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Herrliches Arosa

11.01.14

Die Anreise nach Arosa aus Süddeutschland ist recht easy zu bewerkstelligen. Am Bodensee vorbei bis Chur, legt man mehr oder weniger den Großteil der Strecke auf Autobahnen zurück. Nur die letzten 30 km ab Chur können kritisch werden. Im Normalfall benötigt man auf der kurvenreichen, stetig ansteigenden Schanfiggerstrasse – auch Arosastrasse genannt – im Winter Schneeketten, die Story unseres Chefredakteurs könnt ihr auf TR auch nachlesen.

Am Bahnhof in Chur kann man, gesetzt diesen Falles, sein Auto stehenlassen und die letzten Kilometer bequem per Zug zurücklegen, wo für Vorangemeldete am Ticketschalter ein Billett der Rhätischen Bahn hinterlegt ist. Heuer ist das aber nicht der Fall, Frau Holle kann sich noch nicht so entscheiden, ob sie ihre Betten richtig ausschütteln soll. Das bereitet mir natürlich fahrtechnisch auf den 360 Kurven und Kehren mit 1150 m Höhendifferenz viel Freude - aber wie wird sich das auf den Swiss Snow Walk & Run auswirken? Eigentlich wollen wir in Arosa ja auf Schnee laufen!

Ich kann’s gleich vorneweg nehmen: Der Winter beginnt ab 1700 Meter über Seehöhe und das ist so ziemlich genau am Ortschild von Arosa. Keine Schneeflocke ziert bis dahin die sonst so kritische Bergstrecke. Im Ort selbst ist nur mehr die Hauptstraße einigermaßen schneefrei zu passieren, alle weiteren Nebenstraßen sind winterlich schneebedeckt. Und auch auf den Bergen und unserem Eventmittelpunkt, dem Obersee ist alles weiß soweit das Auge reicht, ein richtiger Wintertraum. Der Obersee liegt mitten im Siedlungsgebiet von Arosa, flankiert von wichtigen Infrastrukturpunkten, wie Hotels, Restaurants, Bahnhof und der Bergbahn hinauf auf das Weisshorn.

Nach Abzug der Wolken im Laufe des Tages wird uns zwar wolkiges, aber schönes Winterwetter mit Temperaturen im leichten Plusbereich für den Veranstaltungstag prognostiziert. Schon beim Anmarsch zum Veranstaltungszelt kann man erste Wolkenlücken ausmachen. Mir fallen bunt bestrickte Sitzbänke und Baumstämme entlang des Obersees ins Auge. “Bestrickend Schön”, nennt sich eine coole Idee, den Ort ein wenig bunter zu gestalten. Überall in Arosa findet man Gegenstände, Geländer oder eben auch diese Bänke um den See, die mit den Handarbeiten vieler Hobby-Strickerinnen und auch -Stricker umhüllt wurden. An der Hörnli Bahn soll sogar eine komplette Gondel umstrickt sein.

Vor dem großen Veranstaltungszelt spielen uns bereits früh am Morgen die Bäseschränzer Guggemusiger warm. Das ist kein Tippfehler, die „Musiger“ schreiben sich so. Im Zelt herrscht großer Andrang, obwohl die vorangemeldeten Schweizer ihre Startnummern nach Hause geschickt bekommen. Auswärtige wie ich, bekommen erst vor Ort ihre Unterlagen ausgehändigt. Viele Nachmelder haben sich zudem noch kurzfristig zum 10. Jubiläum des „Swiss Snow Walk & Run“ eingefunden, am Ende sind über 1.400 Walker, Nordic Walker, Schneeschuhläufer und natürlich Runner angemeldet und sorgen für stimmungsvolles Treiben. Läufer wurden im Übrigen erst vor ein paar Jahren mit ins Programm aufgenommen, in den Anfangsjahren wurde nur gewandert.

 
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Neben den Guggemusigern werden wir zum Jubiläum noch vom Komiker-Duo Oropax unterhalten. Mit Bademänteln bekleidet treiben sie ihre Späßchen. Für die Damen der Schöpfung sind auch einige ehemalige Mister Schweiz anwesend. Ja, vielleicht auch für ein paar Jungs, ab morgen beginnt hier auch die Arosa Gay Skiweek.

Auf vier unterschiedlichen Streckenlängen kann hier gewalkt und gelaufen werden. Mit Stöcken, ohne Stöcke oder auch mit Schneeschuhen. Empfehlenswert für alle sind Schuhe mit griffigem Profil, besser noch mit Spikes versehen oder aufschnallbaren Aufstiegshilfen. Für Einsteiger empfiehlt sich die „Short Distance“ mit 6,3 km und 165 m Steigung. Die „Longdistance“ weist bereits 12 km und 315 Höhenmeter auf. Die Königsstrecke ist „eigentlich“ der Halbmarathon mit 630 m An- und Abstieg, er kann auch die meisten Teilnehmer für sich verbuchen.

Die Meinung haben natürlich nicht alle, denn es gibt noch für ein paar Verrückte die „Crazy Distance“. Mit 19,2 km ist sie nur unwesentlich kürzer als der HM, dafür aber kann sie 700 Höhenmeter aufweisen und die führen steil hinauf, durch unpräpariertes Terrain auf das Brüggerhorn auf 2.400 m Höhe. Die habe ich mir vorgenommen, man will ja schließlich auch die Aussicht genießen. Neben mir sind natürlich auch noch einige der üblichen Verdächtigen der Ultraszene der Trailrunner am Start. Ist ja auch bestes Training für die kommende Saison.
Soweit so schön. Leider kommt’s nicht dazu, dass wir unseren Höhenflug starten können. Es gibt Schneeverwehungen im oberen Bereich der Strecke, die ein Passieren unmöglich machen. Nach letzter Streckenbegutachtung musste sie gestrichen werden, dafür hat frischer Schneefall am Freitag gesorgt. Für den Fall werden die „Crazys“ auf die HM-Runde geschickt. Jammerschade, aber natürlich verständlich.

