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Laufberichte

Frühlingsgrüße aus den Vogesen

24.04.16

Schon lange bevor bei uns Trailrunning als neuer Trend entdeckt wurde, liefen unsere französische Nachbarn statt bei flachen Volksläufen und Stadtmarathons vor allem mit Begeisterung über schmale Trails durch die Natur. Auch bei Trailrunnern aus Deutschland hat sich inzwischen herumgesprochen, dass französische Trail-Läufe diesen Namen wirklich verdienen, statt einfach nur viele Waldwege mit ein paar Pfaden zu kombinieren. Vor allem in den Vogesen, dem Mittelgebirge, das gegenüber des Schwarzwalds auf der französischen Seite der Rheinebene liegt, treffen sich im März am Petit Ballon und im April in Niederbronn auch viele deutsche Läufer. Im Elsass kommt man als Läufer auch problemlos ohne französische Sprachkenntnisse durch, allerdings muss man dran denken, dass man hier bei jedem Lauf nur mit ärztlichem Attest starten kann, das maximal ein Jahr alt sein darf.  

Auf der A5 fährt man bis Offenburg, von dort sind es nur noch 65 km bis Villé-Bas-Rhin, meist auf Autobahn. Ich hätte durchaus etwas länger schlafen können, denn als ich eine Stunde vor Start im Sportzentrum ankomme, sind außer mir erst fünf Läufer dort. Nachmelden kann man sich problemlos, da auf der 52 km /2300 Höhenmeter Strecke noch deutlich mehr Teilnehmer Platz hätten.  Für die Langdistanz gibt es am Schluss 97 Finisher (und nur 1 DNF!) Die später startende 24 km Mitteldistanz mit 317 Finishern und die 12 km Kurzdistanz mit 222 Finishern sind stärker frequentiert.  

Kurz vor 6 Uhr versammeln sich dann die Ultratrailer in der 3-5 C° kühlen Luft. Es ist windstill, der Vollmond scheint vom nahezu wolkenlosen Himmel, also fast perfektes Laufwetter. 

 

 
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Nach einer kurzen Einweisung in die Strecke, von der ich kein Wort verstehe, was aber aufgrund der hervorragenden Streckenmarkierung absolut keine Rolle spielt, laufen wir kurz in den Ort hinab. Dann folgt gleich der erste Aufstieg, bei dem im hinteren Teil des Läuferfeldes jeder zum Wanderer wird. Etwa 650 Höhenmeter Aufstieg, nur unterbrochen von ganz kurzen Zwischenabstiegen, stehen uns nun auf den nächsten 7 km bevor.

Inzwischen ist hinter den Bergen die Sonne aufgegangen. Noch sehen wir sie nicht, aber es wird heller. Anfangs umgeben mich vor allem Obstbaumwiesen, dann geht es auf schönen Trails in den Wald hinein. Mal marschierend, mal laufend gewinne ich schnell an Höhe. So früh am Morgen fasziniert mich immer das Vogelkonzert in den Wäldern. Auch heute zwitschert es rund um mich herum sehr vielstimmig. Welch herrlicher Sound! Nicht HiFi-Stereo, nicht Dolby-Surround, das ist Natur pur! Schon alleine deswegen lohnt es sich, morgens früh aufzustehen. Ich höre heute zwar auf der gesamten Strecke Vögel, aber um diese Zeit sind sie besonders aktiv.

Meine hohen Erwartungen an Trailläufe in den Vogesen werden auch heute nicht enttäuscht. Auf vielen schönen Pfaden steige ich schnell bergauf. Genau so will ich es haben! Die Sonne scheint vom herrlich blauen Himmel. Je höher ich komme, desto schöner sind die Trails. Welch ein Spaß, hier zu laufen! Obwohl laufen bei meinem Aufstiegstempo eindeutig das falsche Wort ist. Trailwandern, das passt eher.  

Zwischen den Bäumen hindurch kann ich nun zur Rheinebene hinab blicken, aber unten verhüllt starker Dunst die Fernsicht. Die Berge des Schwarzwalds auf der gegenüberliegenden Seite bleiben heute verborgen. Dafür gefallen mir die Vogesenberge um mich herum umso besser. Der Aufstieg endet bei einem kleinen Aussichtstürmchen auf 901 m, dessen Besteigung ich mir erspare.

