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Swiss Snow Walk & Run: Ein Satz mit X

07.01.12
Autor: Klaus Duwe

Ein Berglauf im Winter mit fast 700 m Höhendifferenz bis auf über 2400 m Höhe ist exotisch und extrem genug, um auch dann Aufnahme in die lange Liste der m4y-Laufberichte zu finden, wenn die Distanzen unterhalb der magischen 42 km liegen.

Swiss Snow Walk & Run heißt der Event. Austragungsort ist der Schweizer Nobel-Ferienort Arosa. Mit nur einem Wort wirbt man um Wintergäste: Schneesicher. Also nix wie hin. Der Winter bei uns ist uns diesmal  ja ein schmuddeliges Etwas zwischen Herbst und Frühling.

Die Anfahrt ist bis Chur problemlos, es liegt nur wenig Schnee. Im DRS ist aber von anhaltend starken Schneefällen die Rede, Zermatt sei abgeschnitten, die Bahnverbindung unterbrochen. Aber ich will ja nach Arosa, nicht nach Zermatt.

Noch etwas als 30 km sind es von Chur, der ältesten Stadt der Schweiz, aus. Was sind 30 km für einen Marathoni? Richtig, kein Problem. Aber Arosa liegt 1800 m hoch, Chur 500. Und es schneit, seit Tagen. Mit jeder Kehre wird die Straße steiler, der Schnee höher und der Schneefall dichter. Im Radio höre ich, dass man die Bahnstrecke Chur – Arosa freigeschaufelt hat und die Züge planmäßig fahren.

Mir fällt auf, dass die entgegenkommenden Fahrzeuge alle mit Schneeketten ausgerüstet sind. Ich gehe mal davon aus, dass die wissen, warum. Bei der nächsten Möglichkeit wende ich und schleiche zurück nach Chur, eine lange Autoschlange folgt mir. Ich gebe „Bahnhof“ in’s Navi ein und 10 Minuten später stehe ich in der Bahnhofs-Tiefgarage. Am Ticketschalter liegt eine Teilnehmerliste und ich bekomme problemlos ein kostenloses Ticket. Kostenlos ist auch die mit ernsthafter Mine vorgetragene Information, dass der Lauf vor einer Stunde abgesagt wurde.

Jetzt kommt der Satz mit X: Das war NIX!

Ich rufe den Veranstalter an und erkundige mich nach den Gründen. Die Schneemassen hätte man ja noch  bewältigt, eine gut zu laufende Strecke hätte man auch hinbekommen. Aber es herrscht akute Lawinengefahr bis ins Dorf. Eventuelle Alternativstrecken führen durch Waldstücke, die wegen umgestürzter Bäume aber nicht gefahrlos begehbar sind. Nach langem Hin und Her sagt man den Lauf schließlich zum ersten Mal in seiner Geschichte ab.

Und was mach ich jetzt? Heimfahren oder mit dem Zug nach Arosa und zwei Tage faulenzen?

Eine halbe Stunde später sitze ich im Zug und genieße eine traumhafte Winterlandschaft. Statt einer Stunde braucht der Zug 1 ½. Ich halte es aber für ein Wunder, dass er überhaupt fährt und für ein zweites, dass er durchkommt.

 
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In Arosa schließlich stehe ich vor Schneemassen, wie ich sie seit der Schneekatastrophe1978/79 nicht mehr gesehen habe. Von Katastrophe kann hier aber nicht die Rede sein. Genauso selbstverständlich wie bei uns jeder einen Rasenmäher in der Garage hat, hat hier jeder eine Schneefräse. Die von der Verwaltung freigehaltenen Straßen und öffentlichen Plätze teilen sich Autos, Busse, Skifahrer und Snowboarder. Es herrscht der Normalfall.

 
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Da fällt mir eine Geschichte ein. Anders als beispielsweise Zermatt oder Wengen ist Arosa nicht autofrei, wie ihr meinen Ausführungen bereits entnehmen konntet. Aber Arosa liegt in Graubünden und dieser Kanton war einmal komplett autofreie Zone. Und das 25 Jahre lang! Als nämlich um 1900 die ersten Benzinkutschen aufkreuzten und sich die Fahrer aufführten wie die Wilden, die Pferdekutschen verscheuchten und die Gegend mit Gestank und Staub verseuchten, wurde abgestimmt und beschlossen, Autoverkehr in Graubünden nicht zuzulassen.

Mit den Jahren gab es mächtig Widerstand gegen dieses Verbot, vor allem von den Hoteliers, die um die Zukunft ihres Gewerbes fürchteten. Ihr Einfluss war aber nicht groß genug, um das Verbot zu kippen. Das höchste der Gefühle waren vereinzelte Ausnahmegenehmigungen anlässlich großer Feste. 1925 setzte man dann eine erneute Abstimmung durch. Nichts wollte man dem Zufall überlassen und wählte als Zeitpunkt den Sommer, wo die meisten Bauern auf ihren Almen waren. Das Ergebnis war trotzdem sehr knapp, aber das Verbot wurde endlich aufgehoben.

Zurück zur Gegenwart. 350 cm Schnee, aber laufen will ich schon. Geht das denn? Und ob. Arosa ist bekannt für seine vielen Winterwanderwege. Einige sind bereits präpariert und das Höhentraining kann beginnen. Hinauf zur Tschuggenhütte, zur Brüggastuba oder gar zum Brüggerhorn (2447 m), allesamt Stationen des abgesagten Laufes, wage ich mich allerdings nicht. Ich renne durch’s Dorf und einige Runden um den Obersee, von dem außer einer jungfräulichen dicken Schneedecke allerdings nichts zu sehen ist.

 
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Überall wird gearbeitet, Zufahrten und Zugänge werden frei gefräst. Mancher Hausbesitzer traut der Statik nicht und schaufelt Schnee vom Dach. Ein Urlauber schaufelt den Zugang zu seinem Auto frei, aber nur bis zum Kofferraum. Kaum kann er ihn öffnen, holt er seine Ski raus und der Winterspaß kann beginnen. Aus meiner Sicht ist der Winter hier einfach nur herrlich - weil er mir keine Arbeit macht. Am Samstagnachmittag setzt wieder Schneefall ein und hält auch am Sonntag bei der Abreise noch an. Inzwischen liegen bis zu 400 cm Schnee.

Wer Lust auf Schnee hat, kann in Engelberg am 3. März beim Swiss Snow Walk & Run seine Form testen. Die nächste Veranstaltung in Arosa ist am 12. Januar 2013. Ich denke, ich probier’s dann  noch einmal.

 

Informationen: swiss snow walk & run
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