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Laufberichte

Weltmeisterschaft der Senioren in Riccione 2007

12.09.07


Am 9.9. 2007 reise ich in Riccione an. Mit Hindernissen, denn ich muss erst einmal den Tag am Stuttgarter Flughafen verbringen; der Flieger hat vier Stunden Verspätung. Am liebsten würde ich den Flug stornieren und sofort wieder nach Hause fahren. Statt dessen kaufte ich mir „Der Schwarm“ von Frank Schätzing und versinke bis zum Abflug im Buch. Der Flug ist ok; als Trost für die Verspätung gibt es sogar den Kaffee umsonst, und das zusätzlich zu dem 6,50 € Gutschein – und das bei TUI.

 

In Rimini angekommen, suche ich den Bus nach Riccione. Schwierig. Glückli-cherweise kann ich mir mit einem deutschen Ehepaar ein Taxi zum Bahnhof  teilen. Der Mann findet, dass ab einem gewissen Alter jeder Sport, insbeson-dere der Marathon, gesundheitlich abträglich ist ... Na, meinetwegen.

 

Am Bahnhof rufe ich Volker an, wir verabreden uns am Campingplatz zur Zelt-übergabe. Volker fertigt mich kurz angebunden ab und fährt wieder. Und ich? Platz suchen, Zelt aufbauen ... ist das schrecklich hier! Inzwischen ist es 20 Uhr und zu spät, um die Startunterlagen zu holen. Ich kaufe mir etwas zu es-sen und ein Bier, und gehe entsprechend früh ins Bett. Ein Lärmpegel wie zu Hause: Autos, Zug und zusätzlich noch Flugzeuge und Discos. 

 

Am nächsten Morgen ziehe ich mit meinem Zelt in eine etwas ruhigere Ecke; danach gehe ich die Startunterlagen holen. Bis ich mich auf dem Areal zurechtgefunden hatte, dauert es ein Weilchen. Schließlich halte ich Starterpass in Händen (mit dem ich die Busse frei benutzen kann), Startnummern, Declaration Card und alles, was ich sonst noch brauche.

 

Declaration Card? Hallo, die meinen es ja richtig ernst hier! Nun, wir sind ja auch bei einer Weltmeisterschaft. Und demnach muss ich meine Teilnahme am Wettkampf 24 Stunden vor demselben mittels Abgabe der entsprechenden Karte erklären. Ich möchte der Einfachheit halber gleich beide Karten abge-ben, aber die freundliche Dame an der Info rät mir, dies nicht zu tun. Denn sobald ich mich offiziell erklärt habe, ist schwänzen nicht mehr möglich. Statt dessen: Arzt, offizielle Untersuchung und so. Nun, ich hatte ja niemals die Absicht zu schwänzen. Trotzdem gebe ich nur eine Karte ab. Man weiß ja nie.

 

Die Wettkämpfe finden in drei verschiedenen Städten statt: in Riccione selbst, in Misano Adriatico und in San Marigno. Das ist ein wenig schade, weil die Athleten so weit auseinandergerissen sind und man sich im Grunde nicht tref-fen, nicht austauschen kann. Auf dem Campingplatz lerne ich einen Stabhochspringer kennen (hätte ja zu viel Angst bei diesem Sport), und bei den Läufen einige Frauen.

 

Was mir zu denken gibt: zwei Leute halten mich für eine Werferin. Muss wohl doch endlich ein paar Kilo leichter werden.

10.000 m in San Giovanni Marigno / W45 und W50, Start 11:30 Uhr

Hier gestaltet sich schon die Anfahrt spannend. Zwar hatte ich mir im Vorfeld alles genau angeschaut, trotzdem lag ich, wie immer, falsch. San Marigno liegt circa eine Stunde von Riccione entfernt. Werde ich rechtzeitig ankommen?

 

Im Bus treffe ich einen Amerikaner, der mir seine gesamte Lebensgeschichte erzählt. Ich bin mir unklar, ob mich diese Ablenkung eher nervt oder beruhigt, kann aber eh nichts daran ändern. Freundlicherweise macht mich dieser Ame-rikaner mit den Örtlichkeiten bekannt, das hilft. 

 

Blick auf die Uhr: Ich habe noch Zeit. Also setze ich mich auf die Tribüne und schaue den W80-Frauen zu, die stur ihre Runden ziehen. Beeindruckend! Die schwächere der zwei Damen absolviert den Lauf in 1:27. „Elvira,“ denke ich, „es gibt noch Ziele!“. Den Start der W55 warte ich noch ab, dann gehe mich umziehen und warmlaufen.

