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Laufberichte

Rheinsteig-Erlebnislauf: Die gesamte Strecke

20.04.14

11.04.2014, Bonn nach Unkel

 

Mit einer Gesamtlänge von 1238,8 km ist der Rhein einer der längsten Flüsse Europas. Er entspringt in den Schweizer Alpen, durchquert den Bodensee um dann zwischen Basel und Karlsruhe die Grenze zu Frankreich zu bilden. Als Oberrhein, Mittelrhein und Niederrhein fließt er durch Deutschland und mündet in den Niederlanden in die Nordsee.

Um die Faszination dieses Gewässers hautnah zu erleben, bietet sich das Fahrrad geradezu an. Radwanderwege entlang des Rheins gibt es deshalb schon lange. Für den Puristen, der lieber auf Schusters Rappen unterwegs ist, sind diese jedoch wenig interessant. Meist flach und asphaltiert, laden sie nicht zum Laufen ein.

 

 
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Die rührigen Tourismusexperten des Mittelrheintals machten Nägel mit Köpfen: nachdem der linksrheinische Rheinburgenweg fertiggestellt war, konnte bereits ein Jahr später am 8. September 2005 der rechtsrheinische Rheinsteig feierlich eröffnet werden. Auf der Strecke Koblenz-Rüdesheim durchquert der Rheinsteig das UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal sowie die Weinanbaulandschaft Rheingau. Die Einrichtung des Wanderwegs war ein Gemeinschaftsprojekt der Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Hessen, um den Tourismus in den Regionen entlang des Rheins zu fördern. Das Deutsche Wanderinstitut in Marburg hat den Rheinsteig mit dem „Deutschen Wandersiegel Premiumweg“ ausgezeichnet.

Der Rheinsteig beginnt in Bonn (am Marktplatz), wechselt auf die rechte Rheinseite und führt über das Siebengebirge, um das Neuwieder Becken herum, durch Koblenz-Ehrenbreitstein, überquert bei Lahnstein die Lahn und folgt dann dem Oberen Mittelrheintal bis nach Rüdesheim. Von dort verläuft er dann durch den Rheingau über Schlangenbad bis nach Wiesbaden und endet dort am Schloss Biebrich. Dabei begleitet er den Rhein vorzugsweise auf den Höhen, meist nahe der Talkante, und durchquert viele Seitentäler. Er führt an etlichen Burgen und Schlössern vorbei.

Ein Zufall und der dringende Wunsch nach Urlaub führten Rolf und Brigitte Mahlburg zum Rheinsteig. Für die versierten Ultraläufer kam Wandern aber nicht in Frage; gelaufen sollte werden. Kann man die 320 km mit knappen 12 000 Höhenmetern in 8 Tagen schaffen? Karten wurden gewälzt und der Weg in sinnvolle Etappen eingeteilt. Nachdem der Termin feststand, ging es an die Planung der Übernachtungen. Damit sich der Aufwand auch lohnt, wurde das Vorhaben ins Internet gestellt. Schnell waren 10 Mitläufer gefunden, die mit einer Art Startgebühr einen guten Zweck unterstützen würden. Am 7. April 2006 ging es dann in Bonn los.

Mittlerweile ist der Rheinsteigerlebnislauf ein Selbstläufer geworden. Aus logistischen Gründen ist die Teilnehmerzahl auf 30 begrenzt. Etappenläufer sind aber herzlich willkommen. Es wird in der Gruppe gelaufen und bergauf gegangen. Die Schnellen warten auf Langsamere. Immer wieder gibt es unterwegs Empfänge in den Rathäusern der Anrainergemeinden, wo dann in feierlichem Rahmen Spenden an die Läufer überreicht werden. Auch diverse Sportvereine beteiligen sich mit Abordnungen, die die Läufer für eine Etappe begleiten. Oft wird durch sie dann auch eine Verpflegungsstelle für die Läufer bereitgestellt. Mittlerweile haben sich hieraus echte Freundschaften entwickelt. Das Geld kommt sozialen Projekten wie z. B der Aktion Benni und Co zugute.

Nachdem Norbert und ich bereits im letzten Jahr drei Etappen dabei sein konnten, wollte Norbert nun die ganze Strecke versuchen. Da gerade die ersten drei besonders lang sind entschloss ich mich wieder, erst bei der 4. einzusteigen.

So kam es also, dass Norbert sich allein zum Startort nach Bonn aufmachte. Nachdem die Zimmer in der Jugendherberge verteilt, waren ging es zum Essen ins Restaurant Waldau. Rolf und Brigitte begrüßten die Teilnehmer und gaben einige Infos für den nächsten Tag bekannt. Wie immer wenn Läufer zusammen sitzen, gibt es genügend Anknüpfungspunkte, und so lernte man sich schnell kennen.

Pünktlich um 8.30 Uhr geht es am nächsten Morgen an der Jugendherberge los. Dort wartet bereits die erste Überraschung: eine Horde Kindergartenkinder mit blauen und weißen Luftballons stehen zum Abmarsch bereit. Sie begleiten die Läufer bis zur ersten Verpflegungstelle, natürlich vom Kindergarten bereitgestellt. Für die meisten Sportler kommt der Nachschub noch etwas früh und so bleibt dann mehr für die Kinder übrig. Dann kann es richtig losgehen.

In diesem Moment ist dann bei Norbert der Fotoakku leer. Doppelt schade, weil sich die Strecke bei prachtvollem Sonnenschein von ihrer schönsten Seite zeigt. Vom Bonner Marktplatz folgt man dem Strom flussabwärts bis zur Kennedy-Brücke, die überquert wird. Nanu, was ist denn in der Rheinaue los? Hier scheint ein Spendenlauf im Gange zu sein. Eine Runde ist abgesteckt auf der Kinder unterwegs sind. Das lassen sich die Läufer nicht zweimal sagen. Hinterher wird natürlich auch eine Spende dagelassen.

Nach dem Freizeitpark Rheinaue geht es dann aufwärts. Am Foveaux-Häuschen vorbei erreicht man den Dornheckensee. Hier gibt es immer wieder spektakuläre Aussichtspunkte. Es geht weiter zum Kuckstein, einem Geländeplateau oberhalb ehemaliger Basaltsteinbrüche. Vom Rhein weg führt der Weg nach Oberkassel und dann immer bergauf durch die Weinberge zum Aussichtsplatz Rheinblick. Durch das Mühltal erreicht man die Zisterzienserabtei Kloster Heisterbach, mit dem weitläufigen Klosterpark. Die imposanten Chorruine ist es ein beliebtes Ausflugsziel.

Jetzt beginnt der Aufstieg zum Petersberg, einem der sieben markanten Gipfel des Siebengebirges. Hier wurde deutsche Nachkriegsgeschichte geschrieben. denn auf dem Petersberg wurde 1949 das „Petersberger Abkommen“ unterzeichnet, was ja als erster Schritt zur Bundesrepublik Deutschland, als eigenständigen Staat gewertet wird.

Nach dem Verlust einiger Höhenmeter gelangt man durchs Mirbesbachtal an der Walter-Guilleaume-Hütte vorbei zum nächsten Anstieg, wo oben ein Aussichtspavillon auf dem Geisberg wartet. Es geht wieder bergab. Schon von weitem ist der Drachenfels mit seiner Ruine der Burg Drachenfels und dem darunter liegenden Schloss Drachenburg zu sehen. Der Drachenfels entstand durch aufsteigendes Magma, das nicht zur Erdoberfläche durchbrechen konnte, sondern darunter domartig erstarrte; Vulkanologen nennen das Quellkuppe. Schon aus römischer Zeit sind Steinbrüche (Quarztrachyt) am Drachenfels belegt.

Das schlossartige Anwesen der neuen Drachenburg wurde in Rekordzeit von 1882 bis 1884 in historistischem Stil als repräsentativer Wohnsitz für den Börsenmakler, Finanzfachmann und späteren Baron Stephan von Sarter (1833–1902) gebaut. Er hat jedoch nie in dem Schloss gewohnt.

In Serpentinen geht es bergauf. Die Ruine des dreistöckigen Bergfrieds der Burg Drachenfels ist das Wahrzeichen des Siebengebirges. Die Burganlage wurde nach 1138 vom Kölner Erzbischof Arnold gebaut. Außer dem Bergfried bestand die Burg ursprünglich aus Palas, Kapelle und Dienstbotenwohnungen. Sie diente zur Absicherung des Kölner Gebietes nach Süden hin. Während des dreißigjährigen Krieges wurde die Burg geschleift.

