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Laufberichte

Oorlogskloof - Laufen und Kriechen im Northern Cape, Südafrika

25.04.15

Orloogskloof? Auch meine Kapstädter Freunde wissen nicht alle etwas mit dem Namen anzufangen. Jedenfalls die nicht, die keine Trails laufen. Orloogskloof ist auch kein Dorf, nur ein Naturreservat. Das nächste Dorf heißt Nieuwoudtville und hat keine Versorgung von meinem Mobilfunknetzbetreiber – vier Tage ohne Handyempfang sind schon ungewohnt, stören mich aber nicht. Das Wort Oorlog heißt Krieg in Afrikaans, und Kloof ist eine Schlucht. Welcher Krieg gab der Schlucht ihren Namen? Die Farmerin, bei der wir übernachten, meint, es sei der Burenkrieg. Im Internet findet man die Erklärung, dass 1739 die Beziehungen zwischen den Khoi und den holländischen Siedlern eskalierten.

Als ich entdecke, dass dieser Lauf in meinen Kalender passt, melde ich mich gleich an. Die Gegend kennen wir von einem früheren Aufenthalt auf der nahe gelegenen Farm Papkuilsfontein. Da mieten wir uns gleich für ein langes Wochenende ein. Der Veranstalter Ugene steht für herausragende Routen, von denen es am Kap der Guten Hoffnung inzwischen mehr gibt, als man in ein Laufjahr packen kann. Zur Auswahl stehen Strecken von 42, 18 und 5 km. Im Reservat gibt es ein paar Hütten zu mieten und Platz für Zelte. Für Frühstück, Mittag- und Abendessen wird gesorgt. Man braucht also nur zu laufen und zu genießen.

Am Tag vor dem Rennen wollen wir uns ein wenig die Gegend ansehen. Nach einem halben Kilometer auf dem Trail kehren wir aber um. Bei so einer Kletterei über die Felsen würden wir uns am falschen Tag verausgaben. Am nächsten Tag im Laufschritt sehen die ersten Kilometer aber nicht mehr so extrem aus wie für den kürzeren Schritt des Wanderers. Das ändert sich aber noch über die Strecke. Doch der Reihe nach.

Bei der Registrierung am Vortag bittet Ugene alle Läufer, früher als geplant zum Start zu kommen, um weniger lang in der Hitze zu laufen. Alle stimmen begeistert zu, schließlich sind die 31°C, die wir gerade erleben, nicht ideal. Die erste Quelle auf der Route wird nach 28 km erreicht, man muss also Wasser für Stunden mitnehmen. Am Morgen auf dem Weg zum Start zeigt das Thermometer zwischen 5 und 11 Grad an.

Mir ist zwar kalt, aber heute ziehe ich keine Jacke an. Ich weiß, dass ich nach 10 Minuten Laufen unter einer Jacke nassgeschwitzt bin. Also halte ich mich bis zum Start im Gebäude auf und halte durch. Zum Start wandern wir noch einen halben km auf dem Fahrweg zurück, damit nicht alle gleichzeitig auf den Single Track drängen, aus dem die Route überwiegend besteht. Dann warnt Ugene noch einmal eindringlich davor, kurz nach einer Erkältung zu laufen und wir halten eine Gedenkminute für Wessel Pretorius, den Manager des Reservats, der infolge Missachtung dieser Regel vor wenigen Wochen einem Herzschlag erlegen ist.

 
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Dann drückt Ugene auf die Hupe, damit die Zeitnehmerin im Lager den Start mitbekommt, und jeder läuft in seinem Tempo los. Das Feld ist nicht zu groß, 48 Läufer nehmen die lange Strecke in Angriff, 20 die 18 km. Nachdem ich 3 Wochen vorher auf dem Two Oceans Ultra Marathon Druck gemacht habe, habe ich mir für den Oorlogskloof ein sehr gemütliches Tempo vorgenommen, auch weil ich das Reservat noch nicht kenne und die Landschaft genießen möchte. 

Die Sonne wärmt, kaum dass sie über den Horizont kommt. Die Luft ist klar und wir sind auf einer Hochebene. Ebene heißt nicht, dass es nicht ständig auf und ab ginge, meist auf dem gewachsenen Fels über die Stufen, die die Erosion so hervorgebracht hat. Bald kommen wir an den Steilabfall zu der 600 m tiefer gelegenen Ebene, aus der wir zwei Tage vorher heraufgefahren sind. Das ist die Knersvlagte, ein lautmalerisches Wort für die mit Quarzstückchen bedeckten Flächen, die unter den Schuhen oder Wagenrädern knirschen.

