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Laufberichte

Kultverdächtig - der zweite Lucerne Marathon 2008

26.10.08

Das „zweite Mal" ist für einen Marathonveranstalter so etwas wie die „Stunde der Wahrheit". Denn hier zeigt sich, ob das Konzept des Premierenlaufs wirklich angekommen ist, ob die so wichtige Mundpropaganda in Läuferkreisen positiv ausgefallen ist und ob Aussicht besteht, sich im dichtgedrängten Marathonkalender gegenüber den etablierten Läufen behaupten zu können. Und so mancher Veranstalter eines Start-up-Marathons muss spätestens bei der zweiten Austragung erkennen, dass er über ein Nischendasein wohl nicht hinauskommen wird.

Die Macher des Lucerne Marathons müssen sich da keine besonderen Gedanken machen. Bereits der Erstling 2007 war mit rund 5.600 Finishern, davon immerhin fast der Hälfte auf der Marathondistanz, ein voller Erfolg. Und dass bei der zweiten Austragung am 26.10.2008 das gesetzte Limit von 7.000 Teilnehmern bereits Wochen vor dem Start erreicht wurde – und zwar trotz der nationalen Konkurrenz der am gleichen Tag stattfindenden traditionellen Marathons in Lausanne und Basel – ist eigentlich schon Beweis genug: Der Lucerne Marathon ist der neue Stern am Schweizer Marathonhimmel. Praktisch aus dem Stand ist Lucerne / Luzern gelungen, auf der Marathondistanz teilnehmermäßig zur Schweizer Nummer 3 (hinter Zürich und Jungfrau Marathon) aufzusteigen, beim Halbmarathon dürfte Luzern gar die Nummer 2 sein.

Die Rahmenbedingungen sind natürlich ideal: Die zentrale Lage in der Schweiz, das malerische Stadtbild, eingerahmt vom Vierwaldstätter See einerseits und von teilweise über zweitausend Meter hohen Bergen andererseits – das ist eine Kulisse, die allein schon dem Lauf eine besondere Attraktivität verleiht. Der Internet-Auftritt - u.a. mit virtuellem Streckenflug und Startplatztauschbörse - und die vorab versandte Läuferzeitung lassen zudem schon erahnen, dass in Luzern hochprofessionell an Organisation und Image gearbeitet wird. So bin ich sehr gespannt, ob meine Vorstellung vom Lucerne Marathon auch durch die Realität bestätigt wird.

Einstimmung auf Luzern

Mit knapp 60.000 Einwohnern ist Luzern nicht gerade eine Großstadt, aber das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum der Zentralschweiz. Bereits Anfang des 13. Jahrhunderts am Ausfluss der Reuss in den Vierwaldstätter See gegründet, hat sich die Stadt bis heute eine weitläufige, mittelalterlich geprägte Altstadt und damit ein ganz besonderes Flair bewahrt, der durch die umgebende Fluss-, See- und Berglandschaft zusätzlich verstärkt wird.

 
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Mit dem Bus gelange ich am Samstag vor dem Lauf vom idyllischen „Winkel“ im Nachbarort Horw, wo sich mein Marathonquartier befindet, schnell und direkt zum modernen Luzerner Hauptbahnhof und damit mitten hinein ins Stadtzentrum. Von hier sind es nur ein paar Schritte zum Wasser, wo mir sofort das Wahrzeichen Luzerns, die Kapellbrücke, ins Auge fällt. Auf etwa 170 Meter Länge verbindet die bereits aus dem Jahr 1332 datierende überdachte Holzbrücke mit dem markant-trutzigen achteckigen Wasserturm die Ufer der Reuss, allerdings nicht etwa auf dem direkten Weg, sondern in einer Art Schleife. Ein Großfeuer hatte die Brücke zwar 1993 in großen Teilen zerstört, doch wurde sie originalgetreu rekonstruiert. Besonders schön ist der Blick auf die Kapellbrücke und die an den Fluss grenzenden prächtigen Altstadtfassaden von der nahen Seebrücke aus, über die sich im Moment noch dichter Autoverkehr wälzt. Aber ich weiß schon: Morgen früh gehört die Brücke allein den Läufern und ich freue mich bereits jetzt, dass wir diese Streckenpassage gleich mehrfach laufen dürfen.