In Serpentinen geht es steil hinunter. Rhöndorf, einer der nördlichsten traditionellen Weinorte und ehemaliger Wohnsitz von Altbundeskanzlers Konrad Adenauer liegt beschaulich im Tal. Am Friedhof vorbei, geht es einen lang gezogenen Anstieg zum Gasthaus Löwenburger Hof am Fuße der Löwenburg, dem nächsten Siebengebirgsberg mit seiner gleichnamigen Ruine. Die grandiose Aussicht hier oben entschädigt für den schweißtreibenden Anstieg. Bei guter Sicht kann man den Kölner Dom erkennen.

Nun geht es steil hinunter ins Ohbachtal und hinten wieder bergan. Jetzt geht es einige Kilometer so weiter. Von rechts mündet eine Talsenke ein, der die Route aufwärts bis zur abgebrannten Barbarahütte folgt. Ein Hangweg führt hinüber zum Wegetreffpunkt am Bildstock „Auge Gottes“. Früher hatten die Waldbesitzer häufig mit Holzdieben zu kämpfen. Deswegen errichteten sie eine Tafel mit der Warnung „Ein Auge ist, was alles sieht, auch was in dunkler Nacht geschieht“. Ob sich die Diebe davon beeindrucken ließen, ist nicht überliefert.

Es geht hinunter ins Breitbachtal, vorbei an den Resten einer früheren V1-Abschussrampe im Wald. Die Fieseler Fi 103 war der erste militärisch eingesetzte Marschflugkörper und wurde deshalb als eine der „Wunderwaffen“ in der NS-Propaganda des Zweiten Weltkriegs auch V1 (Vergeltungswaffe 1) genannt. Das im Auftrag des Reichsluftfahrtministeriums ab Mitte 1942 entwickelte „Ferngeschoß in Flugzeugform“ war mit fast einer Tonne Sprengstoff bestückt und wurde daher umgangssprachlich auch als „Flügelbombe“bezeichnet. Von hier aus sollten Antwerpen und London angegriffen werde. Die Rampen wurden aber nicht rechtzeitig fertiggestellt. Von hier aus wurden nie V1-Raketen gestartet.

In der gesamten Gegend wurden früher in vielen Gruben Erze geschürft, ein großes Kreuz erinnert an die hier verunglückte Bergleute. Im Tal beginnt der stetige Anstieg hinauf zum Marienberg, dem Ehrenfriedhof von Bruchhausen sowie zur Bruchhauser Heide. Das heutige Ziel, das Hotel Scheurener Hof in Unkel ist erreicht. Die erste und längste Etappe mit gut 53 Kilometer und knapp 2000 Höhenmeter liegen hinter uns.

 

12.04.2014, Unkel nach Neuwied

 

Als größte Herausforderung eines Etappenlaufs erweist sich das Gepäckmanagement. Welche Kleidung brauche ich für den Tag und wie bekomme ich den Rest wieder in den Koffer? Ist diese Leistung vollbracht, ergibt sich der Rest von selbst. 7 Uhr Frühstück, 8 Uhr 30 Abmarsch. Den Gepäcktransport übernimmt das Hotel.

 

 

 
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Die ersten Schritte beim Anlaufen am Morgen sind erwartungsgemäß etwas steif. Das gibt sich aber nach den ersten Kilometern. Es geht erst mal an der Straße entlang. Im Wald schert ein schmaler Pfad aus, der sich bis zu einem kleinen Wasserfall im Hähnerbachtal hinabwindet. Von dort aus beginnt der Anstieg auf den Stux. der mit einem faszinierenden Fernblick auf den Rhein und die umliegenden Hügel belohnt wird.

 

Ein einheimischer Lauffreund erklärt fachkundig die Besonderheiten der Gegend. Fast ein Spaziergang ist es jetzt bis nach Orsberg, wo es wieder aufsteigen heißt zur Erpeler Ley. Hier gibt es eine kleine Verpflegungsstelle von den dortigen Lauffeunden. Ein großes Holzkreuz erinnert an die Opfer im Kampf um die Ludendorff-Brücke zwischen Erpel und Remagen 1944 / 45. Von der Ley aus sieht man die Reste der Brückentürme. Die Eisenbahnbrücke wurde im ersten Weltkrieg aus militärischen Gründen errichtet und nach General Erich Ludendorff benannt. In der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs wurde sie von Amerikanern erobert und stellte den ersten alliierten Übergang über den Rhein dar. Am 17. März 1945 stürzte sie ein. Besondere Bekanntheit erlangte sie durch den amerikanischen Kriegsfilm „Die Brücke von Remagen“ 1969.

 

Nun geht es bis zum Viadukt der Kasbachtalbahn abwärts. Zu Ehren von Heinrich Dahmen, der im letzten Jahr den kompletten Rheinsteigerlebnislauf barfuß geschafft hat, macht sich die Läuferinen und eine Abordnung der Läufer eine „kleine“ Treppe hinauf, dreht oben um und kommt dann unter dem Applaus der anderen wieder herunter. Das hatte der Heinrich auch gemacht. Spaß muss eben sein!

 

Nach kurzem Aufstieg zu den Gleisen der Kasbachtalbahn geht es weiter in Richtung Burg Ockenfels, die sich in Privatbesitz befindet. Vorbei an der Burg läuft man auf einer Asphaltstraße durch Ockenfels nach Linz. Auf dem Marktplatz vor dem historischen Rathaus werden die Läufer bereits erwartet: 1. Beigeordneten der Stadt Linz, Dr. Hans Georg Faust und Stadtmanager Thomas Herschbach begrüßen die ankommenden Läufer herzlich. So würdigte Dr. Faust den Einsatz der Benefizaktion unter ihrem Initiator Rudolf Mahlburg auch aus fachärztlicher Sicht als ermutigendes Zeichen der Solidarität derer, die laufen können für diejenigen, die dazu nicht mehr in der Lage sind.

 

Dass heute auch der Bundestagsabgeordnete Erwin Rüddel und der parteiunabhängige Kandidat für die Wahl zum hauptamtlichen Bürgermeister der Verbandsgemeinde Linz am Rhein, Wolfgang Bernath (bekannter und geschätzter Marathon4y-Autor), als Etappenläufer mit dabei sind, unterstreicht auch die politische Bedeutung solch eines Events.

 

Nach einer Stärkung in Form von Obst, Müsliriegeln, süßen Stückchen, Kaffee und alkoholfreien Getränken kann nun der Aufstieg auf den 174 Meter hohen Kaiserberg in Angriff genommen werden. In Serpentinen geht es anschließend hinab ins Tal und drüben erneut wieder aufwärts nach Dattenberg, wo die Läufer bei Familie, wie in früheren Jahren ihre Trinkflaschen auffüllen dürfen. Es geht bergauf und bergab, immer oberhalb des Rheins entlang. Bad Hönningen wird unten liegen gelassen. Dafür steuern die Läufer das Weinhaus Emmel in Hammerstein an. Auf der gemütlichen Terrasse können die Sportler bei einem Getränk ihre müden Knochen ausruhen.

 
 

Nach weiterem auf und ab führt ein schmaler Steig hinab nach Leutesdorf. Von Leutesdorf aus steigen Serpentinen durch Weinberge. Nun geht es weiter in Richtung Feldkirchen durch Wald und die Wiesenaue des Kehlbachs. Im Hotel Alt Wollendorf wird nach der 2. Etappe mit knapp 48 Kilometern und etwa 1800 Höhenmetern die Nacht verbracht.

 

 

13.04.2014, Neuwied nach Urbar

 

Das Wetter ist herrlich. Morgens frisch, aber schnell wird es wärmer. Vom Rhein weg geht es direkt am Limes entlang, dessen Reste im Wald verborgen liegen. Der Weg biegt ins Buchbachtal ab und führt bergauf zu einer Streuobstwiese. Schon bald geht es wieder abwärts ins Reichelbachtal und weiter durch Buchenwald wieder bergauf. Der Rheinsteig führt hinab ins Aubachtal. Hier prägt Helmut den immer gültigen Spruch: „Hinter jeder Brücke geht es bergauf“. Ein kleiner Fluss kommt in Sicht. Es ist aber nicht der Rhein, sondern die Wied. Es geht bergab und über den Bach hinüber, dann wieder hinauf. Durch den Wald erreichen man aufwärts bald die Burg Altwied.

 

 
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Gegenüber dem Friedhof in Altwied geht es bergan in den Wald bis zum Aussichtsplatz Almblick. Über Serpentinen schraubt sich der Weg weiter hinauf zum Aussichtspunkt Schauinsland, wo Vater Rhein wieder in Sichtweite gerät. Durch den Hochwald geht es bis zum Tennisplatz. Hier wird eine Rast eingelegt. Es gibt Getränke und Kuchen.

