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Laufberichte

Über dem Anschlag (T141)

16.08.14

Bei aller Planung und die beginnt bei mir schon Wochen vorher, kann immer etwas Unvorhergesehenes passieren. Auch wenn man meint, alles abgeklärt zu haben. Zum Beispiel, dass man in Samedan um 15 Uhr ankommt und der Streckenposten erst um 18 Uhr öffnet. Zum Glück fand ich in Samedan eine Hotellounge mit bequemen Stühlen.

Einen Läufer aus Polen traf ich um 18 Uhr in der Turnhalle, im Ruheraum in einer Ecke lag ein Österreicher und ein Deutscher gesellte sich später noch zu uns zu allerlei Fachsimplerei.  Marc, so hiess der Deutsche, wollte ebenfalls in etwa  40-44 Stunden durchkommen und so beschlossen wir, es gemeinsam anzugehen.

Wir legten uns noch ein wenig hin, es war aber zu kalt. Beim Mammut-Stand hatten sie Erbarmen und gaben mir einen Schlafsack, der für den Transport der Schaufensterpuppen gebraucht wurde.

Wir konnten die T201-Elite beobachten, sie kamen nach geleisteten 56 Kilometer nach 19 Uhr in die Turnhalle vorne rein und mussten nach dem Verpflegungsposten hinten zur Turnhalle wieder hinaus. Schon bald nach den ersten paar Männern kam die erste Frau, Denise Zimmermann.

Um Mitternacht liefen wir los in den Freitag hinein und auf den Muottas Muragl hinauf. Unser Team machte sich gut, wir hatten in etwa die gleiche Pace. Schon bald waren wir allein unterwegs, weiter oben die Schnelleren und hinter uns ein paar Lichter.

Schön, dass wir nicht alleine waren und noch schöner war, dass wir bis zum Schluss in Davos zusammenblieben. Ich weß nicht, ob ich immer so alleine auf weiter Flur das Rennen beendet hätte, ich stellte mir das recht trostlos vor.

Ich bin nicht schwindelfrei und wie es nach Pontresina runterging, wollte ich gar nicht so genau wissen. Die Dunkelheit half, da war einfach nichts zu sehen.  Zu uns gesellte sich Felix, der älteste T141er. Nur der Sicurelli war noch älter, aber der lief den 201er. Felix kannte die Gegend und wusste, was wir zu erwarten hatten.

Einen steilen Aufstieg zum Fuorcla Surlej. Weit vorne sahen wir die Lichter anderer Läufer, weit vorn und weit oben. Zum Glück begann es zu tagen und als wir oben waren, sahen wir einen spektakulären Sonnenaufgang.

Danke, Herr Tuffli, sehr gut getimt.

Rüber zur Station, wo kurz davor ein 201er mehr stolperte als lief. Er musste alles wieder hergeben, was er gegessen hatte. Der arme Kerl.  Felix ging es auch nicht gut, er schlotterte am ganzen Körper. Marc und ich aßen etwas und gingen los, als es zu schneien begann. Jetzt war der Weg rutschig geworden und es ging steil bergab. Weiter unten gab es endlich Wege, wo wir zu Trailrunnern wurden. Bis jetzt waren wir Trail-Wanderer. Es tat gut, in einen anderen Rhythmus zu wechseln.

Locker ging es nach Maloja, wir waren zügig unterwegs und konnten es daher nicht glauben, dass uns Felix wieder einholte. Dass er überhaupt weiterlaufen würde, war für uns erstaunlich.  In Maloja gab es eine Viertelstunde Pause, so viel musste sein. Felix zog früher los und war am Schluss sieben Stunden vor uns im Ziel. Chapeau, Felix.

Ich aß das erste Mal an einem Rennen Kartoffeln und die sollten sich bewähren. Außer Kartoffeln gab es für mich Riegel, Iso Getränk, Cola, Bouillon, Erdnüsse und zwei Riegel, die ich mitgenommen hatte. Sonst nichts. Keine Gels.

Jetzt lief es richtig gut. Wir waren sehr optimistisch, hatten herrliches Wetter, eher auf der kalten Seite, aber trocken. Es ging rauf auf den Lunghin Pass.  Wir hatten einen guten Tritt und sollten nach unseren Berechnungen so circa um sechs Uhr in Savognin sein (es wurde einiges später).

Runter ging es nach Bivio und der Himmel verdunkelte sich und wir waren durch und durch nass, bis wir beim Verpflegungsposten waren. Zuerst liefen wir noch daran vorbei, wurden aber zum Glück von den hilfsbereiten Streckenposten zurückgerufen.