Nun beginnt ein fantastischer Trail bergab. Hier kann ich in hohem Tempo laufen, muss mich aber auf dem steinigen Boden mit vielen Wurzeln sehr konzentrieren. Solche Trails liebe ich am meisten. Mal auf der Schattenseite des Berges, mal im Sonnenschein, renne ich begeistert hinab zum Col de l´Ungersberg, dann hinauf zum Col de Bellevue. Bei dem herrlichen Wetter kann ich die Aussicht trotzdem sehr genießen. Es folgen 330 Hm Abstieg auf einer Strecke, die meist ideal zum Vollgaslaufen ist. Das kann ich jetzt auch brauchen, denn das Zeitlimit um 8.30 Uhr bei Breitenbach naht. Doch dann sehe ich Breitenbach nicht allzu weit vor mir liegen und bin sicher, dass ich problemlos rechtzeitig an der Verpflegungsstelle ankomme. 

 

 
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Doch welche Überraschung! Beim ersten Haus von Breitenbach zweigt die Route rechts wieder bergauf. Zehn Minuten steige ich nun steil aufwärts, zwischendurch sogar weglos über die Wiese an einem Hang. Wenn ich nun wieder hinab in den Ort laufen muss, dann kann ich nur hoffen, dass man es hier mit dem Cut Off nicht zu ernst nimmt. Doch dann sehe ich, dass die VP nicht im Ort, sondern oberhalb liegt und ich schaffe es rechtzeitig. 

Schnell etwas essen und trinken, dann laufe ich weiter. Ich weiß von der Ausschreibung, dass mir nur dieser erste Abschnitt von der Zeit her gefährlich werden könnte, auf der restlichen Strecke ist der geforderte Kilometerschnitt auch für mich kein Problem.

Während andere Vogesentrails mit Burgruinen oder aussichtsreichen Berggipfeln trumpfen, sind es auf dieser Strecke besonders die vielen Wiesen mit blühenden Obstbäumen, die mir gefallen. Ein weiterer Grund, warum ich diese Strecke so mag, ist die viele Abwechslung. Sowohl die Art des Trails, die Bodenbeschaffenheit als auch die Vegetation um mich herum wechseln oft. Es wird nie langweilig. Auf eine kurze Schlammrutsche folgt ein bequemer Forstweg, gleich darauf ein Wurzeltrail, ein geschotterter Feldweg, weglos über eine Wiese, durch tiefes Laub oder auch mal einfach nur weicher Waldboden, mal durch sonnigen Laubwald, dann urwüchsiger Mischwald, dann wieder blühende Obstbäume - was will man mehr?

Bald nach der ersten Verpflegungsstelle führt wieder ein langer, anstrengender aber schöner Trail bergauf.  

 

 
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Auf einer Bergkuppe mit kleinen Felsen und urwüchsigen Bäumen fühle ich mich wie im Paradies. Nachdem der Abstieg zur ersten Verpflegungsstelle eine Hochgeschwindigkeitsstrecke war, folgen nun fast 500 Höhenmeter auf teilweise recht steiler Route hinab. Normalerweise würde ich solche Abstiege als Kniefresser bezeichnen, doch heute fühlen sich meine Gelenke gut wie lange nicht.  

Als ich in Steige die zweite Verpflegungsstelle erreiche, habe ich 30 Minuten Vorsprung vor dem Zeitlimit.  Ich esse Bananen, Orangen, Aprikosen, Wurst, Käse, Salz, Kuchen und Brezeln, trinke Cola und fülle Wasser in meine Flasche. In dieses füge ich einen Schuss Zitronensirup, der hier bereit steht, eine sehr leckere Entscheidung. Für nur 20 Euro Startgebühr wird man hier wirklich gut versorgt.

Es ist jetzt zehn Uhr. Zuhause steigen die meisten Leute jetzt erst aus dem Bett oder frühstücken. Ich habe derweil schon vier Stunden lang Glückshormone aufgebaut und das Leben in der für mich schönsten Form genossen.  Gleich marschiere ich wieder steil bergauf und erfreue mich an der herrlichen Aussicht.  

