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Laufberichte

The Thames Path: 100 Meilen von London nach Oxford

 

100 Meilen Trail (also 161 km) sind schon eine besondere Herausforderung und es bedarf neben dem obligatorischen Training extrem viel Vorbereitung hinsichtlich Equipment, Verpflegung und Logistik. Daher möchte ich hier auch etwas ausführlicher darauf eingehen. Je besser die Vorbereitung, desto höher ist die Chance, heil anzukommen. Im Gegensatz zu 100 Kilometerläufen ist bei einem 100 Meiler die Ausfallquoten extrem hoch und liegt in der Regel zwischen 25 und 50%! Bei diesem Lauf lag die Dropout Quote trotz gutem Wetter bei 29%. Also gut vorbereiten.


Was muss man tun?


1.    Reisevorbereitung:

Macht Euch keinen Stress mit engen Zeitplänen, z.B. durch zu frühe Rückflüge. Ich hatte die Anreise per Auto (und Fähre) gewählt. Unterkunft hatte ich nur für die erste Nacht in einem Bed & Breakfast in der Nähe vom Start gebucht. Die zweite Nacht sollte man ja auf der Strecke sein und die dritte Nachte wollte und habe ich erst im Ziel gebucht. Wer mit dem Auto nach England fährt, bitte dran denken in Frankreich muss man Atemalkoholmessgeräte (ca.5 Euro) mitführen, in den Niederlanden je Sitzplatz eine Warnweste im Auto haben und natürlich wird in England links gefahren.

 

2.    Laufvorbereitung:

Ganz wichtig ist es,  erstmal die Pflichtausrüstung einzupacken. Dies sei hier besonders erwähnt, da einige Teile vorher im Internet bestellt werden müssen. Also was gehört bei diesem Lauf alles dazu: Karte vom Thames Path National Trail. Da die Route oft von dem Trail abweicht, bitte unbedingt vorher die alternativen Routen und besonders die Verpflegungsstellen eintragen. Ich hatte im Vorfeld 12 Laufberichte gelesen und alle 12 Autoren hatten sich mindestens 1 Mal verlaufen. Zu der Karte gehört natürlich auch der verpflichtend mitzunehmende Kompass. Der auf dem Handy wird nicht akzeptiert. Das Handy gehört aber auch dazu und die beiden Notfallnummern müssen einprogrammiert sein.

Die Trillerpfeife für Notfälle in Funklöchern ist genauso Vorschrift, wie eine Rettungsdecke. Ich habe die um ein 1.Hilfepäckchen mit Verbandsmaterial und Schere ergänzt. Eine Trinkblase mit mindestens 1,5 L und eine Mütze, ein Buff und ein Paar Handschuhe gehören ebenfalls dazu. Ganz besonderes Augenmerk wurde auf die notwendige Laufjacke gelegt. Es musste eine Funktionsjacke mit verschweißten Nähten sein. Da Nachtfrost angesagt war, wurde zusätzlich noch ein warmes Langarmshirt empfohlen. Hier konnte ich meine Röntgenlaufjacke vorweisen, die diese Vorschriften erfüllt und darüber hinaus auch leicht ist.

Weiterhin gehören 2 Stirnlampen (ja, 2) dazu plus Reservebatterien. Der Veranstalter will kein Risiko eingehen und letztlich ist es ja eigentlich unser Risiko, also rein damit. 50 engl. Pfund und eine Kreditkarte für die Rückfahrt mit dem Zug gehören ebenfalls dazu. Dann erst kommt die Mindestverpflegung in den Rucksack. Auch Salztabletten sollten mitgenommen werden. Alles in allem waren das dann knapp 5 kg. Also bitte im Training auch das Laufen mit gefülltem Rucksack trainieren.


3.    Dropbags und Zieltasche:

Auch da muss gut geplant werden, denn im Gegensatz zu anderen Läufen durften die Dropbags nur die Maße eines Schuhkartons (30x20x20) haben und wasserfest sein. Ich habe so etwas zum Glück bei Lock&Lock gefunden, QVC sei Dank. Für Meile 50 und 71 konnten wir so etwas abgeben. Da passt aber praktisch nichts rein, erst recht zusätzlich keine Ersatzschuhe. Ich habe dann Mütze, Handschuhe, Shirt, Isopulver, Powergels, Trailmix Nüsse, Reserve Akkus fürs Handy und Ersatzverbandsmaterial eingepackt. Für den Zieldropbag durfte man dann schon eine richtige Tasche mit Duschzeug und trockenen Klamotten einpacken. Lieber alte Klamotten einpacken, da alle Dropbags, die nicht bis zum Cut-Off von 28 Stunden im Ziel abgeholt werden, unverzüglich vernichtet werden.