Dort gab es einen längeren Halt, der Regen wollte nicht aufhören. Noch dreimal hinauf und dann hinunter nach Savognin, hieß es. Wir liefen bei Regen los, ich vergaß meine Stöcke und musste nochmals ein paar Hundert Meter zurücklaufen.

Es ging wirklich hinauf.  Wir zählten, einmal, wieder hinunter, das zweite Mal hinauf, wieder hinunter, das dritte Mal hinauf, wieder hinunter, jetzt sind wir bald in Savognin.  Wurde auch langsam Zeit. Wir kamen aber nicht vorwärts, die Wiesen waren voller Wasser, die Wege voller Schlamm, ich rutschte ein wenig, Marc hatte weniger Profil und keine Stöcke, er lief wie auf Eiern oder wie auf Seifenwasser. Es war mit der Zeit nicht mehr lustig und vor allem ging so viel Zeit verloren.


Aber was ist das?  Es geht nochmals hinauf, ein viertes Mal? Wir waren noch gar nicht auf dem dritten Gipfel. Das schlug auf die Moral, es dunkelte langsam, der nächste Streckenposten war im Freien und hatte nichts Warmes anzubieten.

Dafür beruhigten sie uns:  Savognin noch eine Stunde, zuerst Straße, nachher Trail. Beim Trail stand dann über zwei Stunden und an Running war nicht zu denken bei den schlechten Wegen und in der Dunkelheit.

Wir waren durchfroren, müde, erschöpft und mussten einen Trail hinunter, an steilen Wänden entlang.  Auf der anderen Seite waren weit unten Bäume, Farn oder nichts zu sehen. Der Trail wurde durch Bäche unterbrochen, die  man mühsam queren musste und ein Weg nur zu erahnen war. Andere Läufer stießen zu uns. Weil Marc und ein andrer nicht mehr so gut laufen konnten, blieben wir weiter unten auf der Straße. Wir sahen endlich die Lichter von Savognin, aber der Weg ging vom Dorf weg und wieder hinauf. Wir wollten doch hinunter. Das musste sicher der Weg für die T81er sein. Also nahmen wir den direkten Weg zum Dorf hinunter.

Dort war es still und niemand zu sehen. Ich rief an, wir sind in Savognin und suchen die Unterkunft. Sie schaute nach (via GPS Tracker) und sagte uns, dass wir nicht in Savognin sind, sondern im Nachbardorf und wir noch zwanzig Minuten bis Savognin laufen müssten.

Das haute uns aus den Socken. Sie erklärte uns den Weg. Auf einer geteerten Straße dem Fluss entlang. Sie könne uns auch abholen, damit seien wir aber raus aus dem Rennen.  Wir wollten noch nicht aufgeben und liefen los. Der geteerte Weg hörte aber auf. Wieder anrufen. Ja, über die Brücke auf die andere Seite und ja, da ist der Weg nicht mehr geteert.

In Savognin fanden wir die Unterkunft nicht, also wieder anrufen. Jetzt führte sie uns mit einer Engelsgeduld bis zum Schulhaus. Endlich warm, endlich Essen.  Und aufhören. Wir setzen doch nicht unsere Gesundheit aufs Spiel. Wir waren kaputt, völlig fertig, über dem Anschlag. Vor allem ich war überzeugt, dass wir die Startnummer abgeben würden.

Dann hatte aber ein anderer Läufer seinen Auftritt. Er hatte unsere Diskussion mitbekommen  und las uns regelrecht die Leviten. Wir wären Idioten, wenn wir jetzt aufhören! Der anstrengende Teil sei vorüber, was sollen wir sonst am Samstag machen? Und das ganze Leben würde uns das verfolgen.

Solcher Rat würde seine Kunden viel kosten. Er würde ihn uns aber gratis geben. Okay.
Wir hatten abgemacht, dass wir uns eine Stunde hinlegten und erst nachher entscheiden. Also legte sich Marc hin, legte ein Tuch über seinen Kopf und schlief ein.  Ich konnte an Schlaf nicht denken, zu viel Cola getrunken und einer schnarchte viel zu laut im Ruheraum. Also holte ich nochmals eine Kartoffel, ging nachher Zähne putzen und legte mich dösend hin. Ich zog vorher noch die Schuhe und Socken aus. Alle Zehen waren schwarz, aber zum Glück nur vom Dreck und Schlamm.

Um zwei Uhr morgens ging Marc’s Wecker.  Er schaute mich an und ich sagte ihm, die Standpauke hätte mir so zugesetzt, wir müssen gehen.  Ein herzhaftes Dankeschön an den unbekannten Läufer. Wir starteten so gegen drei Uhr morgens, 27 Stunden nach dem Start in Samedan.

