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Laufberichte

Das eine Extrem

15.12.13

Wien ist Österreichs kleinstes Bundesland. Gleichzeitig ist Wien Österreichs größte Stadt. Und ich bin schon wieder da zum Marathonlaufen, diesmal unter Laborbedingungen.

Fand hier am Messegelände die Marathonmesse des diesjährigen Vienna-City-Marathons statt, geht diesmal gleich der ganze Marathon über die Bühne. Kein Wind, kein Regen oder Schnee, keine Höhenmeter. Nur wohltemperierte Hallen und ein langer, von Licht durchfluteter Verbindungsgang, den man pro Runde hin und her läuft. Alle 2,11km kommt man an der einzigen Labestelle vorbei. Es gibt Bananen, Wasser und Iso zu trinken.

Es ist mein 6. Start bei einem Marathon in Wien, am Marathonweg im 2. Bezirk war ich noch nie. Das erledige ich heute vor dem Start, ist ja ganz in der Nähe. Strahlender Sonnenschein und blitzblauer Himmel in Wien, ein paar Grad über Null, der Wind macht es kälter als es ist. Aber ich laufe ja drinnen.

 
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Als ich zum Wiener Messegelände komme, ist der Halbmarathon gerade im Gange, der Viertelmarathon war schon, 215 sind da in die Wertung gekommen. 300 LäuferInnen sind nun unterwegs. Hetzend und hechelnd oder in aller Ruhe, die meisten solo, einige paarweise. Meine Startnummer und einen Starterbeutel mit ein paar Goodies bekomme ich mit einem Lächeln.

Ich treffe erste Bekannte: Gerno macht Werbung für den Bilstein-Marathon am 6. April. Wir haben uns im Vorjahr hier kennengelernt. Marc, ein Bekannter vom Marrakesch-Marathon, ist wie angekündigt hier. Von den österreichischen Marathonsammlern ist fast alles da, was Rang und Namen hat. Gerhard Wally fehlt leider verletzungsbedingt.

Dem Dr. Anton Reiter kann ich schon vor dem Start zu seinen mindestens 52 Marathons in diesem Jahr gratulieren. Was für eine Leistung! Und was für ein Aufwand, sei es zeitlich, organisatorisch und nicht zuletzt finanziell! Mit Dorfi habe ich auch gerechnet. Der hat heuer an die 600 Paar gebrauchte Laufschuhe nach Nairobi geschickt, unter Mithilfe der Deutschen Bundeswehr und M4Y-Autor Wolfgang Bernath, wie ich vermute. Mehr über dieses Projekt unter  www.hope4runners.com

 
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Als schließlich nur mehr wenige Halbmarathonis unterwegs sind, wird kurz nach 12 Uhr der Marathon gestartet. Marathonis aus 12 Nationen sind dabei. Gleichzeitig starten ein paar Vierer-Staffeln, außerdem noch 17 Leute auf der ungewöhnlichen ¾-Marathon-Distanz, sodass sich 220 LäuferInnen auf den Weg machen.  Die nun offiziell AIMS-vermessene Strecke weist als Eigenheit auf: Start und Ziel auf 175m, ebenso der höchste und tiefste Streckenpunkt: 175m. Da sollte eine gute Zeit im Bereich des Möglichen liegen. Null Höhenmeter also, das eine Extrem. Das andere Extrem heuer war für mich der Stanzer Trailrun mit 1.900 Höhenmetern. Ich treffe Walter, der vorhin beim Halbmarathon das schicke Shirt aus Stanz getragen hat, und, wenn ich mich nicht irre, beim Ultra-Berg-Trailrun im September aufs Stockerl gelaufen ist. Robert ist mit Familie da und glücklich, seine HM-Zeit abermals verbessert zu haben.

In der Startaufstellung bin ich weit hinten, ich will zu Beginn niemandem im Weg stehen. Das lässt sich auf Dauer sowieso nicht verhindern, denn es wird nicht lange dauern, und die Überrundungen beginnen. Da heuer die Strecke auf 20 Runden ausgelegt ist, nicht auf 16 wie im Vorjahr, sind die Kurvenradien nicht mehr so eng. Die Kurven lassen sich daher viel besser laufen. Ich  habe die letzten Tage wenig trainiert, mich eher geschont nach meiner Grippe. Überraschend gut komme ich vom Start weg. Bis zum Halbmarathon will ich etwa 12min pro Runde brauchen, dann habe ich den in 2 Stunden absolviert.