Nur ein Stück weiter, direkt am Seeufer, finde ich das 5-Sterne-Hotel Schweizerhof. Diese feudale Herberge ist - aufgrund der läuferischen Ambitionen ihres Direktors wohl nicht ganz zufällig - der zentrale Anlaufpunkt vor dem Marathon. Der Andrang hält sich trotz der beachtlichen Anmeldezahlen in Grenzen, was aber wohl auch daran liegen dürfte, dass die Abholung der Startunterlagen von Freitag bis Sonntag möglich ist und im Übrigen auf so etwas wie eine Laufmesse weitestgehend verzichtet wird. In einem Seitentrakt bekomme ich auf diese Weise ohne Warten meine Startnummer. Gegen Vorlage des "Pa(s)tata"-Bon erhalte ich in der Auffahrt des Hotels Nudeln und Rösti, die ich dann in stilvollem Ambiente im Innern des Hotels genießen darf - für mich eine ganz neue und durchaus ansprechende Pastaparty-Variante.

Über das Wasser zum Start

Der Luzerner Hauptbahnhof bzw. der zentrale Busbahnhof davor sind am nächsten Morgen das erste Ziel der meisten Läufer. Aus allen Himmelsrichtungen strömen sie per Bus und Zug herbei, um dann in einer langen Karawane zum Bootsanleger am benachbarten „KKL“ zu ziehen. Hinter diesem Kürzel verbirgt sich das Kultur- und Kongresszentrum Luzern, ein unmittelbar am Seeufer thronender futuristischer Riesenbau, dessen Fassadengestaltung von dunklen kubischen Elementen bis zu silbrigen Gitterfronten reicht, alles von einem weit überstehenden Flachdach überspannt – ein faszinierender optischer Kontrast zu der vorherrschenden Altstadtbebauung.

Am Bootsanleger legt ein Ausflugsboot nach dem anderen zur „Sonderfahrt“ an und wieder ab, um die wartenden Läufer über den See zu dem östlich des Stadtzentrums gelegenen Verkehrshaus zu bringen. Die, wie jegliches öffentliches Verkehrsmittel am Lauftag kostenlose Überfahrt über das stille Wasser ist ungemein entspannend. Man merkt förmlich, wie sich diese Ruhe auf die Läufer überträgt – auch das ist für mich eine ganz neue Marathon-Erfahrung.

Mit der Ruhe ist es allerdings vorbei, als wir das Boot nach zehn Minuten wieder verlassen. Jenseits des grünen Uferparks am Bootsanleger wird der langgezogene, massige Block des Verkehrshauses, eines der größten Verkehrsmuseen weltweit, und heute Start- sowie Zielpunkt des (Halb-)Marathons sichtbar. Das Ziel der meisten Ankömmlinge ist aber noch nicht das hinter dem Museum auf der Haldenstraße befindliche Startgelände, sondern die einige Gehminuten weiter entfernte Würzenbachschule. Hier sind Umkleide, Gepäckablage und ein gesondertes Wertsachendepot in den Schulräumen sowie in zusätzlich aufgebauten Zelten untergebracht. Groß ist der Rummel, zumal die hochnebelbedingte feuchte Kälte nicht unbedingt zur frühzeitigen Startaufstellung motiviert, doch ein warmes Plätzlein findet jeder.

Erst zwanzig Minuten vor dem Start wird es richtig voll auf der Haldenstraße. Je nach angepeilter Zielzeit hat man die Wahl zwischen verschiedenen Blöcken, wobei bei der Aufstellung zwischen Voll- und Halbmarathonläufern nicht weiter differenziert wird. Die Starter für die halbe Strecke, eindeutig in der Mehrheit, tragen lediglich ein zusätzliches Rückenschild mit der Aufschrift „Ich laufe eine Runde“. Die Teilnehmer des Schnuppermarathons über 13 km sammeln sich im hintersten Block. Ein „Speaker“, wie die Schweizer die Veranstaltungsmoderatoren nennen, heizt, untermalt von flotter Musik , die Stimmung an.

Und los geht’s

Um Punkt 9 Uhr ist es soweit: Der Startschuss treibt die Läufer des ersten Blocks (Marathon unter 3:00 Std., Halbmarathon unter 1:30 Std.) auf die Strecke. Zwei Minuten später ist es für den zweiten Block und damit auch für mich soweit. Die Läufer unter 3:30 bzw. 1:45 werden auf die Piste geschickt. Der dritte und vierte Block folgen in weiteren Zwei-Minutenabständen, etwas zeitverzögert starten um 9.15 Uhr die „Schnupperläufer“. Der Blockstart, die Breite der Haldenstraße und der Umstand, dass es die ersten 1,5 km einfach geradeaus geht, ermöglichen von Anfang an ein entspanntes Loslaufen.

