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Laufberichte

Laufgenuss zwischen Wein- und Schneeberg

20.03.16

Kennen wir uns nicht aus Rouffach? So fragte mich im letzten Herbst noch ein Läufer vor dem Start des Albmarathon in Schwäbisch Gmünd. Den Läufer kannte ich tatsächlich, aber Rouffach? Nie gehört. Wenige Monate später bin ich schlauer. Denn nach dem Gmünder Ultraklassiker zum Saisonausklang stehe ich am Start des Ultraklassikers zum Saisonauftakt: dem Trail du Petit Ballon. Im elsässischen Rouffach.

Beide Läufe eint die Zugehörigkeit zum Europacup der Ultramarathons. Beide sind zudem Landschaftsläufe und mit einer Streckenlänge von 50 bzw. 52 km ähnlich lang. Doch schon bei den Höhenmetern ist Schluss mit den Gemeinsamkeiten, denn in den Vogesen muss man sich über immerhin 2.300 gegenüber 1.100 Höhenmetern in der Alb mühen. Mehr als doppelt so viele Höhenmeter und gleichzeitig mehr als doppelt so viele Teilnehmer - im ultralauf- und trailvernarrten Frankreich ist das kein Wunder. Fast 1.200 sind es, die im Frühjahr unbedingt den Gipfel des Petit Ballon (1.272 m üNN), zu deutsch nicht ganz so wohlklingend als Kleiner Belchen oder Kahler Wasen bekannt, erobern wollen. Dazu kommen nochmals 1.600 auf der 27 km-Schleife des Circuit des Grands-Crus, der den Mittelteil des Ultratrails und damit das Gipfelerlebnis auf dem Petit Ballon ausspart, und 900 beim 9 km langen Mini-Trail de l'ane.

 

Start in Rouffach

 

Erster Anlaufpunkt am frühen Morgen des 20. März ist für mich der Salle Polyvalente am südlichen Ortsrand Rouffachs. Übersetzt heißt das ganz profan „Mehrzweckhalle“ und ebenso profan schaut sie auch aus. Dafür bietet sie reichlich Platz, vor allem Nestwärme und heißen Kaffee. Das ist gut so: Denn beeindruckend ist der Auflauf der Läufer, die die Halle angesichts der morgendlichen Frische zur Wärmestube umfunktionieren. Gegen Abgabe des obligatorischen ärztlichen Attests bekomme ich meine Startunterlagen. Dazu gehört neben der Startnummer traditionell auch eine Flasche Crémant d´Alsace.

 

 
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Etwa dreihundert Meter Fußmarsch sind es von der Halle zum eigentlichen Start- und späteren Zielgelände auf der L'Allee des Humanistes am Ortsrand. Der Weg ist ausgeschildert, man kann aber auch ganz einfach dem stetigen Strom der Läufer folgen.

Schnell wird es auch dort proppenvoll. Ein bisschen aufpassen muss, sich im Gewirr der Rucksäcke und Laufstöcke nicht zu verhaken. Denn ausrüstungsmäßig ist ein erhöhter Professionalisierungsgrad angesagt. Ein paar Dinge müssen wir als Pflichtgepäck dabei haben, etwa einen Liter Flüssiges und Regenschutz. Und dass Laufstöcke überaus nützlich sind, auch wenn wir uns nicht durch alpines Gelände bewegen, werde ich schon wenig später feststellen dürfen. Traditionell gibt ein Dudelsackspieler ein Startständchen, dann knallt schon um Punkt 9 Uhr die Startpistole.

Noch ein kurzes Stück geht es, begleitet vom Anfeuerungsspektakel der mitgereisten Familienclans, durch die Gassen Rouffachs. Dann macht der Kurs einen scharfen Knick nach rechts und wir laufen gen Westen, raus dem Ort, hinein in die Natur.

 

Auf und ab durch die Weinberge

 

Den Verlauf des vor uns liegenden Kurses kann man sich als eine Art zweidimensionale Doppelhelix, wenn auch eine recht verschrumpelte, vorstellen. Wer damit nun rein gar nichts anfangen kann: Vielleicht ist die Beschreibung als zwei hintereinander geschaltete Achter plastischer. Auf dem Rundkurs schneidet der sich durch die Landschaft schlängelnde Hinweg den Rückweg mehrfach, ohne mit ihm eine Parallelität aufzuweisen.

 

 
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Dass Rouffach Teil der sogenannten Elsässischen Weinstraße, der Route des Vins d’Alsace, ist, wird bei Verlassen des Ortes sofort deutlich. Direkt an den Ortsrand grenzen die ausgedehnten Rebstockkulturen. Wie der Begriff „Weinberg“ schon erahnen lässt, gehört ebenes Gelände nicht unbedingt zu dessen Wesensmerkmal. Und so geht es von Anfang an im ständigen Wechsel rauf und runter. Lang sind die Anstiege nie, aber dafür knackig. Andererseits: Die Kulisse der knorrigen, nackten, geometrisch in Reih und Glied angeordneten Rebstöcke ist ein besonderes Erlebnis – ein von Mensch und Natur komponiertes Gesamtkunstwerk. Noch sind wir frisch und der Trab auf breiten Naturpfaden durch die Weinberge kein konditionelles Problem.

