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Laufberichte

Rock'n Roll Marathon Lissabon

 

„Quem não viu Lisboa, não viu coisa boa“  - „Wer Lissabon nicht sah, hat noch nichts Schönes gesehen“

Noch vor einigen Jahren war der Anfang Dezember durchgeführte Marathon in der Stadt des Lichts („Cidade da Luz“), wie die ca. 500.000 Einwohner zählende Hauptstadt Portugals an der Mündung des Flusses Tejo in den Atlantik gelegen genannt wird, zumeist eine regnerische, kalte und windige Angelegenheit. Seit die Rock'n Roller aus den USA die Organisation übernommen haben, wurde der Termin auf den ersten Sonntag im Oktober verschoben, die Streckenführung geändert und die Veranstaltung international ausgerichtet. Der Marathon in Lissabon zählt in der Läufercommunity längst zu einem Highlight.

Gerade am 2. Oktober gibt es vielerorts bereits traditionelle Läufer über die klassische Marathondistanz – von Brüssel über Köln bis in den Osten Europas nach Kosice. Doch als gelegentlicher Ländersammler kommt mir der Termin gerade recht – Portugal fehlt mir als Land bisher in meiner inzwischen 43 Staaten umfassenden Statistik. Im Vergleich zu den Hardlinern unter den Country-Sammlern – der Präsident des Country Marathon Club John Wallace kommt auf 127 Länderpunkte - rangiere ich weit hinten.

Portugal, mit 10 Mio. Einwohnern und 90.000 km², an der Südspitze der iberischen Halbinsel gelegen, hat als Land der Seefahrer und Entdecker Ende des 15.Jahrhunderts eine bedeutende Geschichte aufzuweisen. Auch als spätere Kolonialmacht in den beanspruchten Territorien wie Brasilien sowie Angola und Mosambik in Afrika ist Portugiesisch auch nach deren Unabhängigkeit Amtssprache geblieben. Doch viele assoziieren mit dem Land, das seit 1986 Mitglied der EU ist und den Euro im Jahr 1999 eingeführt hat, eher die renommierten Lissabonner Fußballclubs Benfica und Sporting, wo große Stars von einst wie Eusebio oder Luis Figo mit dem Ball zauberten, die Formel-1 Strecke in Estoril und die Algarve, wo Prominente wie z.B. Udo Jürgens eine Sommerresidenz ihr Eigen nannten. Die Anzahl der Touristen, die nach Portugal kommen, ist im Steigen, das Land rangiert weit oben in der Beliebtheitsskala. Offiziell werden drei Marathons angeboten, neben dem in Lissabon ein weiterer in Porto im November und dann Gerês Anfang Dezember, über den Kollege Joe Kelbel auf M4Y schon berichtet hat.

 

Anreise

 

Der Veranstalter hat für die Teilnehmer sowohl bei der Anreise als auch bei der Wahl des Hotels Ermäßigungen angeboten, die von vielen wahrgenommen werden. Da ich zumeist kurzfristig plane,  habe ich mich am letzten Gültigkeitstag des etwas niedrigeren Startgeldes um 55 Euro registriert. Für den Portugaltrip habe ich mir 4 Urlaubstage genommen. Ein Stopp in Madrid ist dabei eingeplant. Mit dem Trenhotelzug in einem compartemente individual geht es über Nacht nach Lissabon.

Ich treffe auf zwei Briten Mitte vierzig, die ebenfalls zum Marathon nach Lissabon reisen. Einer schleppt eine 5-Liter-Karaffe prall mit Rotwein gefüllt mit sich. Der Wein in England sei zu teuer, hier in Spanien würden sie lieber auf Wasser verzichten. Sie wollen nächstes Jahr im April wieder nach Madrid kommen, um beim 40. Jubiläumsmarathon dabei zu sein. Diese Laufsportveranstaltung wird wie jene in Dublin, Lissabon, Liverpool und in weiteren gut 25 Städten in den USA von der Ausrichterfirma Competitor Group Incorporation (CGI), die das Konzept des Rock'n Roll Marathons mit Musikhotspots entlang der Strecke kreiert hat, angeboten. Wäre ich auch noch ein Hauptstädtesammler, müsste ich mir den Termin glatt vormerken, denn in Spanien bin ich zwar bisher zweimal in Barcelona sowie je einmal in Valencia und Sevilla gelaufen, aber noch nie in Madrid.

Das auf Schienen fahrende Trenhotel kommt pünktlich knapp nach 8 Uhr morgens im Bahnhof  Santa Apolonia in Lissabon an. Mir steht heute fast der ganze Tag und ein Teil der zu erwartenden lauen Nacht zur Verfügung. Das fantastische Schönwetter in vielen Teilen Europas mit Temperaturen wie in der Hochsaison wird anhalten. Ich kann mich ad hoc nicht mehr erinnern, wann mir heuer bei einem Marathon das letzte Mal kalt war – in den letzten Wochen und Monaten war es fast immer zu heiß – so auch letzten Sonntag in Ostrava auf einem neuem Kurs mit vier Runden, wo viele ausgefallen sind – nicht wegen der eher flachen Strecke, sondern der ungewohnten Hitze in der vierten Septemberwoche.