 

 
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Im Wald scheint der Weg sogar noch steiler zu werden, aber die Plackerei bereitet mir viel Freude. Anstrengung ist übel, wenn sie sein muss, kann aber viel Freude bereiten, wenn man sie will. Endlich scheine ich ganz oben angekommen zu sein, doch nach kurzem Abstieg geht es doch noch einmal bergauf. Dann folgt ein langer, meist kraftsparender Abstieg, nur vereinzelt mit anspruchsvolleren Trails. Neben dem Weg blüht bereits der Ginster. Trotz der kühlen Witterung sieht man den Frühling.  

Einen Augenblick lang kommt es mir vor, als hätte ich ein Deja Vu. Vor mir zeigt ein Wegweiser, dass ich nur 15 Minuten vom Bilstein entfernt bin. Quatsch, der BiMa war letzte Woche! Hier trägt eine Burg diesen Namen, die wir aber auf unserer Strecke nicht sehen werden. Die dritte und letzte Verpflegungsstelle ist neben einem kleinen Teich in Lalaye. Ich habe noch drei Stunden Zeit bis zum Zielschluss und weiß, dass ich es nun langsamer angehen kann.  

Wieder geht es kurz sehr steil bergauf, dann wird die Route gemächlicher. Etwas später warnt ein Schild vor einem steilen, etwas rutschigen Abstiegspfad, der aber kein Problem ist. Da bin ich ganz andere Sachen gewohnt. Dann marschiere ich wieder etwa 300 Höhenmeter auf Trails bergauf. Unterwegs weist ein Schild darauf hin, dass wir an einer Quelle, die aus einem Fels heraus fliest, unsere Flaschen auffüllen können.  

Ab dem 611 m hohen Col Du Rougerain folgt ein wunderschöner Trail mit nur wenig Steigung oder Gefälle. Ich komme vorbei am schönen Roche du Cheval Tombe sowie an weiteren  interessanten Felsgruppen aus einem Konglomerat, das ich in dieser Art bisher nur sehr selten gesehen habe. 

 

 
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Noch eine Weile laufe ich auf Genusstrails, dann höre ich schon von weitem die Leute am Streckenposten bei den Roche des Fées (754 m), die lautstark jeden Läufer, der vorbei kommt anfeuern. Hier ist richtig Partystimmung! An dieser Stelle wird auch der Transponder gemessen, um zu verhindern, dass Läufer unterwegs abkürzen.   

Nun geht es nur noch kurz bergauf, dann hinab zu einem weiteren Felsen. Es folgt ein teilweise etwas rasanter Bergab-Pfad. Schon seit einiger Zeit gibt es vereinzelt leichte Schneegraupel, jetzt schneit es fünf Minuten lang  sogar richtig. Aber die Flocken bleiben nicht auf dem Boden liegen. Bald kommt wieder die Sonne heraus.

Zwischendurch bieten mal breitere Wege Gelegenheit zur Entspannung. Wieder werden wir auf einem Schild auf die Möglichkeit hingewiesen, an einer Quelle unsere Wasserflasche aufzufüllen, was auch ich nutze. Ich glaube zwar, dass ich nun bald am Ziel bin, brauche dann aber für die letzten Kilometer doch länger als erwartet. Eigentlich ist diese Strecke sehr gut auch zum schnelleren Laufen geeignet, doch so ganz ohne Zeitdruck habe ich es heute nicht mehr eilig.

Kurz vor Ville komme ich an einer Koppel mit Lamas vorbei. Schnell in den Ort hinab, dann nur noch kurz bergauf. Unmittelbar vor dem Ziel erreiche ich den Friedhof, dann nach rechts und nach 8:28 (eine halbe Stunde vor Zielschluss) über die Ziellinie. Zufrieden kann ich Obst und Honigkuchen essen und Cola trinken.

Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich heute in die Vogesen gefahren bin und nun diese schöne Strecke laufen konnte. Und es freut mich auch, dass sich mein Trainingszustand wohl bessert, denn nach diesen 52 km habe ich nur einen Sonnenbrand und keinen Muskelkater. 

 

Frauen

1. Carole Millet - 6:06:26
2. Julia Lalitti - 6:36:35
3. Sandra Walter - 6:56:38 

Männer

1. Quentin Stephan - 4:53:16
2. Paul Moog - 5:09:48
3. Yannick Wein - 5:10:52

 

 

Informationen: Trail du Wurzel
Veranstalter-WebsiteHotelangeboteOnlinewetterGoogle/Routenplaner

 

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