200m nach dem Start der einzige Versorgungsposten, er ist mit blauem Teppich ausgelegt, um verschüttete Flüssigkeiten aufzusaugen. In 4er-Reihen stehen Wasserbecher, dann liegen die Bananenstücke, dann die Iso-Becher. Ich habe zwar einen trockenen Mund, aber die ersten 12min muss es ohne Getränkezufuhr gehen. Zu dicht laufen wir so kurz nach dem Start.

Die Strecke ist nur in unmittelbarer Startnähe für Zuseher einsehbar, ansonsten säumen vereinzelte Streckenposten und Sanitäter die Strecke. Die Möglichkeiten zum Anfeuern beschränken sich auf wenige Meter. Dicht gesät sind die Begegnungsstrecken, bald hat man einen Überblick, wer alles am Start war. Nach der ersten Halle geht es raus in den Verbindungsgang, und bald in rechtem Winkel in die zweite Halle rein. Auch hier weite Kurvenradien und Musik aus der Konserve. In den Hallen ist es etwas kühler als am Gang. Mit dem Grip bin ich zufrieden, vielleicht liegt es an den ziemlich neuen Schuhen? Nach der zweiten Halle wieder raus auf den Gang und ganz zurück, hier beiderseits Glaswände. Fotografen sind unterwegs, Fotokameras sind installiert und knipsen jeden jedes Mal. Da müssen Unmengen an Bildern zusammen gekommen sein.

Dann die 180°-Wende am Ende des Ganges, lange Gerade zurück bis zum Foyer A – hier lauern die Zuseher – und rein in Halle A wo wir gestartet sind. Auf einem Bildschirm werden die zuletzt Durchgelaufen angezeigt, die Zeit und in welcher Runde man sich gerade befindet. An der mitlaufenden Uhr mit rot leuchtenden Zahlen kann ich erkennen, dass ich für die erste „Runde“ nur 11min gebraucht habe. Ich bin es wieder einmal zu schnell angegangen! Jetzt gibt es Wasser. Unmittelbar nach der Labestelle sind an der Streckenbegrenzung eine Reihe großer Müllbehälter montiert. Sollte einmal einer mit seinem Becher nicht rein treffen sind zwei Burschen zur Stelle, die die Strecke sofort säubern. Sie machen das sehr schell und gut. Noch sind einige Halbmarathonis unterwegs.

 
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Kaum langsamer geht es weiter für mich. Dennoch kurz nach Beginn meiner dritten Runde werde ich zum ersten Mal überrundet und das ständige Überrunden wird erst gegen Ende aufhören, wenn die schnellen Läufer im Ziel sind. Ich laufe heute zum ersten Mal mit CEP-Kompressions-Socken auf der Marathondistanz. Wenn man es einmal geschafft hat, sie anzuziehen, spürt man sie gar nicht mehr. Nach etwa 57min habe ich 5 Umläufe absolviert, und somit die Viertelmarathondistanz hinter mir. Im Gang wird großzügig gelüftet und mir wird richtig kalt, schließlich war von 15 Grad die Rede, ich laufe kurz/kurz und bin verschwitzt. Bald werden aber die meisten Fenster wieder geschlossen. Die Luft war vorher schon ausgezeichnet, die Hallen haben ein enormes Luftvolumen. Es gibt keinen Kantinenbetrieb, somit keinen Kochdunst, rauchen ist sowieso verboten.

Mein Tempo lässt etwas nach, Runden 9 und 10 nun über 12min. Die 21,1km habe ich unter zwei Stunden absolviert. Noch kann ich mein Schwächeln kaschieren. Für das gleiche Tempo muss ich mich nun quälen. Nach km25 ein richtiger Einbruch, so schlecht habe ich mich schon ewig lange nicht mehr gefühlt bei einem Marathon. Ich lege zahlreiche Gehpausen ein, mittlerweile habe ich jegliche Ambitionen auf eine für mich akzeptable Zeit sausen lassen. Mir fällt auf, dass es einigen anderen auch gar nicht gut geht, sodass ich im Klassement trotzdem nicht verliere.

