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Laufberichte

Ostseeman, Alltag und Pepe

07.08.11

Wir, Reinhold, Pepe und ich, stehen zwischen den Startern am Strand in Glücksburg. D.h. Reinhold und ich stehen ruhig da und Pepe springt aufgeregt hin und her. Pepe ist mein Schweinehund. Und er ist überglücklich, dass in 10 Minuten der Startschuss zum 10. Ostseeman fällt.

Der Ostseeman ist eine Triathlon Langdistanz. Bei meinem Schweinehund ist das ein wenig anders, wie man das sonst so kennt. Zuhause steht er immer mit der Leine im Maul an der Tür und wartet ungeduldig bis ich endlich die Laufschuhe anziehe. Auch mit dem Radeln und dem Schwimmen hat er keine Probleme. Hauptsache wir sind möglichst lange unterwegs. Wenn es nach ihm ginge würden wir gar nicht mehr zurückkommen und von allen Teilen der Erde würde ich Postkarten schreiben.

Da hat er sich aber das falsche Frauchen ausgesucht. Leider will dieses nämlich auch noch dafür sorgen, dass unsere Schäfchen im Trockenen sind und die Kinder aus dem Gröbsten raus kommen. Ihr solltet ihn mal hören, wie er mich anknurrt, wenn ich zum Kochen in die Küche gehe, oder wenn mein Blick auf den Wäschestapel fällt. Sein Missmut an einem Montag morgen, wenn eine ganze Arbeitswoche vor uns liegt, ist einfach unglaublich. Da bin ich fast das komplette Wochenende mit ihm über Berg und Tal gelaufen und geradelt, habe mich im Baggersee in die Fluten gestürzt, aber das Vieh ist einfach nicht ausgelastet und möchte schon wieder nur raus raus raus. Es ist aber auch wie verhext. Wenn ich ihn so beobachte, wie er fröhlich ausgelassen und geschmeidig zwischen den anderen Startern am Strand auf und ab tobt, da fällt mir seine schlanke durchtrainierte Gestalt auf, kein Gramm Fett zu fiel und er scheint, im Gegensatz zu mir, einfach nicht älter zu werden.

Auch die längsten 10 Minuten sind einmal zu Ende und nur noch 10 Sekunden davon übrig. Reinhold und ich wünschen uns viel Glück, Spaß und gutes Gelingen. Pepe winselt und heult, da fällt der Startschuss und Pepe möchte am liebsten gleich mit der Meute ins Wasser. Ich bleibe ungerührt stehen und beobachte wie der Haupttross am Steg entlang schwimmt. Erst wenn die meisten dort vorbei sind, möchte ich starten.

Die Zuschauer vom Steg rufen schon und formulieren Pepes bange Frage: „Willst du nicht mit?“ „Mach jetzt endlich Platz und sei ruhig“ knurre ich ihn scharf an. „Du weisst ganz genau, dass ich bei der Keilerei im Wasser so leicht Panik bekomme und wenn ich nach den ersten Metern einen Liter Wasser in den Lungen habe, dann können wir gleich umdrehen und die Sache ist gelaufen.“ Den Zuschauern gebe ich die Information: „ich lasse ihnen Vorsprung, sonst sind sie traurig, wenn ich so weit voraus schwimme.“

Schließlich ist es so weit und kaum habe ich mich in Bewegung gesetzt, ist Pepe wie ausgewechselt. Er kennt mich gut und weiß, dass wir heute lange zusammen unterwegs sein werden. Er darf mich nur nicht hetzten, denn dafür reichen meine Reserven nicht. Aber zum Glück ist ihm das mit der Geschwindigkeit auch nicht so wichtig. Wir schauen beide nie auf die Uhr. Sporttreiben nach Körpergefühl und danach mit dem Ergebnis zufrieden sein, ist unsere Devise. Insofern sind wir ein ideales Gespann.

3,8 km, das Meer ist aufgewühlt, es ist stürmisch. Zwei Runden sind zu schwimmen. Das Kraulen lasse ich lieber bleiben, denn dabei wird mir schlecht durch die Schaukelei. Mit Brust schwimme ich gegen die Wellen an. In der zweiten Runde macht die Sache richtig Spaß. Auch Pepe ist mit dem rauen Wetter zufrieden. Unterwegs treffen wir Reinhold, wir stapfen gleichzeitig an den Strand. Es ist schön ihn zu sehen. Die Zuschauer toben und feuern alle an. Reinhold ist natürlich viel schneller aus seinem Neoprenanzug und in den Radklamotten. Ein Kuss und er ist weg.

Pepe weiß genau wo unser Rad steht und wartet dort schon ungeduldig auf mich. Vorschriftsmäßig gehen wir zu Fuß aus der Wechselzone und radeln los. Den Tacho habe ich aus Selbstschutz abgeschraubt. Ich will gar nicht sehen wie langsam ich bei dem Wind  unterwegs bin. Obwohl die 180 km in 6 Runden zu fahren sind, habe ich das Gefühl von ständigem Gegenwind. Bei den Steigungen ist er besonders stark. Aber es regnet nicht und das macht mich glücklich.

