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Laufberichte

''Hart, härter, Pacemaker''

13.04.08

Eigentlich laufe ich immer meinen eigenen Stiefel. Oft sieht das dann so aus: die erste Hälfte, also die ersten gut 20 Kilometer richtig langsam. Einrollen nennt man das. Dann, wenn der Körper schön warm, die Muskeln und Bänder geschmiert sind, die Frühstückssemmel verdaut ist, dann kann von mir aus die Post abgehen. Oder auch nicht. Manchmal ist auch alles umgekehrt, je nach Tagesform und Laune. Jedenfalls bestimme immer ich, was zwischen der Startlinie und Kilometer 42,195 abgeht.

Anders, wenn der Veranstalter sagt: du läufst konstant ein Tempo, du bist unser Pacemaker! Manche sagen auch Brems- oder Zugläufer. Pacemaker klingt aber viel wichtiger. Und irgendwie steht man auch ein wenig im Mittelpunkt als Pacemaker. Wie das genau ist? St. Wendel sollte es zeigen, der dortige Globus-Marathon war meine Premiere als Tempomacher.

Nervosität schon am Vortag. Würde ich die Erwartungen des Veranstalters erfüllen? Die Zielzeit von 4 Stunden 15 Minuten sollte nun weniger das Problem sein, oder doch? Normalerweise liegt meine gewöhnliche Marathonzeit, die ich in der Regel alle zwei Wochen laufe, bei knapp unter 4 Stunden, so um die Dreifünfzig. Und nun sollen es exakt 4 Stunden 15 sein? Aber dafür bin ich vom Veranstalter engagiert worden, besser: ich habe mich beworben.

Ich überlege mir sogar ernsthaft, welches Laufshirt ich beim Marathon tragen werde. Mache ich im Grunde immer vor einem Lauf, aber diesmal in St. Wendel noch gewissenhafter. Schließlich hat man als Pacemaker so was wie eine Vorbildfunktion, bilde ich mir ein. Also doch das bunte Finisher-Hemd aus Davos? Das Angeber-Shirt. Du bist absolut kindisch, Alex, schimpft meine Vernunft. Also doch irgendeine Standardfarbe?

Ich schlafe ein, süßeste Pacemaker-Träume. Die Shirt-Frage löst sich am Marathon-Tag von alleine. Alle Pacemaker treffen sich im Rathaus von St. Wendel. Der Schnelle mit der 3-Stunden-Zeit ist da, auch Manfred, mit dem ich gemeinsam die 4:15 anpacken werde. Alle bekommen ein rotes Laufhemd, so wie einen gasgefüllten Luftballon, auf dem die Zielzeit in schwarzen Ziffern aufgemalt ist. Mein Ballon ist gelb, der von Manfred blau.

Draußen regnet es etwas, die Temperaturen sind optimal, so um die 9 Grad. Manfred und ich reihen uns im hinteren Startfeld ein, den Ballon zunächst mit einer Nadel an der Hose befestigt. Manfred ist für mich wichtig, denn immerhin trägt er eine Uhr. Ich laufe selten mit einem Chrono, weil mir Zeit an sich egal ist. Meine innere Uhr, die läuft immer mit. Aber heute, bei meiner Pacemaker-Premiere im Saarland, da traue ich mir selbst nicht. Manfred soll unterwegs immer wieder die Zwischenzeiten durchgeben, das Kilometer-Tempo überwachen. Wir kennen uns nicht, müssen uns aber dennoch blind verstehen, Diskussionen unterwegs kann und darf es nicht geben. Oder doch?

Die ersten 4:15-Mitläufer nähern sich, die Anspannung ist wie immer am Start zu spüren. Einer will wissen, wieso ich einen gelben Ballon habe, ob die Farbunterschiede eine Bedeutung haben. Keine Ahnung, ich mache mir über vieles Gedanken, aber nicht über die Ballonfarbe, meine Güte!

10 Uhr, der Startschuss in St. Wendel. Abklatschen mit Manfred, es kann losgehen. Aus riesigen Lautsprecherboxen dröhnen die Worte des Moderators, die Zuschauer machen Stimmung, bevor es langsam einsamer wird. Ein Problem wird gleich zu Beginn deutlich: die Ballone erweisen sich als extrem windanfällig, verlieren immer wieder an Höhe. So ziehe ich zunächst den Luftballon wie einen störrischen Hund an der Leine hinter mir her. Nach den ersten Kilometern wird´s mir zu bunt. Ich löse die Schnur von meiner Hose, wickle sie um die Hand, nehme den Windhund quasi an die kurze Leine. Manfred macht es auch so, und wir haben unsere Ruhe.

Es geht hinaus aus St. Wendel, wir folgen einer Bundesstraße nach Niederlinxweiler. Uns folgen nur ein paar Läufer, den meisten sind wir offenbar zu langsam. Wer will schon 4:15 laufen? Unter 4 Stunden, das ist wenigstens eine Hausnummer, aber 4:15? Egal.

