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Laufberichte

La Via Dolorosa

27.07.13

oder die Erklärung der Motivation an einer persönlichen „Krankengeschichte“ und am Beispiel des K42.

Davos und Sommer: Das gehört für mich seit 2003 zusammen. Hier lief ich meinen ersten längeren Lauf, C30, nach dem ich eigentlich entschieden hatte, nie mehr Laufschuhe anzuziehen.

Aber danach kamen nacheinander C42, K42, K78 und jetzt wieder der K42. Nicht, dass es jetzt rückwärts geht, wie es den Anschein erwecken könnte, nein, nein, nein, sicher nicht!

Aber nachdem mein lieber Laufkollege und Verfasser unzähliger wunderbarer Artikel bei Marathon4you.de, Wolfgang Bernath, in seinem wieder mal packenden Bericht zum K78 2013 erwähnte, dass er auf mich (vor dem Sertigpass immerhin) keinen Pfifferling gesetzt hätte, sehe ich mich doch veranlasst, auch Wochen nach dem Lauf, ein paar Wörtchen mitzusprechen. Nach dem Lauf ist ja bekanntlich vor dem Lauf!

Vorab kann nicht oft genug erwähnt werden, wie wunderbar diese Tage in Davos sind. Am Tag vor dem Lauf findet die Marathonmesse statt und das ganze Dorf, nein, nein, sorry, die höchste Stadt Europas, ist elektrisiert von den Läufern. Überall gibt es Marathonhinweise, Marathonspeisen, Marathonspecials, Kindermarathon usw. Am Abend vor dem Lauf findet regelmäßig ein Straßenfest statt, beste regionale Speisen, Darbietungen und das ganze Städtchen ist unterwegs. Wunderbar, wenn man in Feststagsstimmung ist.

Vor dem Lauf schnuppert man nur überall hinein, um sich dann umgehend zu Bett zu begeben, in der Hoffnung, nichts Falsches gegessen zu haben. Aber diese Stimmung, das ist einmalig. Das ist Davos im Sommer!

Nun hebe ich erst einmal meinen Hut vor allen, die an diesem heißen Tropen-Sommertag ins Ziel kamen, egal wie! Und vor den K78-igern verbeuge ich mich. Großartige Leistung, alles Nähere kann man Wolfgangs wunderbarem Bericht entnehmen. Und das OK hat wieder beste Arbeit geleistet. Das Wetter wurde berücksichtigt, Sprinkleranlagen aufgestellt und die Durchgangszeiten verlängert. BESSER GEHT ES NICHT.

Zurück zur Wette des Lauffreundes:

Er traf mich vollkommen fertig kurz vor dem Sertigpass. Nicht, dass es mir vorher besser ergangen wäre. Bereits 500 m nach dem Start in Bergün hatte ich derartiges Herzrasen, dass ich schon dachte, „das war es jetzt“. Mein Mann Tom, der mit mir ursprünglich den K78 laufen wollte und nur wegen mir auf K42 downgradete (auf gütiges Anraten des Chefredakteurs), blickte recht verdreht drein, da ich vor dem Start wirklich bester Laune war.

 
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Ihm gebührt mein ganzer Dank, da er mich mal wieder zur Keschhütte hochgezogen hat.... Dazu komme ich gleich.

Und jetzt die Gretchenfrage: Was treibt uns an, 42 km über 2 Pässe zu traben (Wolfgang würde sagen: „Wandern!!!“), wenn man nach 500 m schon Probleme hat.

Und diese Frage stellen sich viele Marathonis ständig. Wenn ich bessere Marathontage habe, die es wahrlich gibt, dann rede ich immer viel mit den anderen Läufern. Ja, auch hier kenne ich jetzt die Einwendungen der guten FINISHER: Möge die Gute mal laufen, nicht quatschen.... Richtig, ja, oder auch nicht, ich finde Marathonis einfach interessant, was sie zu erzählen haben, von den Läufen, von Erfahrungen, vom Leben, vom Schmerz und... der Motivation.

Ich glaube uns verbindet neben der Freude an der körperlichen Bewegung eines: der FLOW.