Fast 25 Minuten bin ich unterwegs, da stoppt ein Stau den Lauffluss. Nanu? Des Rätsels Lösung: Wir zweigen ab auf einen schmalen, holprigen Pfad der Kategorie Single Trail, der, von dichten stacheligen Hecken gesäumt, nicht in der Lage ist, das nach wie vor dichte Feld ohne Weiteres aufzunehmen. Überrascht bin ich, wie wenig aufgeregt das „Einfädeln“ funktioniert. Niemand drückt, niemand drängt. Erst leicht, dann steil mit Panoramablick über die Dächer senkt sich der Pfad gen Westhalten fhinab. Noch bevor wir das Dorf erreichen, dreht der Kurs nordwärts.

Auf Asphalt geht es durch die Weinkulturen steil in Serpentinen bergan. Wir erreichen ein ungewohnt karges, windiges Hochplateau. Nach 6,2 km gelangen wir bei Neuland (353 m üNN) zum ersten Schnittpunkt mit dem Rückweg. Gemerkt hätte ich es nicht, wäre da nicht das Abzweigeschild für die 9 km-Läufer gewesen. Weiter geht es für uns durch die Weinberge gen Norden. Von einem Moment auf den anderen ist damit jedoch Schluss.

 

Durch den Zauberwald

 

Auf einem schmalen Pfad tauchen wir ein in einen verwunschenen, fast schon urwaldartigen, wenn auch noch winterlich kahlen Laubwald. In sattem Grün leuchten dafür Moosteppiche, die Felsen und umgestürzte Bäume überwuchern. Dicht ist der Boden von altem, trockenem Laub bedeckt, eine tückische Stolperfalle, verbirgt es doch Wurzeln und Steine. Solange es aufwärts geht, ist das allerdings weniger ein Problem. Aufwärts geht es schon bald, und wie. Im Schneckentempo schleichen die Läufer Kurve um Kurve einen steilen Hang empor und folgen dann weiter der Hangflanke. Der herrliche Zauberwald und das Bild der durch das dichte Gestänge der schmalen Baumstämme scheinbar irrlichternden Läufer lässt die Anstrengungen aber leicht vergessen.

 

 
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Nach 10,2 km erreichen wir bei Schauenberg (407 m üNN), mitten im Wald, den ersten Verpflegungspunkt. Frisch- und Trockenfrüchte, Kuchen und Salzbrezeln stehen im Angebot. Wasser gibt es natürlich auch, aber dank der Kühle hält sich der Durst in Grenzen.

Die kurze Pause tut dennoch gut, denn herausfordernd geht es weiter. Steil führt der Weg, teils gar über Stufen, vorbei an verwitterten Felswänden in die Höhe. Belohnt werden wir nach dem jähen Anstieg mit einem Panoramablick über die Landschaft aus luftiger Höhe. Tief unter uns liegt das Dorf Gueberschwihr. Schade ist nur, dass es arg diesig ist.

Der Kurs dreht gen Westen und führt uns weiter auf mal breiten, mal schmalen Pfaden in stetem gemütlichem Auf und Ab durch den Foret Communale de Pfaffenheim. Fast könnte man versucht sein zu sagen: Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. So schön der Wald auch ist: Es hat etwas Befreiendes, als ich schließlich in ein weites Wiesengelände hinaus trete. Sanft schwingen sich die Hügel der Vogesen am Horizont durch die Lüfte.

 

 
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Der schon vom Start bekannte Dudelsackspieler kündet vom Nahen der Zivilisation. Und kurz darauf blicke ich auf eine riesige Scheune, in der sich gewaltige Strohballen türmen. Davor: Ein veritabler Läuferauflauf vor einem reich gedeckten Buffet. Osenbach (380 m üNN) ist nach 16,7 km und fast genau zwei Stunden erreicht, einer der Schnittpunkte von Hin- und Rückweg und vor allem: Der einzige, an dem wir doppelt, auf Hin- und Rückweg, verköstigt werden. Verpflegungsmäßig kann man hier ein wahres Fest feiern, mit Salami und Käse, diversen Kuchen und Obst. Ich freue mich schon jetzt, hier nach 41 km wieder einzulaufen.

Es hilft nichts: Ich muss weiter. Ein Fiepen kündet von einer Zwischenzeitnahme und Markierungsschilder signalisieren, dass sich der Kurs der 52 km- und 27 km-Läufer trennt. Letztere sind eine Stunde später als die Ultraläufer gestartet, aber noch ist von den Führenden nichts zu sehen.

Am Ortsrand von Osenbach entlang und weiter nach Wintzfelden dürfen wir einmal mehr Weinbergatmosphäre schnuppern, bis bei km 20,8 (408 m üNN) ein Streckenposten lauert und uns weg vom breiten Weg nach rechts auf einen schmalen Pfad lotst.

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Informationen: Trail du Petit Ballon
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