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Laufberichte

Grand Raid du Mercantour

17.06.07

In den Französischen Seealpen

 

Wolf und Steinbock sind die Wappentiere des Parc national du Mercantour in den französischen Seealpen im Hinterland von Nizza und leben dort auch in freier Wildbahn.

 

Die 500 Teilnehmer des diesjährigen Grand Raid du Mercantour bekamen allerdings weder den einen noch den anderen zu sehen, obwohl die Strecke dieses nunmehr bereits in der vierten Auflage ausgetragenen Laufes in weiten Teilen innerhalb des Nationalparks verläuft.

 

Laut Ausschreibung geht der Wettbewerb über eine Distanz von 102 km und einen kumulierten Höhenunterschied von insgesamt 6.600 m in Auf- und Abstieg. Das Zeitlimit beträgt 30 h. Damit dürfte der Lauf nach dem UTMB gemeinsam mit dem Grand Raid du Cro-Magnon einen der derzeit anspruchsvollsten Extrem-Bergläufe in Europa darstellen.

 

Wie die beiden vorgenannten Veranstaltungen war auch hier das Teilnehmerkontingent bereits frühzeitig ausgebucht. Naturgemäß stellen Franzosen die Mehrheit der Teilnehmer. Aber auch ItalienerInnen waren stark vertreten. Ich war in diesem Jahr der einzige und vermutlich auch der erste deutsche Teilnehmer überhaupt.

 

Start und Ziel ist in St. Martin Vesubie, einem verschlafenen Bergdorf in absolut idyllischer Umgebung. Von Nizza aus, wir reisten mit dem Flugzeug via Zürich an, fährt man eine gute Stunde. In der Vesubie-Schlucht lassen sich bereits bei der Anreise erste Eindrücke der wilden und reizvollen Landschaft sammeln.

 

Nach der Starnummernausgabe am Freitagnachmittag gab es am Samstag ab 02:00 h Frühstück im Startbereich. Nicht gerade üppig, aber kalorienhaltig. Danach folgte die sehr lockere Kontrolle der Pflichtausrüstung (min. 1 l Wasser, Stirnlampe mit Ersatzbatterien, Bandage, Trillerpfeife und Rettungsdecke) und ein kurzes Briefing. Meine eher bescheidenen Französischkenntnisse ließen mich vermuten, dass die Wetterprognose wohl günstig sei und man ansonsten schon sehen werde. Punkt 04:00 h ging es los. Bon courage!

 

 
Frühstück vor dem Start
© marathon4you.de

Die ersten drei km führen auf dem einzigen geteerten Abschnitt locker bergauf in das nächsten Dörfchen. Die dabei zu überwindenden ca. 250 hm sorgen dafür, dass sich das Teilnehmerfeld ordentlich auseinander zieht. Damit gibt es mit dem Beginn des Single Trails am Ortsende von Venanson auch kein Gedränge mehr. Bald dämmert es, so dass auch in den Waldpassagen keine Stirnlampen mehr nötig sind.

 

Bis zur ersten Verpflegungsstelle (Ravito) bei km 15 sind ohne nennenswerte Schwierigkeiten weitere 1.200 hm auf überwiegend guten Wegen zu überwinden. Das Ravito befindet sich auf dem Col de Veillos in ca. 2.000 m Höhe. Im Schatten ist es bei kräftigem Mistralwind noch ziemlich kalt. Meine Pause fällt nicht zu üppig aus.

 

 
1. Ravito in der Morgendämmerung
© marathon4you.de

Es folgt ein weiterer Anstieg durch traumhafte Landschaft auf knapp 2.500 m zum Col de Barn. Jetzt lag die weitere Strecke in der Morgensonne. Flott ging es zuerst auf schmalen Steigen, später teilweise auf Forstwegen wieder hinunter zum zweiten Ravito bei km 31.

 

Die nächste Etappe (13 km) führt in das Kerngebiet des Nationalparks zum Pas des Ladres auf 2.548 m. Vorbei an einem wunderschön gelegenen Bergsee steigt der Pfad gewaltig an, um nach dem Übergang über den Col de Fenestre wieder steil zur nächsten Verpflegungsstelle beim Refuge de la Madonne de Fenestre abzufallen. Von gewonnenen 1.076 hm, verliert man somit ziemlich schnell wieder 700.

 

 
Lac de Trécolpas
© marathon4you.de 2 Bilder

Die Hütte ist gut mit dem Auto zu erreichen. Meine Frau Margot wartet dort mit etlichen Betreuern und Begleitern anderer LäuferInnen auf mich. Ihre Umarmung tut wie immer gut. Etwa 43 km sind bewältigt, aber auch fast 9:00 h vergangen.

 

Nun folgt das nach dem Roadbook anspruchvollste Teilstück. Steil und teilweise auch ausgesetzt geht es über etliche Schneefelder und zwei kurze Kletterpassagen zum Pas du mont Collomb auf über 2.500 m. In der Streckenkarte heißt es hier: Passage délicat!

 

 
Schneefeldquerung
© marathon4you.de

 

Steil und nahezu weglos führt der nachfolgende Abstieg knappe 900 m nach unten.

