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Orlen Warschau Marathon: Eine Runde ins Niemandsland

 

Bereits zum dritten Mal wird mit Unterstützung des in mehreren europäischen Ländern vertretenen polnischen Mineralöl- und Tankstellenunternehmens Orlen neben dem Herbstklassiker Ende September nun auch ein Frühjahrsmarathon angeboten, der international in den einschlägigen Laufmagazinen und Portalen beworben wird. Es ist mein zweiter Antritt in der Hauptstadt Polens, die mit 1,7 Mio. Einwohnern einer der wichtigsten Verkehrs-, Wirtschafts- und Handelszentren Mittel- und Osteuropas ist.

Eigentlich wollte ich beim Oberelbe-Marathon starten, habe aber dann wegen der besseren Verkehrsverbindung von Wien nach Warschau und des günstigen Hotels kurzfristig umdisponiert. Gegen 15 Uhr checke ich im Hampton by Hilton 200 m von Warschauer Zentralbahnhof entfernt ein. Zwei Nächte inkl. Frühstück zum Preis von 152 Euro für ein Viersternhotel scheinen preiswert. An der Rezeption wartet eine Gruppe von Italienern in legerer Sportkleidung, die den Eindruck erwecken, als seien sie wegen des morgigen Marathons nach Warschau gereist. 

Ich kenne mich in Warschau von früheren Aufenthalten einigermaßen aus, wenngleich seit dem Beitritt Polens zur Europäischen Union am 1. Mai 2004 ein reger Bauboom inklusiver U-Bahn in Warschau und vielen anderen Städten der 38 Mio. Einwohner zählenden parlamentarischen Demokratie mit dem Złoty als Währung – für einen Euro bekommt man knapp über 4 Złoty – einsetzte. 

Besonders die Altstadt in Warschau sowie auch jene in Krakau wurde mit EU-Mitteln revitalisiert. Im Zentrum Warschaus überragte über Jahrzehnte der Kultur- und Wissenschaftspalast  alle anderen Bauten in der Stadt. Der 231 m hohe „Pałac Kultury i Nauki“, der zwischen 1952 und 1955 im Baustil des Sozialistischen Klassizismus als Geschenk der Sowjetunion errichtet wurde, ist auch heute noch ein Wahrzeichen und eine von vielen Sehenswürdigkeit der Stadt, doch die Skyline der Metropole wird inzwischen von den riesigen Wolkenkratzern aller namhaften Hotelketten beherrscht. Am Tag nach meinem ersten Marathon in Warschau Ende September 2011 – es war die 33. Auflage und Polen hatte damals  den Ratsvorsitz in der EU inne, dementsprechend stilvoll war die Finishermedaille – fuhr ich mit dem Aufzug in den 30. Stock des Kulturpalastes auf 114 Meter Höhe, wo sich eine Aussichtsplattform und ein Panoramarestaurant befinden.

 
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Ich bin wie die Italiener und auch das Pärchen aus Hongkong, das neben mir eincheckt, nur wegen des Marathons hier. Daher verweile ich nicht in meinem Zimmer im 8.Stock, sondern trachte so schnell wie möglich zur Expo zu kommen. Alle Straßenbahnen gegenüber dem Hauptbahnhof fahren die mehrere Kilometer lange aleje Jerozolimskie nach Ostenüber die Weichselbrücke most Poniatowskiego zum Rondo Jerzego Waszyngtona. Wer sich nicht auskennt, schaut einfach auf die anwesenden Fahrgäste – fast nur Läufer – die alle zur Expo wollen. Das Biuro Zawodów befindet sich in einer „Zeltstadt“ gegenüber dem polnischen Nationalstadion, dem Stadion Narodowy, das im Januar 2012 für die Fußball-EM 2012 eröffnet wurde und eine Kapazität von 58.000 Zuschauern hat.