 

Dabei treffe ich Chiara, die ich vom Swiss Jura Trail kenne. Sie erzählt mir, dass sie in diesem Jahr den Marathon des Sables und die Atacama-Wüste absolviert habe und jetzt an Muskelproblemen leide. Sie wisse nicht, wie und ob sie die 10 km und den Marathon bewältigen könne (die 10 km ist sie eine gute Zeit gelaufen, beim Marathon ist sie ausgestiegen).

 

Dann wird es ernst: Wir müssen in den Call Room, denn die Regel lautet, dass man sich 20 Minuten vor Beginn des Laufes dort einzufinden hat. Dort wird man mittels Startpass und dem Abriss der Declaration Card registriert und ggf. in die Doping-Kontrolle gebracht (ich vergesse immer wieder, wie ernst das hier ist).

 

Dann werden wir von einem Offiziellen an den Start geführt. Ein ulkiges Gefühl für eine relativ ambitionslose Freizeitläuferin. An der Startlinie werden alle noch einmal namentlich aufgerufen und an ihre Position gestellt. Endlich fällt der Startschuss! 25 Runden gilt es zu laufen. Ich muss selbst zählen, weil die Rundenanzeige natürlich nur für die Spitze gilt. 

 

Spätestens nach der 5 Runde habe ich keinen Überblick mehr. „Egal,“ denke ich, „die werden dich schon nicht endlos im Kreis laufen lassen.“ Es ist sehr heiß auf der Tartanbahn, lediglich in den Kurven kommt leichter Wind auf. Ich vertrödele Zeit, denn ich bleibe die ersten zwei Mal beim Trinken stehen (und dann nie wieder). Weil morgens jemand umgekippt war, fragt mich der Arzt bis zur dritten Runde, ob es mir gut geht – ich muss wohl einen knallroten Kopf haben. Ich winke ab. Klar geht es mir gut. Nur bin ich das Bahnlaufen nicht gewöhnt, und vor allem ist es lange her, dass ich eine solche Geschwindigkeit an den Tag gelegt habe.

 

Zwischendrin fällt die Zeitmessung aus. Chaos. Nun habe ich so gar keine Orientierung mehr.  Bei 32:32 geht es los: Ich will hier raus! Nein! Du bleibst drin und läufst das Ding zu Ende! Ich will raus! Du läufst fertig! Und so geht das hin und her. Entnervt vom inneren Dialog laufe ich auf die Matte zu, glau-be, mindestens noch einmal 32 Minuten vor mir zu haben, laufe über die Matte und – weiter. Geht doch!


Irgendwann später geht es wieder los. Ich glaube, mindestens noch 8 Runden vor mir zu haben, bin entnervt und lustlos. Da sehe ich, wie mir der Kampfrich-ter mir drei Finger entgegenstreckt. „Drei?“ frage ich ungläubig und bleibe bei-nahe stehen  – „Drei!“ antwortet er. Ich gebe noch einmal alles, renne meine drei Runden fertig, hole die Italienerin vor mir nicht mehr ein und komme mit 54:16 ins Ziel. Tolles Gefühl!

 

Somit wurde ich erste Deutsche in der W50. Anne Fischer, ebenfalls W50, wäre die erste Deutsche geworden und hätte die Silbermedaille gewonnen. Wenn nicht der Kampfrichter ihr die 24. Runde als 25 angezeigt hätte. Sie ging raus und galt damit als „aufgegeben“. Bitter, denn selbst, wenn sie noch eine weitere Runde hätte laufen müssen, wäre ihr Bronze sicher gewesen. Wirklich bitter.

 

In meinem Läuferleben bin ich nur drei 10er gelaufen. Ich hasse 10er. Bis ich warm bin, ist der Lauf rum. Mein erster 10er war 2001, Zielzeit 55:30 (oder so), Jahre später einen mit 1:05; diese Zeit hatte ich auch für Riccione angenom-men, und jetzt das!

 

Ich kann also, wenn ich will und muss, 1 km in ca. 5 Minuten laufen. Da steckt ja noch Potenzial drin ...


Der Marathon

Start um 9 Uhr am Sportzentrum in Riccione. Davor die üblichen Prelimiarien: Rucksack abgeben. Die Startunterlagen besagen: „Nur mit Startnummer ge-kennzeichtnete Rucksäcke abgeben“. Alle haben einen Zettel auf den Ruck-säcken. Und die Mädels in der Annahme füllen für jeden Rucksack sorgsam einen Zettel aus und bringen ihn liebevoll an den Rucksäcken an. Viva Italia! Das Gedränge und Gedrücke kann man sich vorstellen.

