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Laufberichte

Profis im Breitensport

27.10.13

Rein objektiv betrachtet, ist mein Bericht von vornherein subjektiv bis ins Mark. Nach zwei Einsätzen als Laufreporter war es in Luzern um mich geschehen. Weiß der Geier, was es war. Dem Bann dieses Marathons konnte ich mich nicht entziehen.

Mittlerweile stehe ich zum dritten Mal in Diensten des Veranstalters. Als Pacemaker darf ich meinen Beitrag zum tollen Angebot leisten. Während die Schnellsten ihre Schäfchen auf eine Zielzeit von knapp unter drei Stunden ziehen, bin ich als Nachhut eingesetzt. In aeronautischen Termen ausgedrückt, bin ich die Ju-52 der Pacemaker. Als unverwüstlicher 52-jähriger Junker sollte ich mit meinen Langsamflugeigenschaften die Leute ins Ziel begleiten, welche nicht auf der Flucht sind und nicht im Sinn haben, über die Strecke zu hetzen.

 
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Der Halbmarathon war schon vorzeitig ausgebucht, für den Marathon und den 5-Meilen-Lauf kann man sich vor Ort noch nachmelden. Wie viele das machen, ist mir nicht bekannt, ich binde ihnen aber ein Kränzchen dafür, dass sie sich bei dem Wetter nach draußen wagen.  Die Wetterpropheten haben sich diesmal ziemlich vertan, es ist nicht das gewünschte Sichtflugwetter, was da draußen abgeht. 

 
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Trotz strömendem Regen mache ich eine gute Stimmung im langgezogenen Feld vor der Startlinie aus. Ernesto und Rita würde ich auf ihrem Hochzeits-Halbmarathon besseres Wetter wünschen. Sie beide strahlen aber wie mindestens zwei Sonnen zusammen. Dazu kommt noch ihre ganze Begleitmannschaft mit Ghettoblaster auf Rollen im Schlepptau.

Um 9.00 Uhr startet die erste Welle zum Swiss City Marathon Lucerne, wie die Veranstaltung neu heißt. Zwanzig Minuten später mache ich mich mit dem letzten Block auf die Strecke. Diese Staffelung, in Kombination mit der breiten Straße, ermöglicht von Beginn weg ein Laufen im gewünschten Tempo.

Es gibt wenig Neues zu berichten, es ist wie bisher jedes Mal. Die Strecke ist so abwechslungsreich gegliedert, dass nie Langeweile aufkommen kann, die einzelnen Abschnitte folgen Schlag auf Schlag, dass keine Monotonie mentale Schwierigkeiten bereiten könnte. Das Publikum und die Musikgruppen sind zahlreich, die Streckensprecher am Schwanenplatz vor der und beim KKL nach der Seebrücke voll im Element, das Läuferfeld bunt und frohgemut und die Freiwilligen mit Engagement und Freundlichkeit dabei.

Neu ist eine kleine Streckenanpassung nach dem KKL auf der ersten Runde. Ein kleiner Schlenker wird ausgelassen, sonst bleibt alles gleich – mindestens vorerst und in Bezug auf die Strecke. Nicht so in anderer Hinsicht, denn heute habe ich einen besonderen Schützling im Schlepptau. Der stolze Vater ist nicht nur offizieller Pacemaker, sondern auch der private seines Sohnes auf dessen erstem Lauf überhaupt.

 
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Die Zuschauer und Anwohner an den verschiedenen privaten Partys und Verpflegungsangeboten rund um die Horwer Halbinsel lassen sich vom strömenden Regen bremsen, da können die Aufhellungen auf der anderen Seeseite noch so höhnisch ihre Strahlen durch die Wolkendecke zucken lassen. Es ist wie immer, die Strecke kommt mir viel kürzer vor als sie ist und gefühlsmäßig entsprechend schnell bin ich im Zentrum von Horw. Von da sind es gemessene acht Kilometer bis zur Halbzeit, dann ist für die Halbmarathonis der Spaß schon vorbei. Einige von ihnen werden darüber nicht unglücklich sein, denn meine Einsammelquote steigt von hier an exponentiell.

 
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Schrebergärten, Allmend, links, rechts, links und die Bahnhofseinfahrt ist schon in Sicht. Neben dem Bahnhof liegt das KKL, es ist also nur noch ein kurzes Stück zum nächsten Highlight. Sphärisch ist der Empfang im Konzertsaal, den die Hauptakteure heute nicht durch den Künstlereingang betreten. Die auf dem blauen Teppich werden von den Zuschauern gefeiert und weiter zum nächsten Höhepunkt gereicht, der neuen Schlaufe durch die Altstadt. An der Kapellbrücke, der Jesuitenkirche und dem Regierungsgebäude vorbei geht es über die Brücke in die Altstadt hinein. Der Führende und der Zweitplatzierte des Marathons, welche mich hier überrunden, haben nicht die Zeit für die Schönheit der Bauensembles, werden dafür am Schwanenplatz noch frenetischer begrüßt, als unser kleines Ballontrüppchen.

