna. Das Kopfsteinpflaster im historischen Zentrum mag nicht jeden Marathonläufer begeistern, macht aber nichts, denn was in Erinnerung bleibt ist die Stimmung auf dem Marktplatz. Pirna – das ist die Stimmungshochburg beim Oberelbe-Marathon. Und übrigens auch der Startort für den Halbmarathon. 

Kurz nach Pirna ist die Hälfte der Strecke geschafft. Die nächsten Kilometer sind durch Elbauen geprägt. Eine liebliche Landschaft ohne Höhepunkte. Aber es kann nun mal nicht überall Sächsische Schweiz sein.

 
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Auf Höhe des Schildes, das mir sagt, dass es noch 14 Kilometer bis zum Ziel sind, beobachte ich zwei Läufer. Die laufen und laufen… Ja, was sollen sie auch sonst machen? Na ganz einfach, mal nach rechts schauen. Machen sie nicht und dadurch haben sie nichts Geringeres verpasst als Schloss Pillnitz. Es ist aber auch gemein, eine Sehenswürdigkeit wie dieses Lustschloss hinter einer baumbewachsenen Flussinsel zu verstecken. 

Wir laufen jetzt durch den Teil des Elbtals, der 2004 in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen wurde. Können das Villenviertel Kleinzschachwitz, den malerische Dresdner Stadtteil Laubegast und weitflächige Elbwiesen genießen. Mehr Abwechslung geht nicht, mehr Sehenswürdigkeiten schon, schließlich sind wir in Dresden. 

Schon von weiten sehen wir die Loschwitzer Brücke. Diese 280 Meter lange, blau angestrichene Eisenbrücke aus dem Jahre 1893 ist in ihrer Art einzigartig. Ein wahres Wunder - das „Blaue Wunder“. Unter diesem Namen ist sie eigentlich bekannter als unter Loschwitzer Brücke. 

Weiter geht es durch die in sattem Grün stehenden Elbwiesen. Auf der anderen Seite des Flusses tauchen die drei Albrechtsschlösser auf. Wenn an dieser Marathonstrecke etwas eintönig ist, dann ist es die Tatsache, dass sie aus 42 Kilometern Postkartenmotiven besteht.

Noch ein „Blaues Wunder“! Das erlebten die Dresdner, als sie die Brücke bauten, der wir uns jetzt nähern, derWaldschlösschenbrücke. Da war er wieder weg, der UNESCO-Welterbetitel. Man hätte in diesem Jahr den zehnten Jahrestag der Verleihung des Titels feiern können… 

 
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Ich habe noch vier Kilometer vor mir, als in der Ferne die Silhouette der Dresdener Altstadt auftaucht, überragt von der Frauenkirche. Und etwa zwei Kilometer weiter, am Terrassenufer habe ich dann die geballte Schönheit des historische Stadtzentums unmittelbar neben mir: Frauenkirche, Hofkirche, Semperoper…

Aber wie ich schon am Morgen in der S-Bahn vermutet habe, das alles so richtig zu genießen, das fällt aus. Es reicht langsam, ich will nun endlich ins Ziel. Und so bin ich überglücklich, als ich in das Heinz-Steyer-Stadion einlaufe. Mein Lauffreund Uwe wartet schon. Wie er mir erzählt, seit fast einer Stunde. Da ist er selbst schuld, was rennt er auch  so schnell….   


Marathonsieger

Männer

1    Starodubtser, Viktor                               Ukraine                                   2:25:58      
2     Hoyer, Vincent                                      Lauftraining.com                    2:36:36
3     Diehl, Marco                                          DVAG-Marathon-Team         2:38:12
    

Frauen
 
1     Hempel, Kristin                                      USV Erfurt                            3:02:16
2     Heinze, Juliane                                       AC Apolda                            3:06:48
3     Hübner, Sylke                                        Wernigerode                           3:13:46 

 

Informationen: VVO Oberelbe-Marathon
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