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Verona Marathon: Va, pensiero, sull'ali dorate

 

Flieg, Gedanke, auf goldenen Schwingen

 

Vor 45 Jahren besuchte ich mit meiner holländischen Jugendfreundin Agnes und deren Eltern die Oper Nabucco in der Arena von Verona, nach dem Kolosseum in Rom das zweitgrößte Amphietheater der römischen Antike. Seit Jahrzehnten werden dort im Sommer die bekanntesten Opernklassiker– zumeist von Verdi  – aufgeführt. Ohrwürmer gibt es auch in der klassischen Musik. Der Gefangenchor im Nabucco geht zudem aufs Gemüt.

Seit dieser Zeit war ich nie mehr in der ca. 260.000 Einwohner zählenden Stadt in Venetien, im Nordosten von Italien, nur ca. 120 km von Venezia Mestre entfernt. Allerdings bin ich öfter vorbeigefahren, mit dem Auto oder dem Zug. Der inzwischen 15. Marathon bietet somit einen Anlass, Teile der Altstadt von Verona, die wegen bedeutender historischen Bauten zum Weltkulturerbe zählt, läuferisch (auf Kopfsteinpflaster) zu erkunden.

 

Abholung der Startnummer

 

Allerdings kann ich nicht erwarten, dass auch ich wie der „Gedanke auf goldenen Schwingen“ beim Marathon enteilen werde können, denn seit dem Kältemarathon bei Regen und Schneefall im tschechischen Loucovice plagt mich eine Knochenhautentzündung, die dazu geführt hat, dass ich letzte Woche Ravenna entfallen lassen musste, weil selbst einfaches Gehen nur mit Schmerzen möglich war. Der Orthopäde in Wien empfahl eine mehrwöchige Schonung und zum x-ten Male einen Umstieg auf andere, sanftere Sportarten.

Ich stelle meine Zielsetzung, das Jahr 2016 mit 40+ Marathons abzuschließen, über den ärztlichen Ratschlag und reise mit dem Zug über Venezia Mestre nach Verona. Registriert bin ich seit einigen Wochen, wofür der Erwerb einer ein Jahr gültigen Runcard erforderlich ist und für nicht für einen italienischen Laufclub startende Läufer auch ein ärztliches Attest.

 

 
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Vom Hotel Nuova Rossi nahe dem Bahnhof bis zur Expo auf der Piazza Bra  direkt neben der Arena sind es ca. 1 ½ Kilometer. Man merkt, wie kurz Ende November die Tage werden, die Dämmerung bricht herein, als ich gegen 16 Uhr die Startunterlagen in einem anlassbedingt aufgebauten Zelt abhole. Entgegen sonstiger Gepflogenheiten bei anderen Marathons in Italien ist der Kleiderbeutel hier fast leer – Warenproben gibt es keine, nicht einmal eine Wasserflasche, geschweige denn ein Gelpäckchen. Dafür bekommt jeder Läufer (damit sind auch alle weiblichen Starter gemeint) ein Kurzarmfunktionshirt. Der Leihchip wird von TDS bereitgestellt und ist mit einer Klammer auf der Startnummer hinten befestigt.

Ich checke auf einem großen Aushang die bisher registrierten Läufer, fortlaufende Startnummern sind ja ein guter Indikator für die Anzahl der Teilnehmer. An die 3000 Personen haben sich registriert, alle werden aber nicht antreten. Darunter sehe ich etliche deutsche Namen – Deutschland und Österreich sind ja in geografischer Nähe. Im Programm wird auch ein Halbmarathon angeboten, der morgen zeitgleich gestartet werden wird.

Als ich noch ein wenig durch die Stadt spaziere, fängt mein rechtes Bein wieder an zu schmerzen – auch der Vorfuß ist entzündet. Ich ahne, dass ich morgen keine gute Ausgangsbasis haben werde  –alles in allem bin ich heute kaum mehr als 5 km herumspaziert, doch schon das war zu viel. So gehe ich im Schongang ganz langsam zum Hotel zurück – zwei Big Macs nehme ich mit aufs Zimmer. Im TV verfolge ich, wie Marco Huck seinen Weltmeistertitel im Cruisergewicht mühsam gegen Kutscher aus der Ukraine verteidigt.