Ich kenne mich in Lissabon einigermaßen aus, zweimal war ich schon hier, in den 1970ern mit Interrail, 1987 bei einer Konferenz und das letzte Mal 2008 auf einen Tagesstopp mit einem Kreuzfahrtschiff. Inzwischen wurde die U-Bahn weiter ausgebaut, daneben gibt es ein Autobusnetz und eine moderne Tramway sowie alte Modelle, welche aus nostalgischen Gründen von den Touristen gerne benutzt werden. Wer keine Lissabon-Card über das Web gekauft hat, dem sei eine Tageskarte um derzeit 6 Euro plus 50 Cent für die Karte selbst angeraten. Damit erspart man sich lange Wartezeiten am Automaten oder Schalter, der am Marathontag nicht offen ist, wenn die Läufer zu den Zügen hetzen. Zwar wird laut Ausschreibung ein Gratistransport mit den Öffis zum Marathonstart am Renntag dank der Startnummer garantiert, doch darauf würde ich nicht wetten Denn wie in London oder Paris ist der Zugang zur Metro elektronisch abgesichert, ohne Ticket kommt man nicht durch. Gut möglich, dass vorne auf der Startnummer aber ein Code aufgedruckt ist, der eingelesen werden kann. Wir werden das morgen sehen, wenn es zum Gedränge kommt.

Ich selbst kaufe mir daher eine 2-Tages-Karte und fahre mit der blauen Linie in Richtung Reboleira fünf Haltestellen zur Station Marques de Pombal. Am gleichnamigen Platz befindet sich eine 1934 eingeweihte Statue von Sebastião José de Carvalho e Melo, dem ersten Marquis von Pombal. Die Säule ist 36 Meter hoch, die darauf befindliche Statue hat eine Höhe von neun Metern. 200 Meter weiter befindet sich das Dreisternhotel Nacional, in dem ich zwei Nächte um günstige 150,- Euro gebucht habe. Schon Wochen vor dem Lauffestival konnte man kein freies Zimmer in einem Hotel in Zentrumsnähe mehr ergattern. Zum Einchecken ist es zu früh, das Nacional ist voll belegt, wie der Rezeptionist entschuldigend erläutert. Hauptsache man nimmt mir die Reisetasche ab, und der Tag gehört nun ganz allein mir.

Schön, nach fast 10 Jahren wieder in Lissabon zu sein. Aber bevor ich auf Sightseeing gehe, werde ich mit der roten Aeroporte-Linie zur Expo fahren.

 

 
© marathon4you.de 46 Bilder

 

 

Startnummernausgabe

 

Diese erreicht man über die Station Oriente, wo sich auch ein Zugbahnhof, das Vasca da Gama Einkaufszentrum und das Ozeaneum (Oceanário de Lisboa), das dem Leben in den Ozeanen gewidmet ist und 1996 erbaut wurde, befinden. Wegen der 1998 stattgefundenen Weltausstellung unter dem Thema „Die Ozeane – ein Erbe für die Zukunft“ hat man hier in und um den Park der Nationen (Parque dos Nacoes) einen ganzen Stadtteil mit zahlreichen Zweckbauten sozusagen aus dem Boden gestampft. Über dem Fluss Tejo fährt eine Seilbahn an der Längsseite des Geländes entlang. Hier in der Nähe wird morgen auch der Zieleinlauf des Marathons sein. Das kulturelle Zentrum des Geländes ist der Pavilhão Atlântico (bis 2013 MEO-Arena), der die Form einer Muschel hat. Die große Multifunktionshalle ist der Ort, in dem Konzerte, Sportereignisse u.a. m. stattfinden. In den vergangenen drei Tagen ist hier auch die Marathon-Expo untergebracht.

Ich bin zu früh dort, denn aufgesperrt wird erst um 10 Uhr. In der Schlange steht ein deutsches Pärchen vor mir und lässt die Wartenden an ihrem Gespräch teilhaben – sofern man wie ich die Sprache versteht. Man entnimmt, dass er den ganzen Marathon laufen wird, der von Cascais, einem Fremdenverkehrsort an der Küste zum 40 km entfernten Parque dos Nacoes unweit der Expo, führt, während sie sich für die Halbdistanz mit einem spektakulärem Start auf der Vasco da Gama Brücke um 10 Uhr 30 registriert hat. Es wird morgen heiß werden, zum Glück starten wir Marathonis bereits um 8 Uhr 30, der Halbmarathon beginnt zwei Stunden später. Rechnerisch könnte es sich ausgehen, sagt die deutsche Kollegin vor mir in der Reihe zu ihrem Begleiter, dass sich die langsamen Marathonläufer wegen der zwei Stunden Startdifferenz auf der 8 km langen gemeinsamen Laufstrecke in Richtung Ziel irgendwo treffen. Für diese Erkenntnis muss man nicht lange im Kopf rechnen, das wird sich einfach so ergeben. Ich hoffe trotz der Steigungen vielleicht sub 5 zu finishen. Aber jetzt schon an morgen zu denken, ist verfrüht, erstmals möchte ich an mein Startpaket kommen.

