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Laufberichte

Der Marathon am Golf von Oman

 

In memoriam Anna Dittenberger, der besten Schwiegermutter von allen.


“In die heiße Suppe greift …“ war ein Spiel, das wir als Kinder im Freien spielten. Jeder konnte sich einen Ländernamen aussuchen. Ich war immer „Oman“. Vielleicht weil der damalige Herrscher gerade von seinem Sohn aus dem Amt gejagt worden ist? Keine Ahnung, das war damals aber sicher in den Nachrichten.

Gut zwei Jahre ist es her, dass ich vom dortigen Marathon gelesen habe. Für 2015 hatte ich den ins Auge gefasst, ein Jahr später ist aber auch in Ordnung. Schließlich hat dieses Land eine funktionierende Diktatur. Der Sultan hatte 1970 seinen Vater nach London geschickt und hier das Kommando übernommen. Als Besucher fühlt man sich sicher in diesem Land, zumal man ohne Probleme an Bier kommt. In den internationalen Hotels wie selbstverständlich.

Fly Emirates steht auf vielen Fussballertrikots, und genau das machen wir dieses Wochenende. Wir, das sind Sonja und Jürgen Penthor aus dem Südburgenland und ich. René Patek ist im Vorjahr schon dort gelaufen und kann uns mit einigem Insiderwissen aushelfen. Ein Tipp: Entweder gleich im Veranstalterhotel Intercontinental nächtigen – nicht billig! – oder ganz in der Nähe. Denn Muscat ist zwischen Küste und Bergen eingequetscht und sehr lange! Die Entfernungen sind groß, wie in den Städten der USA.

Nachtflug ab Wien, umsteigen in Dubai, um 09h40 landen wir am Flughafen von Muscat, der Hauptstadt des Oman. Bevor wir aussteigen, zeigt das Thermometer 28°C. Im Flughafengebäude sieht man gleich, wer hier der Chef ist: Der Sultan Qabus ibn Said ist fein gewandet mit gestutztem weißem Vollbart auf einem großen Bild zu sehen. Ausgesucht freundlich stellt der Einreisebeamte unsere Visa aus und wünscht uns einen schönen Aufenthalt im Sultanat Oman. Da habe ich in den USA schon einen ganz anderen Ton seitens der Immigration Officer gehört, und zwar noch jedes Mal, wenn ich dort war.

 
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Die etwa 20km mit dem Taxi zum Hotel kosten nicht die Welt. Der Schlafmangel und die ungewohnte Wärme setzen mir zu. Dennoch erkunde ich gleich einmal den Nahbereich des Hotels und stoße auf eine gekühlte Einkaufspassage. Quer über die Straße liegt der Opernkomplex. Weiß, mit weißem Marmor rundum, strahlt hell die einzige Oper im arabischen Raum im Sonnenlicht. Royal Opera House Muscat steht drauf.  Die letzte Führung des Tages versäume ich um 5min, aber schon der Vor-Vorraum ist beeindruckend schön und elegant. In der Opera Galleria dann die richtig teuren Geschäfte, Preisschilder gibt es da keine.

Nach Einbruch der Dunkelheit erhält man im Garten des Intercontinental die Startnummern. Mehr als 600 Anmeldungen haben die Muscat-Roadrunners nicht zugelassen. Nächstes Jahr will man versuchen, ob man seitens der Organisation auch 700 LäuferInnen bewältigen kann: Marathon, Halber und ein 10,3km-Lauf, der hat die meisten Teilnehmer. Da hat sich auch die längste Schlange gebildet, bei den Marathonis geht es ganz entspannt zu.

Freitag, Race Day. Mein Frühstück habe ich am Vortag in einer Konditorei gekauft, denn um 4h früh ist die Küche noch kalt im Hotel. In Debrecen gab es am Frühstücksbuffet Debreziner, gäbe es hier im Sultanat folglich Sultaninen?

Der Marathon-Start ist für 6h angesetzt, da ist es auf meiner biologischen Uhr 3h morgens. 15min vorher bin ich im mit Flutlicht ausgeleuchteten Garten des Hotels, die Stimmung ist gut, Musik läuft im Hintergrund. Ich treffe auf Jürgen und seine Frau Sonja, sie wird eine Stunde nach uns beim Halbmarathon starten. Die Temperatur ist angenehm, der Wind ist aber ganz schön heftig.

Die Muscat-Roadrunners sind in erster Linie Europäer, die im Oman leben und arbeiten. Die meisten davon sind Engländer, Holländer und Schotten, aber auch Einheimische sind dabei.