 

Der Marathon

 

Bereits um 6 Uhr wird im Hotel für die Läufer das Frühstück serviert. Voltaren hilft gegen Schmerzen, doch die Ursachen bleiben bestehen – nur die subjektive Wahrnehmung wird etwas unterbunden. Ich lasse mir beim Essen Zeit, das Hotel hat die Bewertung 8,4 und bemüht sich, die Gäste zufriedenzustellen. Man hat mir ein Late Check-out bis 16 Uhr angeboten. Ein Deutscher ist auch anwesend, er hatte gestern Probleme mit dem WLAN, die hilfsbereite Rezeptionistin hat ihn supportiert.

 

 
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Um die Füße so gut wie möglich zu schonen, habe ich mir nagelneue Laufschuhe für Verona verordnet, die noch keinen Millimeter durchgetreten sind. Auf dem Wege zum Start bin ich zuversichtlich, dass die Dämpfwirkung der unbenutzten Laufschuhe vorteilhaft sein würde – vor allem auf den Unebenheiten in der Altstadt.

Es herrscht großes Gedränge im Start- und Zielbereich direkt bei der Arena. Man kann sich auch noch nachnennen  – zumindest für den 10 km-Lauf, für den schicke Shirts in den Farben Orange-Rot ausgegeben werden. Ich gebe meinen gemäß Startnummer markierten Kleiderbeutel mit wenigen Utensilien bei einem LKW („camion“) ab, die rosa  unterlegte Startnummer weist mich in den Block 3 – eigentlich sollte ich mich freiwillig ganz an den Schluss stellen, denn Laufen kann ich heute nur ein kurzes Stück.

Der Platzsprecher betont, dass 48 Nationen vertreten sind, das größte ausländische Läuferkontingent stellt Deutschland. Ich schätze, dass auch aus Österreich vielleicht 20 oder 30 Kollegen anwesend sein werden – obwohl ich weder einen Bekannten gesehen noch irgendwen in einer der Dialekte aus unserem Land hätte sprechen hören.

Eine Tanzgymnastikgruppe bietet ein Aufwärmtraining an, ich versuche meinen lädierten Gehapparat etwas zu stretchen. Die Stimmung am Start ist gedämpft, vielleicht wegen des trüben Wetters, obwohl es trocken bleiben wird und mit ca. 8 Grad C gute Laufbedingungen herrschen.  

Nach dem Startschuss werden die Trennbänder zwischen den Blöcken durchgeschnitten, die Läufer rücken auf bzw. die Gruppen diffundieren alsbald. Ich drücke meine Uhr schon vor der Zeitnahme, die sich direkt unter einem Torbogen des Palazzo della Gran Guardia befindet. Wie so üblich, es wird drauflos gestürmt, eine Läuferin rempelt mich mit ihrem rechten Ellbogen förmlich beiseite. Ich merke, dass ich nach 2 Wochen unfreiwilliger Pause schon körperlich etwas zurückgefallen bin getreu dem Sprichwort „Wer rastet, der rostet!“

 

 
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Der Marathonkurs inklusive Teilnehmer für die Halbdistanz führt zunächst nach Süden über den Corso Porta Nuova und dreht noch vor dem ersten Kilometer nach Westen. Über den Oriani-Ring geht es weiter bis wieder ein 90 Grad-Knick nach Norden in die Stradone Porta Palio und weiterer Straßenabschnitte erfolgt. Nach dem Corso Cavour, benannt nach dem ersten Ministerpräsident des 1861 ausgerufenen Königreichs Italien (in fast jeder Stadt steht sein Denkmal oder ist eine Straße nach ihm benannt), geht es über die Ponte Della Vittoria, die Friedensbrücke, über die sich mäanderartig durch Verona schlängelnde Etsch, mit ihren 415 km der zweitlängste Fluss in Italien.