 

Frisch gestärkt erreicht man den Römergraben von Rengsdorf. Der Römergraben diente im Mittelalter als Grenzmarkierung und zur Überwachung des Verkehrs und des Warenhandels zwischen dem Westerwald und dem Neuwieder Becken. An den mit Schlagbäumen abgesperrten Durchlässen wurde Wegezoll erhoben. Er ist neben dem römischen Limes eines der bedeutendsten Bodendenkmäler im Vorderen Westerwald. Eigentlich müsste man ihn in „Frankengraben" umbenennen, da er durch falsche Überlieferung in Verbindung mit dem Limes als Wallanlage in römischer Zeit gebracht wurde.

 

Heute erfreut er mit seinem wunderschönen Baumbestand und seinem Weitblick ins Rheintal Wanderer und Erholungssuchende als bezaubernder Wander- und Spazierweg. Ihm folgt man hinüber ins romantische Tal des Völkerwiesenbachs, wo der Aufstieg zur „Terrasse“ kommt.

 

Es beginnt ein schmaler Pfad nach rechts durch den Wald, vorbei an der Jonashütte und anschließend aufwärts durch einen Tannenwald zum Osthang des Wingertsberges. Dort kann man im Gelände noch einige Spuren des ehemaligen Limesgrabens entdecken. Die Grenzlinie war in regelmäßigen Abständen mit Türmen bewehrt. Einer davon stand ganz in der Nähe. Heute sind nur noch seine Fundamente zu sehen. Eine Rekonstruktion der Wehranlage mit Römerturm versetzt die Läufer in die historische Zeit zurück.

 

Es geht im Wald mehrmals auf und ab. Über einen schmalen Pfad durch Felder und Streuobstwiesen erreicht man den Zoo von Neuwied. Das Tore des Zoos öffnet sich und im Laufschritt wird der Tierpark erkundet. Der Imbissstand hier im Zoo kommt gerade recht für eine Rast. Die Bratwurst schmeckt und auch alkoholfreies Bier ist im Angebot. Nach kurzer Pause verlässt die Gruppe den Zoo. Durch fruchtbares Ackerland hat man nun einen tollen Blick ins Neuwieder Becken. Diese Senke zwischen Koblenz und Neuwied trennt das Engtal des oberen von dem des unteren Mittelrheins auf einer Länge von 22 Flusskilometern.

 

Wieder geht es auf und ab bis es endlich ins Saynbachtal hinabgeht, wo schon bald Schloss Sayn auftaucht. Das 1848 von Fürst Ludwig zu Sayn-Wittgenstein-Sayn auf bestehende Ruinen erbaute neugotische Schloss Sayn erstrahlt nach umfassender Restaurierung seit dem Jahr 2000 wieder als wahres Märchenschloss. Es beherbergt das Stadtmuseum mit einer Eisenkunstguss-Sammlung, Säle, Salons und Tagungsräume. Im zum Schloss gehörenden englischen Landschaftspark kann man im Schmetterlingsgarten hunderte exotische Falter, tropische Pflanzen und Vögel bewundern.

 

Die Burg Sayn befindet sich hoch über Sayn. Steile Serpentinen führen hinauf. Von der 800 Jahre alten Stammburg der Fürsten zu Sayn-Wittgenstein bietet sich ein Rundblick von den Höhen des Westerwaldes über die Rheinebene bis hinüber zu den Vulkanbergen der Eifel. Im inneren Burghof befindet sich das Restaurant „Die Sayn Burg“, und auf dem Burggelände finden während der Saison im März bis Oktober einmal täglich Flugvorführungen durch die Falknerei Burg Sayn statt.

 

Ein geteerter Weg führt von der Burg hinauf zu einem Parkplatz. Dort biegt der Rheinsteig nach rechts in den Buchenwald ab und führt im Halbkreis auf einen geschotterten Waldweg. Über Serpentinen geht es hinunter ins Tal bis zum nächsten Aufstieg.

 

Plötzlich stehen alle Spalier: die Marathondistanz ist erreicht und eine der Etappenläuferinnen finisht in diesem Moment ihren ersten Marathon und Astrid aus Holland bereits ihren 25. Dies wird traditionell mit einer LaOla-Welle gefeiert.

 

Es geht unter der Autobahn A48 hindurch. Im Talgrund abwärts erreichen die Läufer die Schnatzenmühle und nach weiterem kurzen Aufstieg den Wüstenhof. Hier muss man rasten. Nicht nur wegen des schönen Rheinblicks von der Terrasse, sondern auch, weil hier schon Johann Wolfgang Goethe von der Muse geküsst 1774 das Gedicht vom Heidenröslein geschrieben haben soll.

 

Vom Wüstenhof geht es hinab zum Meerbach. Oberhalb einer Minigolf-Anlage führt die Straße "Obere Meerbach" erst an der Pfarrkirche St. Marzellinus und Petrus vorbei durch das nette Städtchen Vallendar mit seinen vielen Fachwerkhäusern. Es ist bereits 19 Uhr, als ich die müden Läufer in Urbar empfangen kann. Nach stürmischer Begrüßung entlasse ich die Helden erst mal unter die Dusche. Ein leckeres Essen weckt dann die Lebensgeister wieder. Weitere 52 Kilometer und nochmals 1800 Höhenmeter sind geschafft.

 

 

 

14.04.2014, Urbar nach Filsen

 

siehe auch den Bericht von Wolfgang

 

 

 

Heute ist mein großer Tag. Ich darf nun endlich mitlaufen. Mit mir sind gestern noch 4 weitere „Mädels“ angekommen. Maren, Ute, Coni und Petra sind zum ersten Mal dabei. Gut, dass ich die Strecke schon kenne. Ich bin etwas nervös. Die Gruppe ist schon eingespielt und eingelaufen. Klar, es gibt auch schon Ausfälle aber im Großen und Ganzen sehen alle noch fit aus.

 

 
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Mit Norberts Hilfe schaffe ich es pünktlich um 8 Uhr 30 an den Start vor dem Hotel Adria. Rolf gibt noch einige Hinweise und dann geht es schon los. Gemütlich wird zum Kindergarten spaziert. Hier erwarten uns die Kinder und die Gruppenleiterin. Der Bürgermeister hatte früher mit uns gerechnet und musste schon wieder weg. Beim obligatorischen Gruppenbild - die Katastrophe: mein Rücken! Nur mal kurz gebückt und schon fährt mir der Schmerz durch die Glieder. Das kann ja heiter werden. Ich ignoriere das aber erst einmal. Nach netten Worten der Kindergärtnerinnen bekommen wir jeder ein Kinder an die Hand und es geht bergauf. Beim Sportgelände oberhalb von Urbar verabschieden wir uns. Jetzt laufen wir richtig los.

 

Vorsichtig bewege ich mich mit der Gruppe. Gut, dass ich abgelenkt werde. Die Festung Ehrenbreitscheid, Koblenz, Bienhorntal und Ruppertsklamm lassen die Rückenschmerzen vergessen. Erst an der Verpflegungsstelle der Sportfreunde Ems werde ich wieder daran erinnert. Das Zelt ist so niedrig, dass ich nur an einer bestimmten Stelle zum Essen und trinken gelangen kann. Bücken ist unmöglich. Der leckere Kuchen, Tee und Kaffee sind aber alle Mühen wert. Vielen Dank!

 

Über die Lahn und hinten hinauf stößt irgendwann Ronald zu uns. Der Lauffreund kommt aus Braubach und hat, wie auch im letzten Jahr, interessante Geschichten zu erzählen.

 

Die leckere Suppe auf der Marksburg genieße ich heute besonders. Um die Burg pfeift ein kräftiger Wind. Als wir aus dem Fenster blicken, trifft uns der Schlag: es regnet. Als wir dann aber unwillig den weiteren Weg antreten, hat der Regen aufgehört und die Sonne lacht bereits wieder. Heute ist das Wetter insgesamt nicht so schön wie die letzten Tage. Richtiges Aprilwetter. Immer wieder versteckt sich die Sonne hinter den Wolken. Jetzt aber, da wir am Aufstieg über den steilen Zecherweg sind, knallt die Sonne richtig herunter.

 

So kommt es, dass die Gruppe am Anstieg auseinandergerissen wird. Oben wir schon gewartet. Unter den Nachzüglern befindet sich auch Karin vom Tourismusbüro. Irgendeiner fragt etwas und sie nutzt die Gelegenheit, ausführlich über die verschiedenen Bodenformen zu referieren. Gleichzeitig ruhen wir alle etwas aus. Es geht nun lange sonnig oberhalb den Rheins entlang.