Wie fast alle Gegenden in der Kapregion ist auch die Knersvlagte für ihren Reichtum an Pflanzenarten berühmt. Man muss allerdings genau hinsehen, um zum Beispiel die „Lebenden Steine“ wahrzunehmen. Fast zwei Stunden laufe ich an dieser zerklüfteten Kante entlang und muss mich immer wieder umsehen und die grandiose Landschaft ablichten. Den Läufern um mich herum geht es nicht anders, wir sind nicht vorne im Feld. Zu der weiten Aussicht über das Land unter uns kommen noch die Klüfte an der Kante, die beeindrucken und Aufmerksamkeit beanspruchen. Solange wir uns auf Wanderwegen bewegen, sind die durch Reihen von Steinen am Rand markiert, allerdings nicht so vollständig, dass  man ohne zu suchen durchlaufen könnte. Hier und in den Passagen außerhalb der „markierten“ Wege helfen uns Ugenes orangenen Fähnchen durch das oft auf den ersten Blick unwegsam erscheinende Gelände. Die Wanderwege sind mit Kilometerangaben und Hinweisen zu Felszeichnungen und anderen Sehenswürdigkeiten ausgestattet.

Die Vegetation in dieser ariden Gegend ist beeindruckend. Beim Vorbeifahren sieht sie von der Straße aus farblos und unscheinbar aus, besonders in der trockenen Jahreszeit. Je langsamer man sich aber darin bewegt, desto deutlicher wird die Vielfalt der Formen und manchmal auch schon Farben erkennbar. Irgendetwas blüht in jeder Jahreszeit, im Frühling aber wird die ganze Gegend ein Blütenmeer.

 
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Wir durchqueren ein (Hoch-)Tal und laufen über den Gegenhang zum höchsten Punkt, Arrie se punt. Hier ist der erste Kontrollpunkt. Er besteht aus einem Stück Flatterband zur Markierung und einer Lochzange, mit der man seine Karte locht. Es gibt also außer dem Fotografen niemanden auf der Strecke der feststellen könnte, auf welchem Abschnitt man gegebenenfalls verloren gegangen sein könnte. Deshalb die Anforderung als Team zu laufen, außer für diejenigen, die viel Wildniserfahrung nachweisen können. Es gibt auch sonst keinen überflüssigen Organisationsaufwand: die Startnummer braucht man doch nicht zu drucken, wenn man sie auch mit einem Marker auf den Unterarm schreiben kann.

Da ich heute tatsächlich meinem Plan folge, es ganz gemütlich anzugehen, muss ich mich bald zusammennehmen, um nach den gegangenen Abschnitten wieder in Trab zu fallen. Das Gelände bleibt anspruchsvoll. Viele der Felsstufen sind mit kleinen Leitern versehen, die uns zu tiefe Sprünge oder mühsame Kletterei ersparen.

Nachdem wir in ein Tal abgestiegen sind, kommen wir nach 21 km auf ein schnell laufbares Stück an einem Bach entlang. Die Aufzeichnung bestätigt später, wie selten solche Abschnitte auf diesem Rennen sind. Neben dem Bach ist die Vegetation natürlich üppiger, hier überwiegen die Binsen oder Restios, die eine der Hauptgruppen der einheimischen Fynbosvegetation sind. Die anderen sind Proteen, Eriken und Zwiebelpflanzen.

Dass wir an einem Bach entlang laufen heißt noch nicht, dass es auch trinkbares Wasser gibt. Es ist Trockenzeit. Auch an den Zeltplätzen für die Wanderer ist nichts zu holen. Als wir bei km 28 die angekündigte Wasserstelle erreichen, zeigt die sich als kleine Pfütze. Es gibt aber wohl etwas Durchlauf, und sie ist auch tief genug, um die Trinkblase wieder aufzufüllen. Wer hier vorbeigeht, weil ihm die Wasserqualität nicht gefällt, macht einen Fehler. Die folgende Wasserstelle kann man leicht übersehen.

 
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Nun geht es wieder in die Felsen. Die Formationen sind prächtig und abwechslungsreich. Immer öfter müssen wir uns bücken, um unter den Felsen durchzukommen. Einmal bin ich überrascht, dass ich auf dem Bauch kriechend doch durchkomme, ohne den Trinkrucksack abzunehmen. Am Ziel erzählt ein Läufer, dass er 16 Felstore und Tunnel gezählt hat, durch die wir gelaufen oder gekrochen sind. Wir dringen geradezu in den Bauch der Erde ein.

