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Laufberichte

Die Streif von unten nach oben

28.02.15

Ich hänge in der Steilwand, vorletzter Anstieg, kurz vor der Mausefalle. Meine Wade droht zu platzen, meine Lunge keucht und rasselt – der Puls ist im absoluten roten Bereich. Dieser Hang ist das Steilste was ich bisher erklommen habe. Der nette Streckenbetreuer lächelt mich an und meint ganz locker: „Nach diesem Flachstück kommt der richtige Anstieg – die Mausefalle“. Danke!

Es ist der Hammer – die legendäre Streif hat sich in den letzten 5 Jahren eine neue Attraktion geschaffen: Das  Streif Vertical-Up-Race, ein Laufwettbewerb auf der Skiabfahrtsstrecke,  auf der Helden geboren werden. Auf der Streif sind 3312 Meter mit 860 Höhenmeter mit zum Teil 85% Steigung zu bewältigen. 

Ich oute mich als Rookie. Ich habe zwar einige Ultraerfahrung, aber so etwas habe ich noch nicht gemacht. Das Feuer für diesen Sprint lodert schon seit über einem Jahr in mir. Mit der offiziellen Anmeldung zu Beginn des Winters beschäftigt mich dann die Frage: Was schnalle ich mir unter die Schuhe? Meine Frage bekommt ca. 30min vor dem Start die vielseitigsten Antworten. Man sieht die unglaublichsten Hilfsmittel, welche an die Sportlerfüße angebracht werden.  Schneeketten, Steigeisen, Spikes (in den verschiedensten Längen), selbstgebaute Nagelschuhe, Tourenski, Schneeschuhe, und bestimmt noch mehr. Der helle Wahnsinn. Ich hatte mir 8 Wochen vorher Steigeisen zugelegt und im schneearmen Spessart im tiefen Wald an Anstiegen mit tiefen, erdigen Boden getestet. Im Dunkeln natürlich, damit mich keiner sieht. Sozusagen, bestens vorbereitet.

Beim VUP  ist mittlerweile das Who-is-Who am Start. Sportler/innen aus den Bereichen Speedclimbing, Mountaineering, Vertical-Race, Berglauf, Tourenski und viele Spaßläufer, die sich der extrem fordernden Gaudi in der Speedklasse oder Rucksackklasse mit oder ohne Verkleidung unterwerfen.

 
© marathon4you.de 14 Bilder

Meine Trainingsmethoden aus dem Spessart, meine Bergerfahrung und mein Vorhaben, nach den Start soweit und schnell wie möglich zu rennen, werden nach ca. 300mtr an der Hausbergkante pulverisiert. Eine brodelnde Menschenmenge durchwühlt den tiefen Schnee am Steilhang. Dort,  wo die Alpinskifahrer mit über 140km/h bis zum 70 Meter weit springen, werden Schuhwerk und Pulsschlag extrem gefordert. Die Hausbergkante ist nicht nur steil und eisig, sie ist auch extrem zum Tal hin abfallend.

Mein Schuhwerk macht mir Spaß, denn ich spüre,  it den Steigeisen die richtige Wahl getroffen zu haben. Eigentlich kann man hier nur mit den rechten Zacken im Schuh sich in das Eis einhacken, so steil fällt es nach links unten ab. Die ersten „Läufer-Abgänge“ sind erst zu hören, dann zu sehen. Der/die eine oder andere Sportler/in verliert auf der eisigen Piste den Halt, schmiert ab, reist 3-8 Läufer/innen mit in die Tiefen des Hanges. Puh, Glück gehabt. Das Ganze wiederholt sich öfters.  Ich trage freiwillig einen Helm. Er ist (noch) keine Pflichtausstattung, aber verantwortlich für mich bin ja ich.

Nach der Hausbergkante komme ich so langsam in meinen Rhythmus und verstehe es, mit Steigeisen und der richtigen Wegwahl am Anstieg umzugehen. Die eisigsten Passagen der Piste werden fast nicht genutzt, kaum ein Sportler ist vor mir. Die Gefahr, dass mir einer oben entgegen stürzt, besteht nicht und ich kann ungehindert meinen Tritt durchziehen.

Seidlalm – erste Laufeinheiten, der Puls stabilisiert sich – Halbzeit. Was für ein Event – was für ein Spaß. Unterwegs versuche ich von anderen Läufern zu erfahren, wie es sich mit Schneeketten läuft. Da überholt mich am Berg ein Tourenskigänger! Unglaublich.