Serpentinen führen uns im Wald ins Dinkholder Bachtal zum rundgemauerten Sauerbrunnen. Eine Analyse von 1565 besagt, dessen Wasser werde „für den täglichen Trunk genutzt, um die Nachwirkung gestriger Trunkenheit aufzulösen“. Mittlerweile wird jedoch davon abgeraten, von diesem Wasser zu trinken. Wir haben das aber auch gar nicht nötig. Hier wartet der Mann von Conni, einer Etappenläuferin, die gestern dabei war. Er arbeitet bei „Globus“, einem großen Discounter, und hat den Kofferraum voll mit Leckereien. Anstatt der Wildschweinwurst vom letzten Jahr schenkt er heute frischen, von Conni selbst gemachten Eierlikör aus. Karin, unsere Tourismusexpertin ist zunächst skeptisch, lässt sich dann aber doch zu einem Schluck überreden. Ob sie mittlerweile schon mitbekommen hat, dass da doch Alkohol drin war?

 

Das letzten Stück nach Filsen vergeht wie im Flug. Und Familie Karbach vom Filsener Hotel „Altes Tor“ begrüßt uns wieder aufs herzlichste. Trotz krankheitsbedingter Einschränkungen seitens der Wirtin klappt alles vorzüglich und wir freuen uns umso mehr auf den „Deppekoche“ im nächsten Jahr. Nach knappen 45 Kilometern haben wir heute „nur“ 1600 Höhenmeter gemacht.

 

 

15.04.2014, Filsen zur Loreley

 

Ich brauche dringend eine Apotheke. Mein Rücken wird trotz Schmerzsalbe nicht besser. Leider grassiert in der Region das Apothekensterben. Nicht nur Apotheken auch der Einzelhandel ist davon betroffen. Selbst die Buslinien werden nach und nach eingestellt.

 

Ich habe mich entschlossen, heute nicht mit zu laufen. Hier beim Rheinsteigerlebnislauf gibt es ja die einmalige Möglichkeit, Teile der Strecke auch zu erwandern. In diesem Jahr wird das aber wenig genutzt. Nur Martine und Annette, deren Männern zu den Läufern gehören, bilden die Wandergruppe. Aber heute ist auch noch Heidi dazu gestoßen. Die Ultrafrau hat eine neue Hüfte und versucht langsam wieder Tritt zu fassen. Nachdem wir die Läufer verabschiedet haben, stelle ich erstaunt fest, dass auch Chef Rolf dabei ist.

 

 

 
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Unsere Tour beginnt in der nahen Pulsbachklamm. Sie gehört nicht zum Rheinsteig. Wir gehen von unten nach oben. Das kleine Bächlein fließt romantisch an unserem Singletrail entlang. Ich bin gespannt, ob ich mit versierten Wanderern mithalten kann. Es klappt ganz gut. Schnell merke ich,  dass Rücksichtnahme und Spaß hier an erster Stelle stehen.

 

Ein steiler Anstieg führt entlang des Pulsbaches über bemooste Felsen hinein in den Sachsenhäuser Wald. Etwas unheimlich sind die Schluchten, die sich in Felsspalten gegraben haben. Eine Sage erzählt, dass sich hier im 30-jährigen Krieg die Bürger aus Kestert in einer geheimnisvollen Höhle vor den angreifenden Schweden versteckt hielten. Am Eingang der Höhle weist heute noch ein Hinweisschild auf die Sage „Datt well Weivche – Das wilde Weib“ hin, welches die Kesterter wegen einer verbotenen Liebe, an die Feinde verraten haben soll.

 

Wir erreichen den Rheinsteig. Gleichberechtigt wird abgestimmt, welcher Weg nun weiter gegangen wird. Wir entscheiden uns dem Rheinsteig weiter zu folgen. Der schmale Pfad erinnert an einen alpinen Steig und bietet unterwegs immer wieder schöne Blicke auf das Rheintal. In stetem Auf und Ab zieht die Route hinüber zum Graben des Ehrenthaler Baches. Hier trifft man auf die Infotafeln des Bergbau- und Landschaftspfades, der an die jahrhundertelange Bergbautradition erinnert.

 

1745 waren zwischen Ehrenthal und Prath Erzadern entdeckt worden, die 1769 zur Gründung der Sachsenhäuser Hütte führten. Ein Poch- und Waschwerk befand sich in der Nähe von Wellmich. Von dort wurden die Erze zur Weiterverarbeitung nach Braubach gebracht.

 

Es geht nach Wellmich hinunter.  Rolf erlaubt sich einen kleinen Spaß mit der Wirtin des „Saustalls“. Hier werden die Läufer erst in einigen Stunden erwartet. Die Panik der Wirtsleute hält sich indes in Grenzen. Gutmütig öffnen sie ihr kleines Lokal und bewirten uns mit Kaffee. Wir bewundern wieder die liebevolle Dekoration der Gaststube, die mit hunderten von Schweinefiguren geschmückt ist. Für die Läufer wird Linsensuppe mit Bockwurst geordert.

 

Wir verzichten auf den nun folgenden Aufstieg zur Burg Maus. In unserer Karte ist ein Halbhöhenweg eingezeichnet. Irgendwie verpassen wir den Einstieg – unser Weg endet im Nirgendwo. Wir müssen zurück. Frustriert erkennen wir, dass es keinen Halbhöhenweg gibt. Da wir nicht nach oben wollen bleibt nur der ungemütliche Weg an der Straße entlang. Gut, dass heute nicht so viel Verkehr ist. Kurz vor St. Goarshausen können wir dann die Strandpromenade benutzen.

 

Ich finde endlich eine Apotheke und decke mich mit Wärmepflaster ein. Wir treffen Rolf beim Sekthaus Delicat einer befreundeten Winzerei. Das beeindruckende Gebäude am Fuße des Felsens wirkt einladend. Die Besitzerin begrüßt uns herzlich und führt uns in die gemütliche Halle. Eigentlich ist noch geschlossen, aber für die Läufer des Rheinsteigerlebnislaufs wird eine Ausnahme gemacht. Extra wurden die Toiletten mit einem Heizlüfter ausgestattet. Es wäre sonst sehr frisch in den alten Gemäuern. Draußen führt uns die freundliche Chefin durch ihre Schätze an botanischen Kostbarkeiten, wie sonst nur in speziellen Gärten zu finden sind. Wir sind beeindruckt.

 

Nachdem herzlichem Abschied müssen wir uns trennen. Da wir Mädels noch eine Runde um die Loreley drehen wollen, nimmt Rolf den direkten Weg. Er muss schließlich pünktlich um 16 Uhr am Besucherzentrum der Loreley den offiziellen Empfang vorbereiten.

 

Wir anderen nehmen zunächst den steilen Anstieg auf den Patersberg. Oben genießen wir den phantastischen Blick zurück. Hier kann man den Rabenacksteig einsehen auf dem die Läufer kommen werden. Wir bleiben einige Minuten stehen, aber keiner kommt. Also geht es weiter. Am Aussichtspunkt Dreiburgenblick hängen die Wolken tief. Hoffentlich kommt da kein Regen. Ein kurzer Blick nach hinten zur Burg Maus. Gegenüber am anderen Rheinufer liegt die mächtige Burgruine Rheinfels und nach vorne kann man bereits Burg Katz am Hang liegen sehen. Ihr richtiger Name ist Burg Neu-Katzenelnbogen, nach dem gleichnamigen mächtigen Grafengeschlecht, die mit Burg Rheinfels bereits linkssrheinisch eine große Festung hatten. Katzenelnbogen wurde zu Katz verkürzt. Eigentlich wurde die Burg Katz nur gebaut, weil ein paar Kilometer entfernt die Herren von Trier die Burg Peterseck zur Sicherung ihrer rechtsrheinischen Besitztümer errichten ließen. So wurde Peterseck im Volksmund scherzhaft zur „Maus" umbenannt, denn: Die Katz frisst die Maus!

 

Wir verweilen nicht lange. In Patersberg führt der Rheinsteig über einen steilen Steig nach St. Goarshausen hinunter und dann auf der anderen Seite zur Burg Katz hinauf. Diese steilen Stücke wollen wir umgehen und wählen die neu ausgeschilderte Loreley Schleife. Das Zeichen hier ist rot mit weißen Fluß.

 

Leider scheint diese Strecke nur mäßig beschildert. Wir laufen nach Gefühl. Der Ort mit seinen Fachwerkhäusern und gepflegten Straßen ist sehenswert. Ein Einheimischer fragt uns, ob wir den Rheinsteig verpasst hätten und meint aber für die Schleife seien wir auf dem rechten Weg.

