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Laufberichte

Nichts ist Zufall

 

Der Name Luzern steht für Vieles. Für Besucher aus dem Ausland in erster Linie für die Attraktivität der Leuchtenstadt. Woher der Name Leuchtenstadt kommt? Sicher ist, dass man sich dessen nicht so sicher ist. In der Sendung „Schwiiz und dütlich“ wurden vor einem Jahr folgende Erklärungen präsentiert:

„Die genaue Herkunft des Stadtnamens Luzern sei zwar nicht geklärt, mit der Leuchte habe er aber wohl nichts zu tun. Viel eher sei die Kleesorte Luzerne für den Zunamen Leuchtenstadt verantwortlich. Der Pflanzenname geht zurück auf das lateinische Wort «lucere», was leuchten bedeutet.

Der Stadtname Luzern leitet sich mit grosser Wahrscheinlichkeit vom zusammengesetzten Wort Luciaria ab. Der erste Teil «lucius» meint Hecht, die Endung «-aria» ein Ort, an dem etwas in grossen Mengen vorkommt. Die ursprüngliche Bedeutung von Luzern wäre foglich ein «Ort, wo sich Hechte in grosser Zahl aufhalten».

Luzern ist der Name des Kantons und seiner Hauptstadt zugleich und ist seit geraumer Zeit in den Schweizer Medien mit Possen und Peinlichkeiten und ernsthaften Problemen vertreten, wobei dem Kanton und seinen Mehrheitspolitikern mit ihrer kopflosen Sparwut die übleren Dinge angelastet werden müssen. Den Beweis, dass der Name nichts mit Leuchten zu tun hat, erbringen sie genügend. Vermutlich fühlen sie sich dabei als tolle Hechte.

Die Geschichte mit den Bänkchen in der Stadt und mit der Farbgestaltung des Theaterplatzes, welche sich den Fahrradfahrern bei nassem Wetter als perfekte Rutsche präsentiert, sind da schon fast niedliche Randnotizen.

 

 
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Warum ich mich mit solchen Aussagen in einem Laufbericht dermaßen aus dem Fenster lehne? Ganz einfach: Es gibt in Luzern einen Gegenpol und der heißt SwissCityMarathon. Dessen Macher haben es seit Beginn verstanden, die Bedürfnisse ihrer Zielgruppe, den Breitensportler, in den Vordergrund zu stellen und alle Beteiligten ins Boot zu holen. Aus diesem Grund stehe ich nach zwei Teilnahmen als neutraler Berichterstatter in diesem Jahr aus Überzeugung zum wiederholten Mal als Pacemaker im Einsatz.

Wäre nicht die negative Konnotation des Wortes „umtriebig“, könnte man es für das stete Streben der Macher verwenden, jedes Jahr mit neuen Ideen und ihrer Umsetzung aufzuwarten. In diesem Jahr ist es, dass der Marathon ein Gastland hat. Entsprechend der bisher immer größten Gruppe ausländischer Teilnehmer ist es Deutschland. Und dann noch die Samstagsabend-Veranstaltung, auf welche ich sehr gespannt bin.

Aus diesem Grund reise ich bereits am Samstag an. Nicht nur in Ermangelung von Parkplätzen wähle ich dazu die Bahn, die Fahrkarte von jedem beliebigen Punkt in der Schweiz nach Luzern ist im Organisationsbeitrag inbegriffen. Das ist schon mal ein schönes Schnäppchen, da die Preise für Bahnreisen in der Schweiz nicht ganz ohne sind. Dafür werden ein guter Fahrplan und eine hohe Zuverlässigkeit geboten.

Im Hotel Schweizerhof hole ich meine Starunterlagen ab und tauche wieder einmal in den Vorfreude-Rummel ein mit Marathon-Messe, Pastaessen und dem Zusammentreffen mit Bekannten aus der Laufszene. Vor dem Hotel stehen Palmen und wer beim Blick auf den in der Sonne liegenden See mit den Bergen im Hintergrund nicht in Ferienlaune kommt, dem ist nicht zu helfen.

Etwa 300 Leute sind am Feierprogramm zu Ehren des Gastlandes dabei. Nebst urchiger Musik gibt es vom Chaostheater Oropax ein Lachmuskeln strapazierendes wortakrobtisches, direkt auf den SwissCityMarathon Bezug nehmendes  Bühnenprogramm. Schade, dass dieses kostenlose Angebot nicht von noch mehr Leuten genutzt wird!