 

Call Room für 1460 Läufer? Ja, tatsächlich. Wir werden ins Stadion auf die Bahn geführt, gehen eine halbe Runde und treten dann durch ein Tor auf die Straße, wo wir nach Altersklassen Aufstellung nehmen, Männer rechts, Frauen links. Ich stehe also im vierten Startblock hinten (Senioren fangen ja bekann-termaßen ab 35 an).

 

Der Startschuss fällt, alle rennen los. Nur, wieso haben wir den Chip an den Füßen, wenn wir gar nicht über eine Zeitmessungsmatte laufen? Hier nicht, und dann nie wieder – bis zum Zieleinlauf! Aha, der Startschuss setzte die Uhr im Stadion in Gang, das heißt, Bruttozeit ist Nettozeit.

 

Die Strecke geht vom Sportstadion durch Riccione, durch Misano Adriatico, zum Wendepunkt in Cattolica, nach Riccione zurück, und das Gleiche noch einmal. Es ist fürchterlich heiß, kaum Schatten auf der Strecke, und zum Schluss geht auch das Wasser zur Neige (ich selbst musste nach der Ankunft im Stadion um Wasser betteln ...).

 

Außerdem gibt es keinerlei Verpflegung auf der Strecke. Das ist zwar genau nach den Richtlinien (der Veranstalter kann Verpflegung anbieten, muss aber nicht), doch ich bin nicht die einzige, die damit absolut nicht gerechnet hat. Bei der zweiten Runde habe ich gute Lust, den Leuten im Café die Croissants vom Tisch zu ziehen!

 

Im Grunde rettet mich ein halber Apfel, den meine Vorläuferin ablehnt. Nicht, dass er mir wirklich bekommt, aber psychisch tut er mir gut. Ich gehe, während ich ihn langsam esse, und dann liegt er mir kilometerlang schwer im Magen. Nun, ich musste ihn ja haben!

 

Eine zweite Gehpause mache ich zwischen km 39 und 40, weil ich keine Lust mehr habe, die kleine Steigung hoch zulaufen – obwohl ich weiß, dass ich das noch könnte. Schon seltsam, was Kopf und Körper so mit einem machen.

 

Ansonsten laufe ich tapfer gegen alle Widerstände durch, wobei ich in der zweiten Hälfte – besonders auf dem Rückweg – im Tempo ein wenig einbre-che. Ergebnis: 4:43 netto (ausgewiesene Bruttozeit 4:44). Und damit werde ich dritte deutsche in der W50. Albern, diese Platzierungen, weil ich gut Ab-stand zu den Vorläuferinnen hatte, aber immerhin.

 

Erlebnisse auf der Strecke selbst: Nett sind die Zurufe der Frauen: „Forza le donne!“ Und dass – neben den Deutschen – auch viele Italiener ermutigend „Deutschland, Deutschland!“ rufen und so Kraft zum weiterlaufen geben.

 

Internationale Gemeinsamkeiten: Ich hole eine Italienerin ein und rufe ihr zu „Forza Italia“. Sie muss lachen und wir laufen eine Weile zusammen; während dieser Zeit unterstützen wir uns gegenseitig, bis sie leider zurückfällt. Eine wei-tere Erfahrung dieser Art machte ich gegen Ende mit einer weiteren Italienerin; diesmal falle ich zurück und lasse sie ziehen. Ein ganz neues Erlebnis für mich: Marathon – nicht nur der Kampf bis aufs Messer, jeder gegen jeden, sondern konsequent sein eigenes Ding laufen und trotzdem für andere ein Auge haben. Es fühlt sich gut an. 

 

Ganz niedlich und rührend auch die Unterstützung seitens der Campingplatz-Mannschaft: Die sehen zu, dass ich ja rechtzeitig aufstehe (der eine weckte mich, der andere kommt kontrollieren, ob ich auch wach bin). Und dann ste-hen sie auch noch vor dem Campingtor und rufen mir zu und applaudieren.

 

Für mich ist dieser Marathon wieder eine Erfahrung mehr: Ich kann einen Ma-rathon in 4:43 bei größter Hitze (fast) ohne Essen durchlaufen. Potential. Und: Lieber Läuferin sein als Werferin. Also – runter mit dem Gewicht. Wieder Spaß am Laufen finden. Spaß am disziplinierten Training. Schluss damit, alles schleifen zu lassen und sich dann mehr als inkompetent fühlen. Einfach an-fangen, einfach durchhalten, so lange, bis es klappt. Und jetzt mit einer ge-sundeten Sehne.

 

Insgesamt: Ein Riesenerlebnis, diese WM und diese Läufe, mit allen Nationen und Altersklassen. Allerdings werde ich dort erst wieder in der W95 starten, die 10.000 m in 1:30 laufen, den Marathon in 5:30. Dann hole ich mindestens Silb

 


 

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