Auf den ersten Kilometern erwartet uns sogleich „Sightseeing pur“: die Hotelpaläste in der Haldenstraße, die Prunkfassaden am Schweizerhofquai, dann linkerhand der See. Ihren optischen Höhepunkt erreicht die Kulisse am Schwanenplatz, von dem die Hauptgassen der Altstadt abzweigen, und gleich danach auf der Seebrücke, wo sich uns das berühmte Panorama mit der Kapellbrücke und der sich entlang der Reuss bis weit zum Horizont hinziehenden Altstadt bietet. Nur auf den passenden Hintergrund in Form von Bergen müssen wir leider verzichten: Gerade mal etwa hundert Meter über uns hält sich hartnäckig die Hochnebelwand.

 
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Jenseits der Seebrücke erwartet uns mit dem KKL bei km 2 gleich der nächste Höhepunkt. Über den Europaplatz und unter dem gigantischen Vordach des KKL hindurch laufen wir auf aquamarinblauen Teppichbahnen dahin – das hat was!. Obwohl es noch relativ früh am Morgen und empfindlich kühl ist, zumindest, wenn man nur Zuschauer ist, sind es wohl schon Tausende, die uns in der Innenstadt begeistert zuklatschen und anfeuern. Dazu spielt alle paar Hundert Meter bereits die Musik auf – fantasievoll „schräg“ gekleidete Guggenmusiken, Blechbläser- oder auch Steeldrum-Bands, alles live und ohne elektronische Verstär-kung. 21 Musikgruppen sollen es sein, die entlang der Laufstrecke bzw. auf 21 km postiert sind, ein Drittel davon allein bereits auf den ersten beiden Kilometern. Bei so viel Jubel und Trubel gleich nach dem Start frage ich mich, wie das wohl weitergehen wird.

Rund um die Horwer Halbinsel

Am KKL vorbei erwartet uns vor dem Radisson Hotel noch eine Dutzendschaft Alphornbläser, deren getragenen Klänge uns auf den nächsten Streckenabschnitt einstimmen - denn nun wird es schnell ruhiger. Wir laufen eine wunderschöne, herbstlich eingefärbte Allee am See entlang und durchqueren die Außenbezirke der Stadt. Hier merkt man dann doch, dass Luzern, so mondän und herrschaftlich es im Stadtzentrum wirkt, eben keine Großstadt ist.

Informationen: SwissCityMarathon Lucerne
Veranstalter-WebsiteE-MailErgebnislisteFotodienst Alpha FotoHotelangeboteOnlinewetterGoogle/Routenplaner

Eine erste konditionelle Herausforderung erwartet uns kurz hinter km 5. 20 Höhenmeter gilt es zu bewältigen und zwei Kilometer weiter sind es noch einmal 30 Höhenmeter. Der noch immer dichte Läuferstrom nimmt diese Hürden relativ locker, zumal es eher moderat bergan geht. Auf dem jeweils folgenden Gefälle können wir es dann umso schneller laufen lassen. Die Straße windet sich in sanften Kurven durch die Landschaft. Wald und Wiesen wechseln einander ab, dazwischen liegen kleine Ansiedlungen und immer wieder stolze Villen mit Blick auf den See. Zuschauer sind hier eher dünn gesät, aber wo sie sich zumeist in Pulks einfinden, vor allem in den kleinen Orten wie Langensand, St. Niklausen und Kastanienbaum, machen sie sich umso lautstärker bemerkbar. Dies gilt auch für die Guuggenmusigen mit so – zumindest für nichtschweizerische Ohren - eigenwilligen Namen wie "Nölli Grötze" oder "Rüssbölle", die sich hier positioniert haben.

Hinter dem Weiler Kastanienbaum bei km 9, kurz vor dem Südende der Horwer Halbinsel, schwenkt die Straße dann unmittelbar zum Seeufer hinab und die folgenden beiden Kilometer direkt entlang der Uferlinie sind die naturverbundensten und einsamsten auf der gesamten Strecke. Ein herrlicher Blick eröffnet sich über den See. Nur will der dichte Hochnebel auch weiterhin nicht weichen und so kappt das Grauweiß der Wolkendecke gerade mal 100 bis 150 Meter über uns abrupt das Bergpanorama. Die damit verbundene Kühle macht das Laufen natürlich sehr angenehm, andererseits wären ein paar Sonnenstrahlen doch recht schön gewesen. Trotzdem - ich genieße gerade auch diese entspannte Passage sehr.