Soviel zur Vorarbeit. Es kann endlich losgehen. Full English Breakfast im Hotel. Für die, die nicht wissen was das ist: Bohnen, Würstchen, fetter Speck, Eier, Kartoffelecken und Toast. Deftig, aber die richtige Grundlage für einen langen Tag. Dazu gab’s natürlich O-saft, Joghurt und jede Menge Kaffee. Dann noch 30 Minuten Autofahrt bis nach Richmond, einem Vorort von London. Dort im Parkhaus am Bahnhof geparkt. Kosten 37 GBP für die 2 Tage. Dann meine Dropbags ausgeladen und zur City Hall, ca. 1,5 km gegangen. Dort war die Startnummernausgabe. Doch bevor es die Startnummer gab, musste man zum Kit-Check, also der Überprüfung des oben bereits ausführlich aufgeführten obligatorischen Materials. Und die wurde sehr genau genommen. Alles was fehlt, kann man natürlich noch kaufen. Ist aber recht teuer. Dann bekam ich einen Jeton und konnte zur Startnummernausgabe gehen, wo dann noch die Dropbags wegen der Größe inspiziert wurden. Alles OK bei mir und ich bekam meine Nummer: 303

 

 
© marathon4you.de 17 Bilder

 

Dann ging es nach draußen zur Abgabe der 3 bags. Zum Glück war das Wetter am Start noch schön und wir hatten Sonne bei 8 Grad. Die Vorhersage warnte uns aber bereits vor Regen und Graupel im Laufe des Tages und in der Nacht. Englisches Wetter. Als ich alles abgegeben hatte, folgte dann auch schon das Race Briefing um 9.45 Uhr (Achtung: UK hat keine Sommerzeit). Hier wurde auf die Kennzeichnung der Strecke, hauptsächlich aus rot/weiß gestreiften Bänder und gelegentlich orangefarbene Pfeile, hingewiesen. Ansonsten sollten wir uns an den Schildern Thames Path oder an dem Eichelsymbol (Acron) halten. Bis auf ungefähr 10 Ausnahmen, die auf der Website standen und die ich mir ja schon in die Karte eingetragen hatte. Ich hatte aber auch aus meinem Fehler beim Mauerlauf gelernt, wo ich zwar die Karte mit hatte, aber leider meine Lesebrille vergessen hatte. Das hatte mich damals fast 5 km gekostet.

Pünktlich um 10 Uhr ging es dann endlich los. 293 Läufer machten sich dann auf den Weg. Das Teilnehmerlimit von 320 war übrigens schon 3 Tage nach Öffnung der Onlineanmeldung erreicht. 27 waren also nicht angereist. Ich hatte mir im Rahmen meiner Vorbereitung natürlich auch eine Marschtabelle erstellt, um nicht zu überpacen. Denn das große Sterben passiert meistens nach 50 km und zwar bei den Teilnehmern, die zu schnell angehen. Also langsam und an den Plan halten. Auf den 161 km gibt es 13 Verpflegungsstellen. Dies waren auch die einzigen Kilometermarkierungen, die man als Orientierung hatte. Die erste war bei km 18. Dieser Teil des Thames Path, übrigens ein alter Treidelpfad, von dem aus die Boote gezogen wurden, ist recht gut ausgebaut. Aber nicht täuschen lassen; später ist oft noch nicht mal eine Pfadspur vorhanden  und es geht teilweise kilometerweit durch Wiesen ohne eine einzige Markierung. Doch zurück zum Hier und Jetzt, wo es recht schöne Wege und viel zu sehen gab. Es ging zunächst immer entlang der Themse und teure Wohngegenden.

