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Laufberichte

Nacht van West Vlaanderen Torhout (Belgien)

 

Das Volks- und Straßenlauf-Festival im belgischen Torhout

Vom  Peter-Maffay-Konzert auf dem Hessentag in Kassel zum Marathon in Belgien. Ich bin in Belgien erst ein Mal gelaufen und zwar den Brüssel-Marathon 2009. Nun kommt mein zweiter Start in Torhout, einer Kleinstadt mit 20.000 Einwohnern, circa 20km südlich von Brügge oder 25km südöstlich von Oostende. Die "Nacht van West-Vlaanderen" wird schon zum 34. Mal ausgerichtet.

Unser Nachbarland Belgien hat seinen Namen von Gaius Julius Cäsar bekommen, denn er nannte die gallischen Stämme nördlich der Seine und der Mame Belgae und die Provinz Belgica. Meine Reise geht fast durchs ganze Land bis 25km vor die Nordsee in die Provinz West-Flandern. Sie ist die einzige belgische Provinz mit Zugang zum Meer. Die höchste Erhebung ist der 156m hohe Kemmelberg in der südlichen Hügelzone. Der nördliche und der westliche Teil von West-Flandern bestehen hauptsächlich aus flachen Marschland, das der See abgerungen wurde.

Im 1. Weltkrieg wurde hier hart gekämpft. Noch heute sind in der näheren Umgebung viele Schützengräben, Kriegsdenkmäler und auch Friedhöfe der toten Soldaten aus vielen Nationen zu besichtigen. Entlang der ehemaligen Front findet zum Gedenken schon seit 5 Jahren der Flanders Fields Marathon im September statt.

Auch in Belgien gibt es eine Marathon-Szene, die aber sehr unterschiedlich ist, denn man findet nur rund 15 klassische Marathonläufe, aber dafür  22 Ultras und sogar 2 Multi-Days. Allerdings sind Volksmärsche (IVV) über 42 und mehr Kilometer sehr verbreitet und finden das ganze Jahr statt. Auch Läufer sind dort willkommen, allerdings gibt es meist keine Zeitnahme. Für Trailrunner sind diese Veranstaltungen das Paradies.

 
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Die Nacht von West-Vlaanderen kann man durchaus zu diesen Volksmärschen zählen, denn am Freitag beginnen die Wettbewerbe mit den 10km, dem Marathon und dem  100er für Marschierer. Läufer starten zum 5km-, 10km-, Halb- und Marathonlauf. Am Samstag gibt es dann noch den 50km- und 100km-Lauf. Ein richtiges Lauf- und Marschfestival also.

Die Idee zu dieser Veranstaltung hat man sich bei der Dodentocht (Todesmarsch) in Bornem abgeguckt.  An dem 100km-Marsch im August nehmen dort  jährlich zwischen 8.000 und 10.000 Marschierer und Läufer teil.

Torhout ist die älteste Stadt in der Grafschaft Flandern. Früher waren die Durchreisenden und Kaufleute froh, wenn sie dieses gastfreundliche und betriebsame Städtchen erreichten, denn durch das Brügger Umland schlichen sich viele Räuberbanden. Heute ist das Brügger Ommeland friedlich und hat von seiner Gastlichkeit nichts eingebüßt. Neben den baulichen Sehenswürdigkeiten wie z. B. die Wasserburg Wijnendale, die romanische Sint-Pietersbandenkerke oder das Museum Torhouts Aardewerk im Kasteel Ravenhof hat die Stadt auch kulinarische Genüsse zu bieten. Ein Stückchen Wynendalekäse sollte man unbedingt probieren, egal ob mit oder ohne den Mostaard Wostyn. Senf spielt eine große Rolle. Es gibt auch Senfbier, Senfjenever oder die Senfpraline.

Das Start- und Anmeldezentrum ist im Sportcentrum (Industrielaan 2). In die Innenstadt ist es von hier nicht weit. Gleich bin ich bei der  historischen Sint-Pietersbandenkerke aus dem 12. Jh. und  am barocken Rathaus.  Überall werden noch Stände aufgebaut. Auch an der großen Festbühne wird letzte Hand angelegt. Ja, die Nacht van West-Vlaanderen ist in Torhout ein Großereignis.

