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Laufberichte

Paralympischer Marathonlauf

09.09.12

Für mich gibt es kaum eine größere Herausforderung, als mehr oder weniger untätig am Straßenrand stehend einem Laufwettbewerb zuzuschauen. Es juckt in den Füßen, die gerne mitmischen möchten. Und doch gibt es Situationen, in denen man über die erzwungene Enthaltsamkeit froh sein muß. Dann nämlich, wenn die Bedingung zur Teilnahme eine erhebliche körperliche Einschränkung wäre. Die nämlich müssen die Athleten vorweisen, die am Marathonlauf der Paralympics teilnehmen.

Diejenigen, die meine Berichte regelmäßig verfolgen, haben ihn schon kennengelernt: Meinen Freund, den blinden kenianischen Marathonläufer Henry Wanyoike. Über seine Erblindung nach einem Schlaganfall, die anschließende Rehabilitation mithilfe der Christoffel Blindenmission, seine unglaubliche sportliche Karriere und sein heutiges vielfältiges karitatives Wirken für die Ärmsten der Armen in seiner Heimat habe ich an anderer Stelle bereits berichtet. Er hat sich beim Hannover-Marathon (Bericht ebenfalls auf m4y) mit seinem besten Freund und Guide Joseph Kibunja für den heutigen Lauf qualifizieren können. Wann hat man schon mal die Gelegenheit, einen guten Freund zu Olympischen Spielen zu begleiten? Ich jedenfalls ergreife die Gelegenheit beim Schopf und fliege nach London, um ihm nahe zu sein.

Mein Freund Thorsten ist schon vor Ort und hat die wesentlichen Dinge bereits erkundet. So können wir nach einem Spaziergang mit einem gewissen Abstand zu unserem „All British breakfast“ (Rühreier, Speck, Würstchen, gebackene Bohnen und Tomaten – traumhaftes Läuferfrühstück, nur von „Ente cross“ zu toppen, aufmerksame m4y-Leser wissen, was ich meine) zu einem ersten Erkundungslauf aufbrechen. Da die Marathonstrecke an einem nicht verkehrsfreien Tag nur unter akuter Lebensgefahr zu nehmen gewesen wäre, geht es als Ersatz zu etwas sehr Erhabenem: Unser Hotel liegt nur rund 200 m vom Tower entfernt und so überqueren wir die Themse auf der berühmten Tower Bridge im Laufschritt, soweit die Besucher- und Einwohnermassen es zulassen. Rechts und links des Flusses geht es bis zum Buckingham Palace und wieder zurück, welch eine Stadtbesichtigung! Gelobt sei, der mich laufen gelehrt hat.

 
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Die selbstlose Tätigkeit für eines der führenden Medienhäuser dieses Planeten hat mir zu einer offiziellen Presseakkreditierung durch das Internationale Paralympische Komitee und damit als Fotograf ungehinderten Zutritt zu allen Wettkampfstätten verholfen. Ein Riesenaufgebot freiwilliger Helfer an jeder Ecke der Stadt, die immer wieder geduldig und freundlich auf die immer wieder selben Fragen antworten und gerne weiterhelfen, weist den Weg durch alle aufkommenden Schwierigkeiten. Ein roter Stahlkoloss („Orbit“), er gleicht einer verkrüppelten Berg- und Talbahn, erregt meine Aufmerksamkeit. Aber leider ist eine Besteigung schon am Nachmittag wegen „Sorry, sold out“ nicht möglich. Von oben hätte ich wohl einen schönen Blick ins Stadion gehabt. So schaue ich mir dieses halt von innen an und da mich keiner aufhält, finde ich mich bald im Innenraum wieder. Und da sich weiter keiner für mich interessiert, jogge ich kackfrech, Usain Bolt gleich, eine Ehrenrunde auf der olympischen Tartanbahn. Ha! 80.000 frenetische Zuschauer hätten mir zujubeln können, wenn die denn dagewesen wären, es hat aber auch so riesig Spaß gemacht! Ich werfe noch einen  Blick ins Aquatic Center, in dem einige Athleten ihre Trainingsrunden drehen, und bereite mich nach einem Abendspaziergang auf den morgigen Renntag vor.

 
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Eine Stunde vor dem Start, der um 8 Uhr erfolgen wird, stehe ich an der Strecke, und zwar am östlichsten Punkt des Kurses, der, von einer kleinen Zusatzrunde am Anfang  abgesehen, dreimal zu durchmessen sein wird. Hier stehen schon die Kollegen von BBC, Channel 4, die quasi rund um die Uhr von den Paralympics berichten. Für Deutschland kann ich mir so eine geballte Medienpräsenz nicht vorstellen. Lange habe ich überlegt, ob ich vielleicht doch im Pressewagen vor den Führenden mitfahren soll, aber als laufender Reporter ist man ein Mann der Straße, der das ganze Elend sehen will und nicht nur die absolute Spitze. Ich entscheide mich zunächst, etwas weiter am sog. Monument zu stehen, dort kommen die Brüder mit einer Meile Abstand gleich zweimal vorbei. Ich sitze auf einem Poller und warte. Kein Zuschauer ist zunächst zu sehen, da hätte ich wohl doch frühstücken gehen sollen. Na ja.