In der zweiten Runde sind dann auch sie Straßen trocken und somit die Fahrt sicherer. Ich bin eigentlich mit mir ganz zufrieden, aber Pepe wird in der vierten Runde immer unleidiger. Er drängelt mich und mault über mein langsames Tempo. Klar, wir werden ständig von Männern überholt, ich gehöre nicht gerade zu den Raketen.

„Es haben dich auch schon zwei Frauen überholt“ protestiert Pepe beleidigt. „Na und, das stört dich doch sonst auch nicht und die Zweite ist eine ganz Nette. Lass sie doch, sie ist eben fitter als ich.“ Aber Pepe ist unzufrieden. Er bellt und tut so als wolle er mir in den Hinterreifen beißen. Da werde ich wütend. Ich bremse, schmeiße das Rad gegen die Böschung und gehe erst mal in die Büsche, um das geschluckte Meerwasser wieder los zu werden.

Und dann gibt es eine Standpauke: „Jetzt hör mal zu du Schweinehund. Wenn du mich weiter so drängelst, dann steige ich aus. Ich weiß genau was ich tue. Wenn ich ankommen will, dann muss ich eben langsam machen, sonst reichen mir am Ende die Körner nicht. Und wenn du eine Spitzensportlerin als Frauchen willst dann musst du dir sofort eine suchen. Mir ist mein restliches Leben mit allen Aufgaben wichtiger als der Sport und da bleibt eben nicht immer so viel Zeit zum Trainieren, wie das bei den Profis der Fall ist und darum ist die Zeit im Ziel auch nicht gerade die schnellste. So ist das, und jetzt sei still.“

Wir radeln weiter. Pepe geknickt mit hängenden Ohren, ich ein wenig entspannter. Die beiden letzten Runden verlaufen ruhig und ich genieße die Ausblicke auf der schönen Radstrecke. Schließlich wird Pepe wieder fröhlicher. Ob es daran liegt, dass wir seine vermeintliche „Konkurrentin“ auf Sichtweite haben oder daran, dass nun die letzte Disziplin naht, weiß ich nicht. Jedenfalls stürmt Pepe begeistert in die Wechselzone und freut sich wie wild, als ich kurz darauf die Laufschuhen trage. 

Nur noch 42,195 km in 5 Runden. Seit Pepe wieder der alte ist, bin auch ich durch und durch glücklich. Das Laufen fühlt sich gut an. Das Wetter ist super. Nicht zu kalt und nicht zu heiß. Jetzt stört der Wind nicht mehr. Ab und zu gibt es eine Dusche von ganz oben. Die Zuschauer jubeln seit Stunden. Die Helfer versorgen uns mit allem was wir brauchen. In der zweiten Runde überhole ich Pepes vermeintliche „Konkurrentin“ und da wird mir der wahre Grund von Pepes Drängelei auf der Radstrecke klar. Es ist deren Schweinehündin. Ein weißes Knäul mit Schleifchen im Haar. Aber sie sieht unglücklich aus. Sie hat keine Lust mehr. „Noch nie gehabt.“ jault sie laut auf. „Immer macht Frauchen so viel Sport. Dabei habe ich zu Hause ein gemütliches rosa Samt-Liegekissen.“ Pepe versucht sie aufzumuntern. Ob er damit Erfolg hat weiß ich nicht, denn ich laufe schon mal weiter.

Nach einer ganzen Weile holt mich Pepe wieder ein. „Warum hast du mir nicht gleich gesagt, dass du dich verliebt hast?“ Schweinehunde können nicht rot anlaufen, sie bekommen in solchen Fällen herzförmige Augen und das sieht sehr lustig aus. „Sie hat einen Stammbaum“ schwärmt er versonnen.

Nach 12:24:35 laufen wir über die Ziellinie. Das ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl. Auch wenn man ohne Zielzeiterwartung unterwegs ist, der Trainingsaufwand in den Monaten vorher ist enorm und nicht immer leicht mit dem Alltag zu vereinen. Im Ziel sieht man viele Athleten darum weinen vor Freude und Dankbarkeit über diesen Moment.

Ich suche Pepe, doch er ist verschwunden. Vermutlich „Frau Stammbaum“ suchen. Ich finde Reinhold und wir sind glücklich, dass alles so gut gelaufen ist.

Wir erzählen uns an diesem Abend noch lange von unserer Heldentat. Am nächsten Morgen entdecke ich Pepe zusammengerollt auf seiner Decke liegen. Ich stupse ihn mit dem Fuß an. „Auf geht’s, heute das selbe noch mal. Vielleicht geht Frau Stammbaum mit?“ „Ich will die blöde Kuh nicht sehen“ Er schaut mich kurz unglücklich an und dreht mir den Rücken zu. „Was ist los mit dir Pepe, Liebeskummer?“ „Ja! Ich habe sie im Ziel mit dem Schweinehund von Christian Nitschke erwischt.“ „Oh...“ kann ich nur überrascht rufen, wohl wissend, dass Pepes südeuropäische Straßenköter-Casanova-Seele nicht lange gekränkt sein kann und wir bald wieder gemeinsam auf den Beinen sind.

1. Frau: Nicole Woysch 9:43:17
1. Mann: Christian Nitschke 8:35:58

 


 

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