Ich war so euphorisiert durch diesen Entscheid, dass das Laufen danach wieder locker möglich war. Zudem wusste ich, dass meine Familie in Arosa definitiv am T21er starten würde und ich freute mich auf sie. Und sie wussten, dass ich es nicht bis 10.30 Uhr nach Arosa schaffen würde. Nicht mal annähernd.

In meiner Unwissenheit hatte ich meine Familie ein paar Tage vor dem Start noch darüber informiert, dass ich in Arosa durchlaufen würde, falls ich viel früher dort sein sollte und nicht auf sie warten würde, die ja erst um 10.30 Uhr zum T21 starten sollten.

Das hatte ich alles hochgerechnet anhand anderer Wettkämpfe.  Aber es lässt sich keiner mit dem Irontrail vergleichen. Es geht beim Irontrail hinauf, steil, es geht hinab, steil und geht es mal nicht hinauf oder hinab, ist die Kraft nicht mehr da,  oder  die Wege sind  in einem schlimmen Zustand oder es ist Nacht.  Also vergiss all deine Berechnungen.

Schönes Beispiel: Von Savognin sollte es ein wenig hochgehen und dann runter nach Tiefencastel. Aber vom locker hinunterlaufen war keine Spur, es war ein anstrengendes Herabsteigen in der Dunkelheit. Wir sind halt Trailrunner und wollen nicht auf der Straße laufen. Der Herr Tuffli gibt uns nur das, was wir wollen und das im Übermaß.  Aber wir verfluchen ihn die ganze Zeit und sind ihm am Ende in Davos so dankbar für all das Erlebte.

Dann wieder hinauf nach Lenzerheide, dort beim Posten verarzten lassen, überall entstehen Blasen. Dass der Puls nicht mehr ansteigt, ist nicht beunruhigend, meint der Arzt.

Bis zur Mittelstation läuft es sehr gut, die Krisen kommen unverhofft. Manchmal tut ein Schluck vom isotonischen Getränk gut, manchmal wird einem kurz danach schwindlig. Cola hilft, aber nicht immer. Der Magen fühlt sich gar leer an, also sollte ich was nehmen. Der Riegel hockt aber quer im Magen.

Nach der Mittelstation auf dem Weg zum Urdenfürggli kommt so eine Krise. Sie dauert lange und geht aber zum Glück vorbei. Dafür kommt jetzt der Hagel, es zieht und ist bitterkalt. Auf dem Hörnli hocken wir in die zugige Luftseilbahnstation und gehen bald weiter.  Also noch rauf zum Weisshorn, dann Arosa, dann das letzte Stück, das wird jetzt locker werden.

Denkste. Beim Weisshorn ist nichts mit Serpentinen, wir müssen die Direttissima nehmen, das geht in die Beine, der Körper mag nicht mehr, der Puls steigt nicht mehr an, die Puste fehlt und was soll dieser Umweg auf das Weisshorn? Das ist doch reine Schikane. Müssen es 8200 Höhenmeter sein? Der Tuffli ist ein Sadist, der lacht sich doch den Ranzen voll.

Oben ist es kalt, kein Mensch ist dort und Aussicht ist auch keine.  Vor Arosa sehen wir eine Läuferin nach der Tschuggenhütte rechts abbiegen.  Als wir dort hinkommen, sehen wir einen riesigen Pfeil nach links, doch sie ist zu weit weg.

In der labyrinthartig angelegten Unterkunft in Arosa treffen wir wie überall auf überaus hilfsbereite Menschen, die Erbarmen mit uns haben, das wir nicht verdienen. Wir wollen ja, dass der Tuffli uns quält. Uns sollte man auslachen.  Aber natürlich saugen wir die Bewunderung ein wie Kinder die Muttermilch.

Fluchend kommt die Frau, die falsch gelaufen ist und lässt sich nicht überzeugen, dass dort ein korrektes Schild angebracht war. In einer Ecke hockt ein Schotte, ein 201er, der eine Stunde in Arosa herumgeirrt ist. Es muss noch andere Sprayereien am Boden gehabt haben für eine andere Veranstaltung, meint er. 

Wahrscheinlich hat er sich das eingebildet. Apropos, wie war das mit den vielen Frauen, die mit mir gesprochen haben, sobald ein Bach oder ein Fluss neben uns her floss? Und wie war das mit den vielen Läufern, die ich hinter Marc hörte. Obwohl da jemand war?

Wir boten Ian, dem Schotten, an, sich uns anzuschließen, um den Rest noch gemeinsam zu meistern. Das war auch für uns ein guter Deal, stellte er sich doch als redseliger, interessanter Mensch heraus und Marc war an dauerplappernde Mitläufer gewohnt.