Inzwischen  herrscht im Sportcentrum rege Betriebsamkeit, denn heute Abend werden rund 3.500 Teilnehmer ihren Wettkampf gegen die Zeit und die Nacht aufnehmen. Für mich als gemütlicher Marathonsammler gibt es heute ein angenehmes Zeitlimit von 6 Stunden (denke ich). Ein Blick in die letztjährige Ergebnisliste verrät mir, dass es in diesem Zeitfenster einige Läuferinnen und Läufer gibt.

Volker Berka schrieb in seinem Torhout-Bericht von 2007, dass er eigentlich froh sein müsse, dass in Deutschland viele Marathon-Veranstalter meinten, sie müssten mit einem Zeitlimit von 5 Stunden ältere und langsamere Läufer ausschließen. Auf der Suche nach Alternativen habe er unter anderem auch dieses riesige Sportspektakel als unvergessliches Erlebnis in Erinnerung.

Vor dem Start lese ich noch kurz in dem Infoblatt und erfahre, dass das Zeitlimit für die Marathon-Läufer (erstmalig?) auf 5:15 Stunden festgelegt wurde. Aus dem geplanten lockeren, stressfreien Nachtlauf wird wohl nichts werden. Ich muss mich bei meinem 10. Marathon seit Mitte April dran halten. Allerdings, wer will, kann als Marschierer auf die Strecke und hat dann tatsächlich alle Zeit der Welt.

Aber ich will, so gut ich kann, laufen. Der Start zu dem Zwei-Runden-Marathon erfolgt in der Nähe der Halle und dem Schwimmbad. Pünktlich um 20 Uhr gehen 360 HM und 328 Marathonläufer auf die Strecke. Das Abenteuer Nacht van West-Vlaanderen kann beginnen.

 
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Es geht gleich richtig los, fast alle rennen wie um ihr Leben. Es geht direkt in die Innenstadt. Schon hier sind viele Zuschauer an der Strecke. Vorbei an der Sint-Pietersbandenkerke,  dann sind wir am Marktplatz. Hier stehen die Zuschauer in mehreren Reihen,  applaudieren und jubeln den Läufern zu. Gedränge gibt es in den ersten Reihen, denn viele wollen ein Foto von „ihrem“ Athleten schießen. Die Stadt feiert, auf der Bühne gibt es Live-Musik.

Es geht vorbei am späteren kleinen Zieltor. Hinter dem Platz ändern wir die Laufrichtung. Das Feld hat sich jetzt schon auseinandergezogen und man kann gut erkennen, wer heute zwei Runden läuft. Die Marathonis tragen nämlich auch eine Rückennummer.

Es geht in einer Welle unter der Eisenbahn durch in die Wohnsiedlungen und kommen bald zum ersten Verpflegungsposten. Es gibt auf der ganzen Runde fünf Posten mit Water, Ice Tea, Cola, Rozijnen, Bananen, Peperkoek und Chocolade.

Es geht nun in einem Zick-Zack-Kurs vorbei an grünen Feldern und einigen Höfen. Ein junger Belgier coacht zwei Mädels in rose bei ihrem ersten Marathon. Wenn sie so weiterlaufen, sind nach 4:20 Stunden im Ziel. Alle Achtung.

Wir erreichen Turfhouwe bei ca. 6,5km und der Kurs dreht in nördliche Richtung. Kurz hinter 8km gibt es eine weitere Versorgungsstation. Dann geht es in eine weitere kleine Runde bis zum südlichsten Punkt der Laufstrecke Lichterfelde, das wir bei km 11 erreichen. Schon lange, bevor wir den Marktplatz erreichen, ist fetzige Musik zu hören. Bis spät in die Nacht  werden die Läuferinnen und Läufer gefeiert.

 
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Vor uns ist die prächtige St. James Kirche, ein Meisterwerk der Neugotik. In der Kirche gibt es noch einen romanischen Taufstein aus dem 12. Jh. der heute noch genutzt wird. In Lichterfelde gibt es auch das wohl älteste Kino in Belgien. 