Durch Horw

Bei km 11 erreichen wir "Winkel", einen malerischen und, wie der Name schon sagt, recht versteckt am See gelegenen Ortsteil von Horw, der südlichen Nachbarstadt Luzerns. Wir passieren die kleine Dorfkirche und einige besonders schöne alte Holzhäuser.

Mit der Beschaulichkeit hat es jedoch schon bald ein Ende. In der Ferne hören wir bereits eine lärmige Geräuschkulisse, deren Ursache sich spätestens mit Erreichen der Kantonsstraße, der Horwer Hauptdurchgangsstraße, offenbart. Dichte Zuschauerreihen geleiten uns lautstark, unterstützt von Ratschen und Kuhglocken, ins Ortszentrum Horws hinein. Je näher wir dem Ortskern rücken, desto größer wird das Spektakel. Ein großer, allerdings noch verwaister Zielbogen markiert bei km 13 den Einlauf für die 13 km-„Schnupperläufer“. Drum herum herrscht Volksfeststimmung, die Musik spielt und ein Speaker moderiert das Ganze. Ich bin fasziniert, wie die Bevölkerung selbst außerhalb Luzerns diesen Marathon unterstützt, sich mitreißen lässt und sich die Emotion im Wechselspiel zwischen Läufern und Zuschauern geradezu hochschaukelt.

Jenseits des Ortszentrums lässt die dichte Bebauung und der Trubel schnell nach. Wir durchqueren eine Schrebergartensiedlung, ein kleines Wäldchen und bei km 15 das weite Sportgelände von Allmend. Danach tauchen wir wieder in die Vororte Luzerns ein. Etwa bei km 17,5 erreichen wir wieder vertrautes Terrain: Die herbstliche Allee am Seeufer, die wir nun allerdings in umgekehrter Richtung stadteinwärts belaufen.

Die Straße ist ab hier in der Mitte durch farbige Kegel abgeteilt, was ich zunächst gar nicht bemerke, da die abgetrennte Hälfte von Zuschauern bevölkert wird. Der tiefere Sinn der Abtrennung wird aber wenig später hör- wie sichtbar: Mit schrillen Trillerpfeifentönen scheucht eine Vorhut von Radfahrern die Zuschauer von der Straße, es folgt ein Auto mit Filmkamera und diesem wiederum das Terzett der Spitzenläufer. Hinter diesen herrscht jedoch zunächst einmal gähnende Leere, in weiten Abständen tröpfeln vereinzelte weitere Läufer hinterher. Wie ich schon aus dem Streckenplan weiß, wird dieses Nebeneinander von stadtein- und stadtauswärts Laufenden bis zur Marathonwendemarke und damit auf einer Strecke von insgesamt etwa 7 km andauern.

Im Hexenkessel von Luzern

Schnell nähern wir uns wieder dem Innenstadtbereich. Bei km 19 ragt das KKL vor uns auf. Und auf einmal bricht die Hölle los. Beidseits des durch Absperrgitter relativ eng begrenzten Streckenkorridors empfangen uns in dichtgedrängten Reihen Tausende von Zuschauern, noch sehr viel mehr und noch sehr viel emotionaler als bei unserem ersten Durchlauf nach dem Start. Der Lauf über den blauen Teppich vor dem KKL wird für uns fast so etwas wie ein Triumphzug und wäre eines Zieleinlaufs würdig gewesen. Musik und ein Speaker heizen auch hier die Stimmung zusätzlich an. Ich bin begeistert. Und es geht so weiter – über den Europaplatz, die Seebrücke und den Schwanenplatz. Überall tost uns vor der grandiosen Kulisse Luzerns der Applaus entgegen, kocht die Stimmung geradezu. Die Stadt scheint förmlich Kopf zu stehen. 45.000 sollen es gewesen sein, wie ich später hören werde, die diesen Hexelkessel verursacht haben. Ich fliege geradezu über den Schweizerhofquai und die Haldenstraße hinab dem Verkehrshaus entgegen.