Wie immer (bei Gemeinschaftsrennen) scheinen mehr Halbmarathonläufer unterwegs zu sein als solche über die klassische Distanz. Beachtung findet ein Läuferpärchen – sie führt ihren Gefangenen in schwarz-weißer quergestreifter „Anstaltskleidung“ an einer Kette – in einem schnellen Tempo. Nach der Brücke wendet der Kurs nach Südwesten, drei Kilometer sind gelaufen. Eine Pfadfindergruppe schaut uns zu, zu unserer Linken auf der anderen Seite der Etsch befindet sich das Castellvecchio, eine Kastellburg der Dynastie der Scaliger, errichtet Mitte des 14. Jahrhunderts – heute ist hier ein Museum untergebracht.

Es geht  auf der rechten Seite der Etsch flussaufwärts weiter. Die 5 km-Anzeige befindet sich in der Nähe des Krankenhauses (Ospedale civile) – noch scheinen meine neue Schuhe die Unebenheiten gut auszugleichen, obwohl die Sehne über dem rechten Scheinbein sich schon bemerkbar macht. Fast 34 Minuten zeigt die Uhr für 5 km an – wenn es so weitergeht, werde ich den Halben kaum unter 2:30 schaffen. Noch sind viele Läuferinnen und Läufer hinter mir, auch bedingt durch meine Startaufstellung im Block 3.

Der Verlauf der Etsch (fiume Adige) ist gekrümmt, die Uferstraßenabschnitte sind dem angepasst – einige Morgenjogger sind dem Läufertross ausgewichen und trainieren entlang der tiefergelegenen  Uferböschung auf ausgetretenen Wegen. Man merkt den leichten, aber kontinuierlichen Anstieg des Geländes. Die Strecke bietet hier landschaftliche Reize entlang dem rechten Flussufer – aus Sicht des Läufers gesehen.

 

 
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Bei Parona verlassen wir den Straßenverlauf entlang der Etsch, 10 km sind erreicht. Knapp vor Kilometer 12 dreht der Kurs nach Nordosten und führt in gepflegte Weingärten. Bisher wies die Marathonstrecke immer einen leichten Anstieg auf – der ein wenig Zeit beim Laufen kostet, außer man erhöht den Kraftaufwand. Ich habe mich nicht getäuscht, denn ab Kilometer 13 dreht der Kurs erneut, es geht leicht abfallend weiter. Ich setze ein Lebenszeichen: trotz Handicap vermag ich beim Abwärtslaufen wieder das Tempo für einige Zeit auf eine 6er-Zeit zu erhöhen. Ein gutes Gefühl, wenn man wieder einige Dutzend einholt, die eben noch schnaufend und trotzdem lachend und für Italien üblich lärmend an mir vorbeigezogen sind. Doch auf der via Sottomonte ist dann der Spaß wieder vorbei – nach der 15 km-Anzeige mit Labe – ich habe bisher immer warmen Tee mit Wasser getrunken – steigt die Strecke auf den folgenden Straßenabschnitten wieder an.

Wohlgemerkt, trotz des leicht welligen Profils mit Abweichungen zwischen 10 und 30 Höhenmetern würde ich die durchgehend asphaltierte Strecke (bis auf die Abschnitte in der Altstadt auf Kopfsteinpflaster) als schnell bezeichnen. Nur schade, dass ich aufgrund gewisser nun schon länger andauernder Umstände nicht mehr richtig mithalten kann.

Als wir nach der 17 km-Markierung die Ponte Saval erreichen, bleibe ich kurz stehen und knipse in alle Richtungen – unter uns führt nämlich die Strecke durch, auf der sich noch einige Nachzügler befinden – wenn ich mich nicht verlesen habe, soll der Kurs bis 16 Uhr offen sein, also 7 Stunden.

Nach der via Leone Pancaldo dreht die Strecke in Richtung Altstadt – die 19 km Anzeige wird knapp vor der Ponte Catena erreicht, die zu überqueren ist. Nun sind wir wieder auf jenem Abschnitt (Lungadige Cangrande), den wir bei Kilometer 4 passiert haben. Somit geht es an der Etsch entlang zurück ins Zentrum. Ein Asiate in Kung-fu-Look nickt mir zu – er kommt aus China. Beachtlich, was Marathontouristen so alles auf sich nehmen.

