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Laufberichte

Nicht die Zeit, die Leidenschaft zählt

23.03.16

11. Rheinsteig-Erlebnislauf 2016 (6. Etappe)

 

Ein Juwel unter den Spendenläufen stellt der Rheinsteig-Erlebnislauf dar. Bereits im elften Jahr führen die Baden-Badener R(ud)olf und Brigitte Mahlburg ihn zugunsten der „Aktion Benny & Co.“ mit nicht nachlassender Leidenschaft durch. Sämtliche Erlöse dieses Benefizlaufs können zugunsten der Erforschung der Duchenne Muskeldystrophie, eine nur Jungs befallende und tödlich verlaufende Muskelerkrankung, verwendet werden. Leider wird dieses Krankheitsbild nicht mit der Intensität erforscht, welche die Betroffenen und ihre Angehörigen sich erhoffen. Böse Zungen behaupten, die Fallzahlen reichten hierfür nicht aus…

Dreiunddreißig Ultras, darunter drei Walker, laufen hierzu in acht Tagesetappen den kompletten Rheinsteig-Wanderweg inkl. der Zu- und Abwege über 355,5 km mit 11.692 Höhenmeter (+/-) ab und spenden dabei 50 Cent pro km. Läuferisch weniger Begabte wie ich, oder solche mit knapper Zeit, können auch etappen- oder teiletappenweise mitmachen und so sich und den Betroffenen etwas Gutes tun.

Wie in jedem Jahr bin daher auch ich wieder auf einer Etappe dabei, diesmal auf der sechsten. Offizielle 47,6 km bei +1418 und -1592 Höhenmeter lautet die Herausforderung. Die Verpflegung ist wie immer mitzuführen. Aufgefüllt wird, wenn sich die Gelegenheit bietet, unterwegs. Ach ja, eine Zeitnahme gibt es natürlich auch nicht, also sollte einem stressfreien Genusslauf nichts im Wege stehen.

Meine Leidenschaft, gleichermaßen fürs Laufen und fürs Spenden, führt zur bereitwilligen Opferung sowohl eines Tages Urlaubs als auch einiger kleinerer Scheine. Ich fahre ans Ziel der sechsten Etappe nach Rüdesheim/Assmannshausen, verbünde mich dort mit Klaus und nehme den Zug parallel des Rheins zurück nach St. Goarshausen, wo uns Kerstin nach gut zwanzig Minuten am Bahnhof einsammelt und zum Läuferhotel mitnimmt. Pünktlich um 8.30 Uhr startet der Tross, verstärkt durch einige Etappenläufer.

 

 
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Nach gerade einmal einem km sind wir nahe der Loreley, laufen zunächst am Besucherzentrum/Freilichtbühne vorbei und betreten nach dem Genuss des „Dreiburgenblicks“ (die Burgen Katz, Maus und Rheinfels auf der anderen Rheinseite) den Loreleyfelsen. Dort saß die sagenumwobene Blondine und riss die Schiffer in diesem gefährlichen Rheinabschnitt ins Verderben. Hier kann man sich aus dem Automaten für einen Euro das Lied („Ich weiß nicht, was soll es bedeuten...“) und Gedichte vortragen lassen. Einen steinernen Thron hat man ihr hier gebaut. Dani wird spontan zur Loreley erklärt und nimmt schon mal Platz, völlig erschöpft von den bisher zurückgelegten mörderischen ca. 1,5 km.

 

 
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Nach verschiedenen Aufs und Abs erklimmen wir den sog. Lennig und haben einen sagenhaften Blick auf das Taubenwerth (Rheininsel). Dahinter liegt Oberwesel mit seiner roten Kirche in der Sonne, welche die älteste bildliche Darstellung von Koblenz birgt, einen ganz besonderen Schatz. Zum ersten Mal erkenne ich auch die weitestgehend erhaltene Stadtmauer und hoffe, dass man diese auf den Bildern erkennen kann.

In das Urbachtal klettert der Steig durch verwilderte Weinberge über Felsen und Treppen zum Bach, um letztlich die „Alte Burg“ anzusteuern. Tolle, urwüchsige Wege, häufig mit mehr als nur Trailcharakter, lassen uns ins Schwärmen kommen. Hier liegen ausnahmsweise mal nur Steinreste, denn die 1359 erbaute Burg wurde schon kurze Zeit später wieder zerstört.