1:37 Std. zeigt die Uhr für mich an, als ich die Zeiterfassungsmatten bei km 21,1 überquere. Dahinter teilt sich die Strecke: Die Halbmarathonläufer werden in den Zielauslauf, die Marathonläufer zur Wendemarke geleitet. Nach einer 180-Grad-Wende geht es für mich sogleich in die zweite Runde und über die Haldenstraße zurück in Richtung Stadtzentrum. Dass immerhin etwa drei Fünftel der Läufer aus dem Feld gefallen sind, merke ich zunächst kaum. Aufgrund der nun dichten Reihen der mir entgegen kommenden Läufer fühlt sich das Läuferfeld weiterhin kompakt an.

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Selten habe ich mich bei einem Marathon ab der Halbzeitmarke so auf das Weiterlaufen gefreut wie hier. Ich fühle mich gut und genieße das Spektakel. Zum dritten Mal geht es für mich über die Seebrücke, zum dritten Mal am KKL vorbei. Und wieder jagt mir die Stimmung gerade am KKL einen Schauer über den Rücken. Die Kilometer 19 bis 23 in Luzern sind unvergleichlich und mit Sicherheit ein Grund, allein deswegen hier einmal dabei zu sein.

Die zweite Runde

Erst ab km 24,5, dort, wo die Schlange der langsameren Läufer der ersten Runde auf die der zweiten Runde trifft, sind die Marathonis ganz unter sich. Hier wird es ruhig, und zwar richtig. Erst hier wird mir wirklich bewusst, wie dünn das Band der verbliebenen Läufer geworden ist, wie viel Platz ich auf einmal habe, wobei ich mich auch vorher nie wirklich beengt gefühlt habe. Erneut muss ich die 50 Höhenmeter der beiden Steigungen bezwingen und mir eingestehen, dass das nun längst nicht mehr so locker wie bei der ersten Runde geht. Einige der Mitläufer schwenken gar zum Gehen um, aber soweit will ich es nicht kommen lassen. Den Pacer für eine Zielzeit von 3:15 Stunden, an dem ich mich in einem Anflug von Übermut trotz der Fotografiererei bislang orientiert hatte, muss ich aber ziehen lassen.

Umso mehr schätze ich auf der zweiten Runde die Streckenverpflegung. Sechs Verpflegungsstationen sind entlang der Strecke (ohne Ziel) aufgebaut, eine zusätzliche für die Marathonis kurz nach der Wendemarke. Damit habe ich immerhin 13 Mal die Gelegenheit, „nachzutanken“. Wasser gibt es an allen, Iso-Getränke an fast allen sowie Bananen und Energieriegel an vielen Stationen, letztere zusätzlich vor allem auf der zweiten Streckenhälfte. Zwei Mal werden Gels ausgegeben. Die Ausgabestellen bzw. das jeweilige Angebot sind gut markiert und – soweit möglich – beidseitig der Strecke postiert. Die vielen Helfer sorgen dafür, dass die Ausgabe reibungslos funktioniert. Alles in allem also: einfach perfekt.

Hinter Kastanienbaum ab km 30 wird die Einsamkeit noch ein wenig größer. Am See entlang höre ich außer Vogelgezwitscher und dem leisen Getrappel der Schuhe keine anderen Geräusche mehr. Die Sicht über den See hat sich leider nach wie vor nicht gebessert, dennoch empfinde ich dieses Streckenstück, gerade auch als Gegensatz zu den Volksaufläufen in Luzern und Horw, als eines der schönsten und entspannendsten des Rundkurses.

In Horw werden wir erneut mit viel Beifall empfangen, auch wenn man schon ein wenig merkt, dass es nicht mehr ganz so viele wie bei der ersten Runde sind, die am Straßenrand stehen und vielleicht auch ein wenig der Elan vergangen ist. Dafür werden wir vom Speaker nun persönlich mit Namen beim Durchlauf des Ortszentrums bei km 34 begrüßt.

Und weiter geht durch das nun schon fast vertraute Horwer Umland und über Allmend zurück nach Luzern. Meine Beine werden immer schwerer und ich habe nicht mehr allzu viele Blicke für das übrig, was sich um mich herum tut. Einen Motivationsschub bedeutet es für mich allerdings, als wir bei km 38,5 wieder in die Uferallee einbiegen und ich freue mich schon auf das vierte und letzte Mal, die Innenstadt zu durchqueren.

