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Laufberichte

WWW: Winter-Wunder-Welt

19.12.10
Autor: Klaus Duwe

Vier Wochen wollte ich nach dem Florenz Marathon nicht laufen. Mindestens. Nach zwei Wochen hatte ich drei Kilo zugenommen und dann kam der Winter, schneller und heftiger als gedacht und geplant.

Das wird wieder ein Gejammere im Frühjahr. „Scheiß Schnee, ich konnte nicht trainieren“, heißt es dann nämlich. Und die Veranstalter haben schon eine Erklärung für  ein eventuelles Minus in der Meldestatistik.


Wintersport in der Lichtentaler Allee


Seit es Winter ist, ist es vorbei mit meiner selbst auferlegten Ruhepause. Ich bin fast jeden Tag am Laufen. Es ist einfach herrlich. Schön wie im Märchen präsentieren sich Wälder und Felder, Parks und Städte. Das erste Mal überhaupt in diesem Jahr bin ich in der Lichtentaler Allee. Ein Katzensprung für mich. Aber jedes Wochenende bin ich irgendwo anders bei einem Marathon und unter der Woche frisst mich die Arbeit auf. Viele Spaziergänger, die ich treffe, kommen von weit her, um die weltberühmte Alle mit ihren uralten Bäumen, dem idyllischen Oosbach mit den vielen kunstvoll geschmiedeten Stegen, den prachtvollen Villen, berühmten Luxushotels und Museen zu besuchen.

Der Ursprung der Allee soll Mitte des 17. Jahrhunderts liegen, als vom Klosterplatz in Lichtental zum Markt in Baden-Baden eine Eichenalle angelegt wurde. Zwischen 1850 und 1870 wurde  auf Betreiben des Spielbankpächters Bénazet das Gelände um diese Straße zu einem großen Landschaftspark umgestaltet. Über 300 verschiedene einheimische und exotische Bäume und Pflanzen gibt es zu bewundern.

 
© marathon4you.de 42 Bilder

Vom Kurhaus mit der weltberühmten Spielbank und dem Theater aus kann man direkt loslaufen. Immer der Oos entlang, nach der in vielen Kreuzworträtseln gefragt wird. Rechts sind das neue Kulturhaus LA 8 mit Schachzentrum und Museum, das Museum Frieder Burda und die Staatliche Kunsthalle zu sehen, links über dem Flüsschen Villen und Hotels mit parkähnlichen Gärten. Schmale Wege ziehen sich durch den Park entlang der die Lichtentaler Allee, die nur von Anliegern befahren werden darf. 

Im Sommer und Herbst ist die Gönner-Anlage praktisch ein Wallfahrtsort für Rosenfreunde aus aller Herren Länder. 360 verschiedene Sorten soll mal jemand gezählt haben. Tief verschneit ist die kleine Parkanlage jetzt und kein Mensch verirrt sich in die Gärten, die man durch ein von zwei Hirschen bewachtes Tor betritt. In der Ferne sieht man den Merkur, den 668 m hohen Hausberg der Baden-Badener.

Ich wundere mich, wie sorgsam und gründlich alle Wege geräumt sind. Die Straße, in der ich wohne, wird nämlich seit Jahren nicht mehr von der Stadt geräumt. Die Leute schippen sich in diesen Tagen bald zu Tode. Manche fahren den Schnee mit der Schubkarre in den Wald.

Beim Hirtenhäuschen muss eine Verkehrsstraße gequert werden, dann ist man bei der Klosterwiese, einer großen Grünfläche mit Reitplatz, Spielplätzen und Liegewiesen. Man kann die Wiese komplett umrunden und läuft auf einem anderen Weg wieder zurück in Richtung Kurhaus. Viele Leute sind hier nicht unterwegs, Läufer sieht man keine. Es hat sich offensichtlich rumgesprochen, dass man bei Schnee am besten zu Hause bleibt. Umso mehr genieße ich die Allee und den Park in der ungewohnt weißen Pracht auf meiner heute rund 5 km langen Laufstrecke. 

