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Im Tal der Grünen Fee

 

Das Val de Travers ist ein rund 15 Kilometer langes Tal im Schweizer Jura und liegt zwischen der Grenze Frankreichs und dem Neuenburger See oder auch Lac du Neuchâtel, wie er in der französischsprachigen Westschweiz auch korrekt geschrieben und gesprochen wird. Langstrecken-Straßenläufern kann ich bei der Orientierung noch etwas nachhelfen: Die Anfahrt verläuft aus Deutschland direkt durch Biel, wovon das Tal etwa 50 Kilometer in südwestlicher Richtung entfernt liegt. Seinen Namen verdankt das Val de Travers der Tatsache, dass es quer liegt, im Gegensatz zu den anderen Juratälern des Kantons Neuenburg.

Veranstaltungsmittelpunkt des Trail de l’Absinthe ist in Couvet. Berühmt geworden ist dieser Ort aber nicht durch die älteste Trailveranstaltung der Westschweiz. Hier liegt die Wiege des Absinth.

Die wegen ihrer Farbe und ihrer verzaubernden Wirkung, damals als Grüne Fee bezeichnete Spirituose, wurde ursprünglich als Heilelixier hergestellt und traditionell mit Wasser und Zucker vermengt getrunken. Ende des 19. Jahrhunderts wurde sie zum Kultgetränk der Pariser Künstlergemeinde. Mit dem hochprozentigen Kräuterelixier – der Alkoholgehalt liegt zwischen 45 und 85 % – tranken sich die Bohemiens in Stimmung, aber manchmal auch in den Wahnsinn. Gaugin und Picasso setzten wegen der vermeintlich magischen und bewusstseinserweiternden Wirkung darauf. Toulouse-Lautrec soll sogar die meisten seiner Werke im Rausch gemalt haben und bei van Gogh wird vermutet, er habe sich sein Ohr im Absinthrausch verstümmelt.

Auf dem Höhepunkt seiner Popularität stand der Absinth in Verruf, abhängig zu machen und schwerwiegende gesundheitliche Schäden hervorzurufen. Zudem sorgten schlechte Weinernten und stetig rückläufige Umsatzzahlen dafür, dass die Weinindustrie im Absinth eine unliebsame Konkurrenz sah, die man beseitigen wollte. Immerhin, 1912 wurden in Frankreich 220 Millionen Liter Absinth konsumiert.
1915 wurde der Wermut letztendlich in einer Reihe europäischer Staaten und den USA verboten, was der Herstellung aber keinen Abbruch tat. So wurde halt illegal produziert. Moderne Studien haben eine Schädigung durch Absinth-Konsum nicht nachweisen können; die damals festgestellten gesundheitlichen Probleme werden auf die schlechte Qualität des Alkohols und die hohen konsumierten Mengen zurückgeführt. Seit 1998 ist Absinth in den meisten europäischen Staaten wieder erhältlich. Auch in der Schweiz sind seit 2005 die Herstellung und der Verkauf wieder erlaubt und so dreht sich in den Schaufenstern in Couvet auch heute wieder alles um den Absinth. Eine kleine Kostprobe liegt auch in unserem Starterpaket.

 
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Heuer feiert man das 20. Jubiläum beim Trail de l’Absinthe, der lange Jahre unter Defi Val de Travers ausgetragen wurde. In all den Jahren wurde der Kurs und auch die Streckenlänge oft verändert, um ein sicheres und attraktives Lauferlebnis bieten zu können. Neben der 75 Kilometer langen Trailstrecke werden noch ein Marathon, eine Marathon-Staffel (3x14 km), ein Semi-Marathon und eine 12 km Runde angeboten. Dazu darf bereits am Freitag bei hochsommerlichen Temperaturen rund um das Veranstaltungsgelände der Nachwuchs zeigen, was er drauf hat.
Die Startunterlagenausgabe befindet sich im Centre Sportif, dem großen Sportzentrum mit Halle und Schwimmbad am Ortsrand von Couvet. Von Vorteil ist sicherlich, wenn man sich auf Französisch verständigen kann. Wir sind hier über dem „Röstigraben“, wie die Schweizer ihre Sprachgrenze auch gerne nennen. Aber es finden sich immer Personen, die einem weiterhelfen können. Sollte es größere Verständigungsprobleme geben, kann man nach Muriel oder Patrick fragen, sie sprechen hervorragend deutsch und sind zudem im höchsten Veranstaltergremium.
Die Preise in der Schweiz sind für Euro-Zahler schon ziemlich hoch, aber es gibt auch durchaus die Möglichkeit, hier zu moderaten Preisen zu übernachten. Im Sportzentrum stehen einige einfache Zimmer zur Verfügung, die für etwa 50 CHF pro Person/Nacht mit Frühstück angemietet werden können. Dazu gibt es bei den Startunterlagen noch einen Gutschein für die kostenfreie Teilnahme an der Pasta-Party, wahlweise Freitag oder Samstag.

 
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Frühstart Trail de l‘Absinthe


Um 7:15 Uhr erfolgt der reguläre Start für Trail und Marathon. Heuer werden auf der Trailstrecke die Schweizer Meister im Trailrunning ermittelt, so ist ein hochkarätiges Teilnehmerfeld vor Ort. Das Zeitlimit von 12 Stunden werden die Jungs und Mädels eher belächeln, aber für etwas langsamere Starter kann das bei einer Distanz von 75 km und 3000 Höhenmetern durchaus ein ernst zu nehmendes Problem werden. Nach eingehender Analyse bin ich der Meinung, das könnte auch für mich eng werden.