 

Es geht links auf den Feldweg. Unglaublich gelber Raps wächst zu beiden Seiten des Wegs. Wir gelangen in den Wald bis zur Mühle. Am Eingang steht, dass hier der Bürgermeister wohnen würde und eine ganze Menge Laufschuhe hängen wie zur Deko über dem Eingang was uns köstlich amüsiert. Wir richten uns nach der Karte und gelangen zur Straße. Hier müssten die Loreley bereits zu sehen sein, so nah sollten wir sein. Doch wir sehen nur Felder. Da leuchtet etwas metallisches auf. Die neue Sommerrodelbahn oberhalb des Besucherzentrums ist schemenhaft zu erkennen. Wir sind richtig und fast schon da. 5 Minuten vor 16 Uhr erreichen wir das Besucherzentrum. Die Läufer sind noch nicht da. Martine ruft ihren Mann an. Die  Gruppe scheint sich bereits oberhalb des Besucherzentrums zu befinden. Wir schauen genauer hin. Ja, da sind die weißen Shirts zu sehen. Wie Perlen an einer Kette kommen sie den Berg hinunter. Punkt 16 Uhr sind alle da.

 

Für die Läufer gibt es eine kleine Stärkung und der offizielle Teil wird erfreulich kurz gehalten. Vor dem Besucherzentrum gibt es neuerdings eine Rheinsteig-Erlebnislauf-Fahne. Das macht die Bedeutung dieses Laufs deutlich. Gemeinsam geht es zum Loreleyfelsen.

 

 
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Schon im Mittelalter war die Loreley ein bekannter Ort. Zum Einen wegen des markanten Felsens als Wegmarke, zum Anderen wegen der gefährlichen Stelle für die Schifffahrt. Hier lag eine Sandbank in der Mitte des ohnehin schon schmalen Rheins, hinter der sich gefährliche Strudel bildeten. Diese Gefahrenstelle wurde mittlerweile entschärft, aber enge Kurven und starke Strömungen bergen immer noch erhöhtes Gefahrenpotential. Eine Lichtsignalanlage hilft hier, Unfälle zu vermeiden.

 

Loreley ist auch der Name einer Nixe auf diesem Felsen. Der aus dem 19. Jahrhundert stammenden Legende zufolge, kämmte sie dort ihre langen, goldenen Haare und zog die Schiffer mit ihrem Gesang an. Diese achteten trotz gefährlicher Strömung nicht mehr auf den Kurs, so dass die Schiffe an den Felsklippen zerschellten. Der kalte Wind lässt uns nicht lange verweilen. Es geht noch 800 m zu unserem Hotel Christian in Heid, das oberhalb liegt. Die Wandergruppe hat heute ungefähr 20 Kilometer zurückgelegt. Für die Läufer waren es ca. 35 Kilometer mit 1200 Höhenmetern.

 

 16.04.2014, Loreley nach Assmannshausen

 

 

Mit Wärmepflaster und etwas Schlaf ist mein Rücken heute spürbar besser. Dafür habe ich Muskelkater in den Beinen. Ich werde trotzdem mitlaufen und falls es nicht gehen sollte, zu den Wanderern wechseln. Für heute ist schönes Wetter angekündigt. Schon am Morgen ist es deutlich wärmer als an den Vortagen.

 

Wir werfen einen letzten Blick auf die Loreley. Ein phantastischer Ausblick auf das tief eingeschnittene Rheintal und schroffe Felsen gibt Kraft für den heutigen Tag. Wir haben nun doch einige Fußkranke und 47 Kilometer stehen an.

 

 
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Zunächst geht es durch Weinberge bergab und wir gelangen am Leiselfeld zum Geländeplateau. Was folgt, lässt sich nur schwer beschreiben, man muss es erleben: Der Rhein macht einen Bogen und so kann man immer nur ein kurzes Stück des weit unter uns liegenden Stromes sehen. Wir genießen spektakuläre Aussichtspunkte am Spitznack, der Felsenkanzel, dem Fünf-Seen-Platz und der Waldschule. Danach heißt es erst einmal wieder sehr steil absteigen ins Urbachtal und jenseits erneut, nicht ganz so steil hinauf zur Alten Burg. Ganz in der Nähe beginnt ein schmaler Pfad, der sich eng an den Hang schmiegt. Er führt zu den Rosssteinen, herrlichen Aussichtsfelsen gegenüber von Oberwesel, die Stadt der Türme und des Weins. Von hier oben ist die wunderbar erhaltene Stadtmauer Oberwesels aus dem 16. Jahrhundert gut zu erkennen. Von uns aus gesehen, erhebt sich links die rote Liebfrauenkirche und rechts die höher liegende Martinskirche mit ihrem als Wehrturm gebauten Glockenturm. Auf einer bewaldeten Anhöhe thront die Schönburg aus dem 11. Jahrhundert, heute internationale Jugendherberge und Burghotel.

 

Oje, ein Spaßvogel hat der Bronzefigur vom Vater mit dem Kind auf der Schulter eine wollene Pudelmütze aufgesetzt. Dieser Anblick ist für den einen oder anderen Lacher gut. Nach der Kletterpartie bergauf mit Eisentritten und Festhalteseilen sind es nun nicht mehr viele Höhenmeter hinauf zum Geländeplateau, auf dem Dörscheid liegt.

 

Im Dörrscheider Landgasthof Blücher werden wir bereits erwartet. Die Terrasse ist gemütlich hergerichtet und diverse Getränke stehen bereit. Der Chef begrüßt uns und wir lassen es uns in der Sonne gut gehen. Die Aussicht ist aber auch zu schön. Gerade als wir die gastliche Stelle verlassen, kommen noch unsere Wandermädels. Schnell begrüßen sich die Ehepaare und auch Heidi wird gedrückt. Dann müssen wir los. Die Lamas, die noch bis letztes Jahr auf den umliegenden Weiden gegrast hatten, gibt es leider nicht mehr.

 

Es beginnt der 3 km lange Panorama-Abstieg durch ein Naturschutzgebiet hinunter nach Kaub. Unterwegs hat man immer wieder einen herrlichen Blick auf Kaub und die berühmte Zollburg Pfalzgrafenstein. Bis zum Preußisch-Österreichischen Krieg war die Burg Zollstation und wurde anschließend bis in die 1960er Jahre als Signalstation für die Schifffahrt genutzt. Das kleine Eiland, auf dem sie aus den Fluten lugt, nutzte General „Vorwärts“ Blücher bei der Verfolgung der napoleonischen Truppen in der Silvesternacht 1813 / 1814 für seinen legendären Übergang über den Rhein. Sie ist für Besucherverkehr zugänglich und über eine regelmäßig verkehrende Personenfähre von Kaub aus erreichbar. Gelegentlich finden kulturelle Veranstaltungen auf der Burg statt. Seit 2007 ist die Burg nach der Restaurierung wieder mit einem historisch belegten Farbanstrich versehen und kann bei Dunkelheit angestrahlt werden.

 

Durch ein Wildschutztor gelangt man schließlich in die Kauber Weinberge und begegnet hier dem originellen Weinschrein vom Weingut Hillesheim. Wir öffnen ihn. Im Innern stehen kleine Probiergläschen und eine Kassette, in der aber leider die Fläschchen zum Probieren fehlen. Es ist halt keine Wandersaison. Nun laufen wir wieder bergab. Wie meistens führen Hanna und Sigrun die Gruppe an. Die beiden leichtfüßigen Läuferinnen scheinen keine Müdigkeit zu kennen. So lautet unser Ruf zum Anhalten nicht mehr „vorne Halt“ sondern einfach „Hanna“ (auch wenn jemand anderes vorne ist).

 

Eine steile Weinbergtreppe bringt uns direkt in den Ort. Zum Glück haben wir wieder einen einheimischen Führer. Er führt uns nach rechts zur großen Kauber Kirche. Hier gibt es eine baulichen Besonderheit: die Kirche rechts stammt aus dem 12. Jahrhundert, der 27 m hohe Kirchturm gehörte übrigens früher zur Stadtbefestigung.

 

Vor der Kirche befindet sich ein Brunnen mit einer Löwenfigur. Vor ein paar Jahren kam es zu einem folgenschweren Unfall: ein LKW konnte auf der abschüssigen Straße nicht bremsen und fuhr auf den Brunnen und verschob ihn in die dahinter liegende Apotheke. Noch heute können die Bilder des Löwen auf dem Apothekertresen in der Apotheke besichtigt werden.

 

Nach jahrelangen Restaurierungsarbeiten ist die Stadtmauer nun wieder begehbar. Eine versteckte Treppe führt uns hinauf. Links und rechts des engen Ganges liegen die Eingänge der Häuser. Spannend für Besucher; aber ob ich so beengt wohnen wöllte?

 

Es geht zwischen schönen Fachwerkhäusern und dem Bahngleis entlang und dann auf einer steilen gepflasterten Straße den Berg hinauf. Die Straße endet auf dem Schotterweg. Für uns geht es nun schattenlos immer den Berg hinauf. 3 Kilometer und 260 Höhenmeter später sehen wir die Burg Gutenfels unter uns. Unterhalb der Höhe schert der „Paul-Claus-Pfad“ aus und leitet uns in kurzen Serpentinen hinunter ins Niederthal. An der Infotafel bei der ein Grenzbuch ausgelegt ist, in dem wir uns verewigen, machen wir nochmal Rast, bevor wir durch das Grenztor zum Rheingau unseren Weg fortsetzen.

