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Laufberichte

Vogesenglück

21.05.17

Ich war schon oft in den Vogesen zum Laufen. Jedes Mal hat es mir beim französischen Gegenpart zum Schwarzwald auf der anderen Seite der Rheinebene sehr gut gefallen. Der Trail des Marcaires stand schon seit Jahren auf meiner Wunschliste, passte terminlich aber für mich nie in den Plan. Läufer, die meine Vorlieben kennen, sagten mir, dass ich dort unbedingt starten MUSS. Und sie hatten Recht. Wer am liebsten auf steilen, schmalen, steinigen oder verwurzelten Trails durch schöne Natur läuft, der fühlt sich hier wie im Paradies. Mit 2600 Höhenmetern auf 54 km, der allergrößte Teil der Strecke auf Trails, ist es kein leichter Lauf, aber dafür ein toller Naturgenuss. Und wer es kürzer mag - die 32 km Version führt ebenfalls zum schönsten Teil der Strecke.

 

Wohl jeder kennt den aromatischen, sehr intensiv riechenden Münster-Käse. Die Heimat dieser Delikatesse ist das Munstertal im Elsass. Im Jahr 660 wurde hier dieser Weichkäse von Benediktinermönchen erfunden. Passend dazu heißt unser Ultratrail übersetzt „Pfad der Käsermeister“.

Bei Offenburg verlasse ich am frühen Morgen die A5 und brauche dann noch etwa eine Stunde, bis ich das kleine Dorf Muhlbach-sur-Munster erreiche. Der 896 gegründete Ort wurde im 1. Weltkrieg fast völlig zerstört und hat heute knapp 750 Einwohner. Dieses Dorf liegt zwar fernab von allem Trubel der Welt, aber zumindest ein ehemaliger, heute völlig vergessener Einwohner ging in die Mediengeschichte ein, als er 1605 in Straßburg die ersten Wochenzeitung der Welt gründete.

 

 
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Die Startnummernausgabe geht schnell und problemlos. Wichtig ist bei Läufen in Frankreich, dass man ohne ein maximal ein Jahr altes ärztliches Attest nicht starten darf.

Pünktlich um 7.30 Uhr geht es für einige hundert Läufer auf die Ultra-Strecke. Die erste Viertelstunde laufen wir noch meist auf Asphalt, den restlichen Tag laufen wir dann nahezu ausschließlich über unbefestigte Wege. Als der breite Weg in einen schmalen Pfad mündet, gibt es kurz Stau, danach wachsen die Abstände zwischen den Läufern aber sehr schnell.

Im Naturpark Vogesen gibt es noch viele sehr ursprünglich aussehende Wälder. Mir gefällt die Strecke von Anfang an. Zuerst geht es an alten Steinmäuerchen vorbei durch den Wald, kurze Auf- und Abstiege wechseln, dann beginnt der erste große Aufstieg. Vorbei an einigen Blocksteinfeldern gewinnen wir schnell an Höhe. Für Ende Mai ist es recht kühl, also ideal zum Laufen. Wolkenloser Himmel verspricht viel Sonnenschein.

 

 
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An kleinen Wasserfällen vorbei geht es zügig aufwärts. Ich bin froh, dass ich wie die meisten Leute um mich herum Stöcke dabei habe. Weniger froh bin ich über die Kamera. Viele Jahre lang fotografierte ich mit Begeisterung mit der Panasonic Lumix FT 5. Nachdem diese bei einem Foto mit Selbstauslöser Anfang März in einem Bach spurlos verschwand, kaufte ich die leichtere FT 30. Von der rate ich Euch wegen deutlich schlechterer Farbqualität, vor allem aber wegen der geringen Lichtstärke ab. Die schönsten Wasserfall-Fotos fallen heute der Kamera zum Opfer. Nächstes Mal wieder mit meiner Lieblings-Kamera!

Vorbei am kleinen Lac du Fischboedlé geht es hinauf zum Lac de Schiessrothried, einen ehemaliger Gletschersee. Hier gab es lange Zeit statt dem See nur ein Hochmoor, bis das Wasser durch einen kleinen Damm Ende des 19. JH aufgestaut wurde.

Nun bin ich schon über eine Stunde lang unterwegs. Vor lauter Schauen, Staunen und Fotografieren habe ich bisher völlig vergessen, etwas zu trinken. Schnell ein paar Schluck aus der Flasche nuckeln, bevor ich dehydriere!

Bald darauf erreiche ich beim Gite Schiessrothried die erste Verpflegungsstelle.  Oberhalb der Waldgrenze umfasst der Fernblick viele Gipfel der Vogesen. Im Osten sehe ich die unter einer leichten Dunstschicht liegende Rheinebene mit dem Kaiserstuhl, dahinter erhebt sich der Schwarzwald.

Einige hundert Meter weit kann ich auf einem relativ flachen Weg richtig schnell laufen, dann geht es sehr anstrengend neben einem Skilift steil hinauf zum Petit Hohneck.

 

 
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Von dort sause ich in hohem Tempo auf einem mäßig steilen Trail hinab zum Col du Schaeferthal, hinter dem der Aufstieg zum Hohneck beginnt.

Der Hohneck ist mit 1363 m der dritthöchste Berg der Vogesen. Von hier blickt man über die Rheinebene zum gegenüber liegenden Feldberg, der noch 130 m höher ist. Im Süden sehe ich den Grand Ballon, den mit 1424 m höchsten Gipfel der Vogesen, dahinter kann ich heute gerade noch die Berge des Jura erkennen. Bei ganz klarer Fernsicht sieht man von hier aus auch die Schweizer Alpen.