Der Start erfolgt pünktlich, raus aus dem Garten und die Straße rauf zur Oper, leichte Steigung. Es ist noch dunkel, die Unebenheiten im Straßenbelag sind für einen Brillenträger ohne Brille nicht immer zu erkennen. Immer wieder sind auch „sleeping policemen“ asphaltiert, Bodenschwellen, um die Autofahrer einzubremsen. Was ich die Nacht über mittels Straßenlärm mitbekommen habe: Viele der Autofahrer hier verstehen sich als Rennfahrer. Neben den immens großen Geländewagen, fünfeinhalb Meter lang, 2 Meter hoch, 2,2 Meter breit, sieht man viele Sportautos im Straßenverkehr. 500PS aufwärts, und die werden ausgeschöpft, das kann man unmöglich überhören. Irre, was für Kreuzungssprints alle paar Minuten zu hören sind. Beim 60er Schild haben die schon 150 drauf und beschleunigen weiter.

 
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Jetzt aber ist außer uns Läufern kaum ein Mensch auf der Straße. Die Polizei hat abgesperrt, da passiert nichts. Wir laufen an der Rückseite der Oper entlang, links von uns eine weiße Gartenmauer mit Bougainvillea bewachsen. An einer Kreuzung biegen wir nach links ab Richtung Strand, starker Gegenwind hier.

Wegen der Dunkelheit erspare ich mir das fotografieren bislang. Dann geht es rechts über eine Brücke (Al Shati Street) 2km gerade aus auf das „Crowne Plaza Muscat“ zu, das auf einem Felsen thront. Parallel zum Sandstrand auf unserer linken Seite, rechts ein See, dessen Wasser kaum zu sehen ist, da er dicht bewachsen ist. Das ist doch wohl eher ein Mangrovensumpf. Der Wind von links hinten weht uns über die Brücke. Wende an einem Kreisverkehr, der östlichste Streckenpunkt, ab nun Gegenwind von rechts vorne.

Schon nach etwa 4km der erste Versorgungsposten. Bei der Ausschreibung wurden die Läufer, „coming from a cool climate“, gewarnt, nur ja nicht aufs Trinken zu vergessen! Ungewohnte Temperaturen, hohe Luftfeuchtigkeit und Wind entziehen dem Körper ganz schnell die Flüssigkeit.

Die Labestellen kommen in angenehm kurzen Abständen. Es werden Wasserflaschen zu 350ml oder 500ml gereicht, das kommt mir sehr entgegen. Wieder am Anfang der Brücke, haben Jürgen und ich für diese ersten 5km eine halbe Stunde gebraucht. Es wird heller, aber dicke Wolken sind über uns. Ein Marshal redet mir ein, dass dieses ideale Wetter einzig und allein für mich wäre. Das sagt er natürlich jedem. In einer Stadt, in der es im Schnitt an sieben Tagen im Jahr regnet, sind dunkle Wolken schon eine Besonderheit.

Der nächste km gibt städtebaulich nicht viel her, dann kommen wir an einer im Bau befindlichen Moschee vorbei. Etwas weiter unter zwei Kuppeln ein Museum für Kinder und gegenüber ein sechs Stockwerke hoher Glasbau, die „Bibliothek für Kinder“.

Beim City Amphitheater, nach noch nicht einmal 7km, die nächste Labestelle. Sie ist gleichzeitig auch die übernächste. Denn nun geht es rein in den Qurum National Park mit üppiger Flora. Alles, was Wärme und viel Wasser verträgt, wächst hier. Blumen mit schönsten Blüten zuhauf, unzählige Rosensorten, Bananenstauden, Feigenbäume … ein Fest für die Augen. Darin eingebettet ein elliptischer See, auf dem man Boot fahren kann. Wir aber laufen 1x rundum, dabei kommen wir an allen 10 Pavillons vorbei.

 
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Zwei weibliche Streckenposten sind die Weichensteller. Nach einer Seeumrundung kommen wir auf die Außenspur und biegen dann ab. Nicht nur, dass gezählt alle 36 Schritte färbige Streckenmarkierungen am Boden kleben, werden wir durch Handzeichen und Zurufe geleitet und dabei angefeuert. Hin und wieder ist die Streckenführung nämlich recht gefinkelt und kreuzt sich mehrmals. An den Schnittpunkten kommen die Bodenaufkleber in ganz kurzen Abständen. Man spart auch nicht an kundigen, meist weiblichen Helfern, sodass da sicher niemand in die Irre läuft.