Ich komme um die Ecke und stehe vor einer gigantischen Wand. Mein erster Gedanke: „Die Mausefalle“. Aber sie kommt später, als echter Knaller. Die Leuchtpunkte der Stirnlampen verteilen sich quer über den ganzen Hang. Ich schnaufe, schlage meine Frontzacken in den Eishang, schaffe mich hoch, die Wade glüht und zuckt. Neben mir rutschen Sportler den Hang über 50mtr wieder herunter – nicht aus Spaß – der Grip fehlt  oder die Kraft. Oder beides. Kante erreicht, halbwegs gerade Einheit bis zum Fuß der Mausefalle. Ein Monster, eine Wand. Man kann sie auf allen Vieren spüren. Die Frontzacken der Steigeisen in das Eis gejagt, leicht nach vorne gebeugt berühren die Hände das Eis. Die frenetischen Zuschauer werden immer mehr. Ein Spalier von Menschen am Hang. Alp d’Huez, Zegama-Marathon, Kitzbühl. Gänsehaut pur.

 
© Michael Werlberger 12 Bilder

Die Anfeuerungsrufe pushen, die Schmerzen verfliegen, das Ziel ist in Sicht, der Zielmoderator hämmert die ankommenden Finishernamen durch die Boxen. Ohrenbetäubender Lärm. Man zieht durch. Die Beine schmerzen doch, die Waden zucken immer mehr, der Schnee ist brutal tief hier oben, 3-2-1. Ziel – Finish. 56 Min. Glückwunsch.

Ich bin sehr zufrieden mit mir, nach dem anfänglichen Hänger an der Hausbergkante. Jetzt geht es schnell durch das Ski-Alpin-Starterhaus. Finisher-Streif-Medaille aus Holz umgehängt und raus – die nächsten drängen herein. Erfrischungsgetränk, Wechselkleidung, Umziehen und runter mit der Bergbahn. Die Beine sind schon wieder locker. Das Ding rockt!

Das Rennen ist am Berg, die After-Race-Party ist unten im Ort. Und das ist gut so. Mit steigenden Teilnehmer- und Betreuerzahlen sind die Siegerehrung und das Come-together oben auf dem Berg nicht mehr realisierbar. Mit dem Kongresszentrum K3 hat man aktuell die richtige Location gefunden. Eine perfekte Organisation des Vertical Up 2015 endet mit einer stimmungsvollen, berauschenden Siegerehrung der Herren und Damen in der Speedklasse. In der Rucksackklasse wird nur der Platz mit der besten Annäherung an die Mittelzeit mit einem Preis belohnt (dieses Jahr 1:14:11 Std:min:sec). Beste Kostümverkleidung, beste Einheimische (m/w) sowie ein Ehrenpreis für einen Handicap-Läufer runden die Preisverleihung würdig ab.

Aus deutscher Sicht sind zwei Dinge zu bemerken: die Teilnehmerzahlen steigen, obwohl wir wenig Chancen auf die Podestplätze haben. Die Dominanz der Nachbarn in Österreich und den Verticalspezialisten aus dem  Südtirol ist gewaltig. Doch die eine oder andere Überraschung findet man doch noch. So in diesem Jahr mit Cäcilia Schreyer von SC Ainring (Bad Reichenhall). Sie kam, sah und räumte ab. In einer Zeit von 44:02 min:sec  verewigte sie sich mit Platz 3 in der Bestenliste der Damenwertung.

Es sei nebenbei erwähnt, dass sich Cäcilia noch am Vorabend am Dötzenkopf, bekannt durch die aktuelle Dötzi-Challenge, noch mit 3 Aufstiegen zur besten Wettkampfzeit warmgelaufen hatte. Mag das doch ein gutes Omen für manche Läufer für 2016 sein.

Landsleute, gebt Gas, sucht die Verticals zuhause und greift beim 6.VUP 2016 in Kitzbühl an. Dieser Berg, diese Abfahrtsstrecke muss erklommen werden. Und bei mir muss in 2016 eine 4 vorne stehen. See you next year.

 

Sieger Speed Männer


1. HOFFMANN Christian 30:49,7
2. ZEMMER Urban 32:25,6
3.  ACCHINELLI Marco 32:49,3

 

Siegerinnen Speed Frauen
 

1. MAIR Susanne 39:48,3
2. KRENSLEHNER-SCHMID Verena 40:55,6
3. SCHREYER Cäcilia  44:02,4

 

Informationen: Streif Vertical Up
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