Eine US-amerikanische Studie hat gezeigt, dass es unabhängig von Kultur, Zivilisationsstand, Alter und Geschlecht, 8 Komponenten zum Glück bedarf:

1. Wir brauchen eine Aufgabe, der wir uns gewachsen fühlen.
2. Die absolute Konzentration auf diese Aufgabe ist wichtig.
3. Wir benötigen eine klare Zieldefinition.
4. Es muss eine unmittelbare Rückmeldung aus der Aufgabe erfolgen.
5. Der Tätige empfindet eine tiefe und mühelose Hingabe für das Ziel, und es erfolgt eine Verdrängung des Alltags durch das Ziel.
6. Wir empfinden eine Kontrolle über das Erbrachte, verbunden mit guten Erfahrungen.
7. Im Tun erlebt man eine Veränderung der Zeitabläufe; Stunden vergehen wie Minuten und Minuten können sich in Stunden ausdehnen.
8. Das Selbstgefühl verschwindet, um durch das erreichte Ziel, den FLOW, zu erleben.

Die Marathonis, mit denen ich immer so gerne spreche, bestätigen mir diese Skala, wobei die Reihenfolge variabel ist.

Der Alltag, der uns bis wenige Stunden vor dem Lauf umtreibt, ist mehr als dominant. Wer denkt aber während eines Marathons, z.B. kurz vor der Keschhütte, an Akten, an Arbeiten, an Aufgaben, an Behörden, an C..., Dateien..., eMails..., F..., Gutachten,... Hierarchien,... I..., Klausuren..., L..., Masterarbeiten..., usw. bis Z...???

Wir definieren unser einziges Z, wie Ziel: 42 km, 78 km, Zeiten.... Failure is not an option.... Da wollen wir hin.... Das hat man im Kopf.

 
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Selbst als Pfifferling will man die Keschhütte passieren. Selbst wenn man/frau vom eigenen Mann teilweise hochgezogen wird, teilweise mit falschen Vorgaben gelockt wird („Schau, da oben ist sie schon zu sehen...“... ich habe nichts gesehen..., „... ist nicht mehr weit...“, es war schei...weit... und schei...steil) verliert man das Ziel nicht aus dem Kopf. DAVOS..., heute Abend. Wunderbar. Man kennt das Gefühl des Ankommens. Das Gefühl es selbst geschafft zu haben. Da fällt alles ab, jede Anstrengung und jede Qual.

Und die klare Rückmeldung bekommt man sofort. Wie wunderbar! Das stimmt! Wenn man die gerade verspeiste Banane wieder von sich gibt und merkt, dass man weder Wasser noch Tee zu sich nehmen kann.

Mein lieber Bruder Wolfram erklärt mir vor jedem Marathon zum Thema „Rückmeldung“ in seiner netten, fürsorglichen Professorenart, dass man dringend auf seinen Körper hören muss: Das Risiko eines Nierenversagens, eines Ermüdungsbruches, einer Thrombose oder gar eines Herzinfarktes sei um ein 1.000.000-faches erhöht (die Nullen habe ich erfunden, da ich mir Nullen nicht merken will). Ich schalte bei diesen Informationen immer ab und plane mein Essen vor, während und vor allem nach dem Marathon.

Und eine unmittelbare Rückmeldung erhält man auch dann, wenn man beim Abwärtslauf (wieder mal vom Sertigpass) merkt, dass man/frau sich gerade eine Zerrung am rechten Oberschenkel läuft (ist jetzt nur ein Muskelriss... läuft sich beim nächsten Marathon raus... klare Rückmeldung).

 
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Die Kontrolle haben wir immer... gefühlte 170 km beim Sertigpass (wieder mal dieser Pass, und Nullen ignoriere ich), gelaufen bin ich bis dahin nur ... xy km.... Ich will es nicht schreiben.

Und das Zeiterlebnis, das ist das Beste.... Dazu sage ich auch nichts, da einige meine Zeit bestimmt abgerufen haben.... (war halt schön da oben).

Aber eines ist klar: Diese Stunden des Marathons gehören uns.

Ich verstehe und achte die Läufer, die eine bestimmte Zeit laufen möchten. Das verdient Respekt, insbesondere, weil sich die Läuferinnen und Läufer darauf sehr lange vorbereitet haben. Aber einerlei, ob man mit oder gegen die Uhr läuft, die Zeit verschwimmt mit unserer „Aufgabe“ und unserem Ziel. Und das ist das, was wir uns immer und immer wieder wünschen.

Und dieser harte Weg führt uns nach DAVOS ins Stadium.... FLOW!

So, lieber Wolfgang, jetzt weißt Du, wie Pfifferlinge laufen....

 

Informationen: Swissalpine
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