Bei herrlichem Frühlingswetter –wolkenlos und über 20°C– bewege ich mich im Strom der Expobesucher voran. An den kompakten Absperrungen des Areals entlang der Zieleinlaufstrecke und den logistischen Vorkehrungen in und um die für die Expo errichteten Zelte erkennt man sofort, dass der Veranstalter mit hoher Professionalität diesen Marathon geplant hat und abwickeln wird. Die Starter sind beim Eingang des Expo-Zeltes auf einer großen Plakatwand alphabetisch angeführt, im Innern passiert man mit der Startnummer eine elektronische Anzeige, die alle Namen der Vorbeigehenden auf einem Bildschirm anzeigt.

Das Starterpaket umfasst neben der Startnummer mit integriertem Chip ein schickes Asics-Funktionsshirt in den Nationalfarben Polens mit rotem Untergrund und weißer Schrift, eine Asics-Laufkappe, einen Gutschein von 100 Zloty zum Bezug von Sportartikeln, eine Flasche Wasser und ein Isogetränk der Marke OSHEE.  Wenn ich daran denke, dass man in Wien für das Shirt 30 Euro extra bezahlt und ich deshalb auch auf das Shirt zum Preis von 29 Euro, das im Vorfeld des am 3. Mai stattfindenden Salzburg-Marathons angeboten wird, verzichten werde, sind mir solche Inklusiv-Packages willkommen. Aber im Grunde genommen brauche ich die Leibchen gar nicht, zu viele sind im Laufe von 14 Jahren seit meinem ersten Marathon auf Nimmerwiedersehen in Schränken abgelegt. Viele  Baumwollshirts habe ich inzwischen entsorgt.

Am Nachmittag findet rund um das Stadion ein Charity-Run über 4,6 km statt, am Abend ist ein Nightskating am Programm. Ich spaziere zur Weichsel hinüber, wo sich am sonnigen Ostufer hunderte Jugendliche eingefunden haben, die mit Getränkeflaschen beladen, Party machen wollen und wohl den ganzen Samstagabend bis spät in die Nacht hinein die grüne Landschaft beleben werden.

Hernach begebe ich mich in den Sektor 2 des Nationalstadions, wo bis 20 Uhr die Pastaparty stattfindet. Für 10 Zloty (2.50 Euro) bekommt man eine riesige Portion Nudeln mit Hühnerfleisch oder Tomatensauce, eine Wasserflasche, eine Banane und eine Schoko. Nur das Anstellen dauert, ich warte eine halbe Stunde, bis ich dran komme. Die Läufer setzen sich auf die roten Sessel in einem offenen Sektor des Stadions. Gegen 21 Uhr fahre in ins Hotel zurück.

Ich stehe um 5 Uhr 45 auf, checke das Wetter, das umgeschlagen hat. Es ist bewölkt, merklich kühler, mit Regen ist zu rechnen. Ab 6 Uhr gibt es bereits Frühstück, zwei Dutzend Läufer sind um diese Zeit schon voll adjustiert – 3 ½ Stunden vor dem Start. Die Qualität eines Viersternhotels in anderen europäischen Städten zeigt sich auch beim Frühstücksbuffet, in diesem hier ist Bescheidenheit angesagt. Auch wenn der Qualitätsschinken fehlt und der Wunsch nach einem weichgekochten Ei mit „nie“ ausgeschlagen wird, zwei Käsesorten sind da und reichlich Brot ebenfalls. Ich habe immer meine eigenen Teepäckchen dabei, nämlich Pfefferminze statt Schwarz- oder Grüntee, die in den  Hotels in der Regel zur Auswahl stehen.

 
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Ich nehme mehrere Shirts und eine dünne Leichtjacke im Kleidersack mit, der bis 9 Uhr nahe dem Start- und Zielbereich abzugeben ist. Die Fahrt mit der Tram, die einen eigenen Gleiskörper hat und nur bei Kreuzungen stehenbleiben muss,  dauert weniger als 10 Minuten, im Vergleich zum Samstag ist heute Morgen auch weniger Verkehr. Auf der Wiese vor dem Depotzelten befinden sind rote Liegestühle, die von den Läufern vor dem Start zum Relaxen genutzt werden.