Das Übersetzen vom Bahnhof Luzern zum Verkehrshaus über den Vierwaldstättersee ist immer wieder ein besonderer Moment am Morgen. Das Verkehrshaus ist das Bienenhaus des Marathons. Wer es nicht so mit Laufen hat, kann sich heute in diesem dynamischen Museum kostenlos umsehen und sich einen Eindruck verschaffen, welche Angebote sich an einem ruhigeren Besuchstag in welcher Reihenfolge der intensiven Begutachtung anbieten.

 

 
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Als Pacemaker erlebe ich auch eine Premiere. Statt wie bisher mit angeschriebenen Ballons werden wir mit angeschnallten Fahnen sichtbar gemacht.

Um 09.00 Uhr starten die ganz Schnellen, also diejenigen, welche die Titel als Schweizermeister im Visier haben. Zwei Minuten später die mit angestrebten Zeiten zwischen 3:00 bis 3:15. Danach geht es im Vierminutenrhythmus weiter, bis nach einer halben Stunde die Läufer mit Zielzeit über 5:00 auf die Strecke gehen. Die Aufteilung der Startblöcke ist ausgeklügelt und bietet Gewähr, dass es bei  der großen Masse von Startenden auf keinem Streckenabschnitt Engpässe gibt. Dem Zufall beziehungsweise dem Individuum selbst wird einzig die Tagesform überlassen.

Im zweitletzten Block können Yvonne und ich eine kleine Truppe um uns scharen und werden auf der langen Geraden der Startaufstellung Stück für Stück nach vorne geführt. Dann geht es auch für  uns los. Nach einer leichten Biegung geht es ziemlich gerade in Richtung Schwanenplatz. Es ist auch für mich nicht möglich, mich der tollen Stimmung zu entziehen. Auf diesen etwas zwei Kilometern spielen bereits mehrere Musikformationen auf und die Straße entlang  der edlen Hotels ist gesäumt von Schaulustigen. Auch mit der Erfahrung zahlreicher Marathons, einige davon auch als Pacemaker, muss ich den Blick auf die Uhr richten und sämtliche Bremsmechanismen aktivieren, um nicht der Versuchung zu erliegen. Eine Minute gewonnen sind zwei verloren, das Marathontier kennt da kein Pardon. Es fällt mir nicht einfach, die Rekuperationsbremse eingeschaltet zu lassen. Am Hotel Schweizerhof vorbei kommen wir zum Schwanenplatz, wo die Moderatoren so richtig warmgelaufen sind.

Über die Seebrücke geht es zum Bahnhof. Ich erinnere mich noch gut an die Berichterstattung in der Zeitung vom Bahnhofbrand als ich zehn Jahre alt war. Das alte Bahnhofportal steht wie ein Kunstwerk zwischen dem Seebecken und der gläsernen, von Santiago Calatrava entworfenen Fassade des jetzigen Bahnhofs. Diese kommt etwas diskreter daher als sein neueres Werk, das Oculus, der Bahnhof beim World Trade Center in NY, welchen ich vor zwei Wochen besichtigt habe.

Der nächste architektonische Leckerbissen ist gleich nebenan. Der Urheber des Kultur- und Kongresszentrum Luzern ist  Jean Nouvel. Sein Meisterwerk bekommt in diesem Moment nicht die gebotene Beachtung. Die Stimmung am Europaplatz zieht uns völlig in ihren Bann und es geht so weiter. Wenig später werden wir von Alphörnern mehrstrahlig beblasen. Swissness pur.

Die Begleitung durch Musikformationen ist allgegenwärtig. Über dreißig von ihnen sind im Einsatz. Auf dem Stadtgebiet ändern sie für mehr Abwechslung in einer durchgeplanten Rotation ihre Auftrittsorte. Habe ich schon erwähnt, dass nichts dem Zufall überlassen wird?

 

 
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Die Straße ist breit und die Staffelung der Teilnehmer geschickt gelöst. Die erste Steigung kann jeder mit so viel Anlauf nehmen, wie es seinem Gusto entspricht. Sie ist nur kurz und ihr schließt sich eine Gefällstrecke an, nach welcher nach ungefähr vier Kilometern seit dem Start die erste Getränkestation folgt. Wie immer ist sie logisch aufgebaut und gibt keine Rätsel auf. Für eine perfekte Verpflegungsplanung kann auf der Website ein Plan heruntergeladen werden, auf welchem  jedes Detail grafisch aufgeführt ist. Insgesamt gibt es auf den zwei Runden fünfzehn Verpflegungs- und Wasserstellen. Wer unter diesen Umständen in eine Dehydrierung hineinläuft, sollte vielleicht die Sportart wechseln und über Hallen-Halma nachdenken. Bei dem heutigen kühlen, feuchten Wetter erst recht.