Meinerseits bin ich froh, nach der Unterquerung des Startbogens in umgekehrter Richtung nicht zum Verkehrshaus gehen muss, sondern die 180°-Wende auf die zweite Runde nehmen darf. In unserer Laufrichtung wirkt die Strecke nun ein bisschen ausgestorben, was aber durch die Stilstudien an den Entgegenkommenden mehr als wettgemacht wird. Zudem belohnt uns die Sonne jetzt plötzlich für unsere Ausdauer.

 
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Auf der zweiten Runde gibt es nach dem KKL den schönen Abschnitt unter einer im Sonnenlicht leuchtenden Allee und durch den Park am See. Wolken ziehen dafür für meine Schäfchen bei der Steigung nach 26 Kilometern auf. Nach und nach müssen sie abreißen lassen. Ich würde gerne bei ihnen bleiben, was mit meinem offiziellen Auftrag leider nicht vereinbar ist. Vereinzelt nehmen andere diesen Platz ein, lassen sich anschieben und mitziehen und können teilweise sogar wieder davonziehen. In Horw muss ich mich bei ein paar Zuschauern erklären, weshalb ich als Pacemaker alleine unterwegs bin.

 
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Meine Disziplin der Uhr gegenüber ist alleine nicht mehr so rigoros. Die letzten beiden einsamen Kilometer habe ich beschleunigt, da kommt ein Bedürfnis gerade recht. Die Alphornbläser und Helfer lachen schallend, wie ich ins blaue Örtchen verschwinde und dabei in einer zirkusreifen Aktion die Schnüre der beiden übergroßen Luftballons durch den oberen Türrahmen einfädle. Wenigstens kann niemand sagen, man hätte nicht jederzeit sehen können, wo ich war.

Seit Horw ist die Strecke wieder belebter, denn die Fünfmeiler leisten uns Gesellschaft. Eine Gruppe von Feuerwehrleuten ist auch dabei – in voller Ausrüstung mit Atemschutz  wohlverstanden. Da laufe ich eindeutig lieber fünfmal so weit, dafür ohne.

Wenn ich nicht gerade wieder jemanden für einen Abschnitt im Schlepptau habe, muss ich auf die Bremse treten. Kurze Fotostopps und Abklatschen der in freudiger Erwartung ausgestreckten Kinderhände helfen mir dabei.

 
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Und dann genieße ich den Zieleinlauf unter dem Portal hindurch in den Eingangsbereich des Verkehrshauses und in den Innenhof hinaus, wo es auf den roten Teppich geht. Zuschauer, dicht an dicht, und unermüdliche Cheerleaders tragen auf den letzten Metern jeden Ankömmling ins Ziel und viele ans Ziel ihrer Träume. Ich war mit einigen jüngeren Semestern auf ihrem ersten Marathon oder Halbmarathon unterwegs und freue mich mit Ihnen, wie sie die Medaille umgehängt bekommen und später das langärmlige Finishershirt entgegennehmen.

Besonders stolz bin ich natürlich auf meinen Sohn. Im Vorfeld hat er in Anbetracht des geringen Vorbereitungsumfangs gemeint, dass er sich das nur einmal antue, doch schon im Ziel hat er seine Meinung geändert. Die Stimmung, die Atmosphäre, das ganze Drum und Dran hat ihn so begeistert, dass er eine weitere Teilnahme ins Auge fasst.

Ich habe noch niemanden getroffen, der sich dem besonderen Reiz dieser Veranstaltung entziehen kann. Kein Elitefeld mit bekannten Namen, keine Rekorde, keine Fernsehübertragung, nichts dergleichen. Doch die ganze Organisation dahinter mit mindestens der gleichen Professionalität und ganz viel Herzblut und Emotionen dazu. Die Masse der Läufer (übrigens mit neuem Finisher-Rekord) sind nicht Finanzier der Weltelite, sondern willkommene Gäste, die im Mittelpunkt stehen, und um die sich alles dreht.

Der Swiss City Marathon Lucerne, ehemals Lucerne Marathon, ist – um die mir zum Hals heraushängenden Schlagworte zu gebrauchen  - innovativ und nachhaltig, ohne das mit eben diesen Wörtern plakativ verkünden zu müssen. Und jedes Jahr fällt den lieben Leuten wieder etwas ein, um das Gute noch besser zu machen. 

Das ist für mich die Schweiz, wie ich sie mag und wie sie hoffentlich bleibt und auf welche ich, der ich mich sonst gegen patriotischen Dünkel wehre – auch stolz bin.

 

Informationen: SwissCityMarathon Lucerne
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