„Volkslauf“ nennt sich seit heuer in der deutschsprachigen Ausschreibung die Möglichkeit, zwei Stunden früher, also bereits um 5:15 Uhr an den Start zu gehen und so das Zeitlimit auf 14 Stunden zu erhöhen. Der Name kratzt irgendwie an meinem Ego, aber in der originalen, französischen Schreibweise klingt das mit „Categorie Populaire“ gleich viel besser. So entscheiden sich Jan und ich auch für die stressfreie Variante. Vom ca. 200 – 250 Teilnehmer großen Starterfeld entscheiden sich etwa 50 Trailer für den Frühstart.

Aber Vorsicht, diese Option steht wirklich nur langsameren Teilnehmern zur Verfügung. Damit sich nicht auch schnellere Läufer unter uns Rennschnecken mischen, hat der Veranstalter Vorsorge getroffen. Erst ab 9:50 Uhr darf man den Kontrollpunkt „Carrière de Môtiers“ bei Km 27 passieren. Wer zu früh da ist, muss ganz einfach warten.

Die Nacht wird laut, es gibt ein heftiges Gewitter und starken Platzregen. Aber kurz vor dem Start werden die Himmelsschleusen wieder geschlossen und die Temperaturen sind angenehm runtergekühlt. Jan und ich stehen um 5:10 Uhr an der Kontrollstelle der Pflichtausrüstung. Zwingend vorgeschrieben sind eine Regenjacke, Rettungsdecke, Trillerpfeife, Mobiltelefon, mindestens 0,75 Liter Getränk und ein eigener Trinkbecher. Ich bin wie immer gut ausgestattet und habe noch etwas wärmende Kleidung im Rucksack. Akribisch kontrolliert werden Regenjacke und Handy. Oh shit, Jan hat seines versehentlich im 1,5 km entfernten Hotel liegen gelassen. Es gibt keinen Start ohne Mobiltelefon für ihn. Muriel spricht mit den Zeitnehmern. Ausnahmsweise dürfen wir dem Feld hinterherlaufen.

Um 5:30 Uhr stehen wir wieder, aufgepumpt mit Adrenalin, an der Startlinie zu unserem exklusiven Single-Late-Start. Die Zeitnehmer haben uns registriert und die Startnummern notiert, so kann’s endlich losgehen. Eine Viertelstunde vom Zeitlimit ist aber bereits aufgebraucht, die Uhr läuft auch für uns seit dem Start des „Vorkommandos“. Die ersten 9 Kilometer verlaufen ganz flach im Tal auf kleinen Straßen, meist an der L‘Areuse entlang, die durch das ganze Val de Travers fließt. Gefühlsmäßig viel zu schnell sind Jan und ich unterwegs. Nach 5 km können wir aber dafür bereits das Schlusslicht des vor uns gestarteten Feldes einholen und wenig später gleich noch einmal zwei Starter schnappen. Das macht uns Spaß, die nächsten beiden liegen bereits im Visier.

In Noiraigue wartet die erste Verpflegungsstelle bei Km 9 auf uns, durch ein Spalier von Finishershirts der 19 vorhergegangenen Veranstaltungen werden wir empfangen. Insgesamt 9 Versorgungsstationen sind auf der Traildistanz eingerichtet. Anders als bei vielen anderen Trails setzt man hier nicht auf das Prinzip der Selbstversorgung, sondern will eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr und Nahrungsaufnahme gewährleisten. Mit einer gefüllten Flasche kommt man so gut von Station zu Station.

Direkt im Anschluss wartet der erste Aufstieg auf uns mit etwa 900 Höhenmetern auf den nächsten 5 Kilometern. Der erste Abschnitt windet sich gleichmäßig auf einem Schotterweg nach oben. Am östlichsten Punkt unserer Strecke stehen wir plötzlich vor einer Zeitmessmatte (KM 10,8). Bei Jan und mir piepst es, so wissen wir, dass unsere Chips funktionieren. Einer ist hinter die Startnummer geklebt und ein zweiter musste am Rucksack befestigt werden. Nachdem wir die erste Wolkenschicht durchquert haben, gibt es schöne Ausblicke über das Tal mit dem abziehenden Wolkenband.

 
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Atemberaubender Creux du Van


Kurz bevor der höchste Punkt des Aufstiegs erreicht ist, lichtet sich der Wald und präsentiert uns erste Einblicke in ein monumentales Amphitheater. Der Creux du Van ist ein riesiger, natürlicher Felsgürtel, rund 200 Meter fallen die Felsen in die Tiefe und bilden einen hufeisenförmigen Kessel von einem Kilometer Durchmesser. Die „Grüne Fee“ begrüßt uns kurz vor Erreichen des Plateaus, wo nach 14 km die zweite Verpflegungsstelle aufgebaut ist. Am VP „Le Solitat“ wird uns ein tolles Frühstück mit allem, was das Herz begehrt, auf einem unglaublichen schönen Aussichtspunkt in 1400 Meter Höhe serviert.

Normalerweise sichern sich in diesem 25 Quadratkilometer großen Naturschutzgebiet Steinböcke, Gämsen und Luchse die Logenplätze, heute dürfen wir ihren Platz einnehmen. Die Strecke führt ein paar Meter hinter der Kante an einer Felsenmauer entlang, man hat in Abständen schmale Einschnitte eingearbeitet, so kann man bis direkt an die Abrisskante gelangen. Ich gönne mir mehrmals diese kleinen Abweichungen von der Laufstrecke, die verlorene Zeit spielt da eine untergeordnete Rolle, ich will die Naturwunder auch richtig erleben, nicht nur im vorbeihuschen. An der Kante geht die sanfte Juralandschaft urplötzlich in die senkrecht abfallende Felswand über, ohne eine Absperrung, es ist atemberaubend. Ich muss tief Luft holen.

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Informationen: Swiss Canyon Trail
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