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Laufberichte

Deutschlandlauf, 8. Etappe Werne-Solingen 83,2 km

 

Grenzerfahrungen

 

Einfach unglaublich! Da läuft was ganz Großes quer durch unser Land, und kaum jemand nimmt davon Notiz. Der DeutschLandLauf (DLL), eine ganz besondere Gruppenreise. Hier werden neue Grenzen gezogen. Klar, geographische sowieso, aber auch persönliche, die Wunsch und Wille mit der eigenen Leistungsfähigkeit abgleichen. Das kann höchst erfreulich, aber auch traurig ausgehen. In jedem Fall sollten wir unseren HeldInnen höchsten Respekt zollen - ihr könnt sie künftig am grünen Laufshirt erkennen ...

Sonntag, der 23.7. Etappe 8, Werne – Solingen, 83,2 km. Der Wetterbericht von gestern ist bereits Makulatur. Sturm und Regen in der Früh. Halb 5, es ist ziemlich finster. Erste Lebenszeichen: Einzeletappenläufer (ich bin einer davon) treffen ein, aus der Turnhalle kommen schwerbepackte Läufer. Sie beladen den LKW zum Ziel. Die Orga regelt alles. Bekannte Gesichter tauchen auf, viele Bekannte.

Aber die Anstrengung hinterlässt Spuren. Schließlich sind es bis hierher ca.550 km. So werden Entfernungen allmählich relativ. Schlaf ist kostbar geworden, die Nächte sind einfach zu kurz. Und so richtig essen, Speicher füllen, klappt auch nicht immer gut. So drosselt sich das Tempo ganz automatisch. Der Orga geht es genauso. Statt Laufen müssen sie buchführen, umziehen mit dem kompletten Tross und bloß nichts vergessen...

5 Uhr. Start. Los geht es, ganz gaanz langsam. Vorsichtig auf Betriebstemperatur steigern, das dauert. Für mich völlig ungewohnt: Ich bin plötzlich ganz vorne (bleibe es aber nicht). Naja, so ausgeruht und frisch, kein Wunder. Erstmal durch Werne mit altem Stadtkern, im Dunkeln sieht man wenig. Die pinkfarbenen Kreidepfeile weisen uns den Weg. An den Hauptstraßen ohne Verkehr zur Lippe, dann nach Südwesten. Am Kraftwerk passiert es: Regen. Und nicht zu knapp. Unter Bäumen geht es noch, aber ohne... also die Regenhaut drüber. Für meine Kamera leider zu spät, sie ist hinüber.

Der Regen wäscht die Markierungen von der Straße. Die kleinen Klebeschilder, orange in Daumengröße, hält es auch nicht an jedem Mast. Also: GPS oder die Karte fragen. Am Kanal sind wir plötzlich auf der falschen Seite. Macht aber nix, die nächste Brücke kommt schnell. Und der Regen hört auf! Regenhaut weg und befreit weiter. In kleinen Grüppchen geht es voran, am Hafen vorbei, durch Lünen-Süd nach Derne. Alles auf Radwegen oder am Straßenrand. Am VP2 gute Versorgung. In Dortmund ist so früh auch noch nichts los.

Ich begleite crocs-man, ein Extremläufer aus Frankreich. Er trägt crocs, diese leichten Kunststoffschluffen. Bemerkenswert. Seine Frau begleitet ihn im Wohnmobil, er ist bester Laune. Sightseeing in der Innenstadt, schöner Sonnenschein, wenn doch bloß die Kamera...

Im Dortmunder Süden erreichen wir sehr welliges Terrain, aber richtig schön. Alte Häuser, Fachwerk, Busch und Baum, mal ein Bach, das grüne Ruhrgebiet eben. Macht richtig Freude.

Kurs auf Witten entlang der Hauptstraße. Ohne Verkehr ganz ok. Von hinten schließen nun die Profis auf, die mit der Etappenlauf-Erfahrung. Ganz ganz viele Tips sammle ich so ein, wie man sowas überhaupt durchhält...  alles auf Englisch-Französisch-Niederländisch-Deutsch.

Witten ist überraschend schön. Alte Gebäude aus besseren Zeiten, die Villen und die städtischen Repräsentationsbauten. Über die Ruhr, auch schön, tief Luft holen und den ersten richtigen Berganstieg machen. Oben ist Halbzeit und mit VP4 ein toller Höhepunkt erreicht. Beifall, Freunde begrüßen (den Rolli aus WAT läuft) und Kraft nachfüllen. Hier gibt‘s alles, was das Herz begehrt. Orga und Versorgung leisten perfekte Arbeit. Danke dafür.