Kurz darauf folgt eine Überraschung, die man hier mitten im Wald sicher nicht erwartet hätte. Ein Weinstand mit Lorcher und Kauber Weinen, samt Riesengrill lädt hier zur Rast ein. Wir sind gerade in Schwung und können nicht anhalten. Es geht nun fast 10 km wellig oberhalb des Rheins entlang. Wir kommen gut voran. Nach Lorch fällt der Trail allerdings ziemlich steil ab. Nicht nur Stahlseile, sondern auch stählerne Stufen sind hier in den Fels eingelassen. Als wir unten zu sein glauben, müssen wir scharf links in eine Art Bachbett einbiegen. Es ist ein alter Hohlweg, der schnurgerade in die Stadt hinein führt. Der Untergrund ist steinig und unangenehm zu laufen. Ich bin froh, als wir endlich die Straße erreichen. Rolf führt uns zum Hafen wo uns Ronalds Sohn Benjamin mit seinem „Buttermilchauto“ erwartet. Ja, hier gibt es wirklich Buttermilch. Aber auch Cola, Wasser, Saft, Waffeln, Kekse und noch so einiges mehr.

 

Es handelt sich hier um private Sachspenden. Natürlich könnten die Spender auch einfach Geld für die „gute Sache“ überweisen. So aber profitieren zunächst erst mal die Läufer von der kostenlosen Verpflegung, und können dafür dann abends Rolfs Spendenbüchse füllen. Ein geniales System, von dem alle profitieren.

 

Wir genießen die Pause, denn es geht gleich wieder bergauf. Erstaunlich, wie steil Straßen angelegt werden können. Schnell erreichen wir den Höhenweg. Ohne größere Vorkommnisse sind wir schon bei km 40. Jetzt geht es nochmal steil nach oben. Es folgt eine schöner Waldtrail, wellig geht es auf weichem Boden dahin. Wurzeln und Steine werden übersprungen. Das macht Laune und wir kommen gut voran. Oberhalb von Assmannshausen sammeln wir uns. Im schattigen Pavillon ist es gemütlich. Wir warten und warten, aber es fehlen immer noch einige. Da kommt die Nachricht, dass Petra schwer gestürzt ist. Doch scheinbar kann sie noch gehen und wir sollen schon mal langsam weiterlaufen. Schockiert machen wir uns den Berg hinunter.

 

Wir warten nochmal an der Kirche um gemeinsam das Hotel zu erreichen.  Petra sieht lädiert aus und hält ihren Arm. Während wir im Rheinhotel Lamm auf der Terrasse erst mal Kaffee und Kuchen bekommen, wird Petra ins Krankenhaus gefahren. Heidi begleitet sie.

 

Heute ist der große Tag: die offizielle Spendenübergabe. Der Speisesaal ist liebevoll dekoriert. Das große Erlebnislauf-Banner ziert einen Tisch mit diversen Präsenten. 11.000 Euro sind zusammengekommen und werden auf das Konto von Benni und Co überwiesen.

 

Die Selbsthilfegruppe "aktion benni" wurde im Jahr 1996 durch die Familie Over gegründet, deren Sohn Benni an Muskeldystrophie erkrankt ist. Die Diagnose "Duchenne Muskeldystrophie" (= Muskelschwund) bedeutet für die betroffenen Kinder und deren Familien immer noch eine unheilbare, tödlich endende Krankheit. DMD ist nach der Mukoviszidose die zweithäufigste Erbkrankheit bei Jungen. Etwa jeder 3500. neugeborene Junge ist betroffen, da er auf seinem X-Chromosom ein geschädigtes Dystrophin-Gen hat, das die Krankheit auslöst. In Deutschland gibt es etwa 2500 betroffene Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Die ersten Krankheitszeichen treten mit ca. drei - vier  Jahren auf. Dann fällt das Gehen schwer. Zwischen dem 5. und 10. Lebensjahr werden die Muskeln deutlich schwächer, die Kinder entwickeln an Fuß-, Knie- und Hüftgelenken Kontrakturen, also Sehnenverkürzungen, die die Bewegungsfähigkeit weiter einschränken. Mit neun bis 12 Jahren sind sie an den Rollstuhl gebunden. Durch die immer schwächer werdenden Muskeln wächst der Bedarf an Hilfe und Pflege. Die meisten Duchenne-Patienten sterben im Jugendlichen- oder jungen Erwachsenenalter, denn auch Atem- und Herzfunktionen sind von der Muskelschwäche betroffen.

 

Seit Jahren unterstützen Brigitte und Rolf Mahlburg mit ihren Laufevents den gemeinnützigen Verein. Nicht mehr "nur" laufen, sondern "laufend helfen"ist daher seit langem ihr Motto. Aber auch die Läufer kommen nicht zu kurz. Jeder Läufer wird namentlich aufgerufen und bekommt ein kleines Präsent und eine große Flasche Wein. Dann wird es gemütlich. Aber nach 45 Kilometern und 1600 Höhenmetern bin ich so platt, dass wir bald schlafen gehen.

 

 

17.04.2014, Assmannshausen nach Kiedrich

 

Der Morgen beginnt mit einem Geburtstagsständchen. Ja, ich habe Geburtstag. Nun wissen es alle, und den ganzen Tag bekomme ich Glückwünsche. Das ist nett. Petra hat tatsächlich den Arm gebrochen und ist zur Abreise bereit. Astrid und Günter machen heute Laufpause. Die Sonne scheint, aber hier im Schatten vor dem Hotel ist es noch ziemlich frisch.

 

Vom Hotel direkt am Rhein geht es bergauf. Es gibt auch eine Seilbahn, das kommt für uns natürlich nicht in Frage. Am Jagdschloss im Niederwald halten wir uns links. Hier wollte Carl Amor Maria Graf von Ostein Ende des 18. Jahrhunderts die Gartenanlagen des Rokoko imitieren und legte mit Eremitage, Rittersaal und der Zauberhöhle den Grundstein für den damals schönsten Naturpark am Rhein. Natürlich wollen wir in die Zauberhöhle. Die Höhle war als Überraschung des Grafen für seine Gäste gedacht: Wenn die Gäste den dunklen Gang verlassen hatten, liess er in dem angebauten Rundbau nacheinander 3 Fenster öffnen von denen man immer einen andern atemberaubenden Ausblick hatte. Die Gäste wurde regelrecht „verzaubert“. Die Vegetation hat leider die Ausblicke seit langem überwuchert. Wir betreten die Höhle. Drinnen ist es stockdunkel. Deshalb vereinbaren wir, dass sich jeder am Rucksack des anderen festhält und vor Hindernissen rechtzeitig gewarnt wird. Ich bin froh, als ich nach den 60 Metern wohlbehalten wieder im Tageslicht stehe.

 
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Der Waldweg führt uns zu einer Aussichtsplattform. Unter uns liegt Bingen, wo die Nahe in den Rhein fließt. Der Binger Mäuseturm ist ein ehemaliger Wehr- und Wachturm. Er steht auf der Mäuseturminsel im Rhein vor dem Binger Stadtteil Bingerbrück. Der knapp 25 Meter hohe Zollwachturm wurde Anfang des 14. Jahrhunderts erbaut. Nach einer Sage soll der hartherzige Mainzer Erzbischof Hatto, als eine Hungersnot im Land herrschte, den Armen Hilfe aus seinen gefüllten Kornkammern verwehrt haben. Als sie weiter bettelten, soll er sie in eine Scheune gesperrt haben, die daraufhin von seinen Schergen angezündet worden sei. Die Schreie der Sterbenden soll er höhnisch mit den Worten „Hört ihr, wie die Kornmäuslein pfeifen?“ kommentiert haben. In diesem Moment kamen tausende Mäuse aus allen Ecken gekrochen und wimmelten über den Tisch und durch die Gemächer des Bischofs. Die Masse der Nagetiere habe die Bediensteten in die Flucht geschlagen, und Hatto soll mit einem Schiff den Rhein hinab zur Insel gefahren sein, wo er sich sicher wähnte. Doch als er sich dort eingeschlossen hatte, sei er von den Mäusen bei lebendigem Leibe aufgefressen worden.

 

Nach kurzem Aufstieg über die Weinberge erreichen wir das monumentale Niederwalddenkmal. Das Denkmal solle an die Einigung Deutschlands 1871 erinnern.