Pünktlich um 10 Uhr sperrt man auf. Ich habe die hohe Nummer 5431, die erste Zahl 5 bedeutet, dass ich als angestrebtes Ziel eine Laufzeit bis 5 Stunden angeführt habe. Die Schlange vor diesem Schalter ist kurz, die meisten fassen eine Nummer bis 4 Stunden Zielzeit aus. Ein adidas-Shirt mit einem Motiv der Stadt Lissabon ist im Startgeld enthalten. Ich nehme mir nun ein wenig Zeit, um mich bei der eigentlich recht kleinen Marathonmesse umzusehen.

Als wichtig erscheint mir der Hinweis auf einem gut sichtbaren Plakat, wann die Züge morgen ab der Station Cais do Sodre hinaus nach Cascais zum Start fahren. Richtzeit für mich ist der Zug um 7 Uhr, denn die Fahrzeit beträgt 40 Minuten, der Start ist für 8 Uhr 30 vorgesehen. Imposant sind die Medaillen, die CGI bei ihren 31 Rock'n Roll Marathons anbieten bzw. an die Finisher heuer schon ausgegeben wurden. Bewundern kann man unter anderem auch jene für den diesjährigen Dublin-Marathon am 30. Oktober, der allerdings schon ausgebucht ist – Irland fehlt mir noch.

 

Ein wenig Sightseeing in Lissabon

 

Ich fahre bereits um 10 Uhr 30 in die Altstadt zurück und mache mich auf den Weg hinauf zum  Castelo de São Jorge, das zu den beliebtesten historischen Stätten Lissabons zählt. Teilweise kann man mit Aufzügen hinauf fahren, ein Stück muss man dann aber marschieren. Die Aussicht auf und über die Stadt ist so grandios, dass sich ein Besuch lohnt. Das Gelände umfasst rund 6000 m², neben einer Burgruine befinden sich darauf mehrere Türme, Wachposten, ein Burggraben und zwei große Plätze.

Im Osten sieht man die Vasca da Gama-Brücke über den Fluss Tejo, gleich neben dem Park der Nationen, die mit 17 Kilometern eine der längsten Brücke Europas ist. Ihre maximale Spannweite beträgt 420 Meter, die Pylonen sind 155 Meter hoch, die Autobahn ist sechsspurig. Gebaut wurde die Brücke, die ein viermal stärkeres Erdbeben aushalten würde als jenes aus dem Jahr 1755, bei dem Lissabon fast vollständig zerstört wurde, zwischen 1995 und 1998 anlässlich der Weltausstellung in Lissabon.

Nach Westen hin mit Blick über den Tejo und der Altstadt sieht man die 1966 fertiggestellte Ponte de 25 Abril, die Brücke des 25. April, die mit der Golden Gate Bridge in San Francisco verglichen wird. Sie verbindet den Lissabonner Stadtteil Alcântara mit dem Vorort Almada auf der anderen Seite des Flusses. Oben fahren die Autos 70 Meter über dem Fluss, darunter ist eine Eisenbahntrasse. Der Brückenzug ist insgesamt 3,2 Kilometer lang und beginnt schon über Lissabon. Die eigentliche Hängebrücke über den Tejo ist 2278 Meter lang, die Brückentürme sind über 190 Meter hoch. Täglich passieren ca. 150.000 Autos die Brücke. Wir werden morgen beim Marathon hier stadteinwärts durchlaufen.

Zwar habe ich es noch nie geschafft, über die Brücke zu fahren und die am Südufer des Tejo thronende, auf einen 82 m hohen Sockel befindliche und 28 m hohe Cristo Rei Statue mit ausgestreckten Armen über Lissabon aufzusuchen, die 1959 eingeweiht wurde.

Hier oben auf der Festung hört man viele deutschsprachige Touristen, die auf einem Städtekurzurlaub sind. Sie wissen gar nicht, dass morgen ein Laufspektakel stattfinden wird. Ich komme ins Gespräch mit einem älteren Ehepaar aus Haan. „Wie viele Kilometer  müssen Sie denn laufen bei so einem Marathon?“, fragt die Dame. „Was, gleich 42, das ist ja doppelt so weit wie von uns nach Düsseldorf – da fahren wir mit der S-Bahn ja schon an die 20 Minuten.“ Die Marathondistanz hat es schon so in sich.

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