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Laufberichte

Mit 300 durch den Atlas

22.11.15
Autor: Joe Kelbel

Wer es in Marokko geschafft hat, der besitzt ein Wochenendhaus in Tafraout, einer Bergoase, 180 km südöstlich von Agadir, in einer imposanten Felslandschaft aus rotem Granit gelegen. Zwischen den runden Riesenfelsen, die man eher in Australien vermuten würde, leuchten die dunkelgrünen Dattelpalmen mit üppigen gelb-orangenen Fruchtständen. Berühmt ist der hiesige Frühling mit einem einzigartigen rosafarbenem und duftendem Meer aus zarten Mandelblüten.

Tafraout profitiert von einem milden Bergklima und der Nähe zur Residenz des Königs in Agadir. In dem 6000 Einwohner zählenden Ort wohnen wichtige Minister, weshalb der Ort repräsentativ ausgebaut wurde, ohne den ursprünglichen Charme mit seinen rot verputzten Terrassenhäusern zu opfern. Die Straße, die von Agadir hinauf auf 1000 Meter Höhe führt, ist frisch asphaltiert, jedoch immer noch einspurig und extrem gefährlich. Besonders, wenn schwarze Limousinen durchrauschen.

Ich habe wieder meine Seele an einen Taxifahrer verkauft, der mit seinem uralten Mercedes und Höllenspeed in 4 Stunden Tafraout erreichen will. Wir quetschen uns zu siebt in das Modell aus den 70ern, um den Fliehkräften Paroli bieten zu können. Leider gelingt dies den mitreisenden Ziegenhirten nicht, deren Fliehkräfte suchen sich einen Weg aus persönlichen Speiseröhren. Wenn der Taxifahrer dann abrupt abbremst, füllt sich das Wageninnere auch noch mit Abgaswerten, die selbst VW nicht toppen kann. 

Von Agadir fahren auch bequeme Busse hinauf, Kostenpunkt umgerechnet 5 Euro. Es sind die Überlandbusse, die aus dem 1000 km entfernten Casablanca kommen und so manchen Autofahrer von der schmalen Strasse kicken. Für mich ist das zu teuer, vor allem aber zu einfach.

Ich komme gegen 20 Uhr in Tafraout an. Die gesamte Organisation is(s)t und schläft im Beduinenzelt, mitten im Ort, deshalb kann man sich dort die ganze Nacht anmelden. Ich hechte zunächst zum Hotel, dem ehrenhaften „Les Amandiers“, was so viel bedeutet, wie Mandelplantage. Gerade trifft der Gouverneur von Sousse-Massa-Draa ein und schnappt mir das letzte Zimmer weg.

Marokko ist immer gut für Überraschungen. Der Chauffeur fährt mich zum „Saint Antoine“, dem einzigen Hotel mit Bierbar im Keller und Blick auf das Starttor, entschuldigt sich und übernimmt die Zimmerrechnung.

 
© marathon4you.de 30 Bilder

Und deswegen bin ich hier:  72 km, 1500 Hm. Der  Tafraout Atlas Trail, kurz TAT, wird organisiert von dem 10fachen Marathon des Sables-Sieger Lahcen Ahansal. Die Strecke führt in einem weiten Bogen von 1000 Meter ü.M. bis hinauf auf 2000 Meter und wieder zurück. Es ist die zweite Austragung, die erste war vor zwei Jahren, ich hatte berichtet.

Zwei Stunden vor Startbeginn fällt der Strom aus. Das ist normal, dieser Tag ist es nicht. Es ist mein 300er Marathon/Ultra und meine Aufgabe besteht darin, alle 10-20 km kleine Geschenkkartons zu finden, die mit roten Flaggen, groß bedruckt  mit „300“, gekennzeichnet sind. Die Päckchen wurden Lahcen Ahansal gepackt. Das ist gut, denn er weiß, welche Verpflegung gut für mich ist.

In der Nacht sind fünfhundert Läufer angekommen, die laufen fast alle den Halben. Es geht nur darum, dabei zu sein, wenn alles, was Rang und Namen hat, hier in Tafraout anwesend ist. In Afrika läuft man lieber Qualität als Quantität, was mir  heute eine gewisse Medienaufmerksamkeit garantiert. Das Fernsehen hat berichtet: „ Juo Kerbiel fait son 300iem Marathon!“ Oder so.

22 Läufer stehen am Start, um den „Grand Trail“ zu machen. Ich werde,  wie schon  so oft, am Ende bester Deutscher sein. Drei Damen laufen mit: Aziza, die letzte Woche den Oman Desert Marathon über 165 km gewonnen hat (von dem habe ich letztes Jahr berichtet), Veronique, die Gewinnerin des Ancient Khmer Path (auch darüber habe ich schon berichtet) und Khali, die absolut unbekannt ist.

Favorit ist Hammou Moudouji, der im Januar in Marrakesch 2:18 gelaufen ist. Darüber habe ich, wen wundert´s, auch berichtet. Er ist - wen wundert´s - doppelt so schnell wie ich. Eine Minute langsamer, nämlich 5:14:17 wird Edahbi Nassar für die 72 km brauchen, die zwar die selben Daten wie der Rennsteig haben, aber mit diesem Schmalzbrot-Schleim-Schmuseevent nicht zu vergleichen sind.

Der Gouverneur entschuldigt sich nochmals bei mir und gibt dann den Startschuss. Es braucht rund 200 Meter, dann sind wir in der Natur, laufen durch die wunderbare Oase mit satten Palmen und kleinen Bachläufen hinunter ins Tal der Ammeln. Das Tal wird von 2000 Meter hohen Felswänden umarmt, ist 15 Kilometer lang und absolut ursprünglich mit seinen ockerfarbenen Lehmbauten und brennenden Müllhalden.

Das ganze Gebiet ist ursprünglich, die Frauen tief verscheiert. Was die männlichen Augen schützen soll, machen die schrillen Stimmen zunichte. Niemals! Niemals wieder werde ich an einer Siegerehrung in dieser Gegend teilnehmen, das hatte ich mir vor zwei Jahren geschworen. Dieses Jahr wird der gesamte Platz nach mir brüllen, dem 300er Helden, den Lahcen auf der Bühne bittet, aber Nein! Dickes Nein, in diesem Landesteil werde ich nie wieder Frauenstimmen lauschen, die mit einer 10 Meter langen Häkeldecke bedeckt sind und die gesamte staatliche Glasproduktion zum Bersten bringen.

 
© marathon4you.de 41 Bilder

Tief ausgewaschene Täler und junge Dattelpalmen mit ihren zu Dornen gewordenen Blättern bremsen meinen Lauf. Mit Jalal, dem kleinen Marokkaner, laufe ich nun seit sechs Jahren zusammen fast jedes Rennen in Marokko, er wird mir nicht mehr von der Seite weichen. Deswegen habe ich ihn oft auf den Bildern, wenn er nicht gerade in ein Auto gestiegen ist. Solche Schummeleien sind in Marokko normal, die Helfer zeigen einem die Abkürzungen oder beknien die Läufer, mit dem Auto zum nächsten CP zu fahren. Nur Spitzenläufer und Europäer haben ein Ehrgefühl. Die CP´s liegen 10-20 km auseinander, es gibt Wasser, manchmal Orangen, für mich Geschenkpackete.

Oft steht Militär an den PC´s (Point de Control), und wenn ich den Inhalt der Geschenkpackete in meinen Laufrucksack umpacke, wird kurz darauf beim nächsten CP angerufen, um die Nachricht zu verbreiten, ich sei unterwegs. 

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