Durch Niederwald und Büsche ersteigen wir die Felsen am Roßstein. Sehr schön sehen wir die Schönburg über Oberwesel. Ein wunderschönes Tal sorgt weiter für ein fleißiges Sammeln der Höhenmeter. Auf der folgenden Höhe sind die ersten Abschnitte seilgesichert, die kleine Christopherus-Skulptur am höchsten Punkt hat man zu Rolfs Freude mit selbstgestricktem Schal und Mütze warm verpackt.

 

 
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In der Dörscheider Heide kommen wir zum Gasthof Fetz, wo man uns schon seit Jahren mit kostenlosen Getränken Freude bereitet. Irgendein Depp nimmt alles mit, was er bekommen kann, und beginnt schon mal an der Hunde-Tränke. Leider sind die zahmen Alpakas zum Beginn des folgenden langen Abstiegs, die ich noch vor fünf Jahren hier ablichten konnte, nicht mehr vorhanden. Schade, das war ein nettes Fotomotiv. Eine ganz tolle Idee hatte ein Winzer, der in einer Art Heiligenschrein 0,2l-Fläschchen seines Weines gegen Bezahlung zur Sofortverkostung bereitstellt. Gläschen sind auch dabei. Heute wir dieses Schmankerl links liegen lassen, irgendwie passt das Wetter, das sich heute maximal von seiner zweitbesten Seite zeigt, nicht so richtig dazu.

Wunderschöne schmale Trails bringen uns weiter voran. Das nächste Panorama präsentiert uns Kaub mit seiner Burg Gutenfels und der berühmten Zollburg Pfalzgrafenstein, die seit 1326 wie ein Bollwerk mitten im Rhein ruht. An der Treppe zum Stadteingang steht der Leitbergsturm, der zum Schutz der Dörscheider Pforte erbaut wurde und seit dem Mittelalter bewohnt ist (heute Privatbesitz). Berühmt ist Kaub als Blücher-Stadt: Am Jahreswechsel 1813/14 während der Befreiungskriege setzte der preußische Feldmarschall Gebhard Leberecht von Blücher an der Burg mit 60.000 Soldaten, 20.000 Pferden und 200 Geschützen über den Rhein, um die Truppen Napoléon Bonapartes zu verfolgen und die Franzmänner mal wieder nach Hause zu schicken. Ein paar Extra-Meter ist mir der Ausflug zu seinem Denkmal an der B 42 wert.

Vorbei an der Burg Gutenfels und dem Dicken Turm geht es wieder steil hinauf, die Pfalzgrafenstein wird ein letztes Mal gegrüßt und die nächsten km werden wir den Rhein nicht wiedersehen. In Serpentinen führt uns der Weg später ins Niedertal, durch das sich die rheinland-pfälzisch/hessische Landesgrenze („Willkommen im Rheingau!“) zieht. Hier wird traditionell eine kurze Rast zum Verpflegen eingelegt, so auch heute. Auf der hessischen Seite wohnt der sog. Grenzvogt in seinem gemütlich aussehenden Waldhaus, ein tolles Baumhaus ist wohl kürzlich hinzugekommen.

Oberhalb Lorchhausens erfreuen wir uns an einem herrlichen schmiedeeisernen Pavillon, den ein örtlicher Schmied gestiftet hat. Mit dem pharadäischen Käfig scheint’s allerdings nicht so zu funktionieren, jedenfalls wird bei Gewitter dringend geraten, mindestens 10 Meter Abstand zu halten. Bald sehen wir das Bacharacher Werth, die Wirbellay und Burg Stahlheck. Und natürlich Weinberge ohne Ende, deren Reben allerdings noch nicht ausgetrieben haben. Das nasskalte Wetter der letzten Tage und der frühe Ostertermin lassen die Vegetation noch schlafen. Welch ein Unterschied: Heute laufen wir hier bei weniger als zehn Grad und kaltem Wind, vor fünf Jahren hatte es rund 25° unter stahlblauem Himmel. Dafür quälten uns im Jahr davor noch heftige Graupelschauer mit böigem, eiskaltem Wind. Ja, um diese frühe Jahreszeit hast Du keine Garantie auf stabiles Wetter und musst auf alles gefasst sein.