Nach ¾ der Distanz muss ich mich von meiner Kalkulation verabschieden: 5 Runden dauern 1 Stunde, nämlich jeweils 12min. Ein Mitläufer muntert mich auch: „Sei froh, nur mehr 5 Runden, besser als noch 6!“ Wo er recht hat, hat er recht. Ab jetzt summiere ich die Runden nicht mehr,  sondern zähle rückwärts.  

Meine Rettung naht, als ein Läufer vor mir an der Labe nach Coca Cola fragt und auch welches bekommt. Ich lasse mir auch einen Becher auffüllen.

Ich muss gestehen, im Alltag meide ich das Zeug wie Abwaschwasser. Aber gegen Ende eines Marathons zähle ich drauf. Ähnlich hat mir Ende Oktober in Laibach Red Bull Beine gemacht für einen relativ schnellen Schlussteil, das trinke ich ansonsten auch nicht. Mittlerweile bin ich selber zum Überrunder geworden, ich laufe wieder, brauche kaum mehr Gehpausen. Die Teilnehmer sind weniger geworden, viele sind schon im Ziel, ein paar ausgeschieden. Der Sprecher kann nun auf die Läufer eingehen und via Lautsprecher mitteilen, wie viele Runden der jeweilige noch zu absolvieren hat.

 
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Nach 3 Stunden und 46min habe ich noch zwei Runden vor mir. Wenn ich mich nun zusammen reiße, könnte es sich noch unter 4h15 ausgehen. Ich tue das. Als ich meine letzte Runde beginne, ist es knapp 16 Uhr und die Siegerehrungen haben begonnen. Mit meiner vorletzten Runde war ich zufrieden. Ich brauche noch so eine, egal, ob das morgen ein veritabler Muskelkater wird oder nicht. Dann könnte das meine beste Marathonzeit anno 2013 werden. Die stammt noch vom Mai in Regensburg und ist etwas über 4h 12min , das wäre dann wieder einmal ein Schnitt von unter 6min/km.

Ich beeile mich. Das wäre doch was, zu Saisonende beim 20. Marathons in 11 Monaten noch einmal eine vernünftige Zeit ins Ziel bringen. Ich laufe zum letzten Mal den Gang runter, dort die Wende, die lange Gerade zurück. Die wenigen Zuseher im Foyer A sind noch weniger geworden, es geht rein in die Halle A, noch kann ich die mitlaufende Zeit nicht sehen. Erst wenige Meter vor der Zeitmatte sehe ich hin und die Uhr springt gerade auf  4h 12min 00sec. Noch ein paar Schritte, mit der halben Minute Differenz zwischen Startsignal und meinem Überqueren der Zeitmatte komme ich netto auf  4h 11min 44sec und habe eine Mords Freude damit.

Ich muss jubeln, das ist mir auch lange nicht passiert. Das Mädel, das mir mein Medaillchen überreicht, freut sich mit mir. Da mir kalt ist, verschwinde ich gleich in den Katakomben, wo die Garderobe ist. Die einzigen Höhenmeter des Tages. Katzenwäsche am Waschbecken und trockene Kleidung, dann bin ich bereit für die Heimfahrt.

Ein paar Freunde treffe ich noch. Bis zum nächsten Mal und Frohe Weihnachten! Draußen ist es dunkel, die Weihnachtsbeleuchtung brennt, der Vollmond steht am Himmel, es ist Advent.

Startgeld 65,- EURO,   
20 x 2,11km in den Hallen der Wiener Messe 
Labestelle: Wasser, Iso, Bananen und gegen Ende Coca Cola,
Finishermedaillchen, Gatorade, peeroton
Keine Duschmöglichkeit


Marathonsieger

Männer

1. Rainer Predl         2:40:51
2. Cristian Schmuck 2:43:18
3. Arno Götz             2:45:40

Frauen

1. Maga. Karin Augustin 3:11:47
2. Michaela Wolf     3:21:08
3. Maga. Andrea Tahedl 3:41:03

170 Finisher

 

Informationen: Vienna Indoor Marathon
Veranstalter-WebsiteE-MailErgebnislisteHotelangeboteOnlinewetterGoogle/Routenplaner

 

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