Anke aus Saarbrücken ist der 6er-Schnitt pro Kilometer gerade recht, erst am vergangenen Wochenende ist die kleine Blonde in Freiburg den Halbmarathon gelaufen. Nun will es Anke nur locker laufen lassen, den Marathon genießen. Wollen Manfred und ich eigentlich auch, aber immer wieder geht der kritische Blick auf die Uhr. Sind wir in der Zeit? Noch motzt niemand im Feld unserer Begleiter, das Tempo scheint zu stimmen.

Die Zuschauer entlang der Strecke werden immer weniger. Wären nicht die vielen Bands, die alle paar Kilometer für Stimmung sorgen - von Blues, über Rock, bis hin zu Polka - die Angelegenheit wäre eher trostlos. So aber gibt´s immer was zu hören und zu sehen, sogar die Sonne kommt für ein paar Momente mal raus. Wir vergessen für einige Augenblicke die Zeit, wir, die tollen Pacemaker.

Und schon ist es passiert: wir sind zu schnell! Waren Manfred und ich zunächst noch knapp über 6 Minuten, so pendelt sich nun das Tempo auf 5:45 ein. Also etwas langsamer, lautet die Devise. Vom Wendepunkt bei Niederlinxweiler geht es zurück nach St.Wendel, von dort zum zweiten Wendepunkt nach Urweiler.

Eine weitere Läuferin gesellt sich zu uns, Simone aus Homburg. Ihr erster Marathon. Wieder in St. Wendel angekommen ist die Halbmarathon-Marke erreicht. Manfred sagt eine Zeit, verstehe ihn aber nicht. So was wie "zu schnell" schnappe ich auf. Bleibt nur die Frage, wer von uns beiden die Temposchraube aufgedreht hat. Wir liegen knapp fünf Minuten unter unserer Zeit. Ich drehe mich um, blicke sorgenvoll auf die beiden Frauen. Denen macht das Tempo nichts aus, im Gegenteil. Die Beine sind noch locker, dafür verabschiedet sich einer der Männer ins Toilettenhäuschen. Ein Marathon der besonderen Art beginnt für ihn.

Draußen wird es ebenfalls ungemütlich: dunkle Wolken ziehen auf, aus einem Regentropfen wird innerhalb weniger Sekunden ein Wolkenbruch. So ein Wetter treibt an, wir werden wieder schneller, wollen schnell ins Ziel, obwohl die triefenden Schuhe von Meter zu Meter schwerer werden. Der gute Mann mit dem 4-Stunden-Ballon vor uns kommt bedrohlich näher. Das sind wahre Pacemaker-Sorgen!

Am nächsten Verpflegungsstand gönnen wir uns eine kleine Pause, Manfred plagen zudem erste Krämpfe. So paradox es klingen mag: ein langsames Tempo konstant gelaufen kann - weil ungewohnt - anstrengender sein als ein Marathon im normalen Rhythmus.

Immerhin wird es wieder trockener, die Sonne kommt kurz vor St. Wendel zum Vorschein, der Wind lässt nach. So kann auch der Pacemaker-Ballon mal wieder etwas von der Leine gelassen werden. Ein kleiner Zeitvertreib, wenn sonst an der Strecke nichts los ist und mal keine Musikband aufspielt. Simone hat bei Kilometer 30 ganz andere Sorgen, sie muss richtig kämpfen. Was vorhin noch so leicht und locker bei ihr aussah, wirkt nun zäh und schwerfällig. Die Rettung naht in Person eines Helfers, der neben einer Kiste Bitburger auch noch leckere Erdnuss-Kekse im Sortiment hat. Bei Simone entfachen die Kekse einen kleinen Energieschub, die Frau fliegt förmlich. Richtung Urweiler.

Die letzten fünf Kilometer. Manfred legt jetzt ein paar Gehpausen ein, die Krämpfe werden heftiger. Und Simone fängt nun an zu fluchen, ich schimpfe zurück. Im Nachhinein sind mir meine Worte peinlich, aber gesagt ist gesagt: "Stell´ Dich nicht so an!", sprudelt es aus dem Pacemaker-Munde. Was sie nicht weiß: auch meine Beine werden langsam schwer. Aber so was würde ein Pacemaker während des Rennens natürlich nie zugeben. Anke, die zweite Frau im Bunde, läuft vor uns.

Einen Kilometer vor dem Ziel, unsere Mission ist fast beendet. Der Moderator orakelt, dass wir doch gut in der Zeit liegen sollten. Von wegen! Wir sind zu schnell. Viel zu schnell. Am Ende zeigt die Uhr im Ziel 4 Stunden und fünf Minuten an. Versager! Wie konnte so etwas passieren? Immerhin schafft es Manfred mit seinen 4:12, die Pacemaker-Ehre von St. Wendel hoch zu halten. Gratulation! Fast eine Punktlandung.

Den beiden Mädels, Anke und Simone, ist das alles völlig egal. Sie strahlen, sind mit ihrer Zeit und ihrem Marathon zufrieden. Auch mit uns, den Männern mit den Luftballons. Wir lassen unsere Ballone aufsteigen. Gelb und blau. Beide mit 4:15 drauf.       

 

Informationen: St. Wendel Marathon
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