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Laufberichte

Truly: Ich bin Siegfried!

28.02.10
Autor: Joe Kelbel

Ich hatte eine Truppe von etwa 10 Kriegern um mich versammelt. Wir machten den Odenwald unsicher und kämpften gegen Drachen, Hunnen und Burgunder. Ich war unverwundbar und etwa 9 Jahre alt. „Kindererholungsheim“ nannte es sich. Anfangs saßen „meine Krieger“ aphatisch auf der Schaukel oder Wippe und  warteten mit leerem Blick auf ihren Griesbrei, während ich durch die Gegend streifte und laufend meinen Radius erweiterte. Was ein Kilometer war, wusste ich nicht, aber ich wußte wo die Siegfriedquelle war, wo Hagen von Tronje unseren Siegfried ermordete.

Am Ende „der Ferien“ hatte ich diese schlagfertige Truppe ausgebildet, wir hatten jeder  zwei Schwerter aus dem harten Holz von Odins Wald (Odenwald), hatten mit Holzkohle unsere Gesichter geschwärzt, ernährten uns von unreifen Maiskolben, hatten frische Narben im Gesicht,  wußten dass  Brunhilde und Krimhilde die Ursache allen Übels waren und warteten auf den finsteren Hagen von Tronje.

Wir sprangen im Felsenmeer die gigantischen Felsblöcke hinab und staunten über die gewaltigen Blöckströme, die von den beiden streitenden Riesen Felshocker und Steinbeißer erschaffen wurden. Wir bewunderten die unvollendeten Steinarbeiten der Römer. Es gab  Särge, Obelisken, Grabsteine und jede Menge Herausvorderung für uns Helden, die wir auf den großen Steinen nach imaginären Hunnen und schwarzen Mördern mit Flügeln auf den Helmen schlugen. Unter unseren Tarnkappen gierten wir nach dem warmen Blut des Drachen und nach Rache für all das Übel und die Schmerzen dieser Welt.Wir waren die Helden des Odenwaldes! Und ich war Siegfried.

Heute gilt der Odenwald als einer der wenigen von der UNESCO anerkannten Geo-Parks in Europa. Auf der Nibelungen-, der Berg- und der Siegfriedstrasse fährt man tief in den Mischwald, der keine Grenzen kennt zwischen Hessen, Bayern und Baden Württemberg.

Am Sonntag waren wir dann über 40 laufende Kämpfer und Kämpferinnen , die sich am Fuße des Odenwaldes, in Hemsbach im Kreis Bergstrasse versammelten. Gerufen hat kein geringer als der Lauftreff Hemsbach, dessen Läufer die Gemeinde mit der höchsten Anzahl gefinishter Marathonläufe in Deutschland beschert.

Der Lauf wird im Rahmen des „Truly“ organisiert. Der weltweite Lauf findet seit 10 Jahren statt, die Ergebnisse werden wahrheitsgemäß (truly)  in einer weltweiten Ergebnisliste zusammen gefasst. Es gilt  auf einer beliebigen, vermessenen Strecke zeitgleich, an einem bestimmten Tag  irgendwo auf der Welt und innerhalb von 24 Stunden wahlweise 25 oder 50 km zu laufen.  Heinz Käppler hat dieses Jahr die Strecke vermessen: 5 km lang ist diese, am Rande der Rheinebene, mit der Aussicht auf den germanisch-heroischen Odenwald, mit Blick auf die mächtige Starkenburg.

Verpflegung muss jeder selbst mitbringen. Als germanischer Siegfried habe ich ein sexy Plasikkörbchen, in den Farben der Saison: Wasser, Instantbrühe, Bier mit und ohne, Nüsse, Red Bull, Powergel,Gummibärchen und Hühnchenfleisch. Alles Nahrungsmittel, die ich beim 50er Halunkentreff, letztes Wochenende erprobt hatte, und die einem nahezu unverwundbaren  Kämpfer gerecht werden.

Start und Ziel  9 Uhr vorm Schützenhaus in Hemsbach. Dort gibt es keine Duschen, denn  Nibelungen duschen nicht. Das Schützenhaus ist direkt an der Ausfahrt der A5 - theoretisch, denn erst fahre ich Andreas auf der Suche nach dem Startplatz hinterher und dann er mir, dann pflügen wir schon durch matschige Feldwege und dann passiert es: statt dass wir den Schatz der Nibelungen im Rhein versenken, versenken wir unsere beiden kostbaren Streitwagen im Sumpf der Rheinebene. Der Schlamm spritzt hoch auf, die Zeit wird knapp, die Wagen graben sich tiefer.  Notfallprogramm: Verpflegung und Klamotten schnappen und nix wie hin zum Start, zu Fuß.