 
© marathon4you.de 14 Bilder

„Bin ich blöd?“, frage ich mich. Ich reise durch die Welt und vergesse, wie schön es zu Hause ist. Ich nehme mir vor, jetzt  einmal jede Woche in der Allee zu laufen. Oder sagen wir, alle zwei Wochen. Es gibt nämlich noch andere schöne Plätze. Davon später. Jetzt muss ich nämlich zuerst einmal auf den Weihnachtsmarkt. Dort war ich in diesem Jahr auch noch nicht. Schande. Der Markt liegt wunderschön zwischen den Kurhauskolonaden und vor dem Kurhaus. Eine Kommission wacht streng darüber, dass in den fast 100 Verkaufsständen ein ausgewogenes Sortiment angeboten wird. Jeden Tag gibt es stimmungsvolle Live-Musik.  Auch am helllichten Tag ist viel Betrieb. Ich denke, die Glühweinkocher machen heute das beste Geschäft.

 

Rund ums Schloss Favorite

 

Noch keine 10 Autominuten von meiner Wohnung entfernt liegt bei Förch, einem kleinen Örtchen bei Rastatt, das Schloss Favorite. Markgräfin Sibylla Augusta von Baden, Gattin des Türkenlouis genannten Markgrafen Ludwig Wilhelm  ließ es 1710 – 1730 als Lust- und Jagdschloss erbauen. Wie die Beiden zusammen kamen, muss ich unbedingt erzählen.

Der Margraf war als Reichsgeneralfeldmarschall des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ein tapferer Kämpfer und anerkannter Stratege und fast ständig im Auftrag des Kaisers in irgendwelchen Kriegen unterwegs. Wegen seiner Erfolge insbesondere im großen Türkenkrieg (1683-99) bekam er den Spitznamen Türkenlouis. Während er sich mit den Türken herumschlug, zerstörten zuhause in Baden-Baden die Franzosen im Pfälzischen Erbfolgekrieg seinen Stammsitz und sein ganzes Land.

Wer nun denkt, der Kaiser habe ihn dafür mit Geld und Gold entschädigt, täuscht sich. Der wohl selber knapp bei Kasse gewesene oder ziemlich geizige Kaiser Leopold I. verkuppelte ihn lediglich mit der ältesten  Tochter des steinreichen Herzogs von Lauenburg. Dem Türkenlouis gefiel aber deren jüngere Schwester Sibylla wesentlich besser. Er verliebte sich in sie und sie sich in ihn, was damals zwar praktisch, aber nicht unbedingt Voraussetzung für eine Eheschließung war. Dem Kaiser war es egal, er gab seinen Segen. Nur mit der älteren Schwester gab es Knatsch. Beleidigt lehnte sie den  ihr jetzt zugedachten „Ersatzmann“ Prinz Eugen ab. Der hatte sich auch Verdienste im Türkenkrieg erworben. Die Einnahme der Stadt Belgrad durch seine Truppen wurde in einer Ballade besungen, deren spöttische Kurzfassung so geht:  „Prinz Eugen, der edle Ritter, hat den Arsch voll Bombensplitter.“ 

 
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Zurück zum Schloss Favorite. Es ist umgeben von einem ehemals barocken Lustgarten, der um 1790 in einen Landschaftsgarten mit Bächen und Seen umgestaltet wurde, der bis heute fast noch so erhalten ist.  Es gibt ein großes Wegenetz, das das ganze Jahr Läufer, Walker und Spaziergänger aus der Umgebung anzieht. Ich habe mir eine große Runde durch die Wälder und Alleen um das Schloss ausgesucht.  Je nach Lust und Laune laufe ich die etwa 3 km lange Runde zwei oder dreimal. Die Strecke ist eine meiner liebsten, sehr abwechslungsreich und unterhaltsam, weil zu jeder Tageszeit viele Leute unterwegs sind.  Nur für längere Distanzen bevorzuge ich andere Strecken.

Obwohl auch die Wege hier im Park und im Favoritenwäldchen hervorragend präpariert sind, ist heute kaum jemand unterwegs. Fast jungfräulich präsentieren sich einige Wege. Entsprechend anstrengend ist das Laufen – aber genau deshalb auch ein gutes Training. Ich kenne jeden Baum und jeden Strauch auf meiner Runde. Aber heute ist mir alles fremd. Ich bin in einer Winter-Wunder-Welt, wie man sie in unseren Breiten ganz selten erlebt.

Schaut Euch die Bilder an und freut Euch mit. Holt Eure Laufschuhe raus und genießt den herrlichen Winter. Für Kraft und Ausdauer sind die Bedingungen gut geeignet. Tempo trainiert Ihr später, wenn die weiße Pracht verschwunden ist. Das kann schneller passieren, als mir lieb ist.

 


 

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