Wir laufen weiter durch den Park, durch eines der Tore an einem trockenen Brunnen vorbei und bei einem Lieferanteneingang raus. Verschiedenfarbige Bougainvilleen ranken sich auf der Mauer. Draußen parkt ein Ferrari 488 GTB in grau. Auch so ein Geschoss, das nicht zu überhören ist, wenn der Lenker etwas ambitioniert aufs Gaspedal tritt. Macht sicher Spaß.

Ein paar hundert Meter draußen der Mauer entlang und durch eines der Hauptportale wieder rein. Dann an einem Vergnügungspark vorbei, der aber geschlossen ist. Im Uhrzeigersinn weiter und wieder raus aus dem Park, erneut am Amphitheater vorbei. Am Beginn der Brücke waren wir bei km2, nun sind wir dort bei km12. Ein ganz kurzes Stück über Sand. Der Wind wirbelt ihn auf. Wie kleine Nadelstiche spüre ich ihn an den Schienbeinen.

Bei km13 kommt man am Hotel Intercontinental vorbei. Labestelle und es geht ab ins Diplomatenviertel. Hier sind die ganzen Botschaften beisammen. Die deutsche sehe ich als erstes, die britische scheint die mit Abstand größte zu sein. Vor einer Moschee wird der Gehsteig gewaschen, das Wasser läuft über die Straße. Hier ist es sehr rutschig, wie auf Seife läuft es sich. Es dauert ein paar Schritte, bis man wieder Gripp hat. Ehepaare flanieren, sie in schwarz und bodenlang, er in weiß und bodenlang. Einige Frauen sehen die Welt durch Sehschlitze, viele aber sind westlich gekleidet. Alles ist möglich.

Auf der Grünfläche zwischen der Strandpromenade, auf der ich nun laufe, und am Strand spielen junge Inder und Pakistani Fussball oder Kricket, es ist ja Feiertag heute. Sie machen mir aufmunternde Zeichen und lächeln. Selbst die berittene Polizei findet den Marathon super und zeigt es mit dem Daumen nach oben, als ich ein Foto mache - zwei dunkle Araber auf zwei hellen Arabern.

 
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An der britischen Botschaft habe ich den westlichsten Streckenteil erreicht, nun geht es in weitem Bogen zurück. Zwischen den Häusern merkt man vom Wind nicht viel. Als einer ein Auto wäscht und das Wasser über die Straße rinnt, ist ebenso rutschig wie vorhin bei der Moschee. Eine überdimensionale Palme entpuppt sich als Handymast. An einer Schule vorbei, an einem Krankenhaus und einer Shopping Mall, wieder an Botschaften. Bei etwa km19 sind zwei blonde Damen für die Labestelle verantwortlich, das sieht nach Mutter und Tochter aus. Auf dem Tablett bekomme mit einem Lächeln Bananen und Coca Cola serviert. Das Land gefällt mir immer besser.

Bei der Halbdistanz steht ein Streckenposten mit gelben Flaggen und zeigt mir den Weg in die zweite Runde, die bei den Tennisplätzen des Hotels beginnt. Was ich vorhin schon gelaufen bin, sehe ich nun bei Tageslicht. Am 2. km kreuzen Halbmarathonis meinen Weg, über der Brücke dann begegnen mir die Marathonis, die vor mir liegen, darunter Jürgen und viele der 10km-Läufer. Es tut sich wieder was auf der Strecke.

Der Wind hat nicht nachgelassen, ich kann nun aber das nahe Hadschar-Gebirge erkennen, die Wolken haben sich gehoben. Dieses Gebirge ist über 3.000m hoch, da oben herrscht ein völlig anderes Klima, als hier an der Küste. Mit bis zu 1.000m hohen Steilwänden sind diese Berge selbst für geübte Bergsteiger eine Herausforderung.

An der Labestelle vor und nach dem Qurum National Park werde ich nun mit einem Saxophon-Solo empfangen. Was Beruhigendes, nichts Aufregendes bläst er da. Dazu ein Fläschchen Wasser und zwei Becherchen Iso, ein Stück Banane und ich bin wieder unterwegs. Nach knapp 3 Stunden kommt einmal die Sonne durch, schlagartig wird es wärmer. Die Sonnenphase hält zu unserem Glück aber nicht lange an.