 
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Da passiert das nächste Unglück: mein hellblaues Körbchen mit der nibelungengerechten Verpflegung macht die Grätsche, und Bier, Traubenzucker, Gummibärchen und Hühnchenfleisch lagern im Morast der Jahrtausende, ich habe nur noch die gelben Henkelchen in der männlichen Faust.

Erst wollte ich heulen doch dann sieht die Situation so grotesk aus, dass wir uns minutenlang auf die Schenkel klopfen und wiehernd und unter Tränen Richtung Startplatz eiern.

Schlammbesudelt machen wir zwischen den sauberen Mitläufern schnell ein Startfoto und laufen los in die Felder. Die Strecke ist überwiegend asphaltiert,  es gibt ein Begegnungsstück mit Wendemarke und dann kommt ne schöne Schlammschlacht. Alle schauen rüber zu den versunkenen Streitwagen und können vor Lachen kaum noch laufen.

 
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Die andere Wendemarke ist am Schützenhaus, dort wo Siegfrieds schlammbedeckte Restverpflegung steht. Kommt man aus dem Gelände raus, liegt auf der linken Seite ein toter Rabe. „AHA!“ denke ich „hier ist das Grab von Hagen von Tronje, doch heute wird Siegfried der Sieger sein! “

Nach 25 Kilometern bleiben nur noch 9 Läufer übrig. Andreas geht mit einigen Kriegern des LT Hemsbach die verkrusteten Streitwagen ausgraben. Ich bin in der 6.Runde, als Gunther aus Richtung Worms eine schreckliche Waffe schickt: Xynthia. Das wilde Biest schlägt mit voller Wucht zu. Geduckt laufe ich am toten Raben vorbei, der in den Böen seine stinkenden Flügel ausbreitet. Ich raune der Leiche zu, dass ich heute stärker sein werde und kämpfe weiter gegen den unmenschlichen Sturm, der mir mit Sand versucht die Sicht zu nehmen.

Mit jeder weiteren Runde bäumt sich das schwarze, tote Vieh mehr auf und bedroht mich zusammen mit seiner Helferin, der Xynthia. Blätter peitschen über die Laufstrecke und die Königin des  Windes donnert in den hohen Pappeln oder heult am langen Zaun des Wasserwerkes.

Es ist ein unbeschreiblicher Kampf. Extrem schwieriger als beim Sturmmarathon 2004 in Frankfurt. Als ich an der Pappelallee entlang laufe, fällt ein riesiger Ast herab,  springt krachend vom Asphalt nach oben. Instiktiv reisse ich beide Arme hoch und wehre das Monster mit meinen germanischen Unterarmen ab. Ein schnelles Beweisfoto und der Feldzug geht weiter. Ja, es zieht auf dem Feld. Mit aller Kraft lehne ich mich gegen die gewaltige Naturkraft und kämpfe mich durch.

 
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Ewald hört beim Laufen Radio, soweit dies möglich ist. 6 Tote im Burgunderland, 2 in Germanien. Bei der Furt der Franken ist der Platz der großen Vögel gesperrt, die S-Streitwagen fahren nicht mehr, der Hof der eisernen Bahn ist gesperrt, die blaue Handelsstrasse nach Colonia ist vollgesperrt! Und wir kämpfen hier für die Ehre der Nibelungen!

Über mir surfen Krähen mit angelegten Flügeln auf den Wogen von Xynthia und lachen mich aus, doch ich laufe und stemme mich mit aller Kraft gegen die Widerstände.

Eine riesige schwarze Plastikplane weht mir entgegen, das wird der Mantel des Meuchelmörders sein, doch ich habe keine Angst. Runde um Runde schreie ich den häßliche Totenvogel an, der immer mehr Leben gewinnt.

Bei Runde 8 fühle ich, wie die Göttin des Windes sich geschlagen gibt. Mein Lauf wird ruhiger und gleichmäßiger. Die Runde 9 ist ein Kinderspiel und  dann erreiche ich eine Zielzeit, die 40 Minuten unter der vom 50er Halunkentreff  vom letzten Wochenende liegt.

Im Schützenheim wird der Blattschuß, den Hagen von Tronje erlitt, und zugleich mit dem Finisch meines 99ten Marathons auch das Ende meines Novizendaseins  begossen. Die Schützen versuchen mir noch zu erklären, dass Schießen ein Sport sei, doch ich winke lachend ab.

Als ich mit dem Auto am toten Raben vorbei fahre, da ist dieser gewandert. Er liegt jetzt in der  Pfütze. Lässig schnippe ich ihm meine Fluppe entgegen und lache ihn aus: „Ich bin unkaputtbar! Ich bin Siegfried!“

 

 

 


 

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