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Laufberichte

Surfside-Beachmarathon/Texas, USA

14.02.09

Bevor ihr den Bericht von Jeffrey Norris lest, sollt ihr folgendes wissen:

Jeffrey ist 1959 in Mississippi geboren und wohnt seit 1970 in Nürnberg. 1992 ist er nach einem Unfall erblindet. Erst nach diesem Schicksalsschlag kam er durch einen Zufall zum Laufen. Nach einer gesundheitlich und beruflich bedingten längeren Laufpause ist Jeffrey seit 2004 wieder als Marathoni unterwegs, macht auch Triathlons (2007 Roth-Finisher) und seit letztem Jahr wagt er sich auch Ultras heran.

Vielleicht erzählt er uns einmal seine Geschichte. Hier jetzt sein Laufbericht vom Surfside-Beachmarathon:

Am 14. Februar fand in Surfside, Texas, der Surfside-Beachmarathon statt. In den USA ist dieser Marathon einzigartig, da er als einziger auf der Gesamtstrecke direkt am Strand verläuft. Für mich sollte es das Highlight meines dreimonatigen Aufenthaltes werden.

Ich hatte zwar das Glück, unter anderem Namen in Houston beim Chevronmarathon laufen zu dürfen, allerdings war ich Begleitläufer für einen Marathon-Debütanten, der kurzfristig von seinem vorgesehenen Laufpartner sitzengelassen wurde.  Ich lief unter einem anderen Namen, da ein Startnummertransfer nicht mehr möglich war. So hatte ich für 4:49h die Identität des „Paul Thrower, 36, Lieutenant der US-Navy, verheiratet, aktiver Baptist“, angenommen.  Von der Startmöglichkeit hatte ich erst zwei Tage vor dem Marathon erfahren. Eine reguläre Anmeldung war nicht möglich, da dieser Lauf seit Juli ausverkauft war, und nicht mal für Mr. Norris eine Ausnahme gemacht wurde...

Diesen Beachmarathon hatte ich jedoch fest eingeplant, mich auch schon lange darauf gefreut.

Mein vorgesehener Guide sprang am Nachmittag vorher ab. Geplant war eigentlich die Anreise nach Surfside am Freitagnachmittag, einchecken ins Hotel, und den Abend dann mit den anderen anwesenden Teilnehmern und Volunteers verbringen, aber das musste nun leider ins Wasser fallen. Zum Glück hatte ich einen Substitute „an der Leine“.

Mit Tom Hanson hatte ich meine erste Strandlauferfahrungen auf der Insel Galveston erlaufen. Wir waren eine Woche zuvor auf der Insel gewesen, um den Unterschied des Strandlaufs im Vergleich zum Straßenlauf zu erspüren. Außerdem hatten wir schon eine längere Einheit als ersten Testlauf gedreht und waren uns daher nicht “lauffremd“.

Tom hatte ich über Cassandra Thomas, die Betreiberin des „Runner’s Link“, eines Laufsportgeschäfts, kennengelernt. Sie hat mir während meines Aufenthaltes hier immer wieder Kontakte vermittelt, war sehr hilfsbereit gewesen, und eigentlich die „amerikanische Ausgabe“ der Laufbox aus Nürnberg (Grüße aus Texas an Felix, Andy und Angela!). Durch Cassandra hatte ich auch die Möglichkeit, in Houston zu laufen, vermittelt bekommen.

Das ganze Unternehmen fing schon leicht mit Verzug (und Verärgerung) an, da Tom mich verspätet abgeholt hat, wir auf Grund eines Verfahrers dann erst 17 Minuten vor dem Start ankamen. Schon komisch, dass er, der Astronauten für die Orientierung und Navigation im Weltraum ausbildet , sich auf einer Strecke von ca. 50 Meilen verfahren kann - only in America......

Als wir dann den Startbeutel abgeholt, die Startnummer angebracht und den Chip befestigt hatten und bei den Portapotties anstanden, war es 2 Minuten vor acht. Für andere mag es okay sein, für mich nicht - und das habe ich klar zum Ausdruck gebracht: Hektik, unnötiger Zeitverzug oder Verspätung sind mir ein Greuel, und wenn ich etwas plane, möchte ich es planmäßig durchführen können, sonst brauche ich ja nicht planen – und diese Umstände auf mich nehmen.

Um den Tag aber dennoch genießen zu können,  beließ ich es bei einer kurzen, sehr klaren Ansprache. Die Nationalhymne, die vor jedem Sportevent gespielt wird, haben wir von der Schüssel aus mitgesungen und beim Startsignal synchron gespült. Ein paar Sekunden später waren wir aber selber auf der Strecke unterwegs – wow, mein erster offizieller  Marathon in Amiland, und das in Surfside!