 

Zuoberst steht die Hauptfigur, die 12,5 Meter hohe Germania, ihr Kopf ist leicht nach links, also östlich gedreht. Damit schaut sie in den Rheingau, Richtung Deutschland. Mit der rechten Hand hält sie die deutsche Kaiserkrone lorbeerumkränzt empor. Die linke Hand umfasst dagegen ein gesenktes lorbeerumwundenes Schwert.Auf dem Sockel, auf dem die Germania steht, befindet sich die Hauptinschrift des Denkmals: „ZUM ANDENKEN AN DIE EINMUETHIGE SIEGREICHE ERHEBUNG DES DEUTSCHEN VOLKES UND AN DIE W IEDERAUFRICHTUNG DES DEUTSCHEN REICHES 1870 – 1871“.

 Hier treffen wir unsere Wandermädels. Nach einem obligatorischen Gruppenbild geht es weiter.

Plötzlich kommt Björn von vorne. Wir hatten gar nicht bemerkt, dass heute unser „Küken“ fehlt. Mit seinen 26 Jahren drückt er erfolgreich von Anfang an den Altersschnitt der Gruppe. Sollte er irgendwann einmal Respekt vor den Lebensleistungen der anderen, erfahrenen Ultraläufer gehabt haben, so ist der schnell geschwunden. Und sollte irgendeiner spöttisch auf den Jungspund geschaut haben, dann lag er völlig falsch. Björn ist ein beliebtes und angesehenes Mitglied der Läuferschar, der mal vorne, mal hinten mitlaufend seinen Platz hier mehr als verdient hat. Heute hat er Probleme mit den Füßen. Doch die Ruhe tat ihm gar nicht gut. Seine Beine wollten laufen und so ist er uns hier entgegengekommen. Alle Achtung!

 

In der Ferne sehen wir die Abtei St. Hildegard in den Weinbergen. Hildegard von Bingen begründete bereits 1165 im nahen Eibingen ein Kloster der Benediktinerinnen. Die heutige Kirche wurde 1904 geweiht. In ihr leben und arbeiten 60 Ordensfrauen, die im Klosterladen nicht nur Hildegard-Schriften, sondern auch Wein und andere Köstlichkeiten anbieten. Es geht bergab und so lassen wir es laufen. Vor den Mauern der imposanten Abtei halten wir an. Ein einheimischer Lauffreund bietet eine Führung durch die Kirche, der wir gerne folgen. Erwartungsvoll betreten wir den Klostergarten. Eine einmalige Stille umfängt uns. In der Kirche ist es angenehm kühl. Die Wände sind überreich mit Fresken verziert. Der Großteil stellt Szenen aus dem Leben der Hildegard von Bingen dar. Über dem Altarraum thront eine beeindruckende Malerei von Jesus. Die Orgel spielt, was der Besichtigung eine andächtige Stimmung verleiht.

 

Wieder draußen, können wir uns noch mehr an den schönen Blumen und der strahlenden Sonne erfreuen. Es geht durch Weinberge und dann in den Wald. Wellig führen die Wege immer auf und ab.

 

Wir erreichen Marienthal mit seiner bekannten Wallfahrtskirche. Sie zählt zu den ältesten Wallfahrtsorten in Deutschland. Über die Entstehung der Marienthaler Wallfahrt wird folgendes berichtet: Man schrieb das Jahr 1309, als ein Jäger, Hecker Henn mit Namen, vor dem Marienbilde niederkniete und die Mutter des Herrn um ihre Fürbitte bat. Durch einen Unfall hatte er das Augenlicht verloren und bei den Ärzten fand er keine Hilfe. Wie die alten Chroniken berichten, wurde er erhört. Als er sich vom Gebet erhob, sah er klar und deutlich wie früher. Diese auffallende Heilung veranlasste den Junker Hans Schaffrait 1313 eine Kapelle zu bauen, in welche das Marienbild - eine Darstellung der schmerzhaften Mutter, die ihren toten Sohn auf dem Schoß trägt - übertragen wurde. Da sich immer neue wunderbare Heilungen ereigneten und immer mehr Leute in das entlegene Tal kamen, um hier Maria zu verehren und ihr die Sorgen und Nöten anzuvertrauen, wurde schon nach wenigen Jahren (1326) mit dem Bau der Kirche begonnen.

 

 An den großen Wallfahrtstagen geht die Zahl der Pilger häufig über die Fassungskraft der Kirche hinaus. Die Gottesdienste werden dann im Freien abgehalten, auf dem großen überdachten Pilgerplatz hinter der Kirche.  Wir laufen am sogenannten "Franziskusgärtchen" vorbei. Dargestellt ist der heilige Franziskus, den Tieren predigend, begleitet von Bruder Leo, der andächtig zuhörend dabei sitzt, und schließlich eine Menge verschiedenster Tiere. In Marienthal wurde übrigens 1468 die älteste Kloster-Druckerei der Welt gegründet. Heute leben noch einige Franziskaner dort und betreuen weiterhin Pilger.

 

Es geht steil den Philosophenweg bergauf. Ich dachte diese Etappe würde flacher werden. Da habe ich mich aber gründlich getäuscht. Es geht immer weiter bergauf. Dann geht es wieder bergab in ein Wiesental. Eine kleines Stück weit versinkt der Weg und somit auch unsere Schuhe im Sumpf. Dann biegen wir um eine Baumecke und entdecken, wie am vorigen Tag, Benjamin mit seinem Buttermilchauto. Wir machen uns daran auch noch die letzten Reste aus seinem Kofferraum zu vertilgen.

 

Es geht weiter zum Schloss Vollrads. Vollrads ist mit seiner mehr als 800-jährigen Tradition eines der renommiertesten Weingüter der Welt und als Spielstätte des Rheingau Musik Festivals sowie Hort weinkultureller Veranstaltungen bekannt.

 

Während der Weinlese im Herbst herrscht im Schlosshof von früh bis spät Betriebsamkeit. Hinter den großen Toren der Wirtschaftsgebäude befinden sich die Pressen, Gärkeller und Füllanlagen.  Auf einer Rebfläche von rund 80 Hektar wird ausschließlich Riesling angebaut, aus der alle Qualitätsstufen von Qualitätswein über Kabinett, Spätlese, Auslese, Beerenauslese, Trockenbeerenauslese bis zum Eiswein erzeugt werden.

 

Wir machen Pause im Hof und genießen die Stille im Schatten der Bäume. Wieder in den Weinbergen, laufen wir nun bergab. Im Wald geht es dann wieder bergauf. Heute begleitet uns eine Abordnung der Kiedricher Lauffreunde. Sie bereichern die eingespielte Gruppe mit neuen Gesprächsthemen und so vergeht ein langes Wegstück über die Felder wie im Flug. Am Wegekreuz am Unkenbaum, einer jahrhundertealten Eiche die im September 2001 einem Sturm zum Opfer fiel, machen wir eine letzte Pause. Wir sind bald in Kiedrich und so ist es an der Zeit die letzte Verpflegung aufzuessen.

 

Dann beginnt der lange Abstieg zum Steinberg, dem Vorzeige-Weinberg der Eberbacher Mönche. Berühmt ist die denkmalgeschützte drei Kilometer lange Mauer, die den Weinberg umgibt. Der Blick vom „Schwarzen Häuschen“ inmitten des Weinbergs zählt zu den schönsten im Rheingau. Nun ist es nicht mehr weit bis zum ehemaligen Zisterzienserkloster. 1136 von burgundischen Zisterzienser-Mönchen in einem stillen Waldtal gegründet, entwickelte sich Kloster Eberbach schnell zum größten Weinbau-Unternehmen des Mittelalters mit mehr als 200 Außenstellen und eigener Flotte. In nie unterbrochener Kontinuität wird hier seit mehr als 800 Jahren Wein angebaut, ausgebaut und vermarktet. Internationale Beachtung fand das Kloster als Drehort des Umberto-Eco-Mönchkrimis „Der Name der Rose“. Eberbach ist heute die bedeutendste Konzertstätte des Rheingau Musik Festivals.

 

Normalerweise wird das Kloster von den Läufern umgangen. Unsere Einheimischen Lauffreunde raten zu einem Kurzbesuch. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen. Auch unsere Wandermädels sind bereits eingetroffen. Wir bestaunen die weitläufige Parkanlage und die große Vinothek.

 

Im Wald geht es aufwärts zum Honigberg und hinüber ins Grünbachtal. Von dort laufen wir gemütlich talauswärts nach Kiedrich. Als geschlossene Gruppe kommen wir im Sportgelände an. Bürgermeister Winfried Steinmacher und regionale Pressevertreter erwarten uns bereits. Zum offiziellen Teil werden wir in die neuerbauten Räume gebeten. Es gibt Sekt aus Kiedrich und Laugenbrezeln.