Ab jetzt kommen die Berge. Die nächsten 42 km viel hoch und ab und zu auch runter. Wir sind zwar oben, aber noch nicht ganz. Ein fieser, leichter Anstieg für die nächsten 8 km. Schön links am Straßenrand, wir haben ja eine StVO. Harleys donnern vorbei. Die sollten auch mal besser laufen so wie wir. Von der Höhe herab ergeben sich nette Ausblicke, meistens nach Süden ins Tal, wo wir hin müssen. In Haßlinghausen biegen wir endlich ab.

Auf die Trasse der alten Kohlenbahn. Unterwegs VP5, da sind Profis am Werk. Sie können am Laufstil erkennen, wer da kommt...Von Wald umgeben, schrauben wir uns zum Bahnhof Schee hoch, dem Brechpunkt der alten Bahnen von Wuppertal und Hattingen. Noch durch einen langen Tunnel (mit Beleuchtung) und dann nach VP6 runter nach Wuppertal. Genauer: Oberbarmen. Hier hat man schon bessere Zeiten erlebt. Viel bessere. Schnell durch.

Abwärts für 2-3 km, am Bahnhof sehr große Kreuzung, Fußgängerampeln und viel Betrieb. Interessant: niemand nimmt irgendwelche Notiz von uns. Nur manchmal ein freundliches Grinsen...

Nach der Gleisüberquerung steil hoch. Werlestraße. Und dann wieder runter ins Murmelbachtal, ein ansehnliches Naturschutzgebiet. Geschotterte Wanderwege führen uns - natürlich, was sonst- bergauf. Die Aussicht oben ist richtig toll. Und sehr vielversprechend: Die Wolken sehen so nass aus. Ein kleiner Trail abwärts, steiler Schotter hoch zu VP7. Wieder Bekannte, diesmal vom Wupperlauf im Februar. Man mag es kaum glauben, schön ist es trotzdem.  Ronsdorf folgt nun. Dann ein nettes Stück Natur, eine Falknerei und der Blick auf Remscheid.

Tiefes Tal vor uns, die Stadt verdammt hoch auf dem Berg. Bloß nicht da rauf, denke ich noch so. Und es kommt, wie es kommen muss - vom Talgrund in per Direttissima ins Zentrum,  wo es am Höchsten ist. War ja klar. VP8 entschädigt dafür. Prima Team. Hopfentee macht munter. Keine 10 km mehr! Dann man los. Wäre da nicht der Regnschauer. Wir gehen in Deckung. Böen und Starkregen sind schnell vorbei, ab, runter ins Eschbachtal. Fast schon die Zielgerade. Wellig rauf und runter, durch einen Bach, im Wald weiter, nach Tyrol. Im Herbst kreuzt hier der Röntgenlauf, daher kommt es mir so bekannt vor.

Oli ist gnädig mit uns, eine Streckenänderung kurz vor Schluss. Nicht die Serpentinen zum Schloss Burg hoch, sondern auf der Hauptstraße mit 10% Steigung. Richtig angenehm ist  das. Nur kommen wir leider nicht durch das Burgareal, machen so aber auch keine Touristen nervös... Zur Jugendherberge sind es noch wenige Meter, aber – klar - ordentlich hoch. Und Ziiel, endlich!

Die Kameraden verschwinden schnell. Sie brauchen die Erholung nötiger als ich. Gewusel im Haus mit dem Gepäck, wer kommt wohin? Ist bei Gruppenreisen so üblich. Die meisten sind noch unterwegs, einige noch mehrere Stunden. Ich habe (ausgeruht und frisch) 12,5 Stunden gebraucht, für mich ein Marker, die Leistung der anderen zu würdigen. Ich bin froh, morgen nicht laufen zu müssen und lerne so meine neuen Grenzen kennen.


Fazit

Lieber Läufer,  sei wachsam und lerne:

Du sollst nicht jammern. Du sollst nicht aufgeben. Du sollst nicht abkürzen.
Du sollst nicht Beschwerde führen wegen des Wetters oder der Streckenmarkierung.

... und überschätze deine Power nicht! Dann kommst du gesund zurück!

 

Offizielle Website Deutschlandlauf 2017

 

 


 

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