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Podgorica-Marathon

 

добродошли и збогом, dobrodošli i zbogom, willkommen und auf Wiedersehen

 

Würde der einstige jugoslawische Staatschef Marshall Tito die 1946 nach ihm als Titograd benannte heutige Hauptstadt der seit 2006 unabhängigen Republik Montenegro 35 Jahre nach seinem Tod betreten, würde er sich wie der wiederauferstandene große Führer im Kinofilm über Deutschland wohl auch wundern, was aus der Stadt unterhalb des Dinarischen Gebirges geworden ist.

Podgorica, mit ca. 140.000 Einwohnern ist nicht nur der Sitz der wichtigsten Institutionen des kleinen Balkanstaates mit 13.000 Quadratkilometern und 625.000 Einwohnern. Der touristische Besucher erkennt dank ausländischer Investitionen und den seit 2012 begonnenen Beitrittsverhandlungen mit der EU aber auch einen wirtschaftlichen Aufschwung besonders in den nahen Badeorten an der adriatischen Küste. Die von hohen und steilen Bergflanken gesäumte, fjordartige Bucht von Kotor zählt zu den UNESCO-Welterbe-Stätten in Montenegro, nur rund 50 km von der Hauptstadt entfernt.

Vielleicht würde Tito über die 2005 errichtete 160 Meter lange Millenniumsbrücke (Мост Миленијум) mit ihrer schrägen Seilspannung spazieren, die über den Fluss Morača führt und den westlichen mit dem alten neuen Stadtteil verbindet und zum Wahrzeichen der Hauptstadt geworden ist? Zu sehen gibt es einiges in Podgorica, wie die zum 1700. Jahrestag des Toleranzediktes von Mailand im Jahre 2013 mit liturgischem Zeremoniell eingeweihte serbisch-orthodoxe Auferstehungskathedrale. Der neben dem Fluss Ribnica mit Geldern aus Aserbeidschan aufwendig renovierte Kraljev-Park mit allen Feinheiten orientalischer Gartenbaukunst lädt zum Verweilen ein. Es mangelt auch nicht an Bürohochhäusern aus Beton und Glas neben Ablegern der wichtigsten kapitalistischen Hotelketten, deren Nächtigungspreise an Westtouristen ausgerichtet sind. Eine Filiale der inzwischen längst in Konkurs gegangenen Kärntner Alpe Adria Bank befindet sich in der Fußgängerzone unweit des Platzes der Republik (trg Republike), wo der Start des 22. Marathons mit angeschlossenen Balkanmeisterschaften vorgesehen ist. Ob sich in der Alpe Adria in einem abgelegenen Kellergeschoß hinter dicken Mauern vielleicht gar ein Safe befindet, wo man (seien es Kommunisten, Nationalisten, Revisionisten oder einfach Masseverwalter) den von Tito an Gattin Jovanka übergegangenen geheimen Devisenvorrat für den Tag X aufbewahrt – auch wenn es nur Spekulation ist, „fama crescit eundo“, wie der Lateiner zu sagen pflegt.

 
© marathon4you.de 58 Bilder

Ich spaziere durch Podgorica. Die Stadt ist in einem Radius von 2 Kilometern gut überschaubar und alle wichtigen Plätze sind zu Fuß erreichbar. Es gibt auch Seitenstraßen, wo das bescheidene Leben zu Zeiten des alten Jugoslawiens noch greifbar ist: Menschen hacken Holz vor ihrem Haus, haben sich innerhalb geschützter Mauern einen Obstgarten gepflanzt und eine orthodoxe Kapelle gebaut. Wie etwa auf Sardinien üblich, werden auch hier in Montenegro die Partezettel von Verstorbenen öffentlich auf Bäumen oder einer Hauswand angeschlagen. In einer kleinen Stadt wie Podgorica kennt man sich untereinander, zumindest in der Nachbarschaft. Parten haben so ihre gewisse Anziehung – wenn jemand stirbt, ist man ja selbst nicht der Betroffene, das beruhigt.

Das Hotel Terminus, wo ich zwei Nächte gebucht habe, befindet sich nur 250 m vom Bahnhof und der Busstation entfernt, aber gut 2 Kilometer vom Zentrum. Für 35 Euro pro Nacht inkl. Frühstück darf man das auf booking.com mit 8,5 Punkten bewertete Dreisternhotel als sehr günstig bezeichnen. Empfehlen würde ich es aber nicht weiter, denn wie in allen Lokalen und Restaurants in Podgorica stinkt es auch hier im Hotel nach Nikotin. Der Tabakgeruch wird durch die Klimaanlage weitergetragen, nach wenigen Stunden habe ich mehr Nikotin inhaliert als während eines langen Zeitraums in unseren Breiten (wenn man Raucherlokale meidet). In Belgrad ist das noch schlimmer. Überall stehen Aschenbecher, jeder tschickt.

Neben der Rauchkultur in Montenegro, in der Bevölkerung scheinbar frei von gesundheitlichen Bedenken, lässt sich auch eine Tendenz zur ungezügelten Verdreckung erkennen – im wenig Wasser führenden Ribnica hängen tausende Plastiksäcke an Ästen, allerlei Mühlgegenstände lagern im Flussbett. Die Menschen werfen den Dreck einfach weg, irgendwo hin, wo man gerade ist. Ich sah bei einer Autobusfahrt in Richtung Küste richtige Mühlberge, wo weder eine Trennung stattfindet noch eine weitere Entsorgung. Der Wind weht Sand und Erde herbei und deckt die Hügel irgendwann zu. So war es in meiner Oberkärntner Heimat auch anno 1960.  Wir Kinder trafen uns am „Gromahaufn“ (für Fremdsprachler: ein Ort, wo man Dinge zusammenkramt). Wenn Montenegro zur EU will, müssen wohl noch einige Hausaufgaben erledigt werden, zu denen auch  eine Änderung der Einstellung zur Abfallwirtschaft und Hygiene gehört – u.a. auch, dass in Zügen die Passagiere nicht selbst das Toilettenpapier mitbringen müssen.