 

Bürgermeister Steinmacher findet lobende Worte für die Macher und Sportler des Rheinsteigerlebnislaufs und übergibt eine Spende. Marion und Walter Berg die Verantwortlichen des Kiedricher Lauftreffs begrüßen die Läufer ebenfalls. Der Lauftreff hat ein Kochbuch zusammengestellt „laufend gut essen“ und dieses bei verschiedenen Gelegenheiten verkauft. Dadurch sind 800 Euro zusammengekommen, die nun der Aktion Benni und Co zugute kommen. Zum Schluss dürfen wir noch das neue Gebäude besichtigen. Vor allem der Fitnessraum mit Ausblick auf die umliegenden Weinberge findet bei den Läufern großen Anklang.

 

Den Abend und meinen Geburtstag lassen wir beim gemeinsamen Essen und einer Flasche Kiedricher Sekt in einer Straußenwirtschaft (bei uns heißt das Besen) ausklingen.

 

 

18.04.2014, Kiedrich nach Wiesbaden

 

Nun ist es bald zu Ende. Etwas wehmütig treffen wir uns vor dem Hotel. Die letzte Etappe beginnt.

 

Fachwerkhäuser prägen das Ortsbild, das von der Valentinuskirche beherrscht wird. In ihr erklingt die älteste spielbare Orgel Deutschlands. Es geht weiter in Richtung der nahen Ruine Scharfenstein, die über dem gotischen Dorf thront. Von der ehemaligen Burganlage ist heute noch der 30 Meter hohe Bergfried mit einem Durchmesser von 9 m an der Basis sehr gut erhalten. Im unteren Teil befindet sich das Burgverlies. Der Eingang befindet sich, ursprünglich über eine Außentreppe zugänglich, in einer Höhe von 7,60 m. Über drei Etagen führen dann im Inneren der 3 m starken Mauer Steintreppen zur ehemaligen Wehrplatte.

 
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Wir lassen den Turm rechts liegen. Nun heißt es jenseits im Wingertsgelände zum Weinberg der Ehe zu gelangen. Hier bekommt jedes in Kiedrich getraute Ehepaar einen eigenen Weinstock und jedes Jahr ein Fläschchen Wein. Am Waldrand entlang geht es bergab; dann in den Wald und wellig weiter.

 

Kurz vor Schlangenbad erreicht man eine Wassertretanlage mit Blick hinüber ins rheinhessische Hügelland. Björn geht es heute besser. Schnell schlüpft er aus Schuhe und Socken und gönnt sich eine Runde in dem eiskalten Becken, was ihm sichtlich gut tut. Wir anderen haben Angst vor nassen Füßen in den Laufschuhen und bleiben zurück. Nun hält man im Wald in einem großen Bogen auf Schlangenbad zu.

 

Die Thermalquellen Schlangenbads wurden in der Mitte des 17. Jahrhunderts entdeckt. Nachdem Francis Head 1830 „Bubbles from the Brunnen“ veröffentlicht hatte, wurden die Taunusbäder unter den Briten populär. Deutsche Adelskreise schätzten Schlangenbad, da man hier relativ ungestört kuren konnte. Seit 1931 gibt es ein Thermalfreibad; Kassenpatienten wurden dann erstmals 1950 zur Kur zugelassen. Heute sind insgesamt neun Quellen erschlossen, die mit Temperaturen zwischen 21 und 32 Grad Celsius am Südhang des Bärstädter Kopfes entspringen. Behandelt werden rheumatische und andere entzündliche Erkrankungen.

 

In Schlangenbad herrscht ein reizschwaches Schonklima mit starker nächtlicher Abkühlung, vergleichbar mit dem mediterranen Klima. Dadurch konnte sich, auch nach allgemeiner Abkühlung des Klimas in Deutschland, eine Population der Äskulapnatter in Schlangenbad erhalten, die heute nur noch in den wärmeren mediterranen Gegenden vorkommt, zu Warmzeiten aber in ganz Mitteleuropa verbreitet war. So wurde der Name Schlangenbad geprägt.

 

Der Rheinsteig durchquert Schlangenbad fast in seiner gesamten Länge. Wir machen Pause am Schlangenbrunnen vor der Äskulaptherme. Vorbei am Hotel “Russischer Hof“ müssen wir eine Treppe hinunter und kommen auf einen schmalen Wiesenweg im Wallufbachtal gemütlich leicht bergab bis zur Lochmühle. Ein steiler Anstieg hinauf nach Georgenborn beginnt. Weiter geht es im Wald zur Ludwig-Schwenk-Hütte am Grauen Stein vorbei. Mit einer Höhe von 25 m gehört dieser beeindruckende Fels zu einem Quarzitgang, der vor rund 320 Millionen Jahren entstand und ca. 4 km weit bis zum Spitzen Stein (auf dem die Burgruine Frauenstein steht) reicht. Der Graue Stein wird oft als Kletter-Übungsfels genutzt.

 

Der schmale Schlangenpfad führt uns wieder steil bergauf nach Frauenstein. Auf der Straße geht es den Berg hinunter. Spüre ich Regentropfen? Eine fette schwarze Wolke hängt über dem Ort. Der Ort wird beherrscht von dem Bergfried der Burg Frauenstein, zu deren Füßen ein schmaler Pfad beginnt, der zum Aussichtsturm auf dem Spitzen Stein und zum Goethestein hinaufführt. In diesem Moment beginnt es zu regnen, erst leicht und dann schüttet es kräftig. Gerade als ich meine Jacke aus dem Rucksack gefischt habe, hört es wieder auf. Die Sonne knallt vom Himmel, als wir oben ankommen.

 

1815 machte Johann Wolfgang von Goethe hier, bei seinem zweiten Aufenthalt in Wiesbaden, Station, um geologische Studien zu betreiben. Das Denkmal wurde 1932 zum 100. Todestag des Dichters gebaut: ein auf der Grundfläche eines gleichseitigen Dreiecks aus Quadern errichteter Tetraeder, dessen hoch aufragende Spitze an einen Obelisk erinnert.

 

Hierbei fand das Lebensmotto Goethes Umsetzung, der von sich selbst sagte: „Diese Begierde, die Pyramide meines Daseins, deren Basis mir aufgegeben und gegründet ist, so hoch als möglich in die Luft zu spitzen, überwiegt alles andere.“

 

Wir sind jetzt wieder in der Weinbergsgemarkung, die mit unzähligen Kirschbäumen durchsetzt ist. Links geht es zu einem Aussichtsturm. Ich spare mir die Mühe. Norbert und ein paar unentwegte stürmen den Turm und genießen eine tolle Fernsicht. Wir anderen laufen die Straße hinunter. Wiesbaden liegt zu unseren Füßen. Auf dem Parkplatz treffen wir auf die Kiedricher Lauffreunde. Sie haben liebevoll eine Verpflegungsstelle aufgebaut. Als wenn wir halb verhungert wären, stürmen wir das Buffet. Nach dieser willkommenen Stärkung geht es weiter über Feld- und Schotterwege, den Rhein bereits im Blick.

 

In Schierstein hat uns die Urbanisation wieder erreicht. Wir müssen einen kleinen Umweg einlegen, da die Dyckerhoffbrücke gesperrrt ist. Dann geht es am Rhein entlang nach Biebrich zum Schloss. Auf der Terrasse des Barockbaues endet das Abenteuer Rheinsteig nach 320 erlebnisreichen Kilometern. Wir fallen uns in die Arme und beglückwünschen uns gegenseitig.

 

Noch ein Foto und dann stürmen wir, wie in jedem Jahr, das „Eiskaffee am Rhein“. Hier gibt es alle möglichen und unmöglichen Eissorten. Glücklich und zufrieden ruhen wir mit einem Eis in der Hand aus. Doch wir sind noch nicht ganz am Ziel. An der Wiesbadener Aukam-Therme wartet noch der Abschluss: ein letzter offizieller Termin und freier Eintritt in die Therme.

 

6 Kilometer liegen zwischen hier und der Therme. Also auf zum Endspurt. Es geht mitten durch Wiesbaden. Die Strecke ist abwechslungsreich und kurzweilig. Komischerweise hat unser Körper das Schloss Biebrich als Ziel abgespeichert, so dass die zusätzliche Strecke irgendwann als lästig empfunden wird. Daher sind alle froh, als die Therme in Sicht kommt. Der 2. Bürgermeister von Wiesbaden, die Marketingverantwortliche und der Leiter der Aukam-Therme warten bereits. Es gibt Apfelsaft und belegte Brötchen, außerdem hartgekochte Ostereier. Dann werden die Bändchen als Eintrittskarten für die Therme verteilt und der Lauf offiziell beendet.

 

Im nächsten Jahr findet der Rheinsteigerlebnislauf zum zehnten Mal statt. Da heißt es schnell anmelden. Dieses Erlebnis wollen wir uns nicht entgehen lassen. Immer nach dem Motto „laufend helfen“!

 

 

 

 


 

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