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Laufberichte

Ich kann es nicht lassen

 

Ich bin ab sofort dafür, dass über dem Eingang eines jeden Baumarkts in großen Lettern die Warnung prangt: „Heimwerken kann Ihren Marathon gefährden!“ Der Maurer hat mir dringend geraten, noch vor Einbruch des Frosts eine Mauer freizulegen und  abzudichten, damit sie in Zukunft keinen Schaden mehr nimmt. Gesagt, getan. Die handwerklichen Gene meines Vaters haben nicht in der ganzen professionellen Fülle in mir durchgeschlagen, doch für eine solche Arbeit reicht es alleweil.

Vor der Ankunft des Orkans muss noch schnell die zweite Dickschicht aufgetragen und die Baugrube wieder abgedeckt werden. Schnell eben, und dabei ist es passiert. Im Moment war von der unglücklichen Drehbewegung nicht viel zu spüren, auf der anschließenden kurzen Einheit auf dem Laufband dafür umso mehr.

Bänder, Innenmeniskus? Keine Ahnung, ich bin dafür nicht der Profi, sondern auch nur Heimwerker. Aber ich habe noch ein bisschen Profigerät im Werkzeugkasten mit dem roten Kreuz. Ich muss das bis Sonntag hinbekommen, dann ich bin für meine Zielzeit der einzige Pacemaker. Nicht antreten ist keine Option.

 
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Vierzig Minuten vor dem Start meines, des letzten, Blocks, stelle ich mich am Schluss der Aufstellung hin. Irgendwie komme ich mir da hinten ganz verloren vor, wie ich da so dastehe und mir einzureden versuche, dass mit meinem linken Bein alles in bester Ordnung sei und dabei nur das rechte belaste. Ich komme mir vor wie bei August Heinrich Hoffmann von Fallersleben:

Ein Männlein steht im Felde ganz still und stumm,
Es hat aus Funktionstuch ein Mäntlein um.
Sagt, wer mag das Männlein sein,
Das da steht im Feld allein
Mit dem giftig grünen Mäntelein.

Das Männlein steht im Walde auf einem Bein
Und hat auf seinem Haupte ein schwarz Käppelein,
Sagt, wer mag das Männlein sein,
Das da steht im Feld allein
Mit dem kleinen schwarzen Käppelein?

Das Männlein dort auf einem Bein
Mit seinem grünen Mäntelein
Und seinem schwarzen Käppelein
Kann nur der Pacer Daniel sein.

Aus meiner relativen Verlorenheit reißt mich Marco heraus. Im Vorfeld habe ich ihn gefragt, ob er auf einen kurzen Schwatz vor dem Start zuhinterst vorbeikomme. Mit meinen beiden blauen Ballons am schwarzen Käppelein bin ich kaum zu übersehen. Später kommt auch Bruno zu mir. Er ist als Guide unterwegs und bringt mir eine Wegzehrung mit, ein einzeln verpackter Keks von Wernli. Ich muss losprusten, dass er den Running Gag meiner Berichterstattung vom Napfmarathon wieder aufgenommen hat.

Weit vorne wird der erste Block auf die Strecke geschickt, irgendwann höre ich den Schweizer Psalm.  Langsam aber sicher werde ich auf meine Funktion als Pacemaker angesprochen. Es scheint, als wäre ich nicht umsonst angetreten und hoffe, dass mein Fahrwerk hält, damit ich den angebotenen Dienst bis ins Ziel bringe. Die Hirnzellen müssen ebenfalls durchhalten, denn die frisch aufgeladene GPS-Uhr zeigte gleich von Beginn weg die Batteriewarnung. Glücklicherweise nur für zwei Minuten – dann ist Schluss. Wenigstens noch weit bevor ich die Startlinie überquere, so habe ich genug Zeit, um die – offenbar einer Eingebung folgend – ebenfalls mitgeführte Steinzeit-Stoppuhr zu aktivieren. Jetzt ist Kopfrechnen angesagt.

Auf dem ersten Kilometer formiert sich eine kleine Truppe um mich herum und ich muss mich fest auf das Gefühl verlassen, wie schnell ich loslaufe. Ich stelle mir zwei Handbremshebel vor, an welchen ich dauernd ziehe. Mit diesem Trick bin ich nach zwei Kilometern gut im Trab, obwohl der Riesenandrang von Zuschauern eine aufpeitschende Wirkung hat.

Ich weiß, dass ich mich wiederhole: Mir gefällt es einfach. Ich kenne die Strecke und kann den Swiss City Marathon-Neulingen  schon im Voraus sagen, was sie nach der nächsten Biegung erwarten können. Wenig ist das nicht. Irgendwann um das erste Sechstel herum höre ich ein besonderes Kompliment: „Unsere Trainerin sagte, dass es in Luzern die besten Pacemaker gibt und darum für ein Debut ideal ist!“ Dieses Kompliment gebe ich gerne  den anderen Fröschen mit dem grünen Mäntelein und der gelben Aufschrift weiter.