Aus vorauseilendem Gehorsam oder wohl eher aus wirtschaftlichen Gründen ist der Euro Zahlungsmittel in einem nicht zur EU gehörendem Land. Erinnern wir uns an die Griechen, die seinerzeit die Erfüllung der Konvergenzkriterien, dass der staatliche Schuldenstand nicht mehr als 60 % des Bruttoinlandsprodukts betragen darf, mit Bilanzkorrekturen erwirkt haben, um so die Drachme durch den Euro ersetzen zu können. Bei einem so kleinen Land macht die EU-Kommission eine Ausnahme, die weder rechtlich gedeckt ist noch vergleichbar. Der Euro hat in Montenegro zu einem höheren Preisniveau geführt, das Leben in Serbien ist vergleichbar deutlich billiger. Die teuren Autos in Podgorica werden wohl vielfach mit im Ausland durch Arbeit oder sonst wie erworbenem Kapital finanziert.

Ich habe mich für die Teilnahme am Marathon in Podgorica wieder recht kurzfristig entschieden. Alternativen hätte es gegeben, doch als Mitglied des Country Clubs wollte ich meine Statistik wieder um ein weiteres Land verbessern. Für Dublin hätte ich mich nur über eine teure Charity-Donation registrieren können, Tunis fand ich wegen der Reisewarnung durch das Außenamt etwas zu unsicher. Im Vergleich zu den 99 Euro bei einer Nachmeldung in Frankfurt kommen 10 Euro Teilnahmegebühr für Podgorica einem Freiplatz gleich.

Als ich gegen Mittag zum City-Hotel in der Južni Bulevar, 500 m vom Ramada entfernt, spaziere, kommen mir einige ihrem Outfit nach als Läufer einzustufende Kollegen entgegen – ohne Startsackerl. Die Rezeptionistin verweist mich auf die nur 100 Meter entfernte  Tourismusschule (Srednja škola za turizam), wo ab 12 Uhr 30 die Startnummern ausgegeben werden sollen. Der Aufbau in der Aula hat noch nicht begonnen, es sei um ca. 14 Uhr soweit. Ich nutze den weiteren Nachmittag für eine Sightseeing-Tour.

Der Andrang ist dann relativ gering, als ich gegen 16 Uhr wieder in die Schule komme. Freiwillige Helfer, zumeist Mädchen, bemühen sich um die Marathonteilnehmer. Die Startnummer 140 ist mir zugeteilt, nomen est omen – um diesen Platz werde ich mich wohl auch im Klassement bei 150 bis 200 Startern wiederfinden. Als ich ein Formblatt ausfülle, erfahre ich von einem Läufer aus Albanien, der mich mit „Du Deutsch“ anspricht, dass der für den 27.11. vorgesehene Marathon in Durres gecancelt wurde. Ich habe mich dafür noch nicht einmal registriert, wohl aber mein Interesse bekundet. So ein leidenschaftlicher Länderfreak bin ich nicht, dass dies in mir Trauer auslöst – es ist mir wurscht. Und für Florenz kann ich mich immer noch anmelden.

Als ich dann ein wenig knipse – Klaus hat mir ja die alleinige Berichterstattung für Podgorica „bescheinigt“ (dies ist fast eine Auszeichnung, denn um so manchem Marathonort herrscht ein Griss unter den M4Y-Reportern), kommt der OK-Chef (könnte vom Alter her so eine Funktion haben) und deutet mir, dass auf einem Tisch für Presseleute etikettierte Anhänger zu finden sind. Eigentlich zu viel des Guten, meine ich, aber ich hänge mir die namenlose ID um und mache mich für einige Minuten wichtig.

Vor dem Abendessen kaufe ich mir im nahen EKZ noch ein paar Lebensmittel. Für 1 kg Waldhonig im Glas verlangt die junge Privatverkäufern außerhalb des Geschäfts an einem Stand 12 Euro  – das ist für hiesige Verhältnisse ziemlich teuer, doch ich möchte einem Freund ein Souvenir aus Montenegro mitbringen und zahle. In einem Restaurant in einer Seitengasse zur Kralja Nikole speise ich um 9 Euro inkl. einer Flasche Bier. So gut die Cevapcici auch sind, meine Bronchien halten den Nikotingestank kaum aus.

Ab 25.10. um 3 Uhr morgens werden auch in Montenegro die Uhren um eine Stunde zurückgestellt, die Sommerzeit wird in den meisten Ländern erst wieder am 27. März 2016 aktiviert – ob ich aber zu diesem Zeitpunkt in Debrecen den Marathon laufen werde und deshalb früher aufstehen müsste, ist höchst fraglich, nachdem Wurst laut jüngsten Meldungen der Wissenschaft zufolge krebserregend sein soll und man ja alles sein lässt und meidet, was gewisse Assoziationen hervorruft – auch eine gut schmeckende Debreziner – wenn Gefahr droht.

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