Und tatsächlich: Kaum erreiche ich bei km 40 das KKL, ist es wieder soweit. Gejubel, Gejohle, Geschrei. Einmal noch lasse ich mich von den Wogen dieser euphorischen Stimmung tragen, über die Seebrücke hinweg und auf die lange Zielgerade über Schweizerhofquai und Haldenstraße.

Das Finale

Auf den letzten paar hundert Metern verengt sich der Laufkorridor zunehmend. Fast auf Tuchfühlung mit den Zuschauern, die uns auf den letzten Metern anfeuern, mobilisieren die Läufer und auch ich ein letztes Mal ihre Energien. Immer lauter dringt die Musik und die Stimme des Speakers aus dem Ziel zu uns. Etwa 150 Meter vor dem Ziel mündet der Laufkorridor in eine breite, abgesperrte Rampe mit leuchtend orangefarbenem Bodenbelag. Vor dem finalen Zielbogen begrüßt eine Gruppe Cheerleaderinnen tanzend die Ankömmlinge. Was für ein farbenfroher und fröhlicher Empfang!

 
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Und dann ist es geschafft. Im Ziel begrüßt und beglückwünscht OK-Präsident Hansruedi Schorno die Finisher persönlich per Handschlag. Neben der Medaille erhalten wir als zusätzliches Finisherpräsent in diesem Jahr  - praktisch zur anstehenden Jahreszeit – eine Laufmütze. Nicht nur im Ziel, sondern auch dahinter wird kräftig weitergefeiert. Hier sammeln sich zwischen diversen Ständen, wo es reichlich zu essen und zu trinken gibt, die Läufer und Begleiter zum finalen Happening.

Zu guter Letzt taucht auch noch das einzige, was ich heute ein wenig vermisst habe, auf : Die Sonne. Im warmen Nachmittagslicht leuchten die Farben und auf der Rückfahrt mit dem Boot zum KKL kann ich auch endlich das Bergpanorama um den Vierwaldstätter See genießen.

Über 6.200 LäuferInnen erreichen bis zum Zielschluss, d.h. innerhalb ambitionierter 5:30 Std. im Marathon und großzügiger 3 Std. im Halbmarathon, das Ziel am Verkehrshaus; hinzu kommen noch 320 LäuferInnen, die den 13 km-„Schnupperlauf“ in Horw beenden.

Die Zahl der Marathon-Finisher ist dabei gegenüber 2007 von 2.700 auf 2.300 gesunken, die der Halbmarathonis dafür von 2.260 auf 3.900 kräftig gestiegen – eine Tendenz, wie sie auch der wohl in einer ganzen Reihe von Aspekten vergleichbare Marathon im deutschen Freiburg gezeigt hat.

Die Siegerzeiten im Marathon bei Männern wie Frauen (Pius Hunold in 2.31:35 und Stefanie Schilling in 3:00:10, beide aus der Schweiz) sind nicht gerade – sagen wir es mal – internationale Spitze, doch verzichtet der Veranstalter ganz bewusst auf Start- und Sieggelder und fördert stattdessen das Konzept des „local heroes“ aus dem Kreis der Breitensportler.

Dass man auf der Strecke durchaus schnelle Zeilen laufen kann, habe ich quasi am eigenen Leib erleben dürfen. Trotz der Steigungen und meiner Fotostopps bin ich mit 3:22  gerade einmal zwei Minuten unter meiner „PB“ geblieben, sodass sich für mich fast zwangsläufig die Frage aufdrängt, ob ich es hier nicht noch einmal ohne Fotostopps versuchen sollte ....

Mein Fazit

Luzern ist großartig – nicht nur als touristisches-, sondern auch als Marathonziel. Die tolle, abwechslungsreiche Strecke, das wunderbare Publikum und eine perfekte Organisation, was will man mehr?!

In der Schweiz hat Luzern den „Geheimtipp“-Status schon längst verlassen und angesichts des Zuspruchs fast schon so etwas wie „Kult“-Status erreicht. In Deutschland hat sich dieser Top-Marathon anscheinend noch nicht so sehr herum gesprochen, was die Quote von gerade mal 5 % bzw. 350 Teilnehmern zeigt. Aber ich muss kein Prophet sein, um festzustellen, dass sich das in den nächsten Jahren schnell ändern dürfte.

 

Informationen: SwissCityMarathon Lucerne
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