Nach 9 Meilen erreichten wir dann auch schon Hampton Castle, von 1528 bis 1737 bevorzugte Residenz der englischen und britischen Könige. Ursprünglich wurde es im Tudorstil erbaut, gegen Ende des 17. Jahrhunderts und im 18. Jahrhundert wurden große Teile im Stil des englischen Barock umgebaut. Mit seinen gewaltigen Ausmaßen, seiner prächtigen Innenausstattung und seinen ausgedehnten Gärten gilt es als eines der Hauptwerke des Tudorstils und des Barocks in England.

Das Schloss erlebte mehrere königliche Hochzeiten, Geburten und Sterbefälle. Heinrich VIII. heiratete hier seine sechste Gemahlin Catherine Parr. Sein Sohn Eduard VI. wurde im Schloss geboren, dessen Mutter Jane Seymour sowie die Frau Jakobs I., Anna starben in dem Schloss, und Wilhelm III. erlitt im Park einen Reitunfall, an dessen Folgen er wenig später starb. Und so weiter und so fort. Die englische Geschichte ist länger als ein 100 Meilen Lauf. Also weiter.

Schon bald kam die erste Verpflegung bei Meile 11. Hier gab es zunächst nur Getränke und die Trinkblase wurde aufgefüllt, denn bis zum nächsten VP bei Meile 22 waren es wieder 18 km und zwischenzeitlich waren 12 Grad bei strahlender Sonne erreicht. Nun verlassen wir auch die befestigten Wege und es geht durch Wiesen weiter. Immer wieder begegnen uns kleine Ausflugsboote und natürlich Ruderboote ohne Ende. Dafür ist England ja bekannt. Größere Schiffe gibt es auf der Themse nicht, da es extrem viele Schleusen gibt. Was bedeuten Schleusen für uns Läufer? Erstmals 2 Meter Höhenunterschied und zweitens Verwirrung. Wieso, werdet ihr fragen. Ich musste lerne, dass der Weg auch über Schleusentore führt, die leider auch mal offen, und damit nicht passierbar sind. In Deutschland unmöglich, in England Gang und gäbe. Apropos Höhenunterschied. Über die gesamte Strecke kommt man doch auf 650 HM, denn 2 Abweichungen vom Thames Path führen uns in die Hügel hinein. Also nicht nur flach, wie man denken könnte.

Weitere Hindernisse  sind Weidetore, denn ab jetzt geht es oft über Weiden. Ich habe bei 200 Toren aufgehört zu zählen. Lenkt zwar ab, aber langsam wurde mir die Zahl zu hoch. Das Problem bei englischen Weidetoren ist die Doppelsicherung. Ja, hier könnt ihr beim Lesen noch was lernen. Mit der linken Hand durch das Gitter greifen, auf der anderen Seite einen kleinen Hebel nach links umlegen und dann gleichzeitig mit der rechten Hand oben einen großen Hebel nach rechts drücken und dann das Tor nach innen schwenken. Etwas kompliziert und zeitraubend, aber wie bereits gesagt, ich konnte ja mehr als 200 Mal üben. Übrigens den einzigen echten Krampf, den ich nach dem Lauf hatte, war im linken Daumen und im linken Unterarm: Kein Witz!

Ein paar Kilometer weiter sehe ich plötzlich links von mir ein Denkmal, das Königin Eilsabeth in jungen Jahren zeigt. Sie feierte übrigens gerade vor einer Woche Ihren 90. Geburtstag. Ich also hin und ein Foto machen. Da sehe ich vor mir die Bodenplatte, die ich eigentlich gesucht habe: Die Magna Carta Libertatum, auf Deutsch „Große Urkunde der Freiheiten“. Diese erinnert an eine von König Johann Ohneland zu Runnymede in England am 15. Juni 1215 besiegelte Vereinbarung mit dem revoltierenden englischen Adel. Sie gilt als die wichtigste Quelle des englischen Verfassungsrechts. Ein bedeutender Teil der Magna Carta ist eine wörtliche Kopie der Charter of Liberties Heinrichs I., die dem englischen Adel seine Rechte gewährte. Die Magna Carta verbriefte grundlegende politische Freiheiten des Adels gegenüber dem englischen König, dessen Land seinerzeit Lehen des Papstes Innozenz III. war. Der Kirche wurde die Unabhängigkeit von der Krone garantiert. Diese Carta gilt bis heute, steht auch auf dem Stein: These clauses remain on the statue book today. Mir war es wichtig hier, am Ort der Unterzeichnung der Freihheitsrechte, gewesen zu sein.

 

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