 

 
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Unterhalb des sog. Nollig wird der Rheinsteig zum Panoramaweg. Das Gelände um die Ruine Nollig herum gehört in Hessen zu den Lebensräumen mit der höchsten Artenvielfalt. Insbesondere finden sich hier Tiere und Pflanzen, die man sonst nur aus dem südlichen Europa kennt. Von der Burgruine führen rund 150 Meter über Schiefer, der in der ausnahmsweise mal ganz kurz durchgebrochenen Sonne glitzert. Hinab nach Lorch geht es durch einen mittelalterlichen Hohlweg und weiter über die Wisperbrücke auf einen Parkplatz. Hier empfangen uns Mitläufer Ronald Nickel und sein Sohn Benjamin mit einer mobilen Verpflegungsstelle aus dem Kofferraum. Erfahrene unter uns freuen sich schon seit vielen km besonders auf die Buttermilch, von der Ronald nach eigenem Bekunden täglich mehrere Becher leert. Das ist aber auch lecker, gerade jetzt! Wir danken es ihnen, indem wir jede Menge Chaos verbreiten und verschlingen, was nur geht.

Wieder auf der Höhe, erschreckt den Naturfreund auf der gegenüberliegenden Seite eine riesige Wunde: Neben der Burg Sooneck besteht ein großer Steinbruch, in dem Quarzit gewonnen wird. Klar, das Zeug muss ja irgendwo herkommen, wenn es gebraucht wird. Aber hier beleidigt das Loch im Berg nicht nur mein Auge schon sehr. Zwischen Kaub und Lorch gab es übrigens mal einen „Freistaat Flaschenhals“, auf den schon am Infostand an der Landesgrenze hingewiesen wird. Das hat den aus heutiger Sicht wirklich grotesken Hintergrund, dass anlässlich der Besetzung des Rheinlands zur Absteckung der amerikanischen und französischen Zone jeweils 30 km betragende Radien um Koblenz bzw. Mainz geschlagen wurden. Beide Kreise trafen sich jedoch nicht genau und ließen einen schmalen Zwischenraum frei, der zwischen 1919-1923 eben diesen sonderbaren Freistaat ermöglichte.

Schleife für Schleife schrauben wir uns wieder nach oben und dort angekommen, ist Trechtingshausen mit seiner weitläufigen Burganlage Reichenstein eine Augenweide. Ob es irgendwo anders noch eine solche Burgendichte wie hier am Rhein gibt? Auf felsigem Pfad gibt es eine Seilsicherung, die den teilweise kriminell nach unten gehenden Trail entschärft. Klettern ist phasenweise angesagt. Nicht nur der lange Georg legt an „seiner“ Wanderhütte beim Dreiburgenblick (Rheinstein, Reichenstein und Sooneck) ein Spontanpäuschen ein. Das ist das wirklich Schöne an dieser Art der Fortbewegung: null Zeitstress, Landschaftsgenuss vom Feinsten und die Gewissheit, die Leidenschaft Laufen mit der, Gutes zu tun, verbinden zu können.

 

 
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Björns Schuhe sind der absolute Hammer, ich muss sie einfach ablichten: Vollkommen abgelaufen sind die einstmals stolzen Lunge-Treter, fast nichts mehr Schwarzes ist von der Sohle zu sehen, an der Ferse bereits ein Loch, im Vorfußbereich rundum aufgerissen, ein Bild des Jammers – wenn man nicht gerade stolz darauf wäre. Was er denn nach dieser Etappe damit zu machen beabsichtigt? Mal schauen, sie seien ja an der Seite schon etwas aufgerissen... Also zu zwei Dritteln, wenn man es kritisch sieht. Wir lachen uns schlapp. Aber er ist hart im Nehmen und tobt mit uns den letzten traumhaften Trail durch einen schönen Wald nach unten.

Bald haben uns die Weinberge wieder und durch die Assmannshäuser Lage „Höllenberg“ zieht es uns erneut, jetzt aber für heute letztmalig, unwiderstehlich zum Ziel nach Assmannshausen ins Tal. Das „WWW“ bekommt hier als Weinwanderweg eine völlig neue Bedeutung.

 

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Herrliche 46,5 km und gute 1.600 Höhenmeter haben wir heute in phantastischer Landschaft über knapp acht Stunden in Bewegung überwunden und genossen. Ich habe überhaupt keine Probleme und bin heilfroh, die Scharte vom WUT wieder ausgemerzt zu haben.

Am Folgetag verpasse ich leider den Höhepunkt des ganzen Laufs, nämlich die Spendenübergabe an den Verein Bennie & Co.: 13.000 auf dem Rheinsteig-Erlebnislauf gesammelte Euronen wechseln den Besitzer. Darauf könnt Ihr, Brigitte und Rolf, sehr stolz sein. Nicht die Zeit, die Leidenschaft ist es, die zählt.

 


 

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