Ich spüre mein rechtes Bein, auch der linke Fuß mit dem abgerissenen Innenband im Knöchelbereich, das sich inzwischen zurückgebildet hat, schmerzt. Es gibt unter uns Freizeitsportlern welche, da muss ich mich fragen, ob ein Hobby wie die regelmäßige (exzessive) Teilnahme an Marathonläufen es wert ist, sich dauernd körperlich zu überfordern – was die einen vielleicht locker wegstecken, bedeutet für die anderen mittel- bis langfristig irreparable Kollateralschäden. Ich meine damit in erster Linie mich.

Nach der Friedensbrücke kommt es bei der Kilometer 21-Anzeige zur Trennung – die immer noch vielen Halbmarathonis auf der Strecke laufen gerade weiter, wir biegen nach inzwischen an die 2:30 Stunden Laufzeit nach rechts ab. Der Chinese hat es plötzlich eilig, vielleicht möchte er sub 5 bleiben.

 

 
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Ich blicke mich um, die 5 h-Pacer-Gruppe rückt näher. Ein schlechtes Zeichen, denn selbst wenn ich wollte, ich kann wegen der permanent nur durch Gewichtsverlagerung geringfügig unterdrückbaren Schmerzen nicht mithalten – die Kraft hätte ich ja, aber nicht immer gilt der Spruch „Wo ein Wille, da auch ein Weg“. Eine Zeitlang bleibe ich dicht an der 5h-Gruppe dran, dann ich  muss sie ziehen lassen. In unmittelbarer Nähe steht die größtenteils im romanischen Baustil im 12. Jh. errichtete Kirche San Zeno,  eine der bedeutendsten Sakralbauten der Stadt mit einem imposanten Glockenturm (Campanile), sowie dem großen Rundfenster in der Fassade. Auf dem Platz vor der Kirche ist ein Korridor aufgebaut, hinter der Absperrung stehen Zuschauer. Ein kleines Mädchen begleitet mich beim Durchlauf durch einen luftgefüllten Torbogen, hinter mir kommt vorerst niemand mehr.  

Der Marathonkurs führt nun vom Fluss nach einigen Richtungswechseln wieder nach Süden – ich bin fast alleine auf weiter Flur, die Nachzügler sind noch nicht in Sicht. Irgendwie habe ich den Eindruck, mich im Niemandsland zu befinden. Der wie eine Achterbahn verlaufende Abschnitt endet erst bei Kilometer 24.

Ich nähere mich einem Bekannten, den ich in den letzten Jahren schon öfters bei Marathons in Italien angetroffen habe. Sein Markenzeichen ist der weiße Schlapphut und das weite blaue Shirt mit vielen Aufnähern. Heuer war er etwa beim Trailmarathon in Cervia im Frühling dabei. Endlich kommt die 25 km-Labe, ich habe Durst und etwas Hunger – oder sagen wir Appetit auf den Kuchen, der um diese Jahreszeit in Italien auf den Tisch kommt. Das ist das Schöne an Läufen in Italien, man spürt die Vorfreude auf kleine Dinge wie eben solche Leckerlis. Nach einem kurzen Schwenk geht es weiter entlang des Camuzzoni-Kanals. Bei der Labe vor Kilometer 29 werden Gels ausgegeben. Zu diesem Zeitpunkt, nach bald 3:45 h Laufzeit, sind nur mehr wenige übrig.

Über eine Art Behelfsbrücke für Radfahrer und leichte Fahrzeuge führt der Kurs nun über den Kanal, der an dieser Stelle aus der Etsch abgeleitet wird. Der Fluss selbst wird hier zwecks Stromerzeugung aufgestaut. Wir kommen zu einem Straßenabschnitt zurück, den wir heute Morgen  bei Kilometer 9 schon einmal passiert haben: den lungadige Attiraglio nach Parona. Hier kommt es zur Begegnungszone – ich sehe, dass die 5 h-Gruppe inzwischen 2 Kilometer Vorsprung hat, das entspricht gut 15 Minuten. Auch der Chinese liegt gut im Rennen. Die 30 km-Anzeige ist mit der Versorgungsstelle gekoppelt.