Wo jetzt für einen Moment keine Leute an der Strecke stehen, kommt der Applaus aus den Fenstern und für die erste von zwei nahrhaften Steigungen  gibt es musikalischen Antrieb.

Mit einem sanften Rollen geht es auf die nächsten sechs Kilometer, während denen eine herbstliche und auch sonst bunte Kulisse die ebenso farbige Läuferschar in Szene setzt. Wiesen, Rebberge, der Vierwaldstättersee, Villen an exquisiter Wohnlage und die Strecke garniert mit Verpflegungsangeboten aus privater Initiative, Musik und immer wieder Gruppen von Zuschauern und Anwohnern, die jeden Vorbeikommenden feiern. Alles so fröhlich, freudig, entspannt und ohne Exzesse, einfach familiär.

Bevor es nach Horw ins Zentrum geht, führt die Strecke unmittelbar am See entlang und für einen Moment reißt ein Loch in der dichten Bewölkung auf und schickt einen Hauch von Sonnenlicht in unsere Richtung, während der Gipfel des Luzerner Hausbergs, der Pilatus, immer noch im Nebel versteckt liegt.

Das Herzen der Horwer Meile muss besonders auf der zweiten Runde erarbeitet sein. Die Straße dorthin steigt optisch fast unmerklich an, ist im Laufapparat dafür umso deutlicher zu spüren. Als Belohnung wartet eine gute Stimmung. Dem Wetter Tribut zollend, bleiben die meisten Bestuhlungen vor den Cafés und Restaurants zwar verwaist, doch die an den Banden stehenden, mit enthusiastischen Zurufen motivierenden Zuschauer sind weitaus mehr als nur Zaungäste. Ihr  emotionaler und mentaler Schub reicht länger als bis zum  nächsten kompletten Verpflegungsposten. Es ist kaum zu glauben, dass das erste Drittel des Marathons schon bald hinter uns liegt.

 

 
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Langweilig wird es auch weiterhin nicht. Es dauert nicht lange, da kommen das Spitzenfahrzeug und der Führende des Marathons auf seiner zweiten Runde. Als nächstes Highlight steht das Stadion des FC Luzern auf dem Streckenplan. Neudeutsch werden diese Bauten Arenen genannt, die Hausherren bewegen sich derzeit aber nicht wie Gladiatoren darin. Die Pendlerzeitung 20 Minuten meinte kürzlich sogar  „Luzern torkelt durch die Meisterschaft und steht vor schwierigen Wochen“.

In der Läuferschar sehe ich keine torkelnden Gestalten am Spielfeldrand, ganz im Gegenteil: In anderen Jahren habe ich jeweils zahlreiche Halbmarathonis eingesammelt, die das Pulver für das letzte Drittel schon verschossen hatten. Heute ist es eher so, dass zurückgehaltene Energie dosiert eingesetzt und unsere Pacemakergruppe überholt wird. Für die Zuschauer stehen die Tribünen und Spielerbänke offen, in den VIP-Räumlichkeiten kann man dem friedlichen läuferischen Treiben bei einem leckeren Brunch folgen. Für einmal braucht sich niemand vor dem Pyro-Gespenst in den Fanblöcken zu fürchten. Ob es Zufall ist, dass Polizisten lieber bei einem Marathon Sonntagsdienst leisten als bei einem Fußballspiel?

Im folgenden Wohnquartier ist für Musik und Applaus gesorgt. Die Richtungsänderungen wären allenfalls für die Weltelite auf der Jagd nach einem neuen Rekord hinderlich, die meisten Anwesenden in Läuferbekleidung haben damit nichts zu tun – das sage ich, ohne die Leistung derjenigen zu schmälern, die an diesem Tag um den Schweizermeistertitel laufen. Durch diese Art der Streckenführung gibt es keine öden langen Geraden und ehe man sich versieht, steht schon das nächste Kilometerschild.