Bisher sahen wir unterwegs fast keine Wanderer, aber am Hohneck treffen wir auf sehr viele Touristen. Die Route des Cretes, ein Elsässer Gegenstück zur Schwarzwaldhochstraße, führt westlich um den Berg herum, eine Straße zweigt aber bis fast direkt auf den Gipfel ab. Wie folgen einige Zeit dem Hauptkamm der Vogesen, immer mir toller Fernsicht.

Dann folgt die beste aller Drogen, um den Kopf frei zu bekommen. Ein paar hundert Höhenmeter Abstieg auf schmalen, sehr stark verwurzelten und steinigen, an manchen Stellen auch nassen Trails renne ich in kaum vertretbaren Tempo bergab. Bei so einem Kamikaze-Downhill muss man die ganze Zeit über hundertprozentig konzentriert laufen. Da gibt es keine Trennung mehr zwischen Läufer und Trail, alles wird eins, in einem Rausch aus Tempo, Bewegung und Freude. So etwas riskiere ich nur selten, aber ich liebe es unendlich. Etliche Läufer kann ich überholen.  Schön, dass mir jeder Platz macht, wenn ich angerauscht komme!  Ungefährlich ist das nicht, denn gleich sehe ich eine Frau begegne, die nach einem Sturz stark im Gesicht blutet.  Ob sie Hilfe braucht, frage ich. Aber sie und ihr Begleiter winken ab. In dem Augenblick, gerade als ich meine Augen wieder nach vorne richten will, rutsche auch ich aus und liege neben ihnen. Zum Glück nur ein paar Schrammen am Arm, sonst nichts!

Egal ob es vernünftig ist oder nicht - solche Tempoeinheiten auf Trails zählen für mich zu den Höhepunkten im Läuferleben.  Bis km 16 ist die Strecke für uns Ultratrailer identisch mit der für die 90 Minuten später startenden 32 km Läufer. Hier gilt das erste von zwei Zeitlimits. 3:15 Stunden hat man bis hier Zeit. Für die 32er geht es wieder hinab ins Tal, die Ultratrailer umrunden nun fast komplett den idyllischen Lac Altenweier.

 

 
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Danach folgt ein abwechslungsreicher Aufstieg zum Col du Rothenbach und hinauf zum 1316 m hohen Rothenbachkopf. Ich bin mal wieder rundum glücklich und fühle mich pudelwohl. Das ist heute nicht selbstverständlich. Während der letzten Wochen wirkten sich berufliche Anspannung, Zukunftsängste und dann noch ein plötzlicher Todesfall im Kollegen- und Freundeskreis auch stark auf meine Gesundheit aus. Doch ich kenne mich gut genug. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Krankheit und Krise. Das ist auch der Grund, weshalb ich mir gewissermaßen als Therapie den Trail des Marcaires verordnet habe. Auch jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, spüre ich, dass ein paar Stunden Vogesenglück viel besser als jedes andere Heilmittel für mich sind. Wenn ich Gesundheitsminister oder Chef einer Krankenkasse wäre, würde es solche Läufe auf Rezept geben.

 

 
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Nun geht es hinab zur zweiten Verpflegungsstelle bei Steinwasen, dann erneut auf den Bergkamm und weiter zum Col de ´Hanebrunnen. Ein Blick zurück zeigt mir, dass der Hohneck-Gipfel schon weit hinter mir liegt. Ein Stück weit marschieren wir weglos einen steilen Berghang hinauf. So etwas ist für mich wie das Salz in der Suppe.

Danach geht es eine Weile bergauf und bergab, bis der lange, manchmal steile, aber technisch nicht schwere Abstieg zu VP 3 bei Raedle beginnt. Hier ist bei km 34 das Zeitlimit um 14 Uhr, da habe ich genug Vorsprung.

Erneut folgt ein langer Aufstieg. Die Trails sind nun meist leicht. Die gesamte Strecke ist hervorragend markiert. An keiner einzigen Stelle muss ich nach Hinweisen suchen. Immer wieder blicke ich jetzt hinab ins Munstertal. Im Süden ist der Grand Ballon nun nicht mehr weit entfernt.

 

 
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Unsere Route hält nun auf den Petit Ballon zu, verzichtet aber auf das letzte kurze Stück hinauf zum Gipfel. Es genügt, wenn im Frühjahr und Herbst zwei andere Trail-Läufe hinauf führen. Wir laufen nun hinab zur letzten VP bei der Ferme Auberge Rothenbrunnen.

Über sonnige Wiesen wird auf einfachen Trails das Laufglück nun nicht mehr gebremst, denn die letzten zehn Kilometer führen fast ausschließlich bergab. Da ich noch genug Zeit habe, nehme ich jetzt Tempo raus und laufe ganz entspannt bergab.

Nach 9:12 Stunden erreiche ich das Ziel. Das sind 48 Minuten vor dem offiziellen Zielschluss. Der langsamste Läufer wird als 348. Finisher auch noch 36 Minuten nach Schluss in die Ergebnisliste aufgenommen. Noch mehr Finisher hat der 32 km Lauf, bei dem 536 Läufer ankommen.

Ich verstehe jetzt gut, warum so viele Leute vom Trail des Marcaires schwärmen und immer wieder hier starten. Auch für mich wird das ganz bestimmt nicht mein letzter Ausflug ins Munstertal sein.

 

Informationen: Trail des Marcaires
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