 
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Ein paar Minuten vor dem Halbmarathon-Start um 10:45 Uhr kann sich die Sonne durchsetzen, was die Temperaturen spürbar ansteigen lässt, ich bin froh auf leichte Kleidung gesetzt zu haben. Obwohl Halbmarathon und Crazy Distance zusammengelegt werden, findet der Start für die vorangemeldeten Crazy-Runner wie vorgesehen erst um 11 Uhr statt. Die erste Runde absolvieren wir in tiefem Geläuf auf dem Obersee. Es fühlt sich an, als sei bereits eine Horde Pferde darüber galoppiert. Tatsächlich finden hier seit 1911 jährlich Ende Januar Pferderennen auf dem gefrorenen See statt. Sie zählen zu den ältesten Turfrennen der Schweiz. Europaweit werden nur noch auf dem See in St. Moritz Pferderennen dieser Art durchgeführt.

Kurz vor Vollendung der kompletten Seerunde verlassen wir den tiefen Schneeboden, die anschließende zweite Runde findet jetzt um den See und auf deutlich komfortableren Wegen statt. Danach geht es aufwärts. Der Seehaldenweg führt uns in leichtem Anstieg, aber angenehm laufbar in den Tschuggenwald und auf den Eichhörnliweg. Der Wanderweg entlang des Hausberges von Arosa, dem Tschuggen, ist hier auch eine kleine Attraktion. Infolge langjähriger, eigentlich verbotener Fütterung durch Touristen leben hier fast zahme Eichhörnchen, die schon mal das Hosenbein eines Wanderers erklettern oder auf die Schulter springen. Das Exemplar, das kurz vor meine Kamera springt, ist aber eher etwas ängstlich. vor der nahenden Läuferhorde macht es sich schnell wieder aus dem Staub.

 
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Nach Verlassen des Waldes geht es spürbar ansteigend weiter. An der Tschuggenhütte (km 6) können wir erstmals Getränke aufnehmen. Sie sind angenehm temperiert. Nach passieren der Hütte überqueren wir diverse Pisten des großen Skigebietes. Obwohl viele Ordner aufpassen, dass nichts passiert, lasse ich meine Blicke öfters nach oben wandern und beobachte die Skifahrer genau. Ein bisschen bin ich natürlich auch neidisch, aber morgen werde ich auch über die Pisten wedeln. Der Blick über die herrlichen Abfahrten und die traumhafte Winterlandschaft macht mir den Mund wässrig.

 
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Immer noch geht es aufwärts. Mit Spikes an den Sohlen sind die größten Streckenabschnitte problemlos und ohne zu rutschen zu bewältigen, aber hie und da gilt es auch tiefen Schneeboden zu durchpflügen, das ist außerordentlich anstrengend. Kurz vor der Carmennahütte gibt es über einen kurzen Abschnitt eine Begegnungsstrecke, die vor mir liegenden haben den höchsten Punkt des Halbmarathons auf 2135 m bereits absolviert und kommen schon wieder zurück. Zur Beweissicherung bekommt jeder ein Leuchtband um den Ärmel gelegt.
Vor der Carmennahütte (km 9) gibt es aus einem dampfenden Topf „Jack Daniels Winterjack“ zu kosten, die Aufschrift verspricht aber mehr als sie hält, er enthält lediglich warmes Isogetränk. Anschließend geht es auch für mich abwärts, ein Großteil der Aufstiegsmeter ist bewältigt. Mit meinen Spikes ist der Downhill ein Traum, wie auf Schienen, ohne einen Wackler geht’s für mich nach unten. Ich bin froh, diese Schuhwahl getroffen zu haben.

 
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Über einen Abstecher bis fast an den Rand des Skigebietes geht es wieder zurück zur Tschuggenhütte (km 14,5). Vorher müssen aber doch noch einige Aufstiegsmeter bewältigt werden. Oberhalb der Mittelstation der Weisshornbahn verlassen wir das Skigebiet, durch den Arlenwald geht es meist moderat abwärts zurück an den Obersee ins Ziel. Wintertraum Teil 1 ist somit für mich beendet. Im Veranstaltungszelt darf sich jeder Finisher eine Thermosflasche als Geschenk abholen.

 
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In der Tennishalle des nahe liegenden Partnerhotels steigt die Abschlussparty mit Verlosungen, einem gratis Teller Pasta und mit einer erneuten Vorstellung der Komiker von Oropax. Siegerehrungen finden hier nicht statt. Jeder, der heute diese traumhafte Strecke laufen durfte,  ist belohnt genug.

 
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Ob Marathon, Ultra oder langer Trainingslauf, immer kam meinem Skivergnügen in den letzten Wintern etwas dazwischen. Beim Swiss Snow Walk & Run kann man beides optimal kombinieren. Teil 2 meines Wintertraumes führt mich am Sonntag hinauf auf das Weisshorn und über die wunderbaren Skipisten von Arosa. Den Aufstieg zum höchsten Punkt der Crazy Distance kann ich mir so zumindest schon einmal vom Skilift aus ansehen. Ich bin mir sicher, dass ich wieder komme.

Die spärlich bekleidete Blondine auf dem nostalgischen Werbeplakat hat schon recht: Herrliches Arosa.

 

Informationen: swiss snow walk & run
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