Es ging zuerst westwärts mit leichtem Rückenwind, sehr angenehm. Der Himmel war bedeckt, die Temperatur bei ca. 18 °C, aber mit steigender Regenwahrscheinlichkeit. Nach 2,5 miles war der erste Wendepunkt erreicht. Es ging zurück über die Start-/Ziellinie Richtung Osten, also der Sonne entgegen. Die Strecke war eigentlich gut zu laufen, zwar immer wieder "huppelig" und uneben, teilweise auch sehr aufgelockert. Dennoch war es nicht so schlimm, wie ich es auf Grund der Tipps und Erfahrungswerte anderer befürchtet hatte. Der Strand war nach Hurricane Ike recht verwüstet, jedoch hatte man viel Aufwand betrieben, um diesen „godblessed“ Landstrich wieder attraktiv zu machen und touristengerecht zu gestalten. Für mich war es ein unbeschreibliches Gefühl, und ich empfand tiefe Dankbarkeit für diese Möglichkeit, Freiheit zu genießen.

In Gedanken war ich oft bei meinem Neffen, der eine zweieinhalbjährige Strafe verbüßt, hatte aber auch die tiefe Freundschaft meines besten Freundes im Herzen dabei – Barbara’s Liebe hat mich bei jedem meiner bisherigen Marathons begleitet.....

Ich konnte mir das Setting richtig gut vorstellen. Das Bild, das sich uns bot, war sicherlich mindestens so schön, wie ich es mir vorstellte. Das ganze Drumherum erfasste mich, und ließ meine Gedanken weit abwandern. Ich konnte mich an so viele, schöne Erlebnisse erinnern, viele unvergessliche Situationen wieder nachempfinden, und wusste auch, dass dies alles nicht als selbstverständlich  betrachtet werden sollte...

Kämpfen mussten wir mit dem Gegenwind, der uns auf einer Distanz von  ca. 13 miles ins Gesicht bließ, teilweise mit bis zu 18 miles windgusts. Wir liefen also direkt am Golf entlang, das Rauschen der Wellen war immer sehr deutlich und unüberhörbar. Die verbale Kommunikation war durch den Wind zwar schwer, aber wir konnten uns dennoch viel unterhalten. Das war auch notwendig, denn Tom kündigte schon bei mile12, 13 an dass er seine Mauer bei mile 19, 20 erreichen würde und dann Gehpausen einlegen müsse.

Wir passierten auch zwei Delfine, die aber traurigerweise tot am Strand lagen, wahrscheinlich angespült nach dem Sturm. Hier haben wir eine kurze Gedenkminute eingelegt, um diesen Geschöpfe die Ehre zu erweisen - kitschig, passte aber gut rein, doch der Verwesungsgeruch trieb uns weiter...

Die zweite Wende war bei mile 16. Wir hatten sie nach 2:55h erreicht, und ich hoffte auf Zeitgewinn auf der Schlussetappe durch den Rückenwind. Zu unserem „Glück“ hatte der Wind aber bereits nachgelassen...

Anstatt „Tailwind“, bekamen wir jetzt heftige Regengüsse, Donner und ein paar Lightningrods über dem Golf. Der Regen begleitete uns bis mile 20, 21. Ich erklärte Tom, was ich von dieser Mauer hielt, die jeder fast feierlich heraufbeschwören würde. Das Thema war dann schnell erledigt, Tom überzeugt, und so liefen wir dann weiter. Die letzten zwei miles bin ich dann freihändig gelaufen. Ich habe mich von der Anziehungskraft des Wassers verleiten lassen, bin dann einige hundert yards im Golf gelaufen, habe mich dann kurz vor dem Ziel tiefer rein begeben. Es war ja schließlich die letzte Gelegenheit, bei einem Beachmarathon auch ins Wasser zu gehen - zumindest in diesem Jahr...

Eine ganz erfreuliche Besonderheit war, dass mein Vater mein Finish miterlebt hat, mich freihändig laufen gesehen hat. Für ihn war es das erste Mal, dass er überhaupt einen Marathon mitgefeiert hat, und so haben wir alle irgendwie ein „erstes Mal“ gehabt – Ich meinen ersten Strandmarathon, Tom seinen ersten mauerfreien Marathon, mein Vater seinen ersten überhaupt...

Unsere Endzeit war 4:55h, nichts Berauschendes, aber na gut, ich hatte das Rauschen der Wellen 26,2 Meilen lang genießen können – mehr Rausch braucht man nicht ...

Insgesamt war es eine sehr schöne Veranstaltung, gut organisiert, familiäre Atmosphäre, nur 700 Teilnehmer insgesamt. Die amerikanische Laufkultur ist anders, als in Deutschland. Hier wird meistens samstags gelaufen, da man Sonntag in die Kirche geht. Hier wird, zumindest hier in Texas, nicht anschließend geduscht, puritanische Haltung... Aber die Freundschaft, die Herzlichkeit, die Freude der Zuschauer ist dennoch mindestens genauso groß und ausgelassen, wie ich sie in Deutschland erlebe.

Bedauerlich war neben der verspäteten Anreise die Begegnung mit den toten Delfinen. Das Barbeque anschließend im Zelt war ganz gemütlich, allerdings haben wir uns nicht sehr lange aufgehalten.

So habe ich dennoch meinen zweiten US-Marathon, den ersten offiziell unter eigenem Namen gefinisht, der nächste wird in Boston sein.

 


 

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