Der Startareal an der Westseite des Nationalstadions ist in zwei Sektoren geteilt, der dem Weichselufer zugewandt e Teil ist für ca. 9500 Marathonläufer reserviert, auf der anderen Seite der Absperrung sind die 10 km-Starter postiert, auch an die Zehntausend, deren Laufstrecke in einem Rundkurs vorbei an der berühmten Altstadt von Warschau , der Stare miasto, verläuft, während der im Vergleich zu 2014 abgeänderte Marathonkurs in die entgegengesetzte Richtung führt.

 
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Vor dem Start um 9 Uhr 30 fängt es leicht zu regnen an, es ist Aprilwetter, kühl und windig. Ich habe die Leichtjacke anbehalten, drunter ein Kurzarmshirt angezogen. Falls es im Verlaufe des Rennens aufheitern sollte, lässt sich die Leichtjacke gut in der Bauchtasche verstauen – so eine habe ich immer umgeschnallt.

Polen ist ein aufstrebendes EU-Land mit guten Wirtschaftsdaten. Zwei Brüder erzählten mir in der Warteschlange gestern bei der Pasta-Party, dass sie mit einem Inlandflug die 400 km von Poznan nach Warschau angereist sind, der nicht von LOT, sondern von Ryanair durchgeführt wurde – um 20 Zloty, also fünf Euro.  Da staunt man, denn die reguläre Bahnkarte kostet das Zehnfache.  Viele ausländische Firmen investieren in Polen, die Binnennachfrage nach Dienstleistungen und  Konsumgütern liegt im zweistelligen Wachstumsbereich.

Auch die Polen sind Patrioten, zeitgleich mit dem Start steigen Hunderte  weiße und rote Laufballons hoch. Ich befinde mich im Sektor 4:30 bis 5 Stunden, diesen konnte man selbst auswählen. Gedränge besteht keines, Pacemaker gibt es bis zu einer Laufzeit von 5: 15 Stunden. Bei 6 Stunden Öffnungszeit ist der Marathon absolut stressfrei.

 
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Die 10 km-Läufer bewegen sich zuerst, dann kommen wir dran. Bis zur Zeitnehmung vergehen für Läufer in meiner Startposition sechs  Minuten. Der Marathonkurs führt ca. 500 m in Richtung Norden, leicht ansteigend geht es dann nach Westen auf die most Świętokrzyski über die Weichsel in Richtung Zentrum zur Metrostation. Die 10 km-Starter laufen über die Brücke entlang der Weichsel nach Norden und zurück, diese Strecke bietet einige bauliche Attraktionen.

Einige Marathonläufer sind kostümiert, z.B. sollte sich einer als eine Art Gespenst verkleidet, knapp vor mir laufend, sich Kleinstkindern auf der Strecke zuwenden und diese in Gegenwart der Mütter mit lautem Getöse erschrecken. Auch zwei andere fallen mir auf: Einer als Robin Hood-Verschnitt und der andere als Gladiator mit viel Interpretationsspielraum beim Betrachter unterwegs, die meine Laufwege mehrfach kreuzen sollten.

Ein gutes Gefühl überkommt mich, wieder einmal bei einem wirklich großen Citymarathon zu starten. Das Teilnehmerfeld in Mailand war etwas kleiner, der Orlen Warschau-Marathon wird sich meiner Einschätzung nach weiterentwickeln und zu einem großen Event werden.

Anton aus Danzig in blauem Shirt, ein Namensvetter und auch ein älterer Jahrgang wie ich, geht ordentlich zur Sache. Auf der Brücke erreichen wir den ersten Kilometer, wie immer bin ich zunächst auf 6 min/km eingestellt. Würde der Kurs jetzt nach Nordosten verlaufen, kämen wir nach wenigen Kilometer in die Altstadt.

Wir biegen nach Südwesten ab, das Nationalhistorische Museum mit einigen ausgedienten Altflugzeugen im angrenzenden Park wäre in der Nähe. Die unbekannte Seitenstraße trägt den Namen Solec, bei Km 2 taucht ein Carrefour auf, den ich als Geheimtipp für  Selbstversorger bei Städtereisen empfehle: ob Warschau, Milano oder Barcelona, dort kann man günstig auch sonntags einkaufen.

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