Heute bin ich wahrlich nicht sehr flott unterwegs, aber schnell genug, um nach und nach andere Läufer zu überholen. Mit denen wechsle ich ein paar Worte, dann wünschen wir uns alles Gute. Roxane aus Kalifornien begegnet mir am Rückweg, wir haben uns gestern vor der Oper kennen gelernt. Sie war mit dem Sonnenschirm unterwegs und ganz überrascht, dass man den Boston-Startplatz beim Reisebüro kaufen kann, ganz ohne Qualifikationszeit.

 
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Bei den Marshals verabschiede ich mich ab jetzt, schließlich komme ich nun nicht mehr vorbei. Diese haben immer ein freundliches Wort für mich. „Great job!“ ist das mindeste.

Als ich 8km vor dem Ziel abermals beim Intercontinental vorbei komme, ist da die Party bereits in vollem Gange. Die 10km-Leute sind schon im Ziel, die allermeisten Halbmarathonis auch und schon viele Marathonis. Da das Brunch-Buffet laut Ausschreibung aber alle Stunde neu bestückt wird, mache ich mir keine Sorgen.

Wo ich vorhin die beiden Reiterpolizisten getroffen habe, sind weitere zwei dazu gekommen. Die Pferde versuchen zu grasen (viel ist da nicht), die Polizisten sitzen auf einer Parkbank und unterhalten sich. Beim Pause machen fotografiere ich sie besser nicht.

Mittlerweile sind immer mehr Familien hier, die den freien Tag am Strand genießen. Ein paar Verwegene sind trotz des heftigen Wellengangs im Golf von Oman baden. Auf der anderen Seite liegt der Iran, da ist es bereits eine halbe Stunde später. Ich bin hier fast am Wendekreis des Steinbocks, etwas südlich davon. Das dazu gehörige Buch von Henry Miller muss ich erst noch lesen. Sein populäreres, ehemals Skandalbuch „Wendekreis des Krebses“, über das Lotterleben eines Amerikaners im Paris der 1930er Jahre, habe ich erst vor zwei Tagen ausgelesen, denn am Wendekreis des Krebses  (= Polarkreis) bin ich im Vorjahr einen Marathon gelaufen, mit anschließender Besichtigung der Mitternachtssonne.

Auf einem Autobus ist zu lesen, dass man beim Autofahren besser kein SMS schreiben soll. Noch 3km und nun kommt die Sonne raus. Gut, dass ich nicht mehr weit habe. Das Mutter-Tochter-Gespann nimmt sich meiner an, ich stärke mich für den Schlussabschnitt.

 
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Leichtes Gefälle gegen Ende. Die Marshals freuen sich mit mir, extra für mich wird die Straße gesperrt, wo ich drüber muss. Läufer haben Vorrang, so mag ich das. Mit großen Hütchen ist eine Spur der Hotelausfahrt für uns reserviert, rein in den Garten und da liegt auch schon die Zeitmatte. Das ging aber plötzlich. Die 50m bis zum Zielbogen, wo die Fotografen lauern und man die Erinnerungsmedaille bekommt, ist man eigentlich schon in der Freizeit.

Jürgen Penthor wartet da auf mich, er ist heute in seinem 58. Land einen Marathon gelaufen. Mit ihm seine Sonja, die nach ihrem Halbmarathon bereits geduscht und umgezogen ist. Beide organisieren Anfang November den Rauchwart-Marathon, ihre Erfahrung fließt da mit ein.

Der Zielsprecher informiert das Volk, wer denn da gerade daher kommt. Ich bekomme Applaus von rundum und bin recht zufrieden. Das war mein 99. Marathon, noch zwei Wochen bis zum 100er in Bad Füssing. Da dürfte es erfahrungsgemäß nicht ganz so warm werden. Mal sehen.

Das Buffet im Ziel könnte besser nicht sein. Während wir uns Rührei, Bratwürste, und, und, und schmecken lassen, finden die Siegerehrungen statt. Aus immerhin 57 Nationen kommen die Läufer und Läuferinnen die heute dabei waren bzw. noch sind.


Marathonsieger:  Sami Alsaidi,  OMN  2h50:20
Marathonsiegerin:   Asta Parker,   ISL  3h16:06

84 Marathon-Finisher,

Startgeld   EURO 64,22
ein passendes Finishershirt in grell-gelb
Zeitnahme mittels Champion-Chip
Labestellen alle 3 – 4 km, stellenweise noch kürzer
99% auf Asphalt oder Beton, wenige Höhenmeter,
Finishermedaille, erstklassiger Brunch als Zielversorgung
(bei Schönwetter gäbe es so gut wie kein Schatten)

 


 

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