 

 
Blick zurück
© marathon4you.de 3 Bilder

Das nächste Ravito markiert etwa die Hälfte der Gesamtdistanz. Es folgt der Überstieg ins „Tal der Wunder“ (Vallée des Merveilles). Über 40.000 Felszeichnungen zeugen dort von einer Besiedelung des Tals bereits in der Bronzezeit. Dieses Areal ist streng geschützt. Die ansonsten zugelassenen und auch sinnvollen Teleskopstöcke wandern in den Rucksack. Sie dürfen auf den nächsten 12 km nicht benutzt werden.

 

 
Tal der Wunder
© marathon4you.de

Die Wetterbedingungen sind optimal. Sonne mit leichten Quellwolken. Leichter Wind, so dass die Temperaturen im Tal mit ca. 20° C auch nicht zu warm werden. Auf den Pässen pfeift der Wind immer noch heftig. Eine winddichte Jacke hilft hier sehr.

 

Über das Refuge de Merveilles und eine weitere Verpflegungsstelle im Tal geht es zum den nächsten Pass und dann zum zweiten Mal an diesem Tag zum Refuge de la Madonne de Fenestre. Inzwischen ist es wieder Nacht geworden. Ein traumhafter Sternenhimmel und vollständige Stille begleiten mich. Ich laufe alleine, habe längst meinen Rhythmus gefunden und komme gut voran. Ich bin zuversichtlich, mein selbst gesetztes Zeitziel von 24 h einhalten zu können.

 

Am Refuge sind 89 km und, so meine ich zumindest, das schwierigste geschafft. Nur noch 13 km sowie 560 hm im Aufstieg und 1.500 hm im Abstieg liegen vor mir.

 

Ein letztes Mal den Trinkrucksack gefüllt, Nudeln, Käse, Wurst, Honigkuchen und ein Bierchen und es geht weiter.

 

Der Aufstieg fällt mir immer noch leicht. Ich kann bis zum höchsten Punkt etliche Konkurrenten überholen. Ein letzter Kontrollposten wird nahe dem Gipfel der Cime du Piagu passiert, dann beginnt der Abstieg nach St. Martin Vesubie.

 

Laut Roadbook 11 km nur bergab. Klingt bestens. Das Erwachen kommt schnell. Der Weg ist allerhöchstens noch eine Wegspur, in weiten Teilen trotz Stirnlampe nicht zu erkennen. Ausreichend Markierungen führen durch weitgehend wegloses Gelände zuerst über Blöcke und Geröll, später durch Bergwald steil nach unten. An Laufen ist nicht zu denken. Vorsichtiges Gehen, teilweise Hinabtasten beschreibt die Fortbewegungsart zutreffender. Der Trail erfordert höchste Konzentration.

 

Es geht auch anderen Teilnehmern so. Immer wieder überhole ich, trotz meines gefühlten Scheckentempos, LäuferInnen, die pausieren und das eine oder andere „merde alors“ ausstoßen.

 

Es wird zum zweiten Mal Tag. Erst jetzt wird mir klar, dass mein Zeitziel in weite Ferne gerückt ist. Die letzten 4 bis 5 km führen auf wieder besseren Pfaden durch Wald hinunter nach St. Martin. Trotzdem erwischt es mich hier noch. Der Bewuchs am linken Wegrand täuscht. Unter den Grasbüscheln ist bereits die Böschung und dort finde ich mich kurz darauf kopfüber liegend wieder. Erschrocken aber unverletzt geht’s weiter.

 

Die ersten Zuschauer tauchen am Ortsrand auf. Eine endlos erscheinende Anzahl von Treppen hinunter und durch die Gasse, in deren Mitte der Bach fließt. Ich weiß, es ist nicht mehr weit. Das Ziel am Marktplatz ist erreicht. Meine Uhr steht bei 25.05 h.

 

Meine Frau Margot wartet und umarmt mich zuerst, dann zwei Helfer im Ziel. Als Finisher-Geschenk gibt es eine Fleece-Jacke mit dem Wappentier des Laufes, dem Steinbock.

 

Von den 500 Startern erreichten 297 das Ziel. Der Sieger benötigte ca. 14:25 h. Angesichts des Streckenprofils und der schlechten Wege eine herausragende Leistung. Ich erreiche Rang 175 in der Gesamtwertung und Platz 27 in der Altersklasse VHM 2 (M 50) und bin mit mir zufrieden.

 

Bei der Siegerehrung am Vormittag tausche ich mich mit etlichen anderen Läufern aus. Alle, die den UTMB kennen, sind sich einig, dass der Grand Raid als technisch wesentlich schwieriger einzustufen ist.

 

Fazit: Für mich ein landschaftlich herrlicher, aber sehr anspruchsvoller Lauf. Wer sich hier die Qualifikation für den UTMB holt, sollte dort ohne Probleme auch ins Ziel kommen können. Für ein Startgeld von € 65,00 wird eine absolut angemessene Leistung geboten, und das ohne Unterstützung eines großen Sponsors. Trotz der langen Anreise sehr empfehlenswert.

 

Weitere Informationen gibt es hier:

http://perso.orange.fr/apaches/Mercantour2007/profil.htm

 


 

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