Ein Kroate, erkennbar an seinem rot-weißen Karomuster-Dress,  läuft auf mich auf und sagt „Dai, dai“. Doch bei der Labe bleibt er dann stehen und spricht mit einem Landsmann, beide sehen mir nach.

Die Wende ist rund einen Kilometer entfernt – ich blicke zurück, einige kommen noch, die beiden Kroaten nicht. Als ich zur Wende komme, fehlt hier eine Matte. Man soll ja nie etwas Schlechtes über Läuferkollegen denken, aber aus der Ferne sehe ich, dass die Kroaten es sich leicht gemacht haben. Ich hätte sie gerne darauf angesprochen, aber die Kraft dafür habe ich nicht – so eilen sie davon.

Zum Trost stelle ich fest, dass nun auf der Begegnungszone doch noch zahlreiche noch langsamere Läuferinnen und Läufer nachkommen, darunter zwei Deutsche, die ich bei Kilometer 10 schon geknipst habe und ein Italiener, den ich auch seit Jahren kenne. Er ruft „ciao Grande“ rüber, dabei ist er kaum „kleiner“ als ich.

Nun geht es zurück, 4 h für 32 Km habe ich schon lange nicht mehr gebraucht – bei einem weitgehend flachen Marathon auf Asphalt. Ein flotter Geher überholt mich, ich kann ihm nicht folgen. Bei Kilometer 34 in der Nähe der Saval-Brücke, die wir heute schon überquert haben, rückt dann eine Japanerin auf. Sie kann ich zunächst in Schach halten, aber auch nur ein kurzes Stück.

Obwohl es erst 13 Uhr 30 ist, trocken, bestes Laufwetter, merkt man, dass die Tage im November immer kürzer werden. Der inzwischen graue Novemberhimmel sorgt für schlechte Lichtverhältnisse, die für Schnappschüsse aus der Bewegung heraus ungünstig sind.

Es zieht sich, bis Kilometer 37 knapp vor der Garibaldi-Brücke kommen weitere Nachzügler näher. Auch ein Marathonteilnehmer, der auf 5:30 avisiert ist, entfacht Ehrgeiz, wenn es um den letzten Platz geht. So schnaufen und kämpfen einige dicht hinter mir.  Was nun zählt, ist nicht meine Pein, sondern das Image, nicht abgeschlagen durch die engen Straßen der Altstadt von Verona zu hecheln. Heute am Sonntagnachmittag sind Hunderte Spaziergänger unterwegs. Keiner weicht den Läufern aus, sondern wir müssen auf die Leute achten. Mitunter hält sich ein Autofahrer nicht an die gesperrten Seitenstraßen oder die Ordner machen eine Ausnahme und winken ihn durch.

Ein wenig habe ich die Orientierung verloren, zumal zwischen Kilometer 38 und 39 wieder eine 180 Grad-Wende folgt, solche Zickzackkurse sind aber nötig, um die Marathondistanz messtechnisch zu garantieren. Wir sind heute schon mehrmals über eine Brücke gelaufen, doch die Kursführung in östliche Richtung über die Ponte Nuovo bedeutet, dass wir auch hier zurück müssen. Wir, das sind eine Handvoll Nachzügler. Ich vergesse  das Fotografieren, die gegenüberliegende Kirche San Tomaso Cantuariense aus dem 14 Jh. wäre ein schönes Motiv gewesen.

Dann rückt ein Laufpärchen auf mich auf – „ciao, va bene?“ fragt sie. Ich antworte nicht – sie merkt, dass ich keine Hiesiger bin. „Eeh du, guten Morgen, nicht schlafen“. Solche Sätze geben Auftrieb – die Schmerzen vergesse ich nun, meine Notfallsmethode, 50 m schnell zu laufen und dann ein kurzes Stück zu gehen, wird ihr und ihrem Begleiter im Schlepptau den Nerv ziehen. Zwei weitere Läufer nähern sich uns. Nun kommt mein Part: 1 ½ km vor dem Ziel lege ich los – sie kann  es nicht fassen, warum ich plötzlich auf der Ponte delle Navi wieder hinter ihnen bin.