Mit dem israelischen Trainer komme ich schnell und lange in ein sehr nettes Gespräch. Kollege Eisenmann ist, oh Wunder, Jude und Nachfahre schlesischer Großeltern, die rechtzeitig den Absprung nach Palästina gefunden haben. Er betreut auch einen Handbiker und ist ganz versessen auf einen bestimmten deutschen Hersteller. Der ist ihm manchmal zu perfekt, etwas weniger Perfektion, vielleicht wie die Amerikaner, und er wäre wirtschaftlich noch erfolgreicher. Wegen dieser Einstellung hätten wir auch übrigens den 2. Weltkrieg verloren, meint er grinsend. Au Backe, auf dieses Thema lasse ich mich mit solch einem Gesprächspartner besser nicht ein. Warum er auf der Rennstrecke steht? Er habe einen Extra-Ausweis für das Betreten der Verpflegungsstelle. „Willst Du einen, ich habe zwei?“ Und schon bin ich mittendrin. Völkerverständigung leicht gemacht.

Um kurz nach halb neun rauscht der Express erstmals an mir vorbei. Die Lichtverhältnisse lassen vorerst leider nur Fotos in bescheidener Qualität zu, aber man kann ein „buntes“ Völkchen mit unterschiedlichsten Einschränkungen erkennen: Gesunde Beine haben alle, teilweise aber nur einen oder einen verkrüppelten Arm, völlig Blinde mit Guide, Läufer mit Restsehstärke mit und ohne Guide, nicht in jedem Fall ist die Behinderung klar zu erkennen. Um die 30 Athleten sind es nur, die hier um die Medaillen kämpfen – keine Mädels! -, alle aber in einer Wertung! Was das soll, und wie man z.B. einen fairen Vergleich zwischen einem Einarmigen, einem Restsehfähigen mit vier abwechselnden Guides und einem vollständig Erblindeten mit nur einem Guide ziehen kann, wird auf ewig das Geheimnis des Internationalen Paralympischen Komitees bleiben.

Egal, meine Helden sind dabei und ich habe einen Kloß im Hals vor Aufregung. „Henry, Joseph, go for Gold!“, schreie ich wie ein Bekloppter, sie erkennen mich, grinsen, recken die Daumen hoch, Klasse! Wow, wann hat man mal einen Kumpel bei solch einem Wahnsinnswettbewerb am Start und  darf ihnen so nah sein? Eine Meile später sind sie wieder da und sehen gut aus, liegen bei denen mit Guides in der Spitzengruppe. Ich ziehe weiter zur Stelle mit Individualverpflegung, die genauso aussieht, wie beim olympischen Marathon. Warum auch nicht, es ist ja auch die gleiche Strecke. Soll aber auch heißen: Eine deutsche Flagge ist nicht dabei. Wäre ja auch ein Wunder, wenn das hier anders gewesen wäre als beim „richtigen“ olympischen Marathonlauf. Ein paar Musikgruppen mischen die kleinen Fangruppen ordentlich auf und nach einer guten Stunde sind Henry und Joseph wieder da, sehen immer noch gut aus und freuen sich über die persönliche Ansprache.

 
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Hier habe ich jetzt genug gesehen, schwinge mich in die U-Bahn und fahre der Themse entlang zur Westminster Abbey an den westlichen Teil des Kurses und warte vor Big Ben. Und warte und warte. Wo bleiben meine Helden? Hektischer Informationsaustausch mit Thorsten, der auf der Tribüne am Zieldurchlauf steht. Traurige Gewißheit: Henry hat zum ersten Mal in seinem Leben, ausgerechnet heute, ein Rennen abbrechen müssen, eine alte muskuläre Trainingsverletzung ist wieder aufgebrochen und hat die Aufgabe erzwungen. Tief enttäuscht sind sie im Besenwagen gesehen worden und, wie wir hinterher im Informationsaustausch auf allen Kanälen erfahren, ins Krankenhaus zur CT gefahren. Ganz dramatisch ist es Gottseidank nicht, aber wir sind schon ganz schön frustriert. Langsam schlendere ich zum Ziel, nehme Dank Akkreditierung alle Hürden  erfolgreich, treffe mich mit Thorsten auf der Zieltribüne und verfolge mit ihm die Zieldurchläufe. Bei den Läufern mit Guide hätte es durchaus zu einer super Plazierung reichen können, aber von hätte hat er nichts. Wir verfolgen noch die Starts der Handbiker und –innen in getrennten Läufen und ertränken unseren Frust. Nein, das tun wir natürlich nicht und erleben noch einen tollen Abend, u. a. beim Night Carnival bei krachenden Sambaklängen, bei immer noch 25° ein Gefühl wie in Rio. Und das mitten in London!

 
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Am nächsten Tag treffen wir uns mit den beiden, die schon wieder lachen können. Klar, es macht natürlich keinen Sinn, sich kaputtzulaufen, das Leben geht weiter und hält neue, auch sportliche Herausforderungen bereit. Aber es ist schon bedauerlich, wenn nach drei Monaten Abwesenheit von daheim und totaler Konzentration auf den Sport nichts Zählbares mit nach Hause genommen werden kann. Ich aber habe dieses Abenteuer keine Sekunde bereut. Eines ist mir klargeworden: An einem regulären Marathonlauf für den Herrn Reporter in dieser Stadt führt über kurz oder lang kein Weg vorbei.

 


 

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