Auf dem Rückweg ins Stadtzentrum bleibt man beim KKL nicht außen vor. Durch den Hintereingang geht es mitten durch das Gebäude. In der Mitte ist der in königlichem Blau gehaltene Teppich ausgerollt, rechts und links davon stehen hinter den Abschrankungen die Zuschauer dicht gedrängt und hinter ihnen sind weiß-blau geschmückte Tische mit Brezen auszumachen. Im Rahmen der Aktivitäten für das Gastland Deutschland ist ein Frühschoppen im Gang. Unser Joe würde über die Abschrankungen hüpfen – in der zweiten Runde vielleicht nur noch klettern - und ein paar zusätzliche Meter investieren…

Solche gibt es auch für Läufer auf dem Weg zum Schwanenplatz. Statt direkt über die Seebrücke zurück, ist dazu ein malerischer Umweg zu nehmen, den man als Sightseeing-Kondensat bezeichnen kann. Die pittoreske Altstadt, die weltberühmte Kapellbrücke, alles ist dabei.

 

 
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Es sind keine zwei Kilometer mehr bis zum Wendepunkt. Auf der Begegnungsstrecke kommen unsere stets gut gelaunten Pacemaker-Kollegen für 4:15 und 4:30 mit ihren Truppen entgegen. Die Freude, auf eine zweite Runde gehen zu können, ist ihnen anzusehen.  Ich hoffe, dass man die mir auch ansieht.

An dem Ort, wo es ruhiger wird, steht bereits das Kilometerschild mit der Zahl 24. Ruhiger heißt aber nicht menschenleer oder verlassen. Ganz im Gegenteil. Die Anfeuerungen, das musikalische Doping und die Betreuung an den Verpflegungsposten sind jetzt noch persönlicher, individueller, familiärer.

Der Programmablauf spielt meiner Zielzeit in die Hände. Das Timing ist so, dass wir zum Zeitpunkt des Starts des 10km-Laufs im Zentrum von Horw sind. Auf der Gegenseite bewegt sich der zweite Block langsam zur Startlinie und hat Zeit und Lust, uns für die restlichen gut acht Kilometer anzufeuern. Es dauert dann auch nicht lange, bis die Spitze an uns vorbeieilt, verfolgt von einer endlos scheinenden Masse.

In diesem Augenblick gibt es zwei Szenarien für den schon etwas matten Marathonläufer. Entweder lässt er sich durch den beträchtlichen Tempounterschied entmutigen und beginnt zu lahmen, oder er versucht sich den Sog vorzustellen, der ihn hinter diesen „Sprintern“ herzieht. Natürlich ohne sich zur Verausgabung verleiten zu lassen.

 

 
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Die dazugekommenen Läufer machen die Strecke noch kurzweiliger als sie sonst schon ist und die weiteren Fixpunkte der zweiten Runde fliegen regelrecht vorbei. KKL, Kapellbrücke, Altstadt, nochmals das ganze Programm, dann der Schwanenplatz mit Moderation und schon steht die große Flagge am Rand, die uns Kilometer 40 signalisiert. Einige unserer ständigen Begleiter spüren, dass sie noch Reserven haben und ziehen davon, während Yvonne und ich motivierend auf ein paar andere einzuwirken versuchen und sie tatsächlich dazu ermuntern können, sich von uns ziehen zulassen statt zu gehen.

In weiterhin gleichmäßigem Tempo erreichen Yvonne und ich den Zieleinlauf im Innenhof des Verkehrshauses. Über den roten Teppich fliegen wir förmlich dem Zielbogen entgegen und machen eine zeitliche Punktlandung. Wir lassen uns die schöne Medaille umhängen und treffen außerhalb des Zielbereichs strahlende, zufriedene Gesichter an, welche uns über die ganze Strecke begleitet haben und ihre gewünschte Zielzeit erreicht haben.

 

 

Ich wünsche mir, dass das kein Zufall ist und Yvonne und ich bei der 12. Austragung wieder viel Spass haben und anderen Teilnehmern helfen können, den auch zu haben. Wenn ich nicht am Start bin, dann müsst ihr euch Sorgen um mich machen…

 

 

Impressionen

 

(Klaus und Margot Duwe)

 

 
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Marathonsieger

 

Männer

1. Anrig Fabian                    2:27.22,8
2. Schäppi Simon                    2:31.42,0
3. Piller Jari                   2:33.37,2

Frauen

1. Inauen Franziska               2:52.49,0
2. Lohri Nicoled                  3:05.08,1
3. Gindrat-Keller Isabell          3:05.39,6

1371 Finisher

 

 

 

Informationen: SwissCityMarathon Lucerne
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