Ich sage zum Pärchen „Dio mi dà nuova forza, non il vostro gel“. Und laufe los – sie wie verrückt hinterher, ihr Begleiter schreit und bleibt zurück. Doch die Mittvierzigerin will nicht aufgeben. Ich blicke zurück, als ich in die Kurve um die Arena einbiege. Die präpotente Kollegin wird hinter mir finishen, vermutlich aber netto vor mir liegen.
Als ich einlaufe, klatschen viele verweilende Zuschauer, die sehen wollen, wie es den Allerletzten geht.  Der Applaus mag ehrlich gemeint sein, er freut mich aber nicht, weil umständehalber zurzeit nicht das abrufen kann, was ich drauf habe.

 

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Auf der Medaille sind die Ponte Pietra, der Fluss Etsch (Adige) und das Teatro Romano dargestellt. Die Liebe fürs Detail ist hervorzuheben. Weniger zufrieden bin ich dann, als ich bemerke, dass im Zielbereich der Verpflegungsstand im Abbau begriffen ist. Es gibt nicht einmal mehr Wasser.  Sollten wirklich noch welche sogar die 7 Stunden ausreizen, so werden sie ins nächstgelegene Café gehen müssen, um den Flüssigkeitsverlust etwas auszugleichen.

Die Kleiderdepot-LKWs sind inzwischen abgefahren, rund 2 Dutzend Säcke sind abgestellt, zwei Helfer passen auf. Ich setze mich auf die Stufen einer Haustreppe und trinke aus meinem Vorrat – eine 0,5 Liter Bierdose der Marke Heineken. Die Laufschuhe ziehe ich aus und massiere die schmerzenden Füße. Eine alte Frau, die kaum gehen kann, schleppt sich an mir vorbei. Mein Anblick mag sie trösten.

 Eine knappe Stunde habe ich Zeit für die Körperpflege. Inzwischen habe ich statt Haarshampoo Rheumasalben für die maroden Füße dabei. Aber es geht weiter, schon nächste Woche in Florenz. Der 280. Marathon steht an.

Was fällt mir zum 15. Verona-Marathon im Rückblick ad hoc ein?

Der Kurs außerhalb der Stadt entlang der Etsch und abschnittsweise durch Weingärten ist landschaftlich reizvoll. Die Abschnitte auf den in Italiens Altstädten üblichen Pflasterwegen sind relativ kurz, daher auch nicht so sehr belastend (für Läufer mit Fußproblemen, die eigentlich pausieren sollten). Die Versorgung mit Wasser, Iso, warmen Tee (durchgehend) sowie Bananenstücke und Kuchen ist positiv hervorzuheben. Einmal  wurden auch Gels ausgeben. Mit einem im Startpaket integriertem, kurzärmeligem Funktionsshirt sind ca. 50 Euro Startgelt als günstig einzustufen. Die Anmeldung erfolgt bequem (wie heute üblich) über die Webseite des Veranstalters.

Wer sich für die vielen Prachtbauten und Kirchen in Verona interessiert, der muss unbedingt einen Tag anhängen oder früher anreisen, denn während des Marathons sieht man nur wenige Kulturdenkmäler und sakrale Objekte entlang oder direkt neben der Laufstrecke. Störend sind die Sonntagsspaziergänger in den Einkaufsstraßen der Altstadt, auf denen der Marathonkurs auf den letzten Kilometern verläuft.

Siegerliste Herren:
1.Edwin Kipngetich Koech (KEN) – 2:10:52
2.Abraham Kipchirchir Limo (KEN) – 2:15:10  
3.Nicola Venturoli (ITA) –2:26:36   

Frauenwertung:
1.Tünde Szabo (HUN) – 2:44:19
2.Marija Vrajic (CRO) – 2:48:52
3. Valentina Facciani (ITA) – 2:52:59

2135 Finisher

 


 

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