Es war ein guter Plan, die folgende Strecke bei Tageslicht zu absolvieren, nur leider ging er nicht auf. Vor dem Aufstieg hoch nach Medergen wurde es dunkel. Nach Medergen wurde jeder Fußtritt zu einer Prüfung und der Weg hörte nicht auf, vor allem weil wir so langsam unterwegs waren. Er war auch nicht immer einfach zu finden.

Endlich sah ich einem  beleuchteten Wohnwagen sich  Menschen bewegen  und lief darauf zu. Ich halluzinierte, es war kein Wohnwagen, es war kein Auto. Beim Näherkommen sah ich plötzlich nur noch Felsen mit Schatten darauf.  Ian klärte mich auf, das sei normal, ich soll mir keine Sorgen machen. Der Körper würde nur einzelne System herunterfahren.

Irgendwann kamen wir in Jatz an.  Dort hockten wir leider draußen, bekamen aber Decken und sogar eine kurze Massage. Was ihr Helfer da leistet, ist wirklich bewundernswert. Ihr habt soviel Verständnis für unsere Verrücktheiten. Ich nehme mir vor, endlich auch einmal Fronarbeit an einem Event zu leisten. In Amerika gibt es einen Lauf, da kann man sich nur anmelden, wenn man vorher acht Stunden Einsatz geleistet hat.

Jetzt wurde es pickelhart, hinauf auf den Strelapass. Einen Fuß vor den anderen, keine Zweifel aufkommen lassen, den Körper vor Kälte zittern und sich nicht beeindrucken lassen, ab und zu einen  Schluck Cola oder isotonisches Getränk. Hinauf, hinauf, hinauf. Die Luft wird dünn, es wird immer kälter, die Sicht ist schlecht, die Wege verschlungen.  Marc’s Lampe hatte seinen Geist aufgegeben, ich gab ihm meine Batterien. Dafür gab mein Tracker seinen Geist auf und oben auf dem Strelapass hatten sie keine Ersatzbatterien für den Tracker. Ich rief dem Freund meiner Tochter an, die Verbindung war schlecht, in neunzig Minuten sollten wir unten sein.

Auf dem Weg zur Schatzalp wurde auch meine Stirnlampe immer schwächer, ich war fast blind, wurde immer langsamer. Plötzlich sah ich die anderen beiden nicht mehr. Ich rief verzweifelt nach ihnen, da stellten sie ihre Lampen wieder an. Sie wollten testen, ob es mit dem Mondlicht alleine auch gehen würde. Wie haben die das bloß früher gemacht? Zu Ötzi’s Zeiten?

Unser Team meisterte auch diese Krise und wir kamen zur Schatzalp, wo ein hilfsbereiter junger Mann uns entgegen kam, alleine um uns den richtigen Weg zu zeigen. Wow.

Und jetzt bekamen meine Halluzinationen einen Riesenschub. Alle Wasserflecken auf der Straße auf dem Weg hinunter nach Davos begannen zu leben. Ich sah Bilder wie aus einem Comicbuch aus den 50er Jahren, viele Szenen mit Restaurants, Tankstellen und Campingplätzen. Dabei bin ich überhaupt nicht der Camper.

Ich konnte stehenbleiben und nach unten sehen und es begann zu leben.  In Davos unten zeigte uns Ian den Weg, er wusste ja, wo er gestartet war. Bis wir vor seinem Hotel standen. Sorry, andere Seite. Also laufen wir wieder los.

Da sahen wir die Bänder und jubeln, meine Familie hörte das und jubelte zurück. Einer der schönsten Momente meines Lebens lief ab und das, obwohl mein Geburtstag schon drei Stunden zurücklag.

Ja, ich bin an meinem Geburtstag, dem 58., über 23 Stunden unterwegs gewesen. Nicht ganz freiwillig, wie ich gerne erzähle. Wir sind ja alles Süchtige und können gar nicht anders. Vielleicht wäre es an der Zeit, eine Selbsthilfegruppe zu gründen. Ich sollte nicht all zulange warten, im Hinterkopf geistert da schon etwas von 2015 und T201 herum.

Danke, Herr Tuffli. Danke, an all die Helfer, ihr wart großartig.

Und Marc war ein großartiger Leidenspartner, danke. Und Ian half uns in den schlimmsten Stunden.Wann hat man schon Gelegenheit, mit einem deutschen Unternehmensberater und einem schottischen UNO-Mitarbeiter Stunden oder Tage zu verbringen. Da muss man schon zum Ultraläufer werden.

 

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