Über ein Geröllfeld kommen wir in die Crags. Lange klettern wir an und unter den überhängenden Felsen auf der Höhe, wo die Brocken zuletzt abgebrochen sind. Abwechselnd gehen wir auf den heruntergekommenen Blöcken oder oben auf der Schutthalde, die sich darunter hinzieht und mit kräftigen Büschen bewachsen ist. In diesen Spalten fühlen sich auch die Dassies wohl, auf Deutsch heißen sie Klippschliefer. Von fern ähneln sie Murmeltieren, ihr nächster Verwandter ist aber der Elefant. Ihre wohldefinierten Toilettenplätze sind nicht zu übersehen.

 
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Ein Durchstieg ist so lang, dass darin absolut nichts ohne Lampe zu sehen ist. Zwar habe ich, etwas ungläubig über diese Vorgabe für einen Lauf am Tage, die Stirnlampe eingepackt. Da ich aber gerade nicht allein laufe (krieche), lasse ich sie im Gepäck und folge blind denen, die den Weg schon kennen und offenbar wissen, dass man sich hier nicht zu leicht verletzt oder einen Abzweig nehmen kann. Die Freunde vom Mountain Club haben reichlich Erfahrung. Zum Glück leide ich weder unter Klaustrophobie noch unter Höhenangst. Wie nicht anders zu erwarten, ist nach einer Biegung in der Höhle schon wieder ein leichter Lichtschimmer auszumachen, der die weitere Richtung vorgibt. Ein weiterer Tunnel dieses Kalibers führt uns wieder nach oben auf die Hochfläche. Am Ausstieg erwarten uns ein grandioser Ausblick, ein Steinmandl (Totempfahl genannt), und daran befestigt die Zange für den zweiten Kontrollpunkt.

Strecken unterschiedlichster Art folgen, sogar ein Stück Fahrweg kommt unter die Füße. Hier liegen große Betonröhren, durch die in der Regenzeit die Bäche unter dem Weg durchfließen könnten. Wenn der Weg darüber ginge. Aber irgendwann in afrikanischer Zeitrechnung wird wohl jemand den Schotter aufbringen, sodass man dann auch über die Röhren fahren kann und nicht daneben.

6 km vor dem Ziel hat Ugene seinen Bakkie (Pickup auf Neudeutsch) mit Getränken hingestellt. Obwohl die Paviane nicht zu überhören sind, hat er keine Wache dagelassen. Offenbar ist diese Truppe noch nicht so an Menschen gewöhnt, dass sie deren Autos und Häuser als Quelle leicht erreichbaren Futters kennen. In belebteren Gegenden öffnen die Paviane nicht abgeschlossene Autotüren und auch speziell gesicherte Abfallkörbe.

6 km vor dem Ziel mag kurz klingen, auf diesem Lauf steht uns aber noch genug Kletterei bevor. Ausnahmsweise beneide ich heute die Experten nicht, die diese 42 km in 5 Stunden durchfliegen können (Sieger: 4:30). Zu schön ist für mich das Naturerlebnis, als dass ich mich ausschließlich auf die Lauftechnik konzentrieren möchte. So habe ich den Trail etwa doppelt so lange genossen, wie ich auf einem Straßenmarathon unterwegs bin. Und ich komme ungewohnt locker ins Ziel.

 
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Hier ist wieder für alles gesorgt: ein Generator versorgt den Laptop für die Zeitnahme, Mittag- (für die letzten eher Abend-) Essen und warme Duschen stehen bereit, und das Fleisch für den gemütlichen Abend liegt bald auf dem Grill. Sogar für den passenden Wein hat sich ein Sponsor gefunden. Die Holzheizung für das Duschwasser ist eine eindrucksvolle Konstruktion mit 4 Fässern hoch über dem offenen Feuer.

Mehr zum Thema

Die meisten Läufer bleiben zur Preisverleihung, die nach dem Genuss des Gegrillten in gemütlicher Runde am Feuer stattfindet. Einen schöneren Ausklang eines Rennens habe ich noch nicht erlebt.

Oorlogskloof ist sehr empfehlenswert für Läufer, die technisch Anspruchsvolle „Wege“ lieben.

 


 

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