Obwohl ich jede Biegung, jede Steigung, jedes Gefälle und jede Anwohnerparty kenne, empfinde ich die Strecke als äußerst abwechslungsreich und kurzweilig. Vielleicht auch gerade deswegen. Ein großer Teil der ersten Runde vergeht im Flug.

 
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Kurz vor dem stimmungsvollen Durchqueren des KKL überholt uns der Führende. Jedem das Seine. Für uns reicht es so. Mein Knie ist ganz artig und meine Begleiterinnen lächeln und wirken locker. So überqueren wir die Reussbrücke auf dem roten Teppich. Wasser- und Ballonbogen in den Nationalfarben über uns, der Blick auf ein schönes Riegelhaus auf der anderen Seite, rechts der Blick zur Kappelbrücke, das ist mehr als das, was die zahlreichen Touristen von Luzern erwarten. Von ihnen stehen auch viele am Straßenrand und lassen sich von der Stimmung anstecken.

Aus der Altstadt heraus geht es auf den Schwanenplatz und zurück zum Ausgangspunkt. Zwei Kilometer Begegnungsstrecke geben mir die Gelegenheit, meine Pacemaker-Kumpels von 4:15 und 4:30 zu grüßen.

Die Halbmarathonmarke passieren wir genau zur vorgesehenen Zeit und ich nicht nur auf einem Bein. Bis zum Schwanenplatz ist immer noch High Life, nachher sind die Zuschauerreihen nicht mehr so dicht. Verständlich, ist doch die große Maße nach einer Runde schon ins Ziel gelaufen und sind wir in der zweiten Runde mit der angepeilten Zielzeit fast schon so etwas wie die Nachhut.

Meine Begleitung scheint immer noch gut drauf zu sein. Ich hoffe, dass der „Heart Break Hill“ bei Km26 niemanden von ihnen in die Knie zwingt. Klappt nicht ganz und die zweite heftigere Steigung auf der Runde tut danach das ihre. Während ich in meinem Tempo weiterlaufe, wird der Abstand nach hinten schleichend größer. Corinne rückt nochmals nach und verabschiedet sich dann nach 32Km von mir.

Als Pacemaker allein auf weiter Flur, das ist der härteste Teil des Jobs. Die laufend am Streckenrand gestellte Frage „Wo hast du deine Leute?“  ist ermüdend. Dem Streckensprecher in Horw kann ich auf die nicht vorwurfsvolle Nachfrage die Situation erklären. Da alle ehemaligen Begleiter eine sub -5-Zeit anstreben, kann ich darauf hinweisen, dass sie mit dem schon erarbeiteten Vorsprung auf die Marschtabelle ihr Ziel erreichen werden (und damit bin ich tatsächlich hilfreich…).

 
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Nach der Allmend treffe ich auf solche, die im Block zuvor gestartet sind, ihrem höheren Anfangstempo nun aber Tribut zollen. Einige von ihnen kann ich auf dem Weg zurück zum KKL und durch die Altstadt ins Schlepptau nehmen. Auch auf der langen Gerade der letzten zwei Kilometer weckt mein Erscheinen da und dort auch nochmals die Laufgeister. Ich muss aufpassen, dass ich mich nicht anstecken lasse und schneller werde. Ganz gelingt es mir nicht, deshalb kann ich allen beim Einmarsch durch das Eingangsgebäudes des Verkehrshauses auf den roten Teppich im Innenhof den Vortritt lassen und den Zieleinlauf genießen, wie wenn es das erste Mal wäre. 4:44:irgendwas hatte ich geplant, passend zu meinem 144. Langen Kanten. Eine Minute zu früh komme ich an, was in Anbetracht des Fehlens der GPS-Unterstützung und meinen mathematischen Fähigkeiten (auch ein Running Gag…) im Rahmen der tolerierbaren Abweichung ist.

Wichtig ist für mich, dass fast alle, die meine Unterstützung in Anspruch genommen haben, in weniger als fünf Stunden ihren ersten Marathon beendet haben, wohlverstanden mit zehn und noch mehr Minuten Reserve.

Ganz besonders freue ich mich für Corinne, Claudia und Gabriela, die – welch ein Zufall – in meiner Gegend wohnen, gemeinsam trainiert haben und ihren Erstling mit einem Strahlen und berechtigtem Stolz nach Hause gebracht haben. Es würde mich nicht verwundern, wenn ich sie nächstes Jahr in Luzern wieder auf der Strecke sehen würde.

Übrigens, den kurzen Fußmarsch zum Duschzelt mit heißem Wasser  bekomme ich fast problemlos hin. Muskulär bin ich wieder so weit, dass ich nach der Marathondistanz locker gehen kann. Jetzt muss ich nur noch die Sache mit dem Heimwerker-Knie richten können, dann gibt es wieder häufiger Laufberichte von mir. Ehrlich gesagt, verzichte ich lieber aufs Heimwerken als auf Marathon-Basteleien.

 

Weiterer Laufbericht von Klaus Sobirey 
mit vielen Bildern

 

 

Informationen: SwissCityMarathon Lucerne
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