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Laufberichte

Dornröschen der Westschweiz

16.06.07

Der Abstieg vom Chasseron ist nichts für schwache Nerven


Schon mal was vom Défi, der Herausforderung gehört? Wohl kaum, denn dieser Lauf im Schweizer Jura zählt immer noch zu den Geheimtipps der Szene. Dabei lässt der Veranstalter nichts unversucht, mit einer – freundlich ausgedrückt – sehr unglücklichen Terminplanung, die potentiellen Teilnehmer von diesem Event in der Westschweiz fern zu halten.

 

Oder wie ist es anders zu erklären, dass der Défi 2007 von August auf Mitte Juni vorverlegt wurde. Ausgerechnet auf jenes Wochenende, an dem auch der Klassiker in Biel stattfindet, quasi um die Ecke. Kopfschütteln  bei mir, aber auch bei vielen meiner Bekannten. Denn der Défi muss sich nicht verstecken und braucht Vergleiche mit anderen, bekannteren Bergläufen nicht scheuen. Ein schlafendes Dornröschen, welches bisher (noch) nicht wach geküsst wurde.

 

Ob der Bieler Konkurrenz war es denn auch kaum überraschend, dass die Starterliste auch in diesem Jahr überschaubar blieb. Rund 80 Ultraläufer machten sich von Couvet aus auf die 75 Kilometer lange Strecke mit ihren fast 3000 Höhenmeter. Couvet, ein kleiner Ort im Val de Travers, ist der Start- und Zielpunkt dieses Laufabenteuers. Genauer: das Sportzentrum mit Laufbahn, Schwimmbad, aber auch einer günstigen Übernachtungsmöglichkeit im Gymnastikraum der Halle (8 Franken ohne Frühstück). Nicht zu vergessen die kleine, aber feine Pastaparty am Vorabend, bei der auch ein Nudelnachschlag erlaubt ist. Gespenstisch ist dabei nur diese Leere, es fehlt einfach an Zuspruch, an Publikum.

 

 
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Doch zurück zur eigentlichen Herausforderung, die mit dem Startschuss um 7.15 Uhr beginnt. Wer ein Auge für Alpentäler und sattgrüne Wiesen hat, der kommt auf den ersten gut 10 Kilometern auf seine Kosten. Ein Asphaltweg schlängelt sich durch das Val de Travers, unterwegs gleich die erste Verpflegung. Eigentlich zu früh, aber nun steht sie da. Wie bei allen VPs beim Défi mehr als üppig bestückt, die Menschen hinter den Tischen superfreundlich. Es gibt Schokolade, Bergkäse in Streifen geschnitten, Bananen, Gemüsebrühe, Wasser – die ganze Ultra-Bandbreite und noch wenig mehr.

 

Das Wetter ist in Ordnung, nicht zu warm, nicht zu kalt. Und nass soll es diesmal auch nicht werden. Ab Kilometer 10 wird einem erstmals klar, warum der Défi diesen Namen trägt: es geht steil bergan, der Weg wird immer schmaler, Wurzeln und Steine machen den Anstieg nicht angenehmer. Gehen ist angesagt. Entgegen meiner Gewohnheit habe ich diesmal eine Kamera dabei, und so bleibt zwischendurch Zeit, die hart erarbeiteten Aussichten und Fernblicke digital festzuhalten.

 

 
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Oben angekommen auf etwa 1500 Metern, wechselt die Landschaft: man verlässt den Wald, erreicht eine hügelige Hochebene. Schon vor zwei Jahren bei meiner Premiere war das hier eine meiner Lieblingspassagen. Und auch diesmal begrüßt uns ein Alphornbläser. Es geht mitten durch Viehweiden vorbei an Kühen, kleine Papierfähnchen, gesponsert von einer Bank, markieren den Pfad. Alle 4-5 Kilometer wartet reichhaltige Verpflegung, die Wasserflaschen werden aufgefüllt.

 

Von der Hochebene und dem höchsten Punkt, dem Soliat, führt eine Straße die Läufer hinab zu Tale. Nach dem Geländeritt ein ungewohntes Terrain, bringt aber der Muskulatur Abwechslung. Kilometer 28 ist in Sichtweite, nun zeigt der Défi seinen wahren Charakter: ein Lauf mit vielen Gesichtern inmitten fast unberührter Natur. Vorher Wald und Weidelandschaft, jetzt geht es steinige Felswege hinauf. Immer steil nach oben, gesichert durch ein Stahlseil, das im Fels festgemacht ist. Ziel ist ein Wahrzeichen des Jura, der Le Chasseron, 1607 Meter hoch, auch ein Etappenziel des Jurahöhenwegs. Baumlos, erhaben steht er da. Von hier aus hat man einen grandiosen Ausblick auf den Neuenburger See, der tief unten im Tal liegt.

 

 
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Der Abstieg vom Chasseron ist nichts für schwache Nerven, vor allem ohne Teleskopstöcke. Im vorsichtigen Schritt-Tempo geht es talwärts, die Hände halten sich krampfartig an den Strickseilen, die entlang des Steilhanges gespannt sind. Aber dennoch lassen sich Stürze nicht verhindert, die Landung auf dem Hintern ist da noch die angenehmste Form des Sturzes. Für die Muskeln ist das extreme Bergablaufen über mehrere Kilometer ungewohnt, so brennen bei mir nach einiger Zeit die Oberschenkel. Bis Kilometer 60 nimmt die Steilheit ab, es wird hügeliger, einige Jura-Dörfer werden passiert.

 

 
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Vor zwei Jahren war der Rest des Défi schnell erzählt: die Strecke ging runter nach Fleurier, von dort dann flach und gemütlich einen Bach entlang zurück nach Couvet. Das war 2005. In diesem Jahr meinen es die Veranstalter gut mit uns, der Kurs wurde um drei Kilometer verlängert und zusätzlich 1000 Höhenmeter drauf gepackt. Wieder wird an den steilen Stücken der Gang eingelegt, das Laufen wird hier und da zur Nebensache. Aber immer wieder sind es für mich die Natur und die Menschen, die Schönheit des Augenblicks, die für alles entschädigen. Das Finale des Défi 2007 ist ein Steilstück hinab nach Couvet, man kann die müden Beine rollen lassen. Und dann ist es geschafft: nach gut 11 Stunden Laufzeit erreiche ich das Sportzentrum. Ein wunderbarer Lauf geht zu Ende, der zu Unrecht sein Dasein im Verborgenen fristet.

 

Übrigens: die Duschen sind warm und die Massagen einfühlsam. Noch ein paar Gründe im nächsten Jahr wieder ins Val de Travers zu kommen.

 

Informationen: Swiss Canyon Trail
Veranstalter-WebsiteE-MailHotelangeboteOnlinewetterGoogle/Routenplaner

 

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