Wir umlaufen den Marktplatz in einer großzügigen Schleife durch eine Wohnsiedlung mit einer weiteren Versorgungsstation. Nur einen Kilometer weiter fühle ich mich durch das  Schild „OF DRINK e PiLSje“ eingeladen. Eine Gruppe junger Leute ist am Feiern. Als ich mir en Pilsje nehme, gibt es dafür lauten Beifall.

Bei  km 14 erreichen wir wieder den Markt und genießen die tolle Stimmung.  Nordwärts geht es jetzt Richtung Torhout zurück und nach 20 km sind wir in der Innenstadt und sehen links liegt das von einem Graben umgebene Schloss Ravenhof. Auf dem Marktplatz ist jetzt wahrlich Teufel los. Die Innenstadt ist proppenvoll, ganz Torhout ist am Feiern.

Die erste Runde ist beendet und wie fast überall beginnt nun die Einsamkeit. Das Hinweisschild am Ortsende heitert mich auf: „Nuttige Telefonnummern“ werden darauf genannt. Das sind keine Rotlicht-, sondern „nützliche“ Rufnummern. Ok, eine Puff-Rufnummer kann das auch mal sein. Nützlich, meine ich.

Die Strecke ist komplett mit gelben Pfeilen gekennzeichnet und an den Abzweigen stehen Helfer, die mangels Beschäftigung auf eine harte Probe gestellt sind. In den Wohngegenden stehen nur noch vereinzelt Leute an der Straße. Die Temperaturen sind angenehm, aber es kommt etwas Wind auf, der manchmal ganz schön heftig von vorn bläst.

Ich erreiche zum zweiten Mal Lichterfelde bei km 32 und werde plötzlich auf Deutsch angesprochen. Eine junge Engländerin ist zu mir aufgelaufen. Sie erzählt mit, dass sie in Belgien lebt und auch ein wenig flämisch spricht. Deutsch hat sie in Köln gelernt. Sie erzählt mir von vielen schönen Marathonläufen in England. Besonders schwärmt sie von den Läufen, die direkt an der Südküste und runter in Cornwall bis zu Lands End gehen.

Während meiner Fototätigkeit läuft sie mir davon. Noch einmal laufen wir über den Marktplatz (km 35) und zum Bahnhof von Lichterfelde.

Ich schaue zur Uhr und errechne eine Zielzeit von 4:55 Stunden. Dann passiert es, einen kurzen Moment bin ich wohl unachtsam und schon habe ich mich in der Nacht verlaufen. Ich muss zurück. Blaulicht, das könnte das Schlussfahrzeug sein. Tatsächlich. Ich renne hinterher und bin wieder auf der richtigen Laufstrecke. Alles eigene Dummheit und nicht so schlimm, aber eine Zeit unter 5 Stunden ist nicht mehr drin. Ich kann zu zwei weiteren Läufern aufschließen und als Trio setzen wir den Lauf fort, bis es selbst mir zu langsam wird, ich einen Zahn zulege und 5 Minuten vor Schluss im Ziel bin. Die Medaillen sind da aber schon weg. Man verspricht mir, sie mir nachzuschicken.

 
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In der Sporthalle ist auch jetzt um 1.30 Uhr viel Betrieb. Nur die Duschen sind menschenleer, aber warm.  Müde lege ich mich in mein Auto, das vor der Halle steht, um ein paar Stunden zu schlafen. Hin und wieder werde ich durch einen Glockenschlag geweckt. Als ich am Morgen aus meiner Schlafstatt krieche, sehe ich vor der Halle tatsächlich eine große Messinglocke hängen, die jeder Marathon-Marschierer als Zeichen seiner Ankunft anschlägt. Über einen roten Teppich gehen sie zur Zeitnahme und lassen sich als Finisher registrieren. Auch nach 11 Stunden kommen noch welche ins Ziel. Statt Finisher-Shirts, von denen man immer nur eines tragen kann, tragen sie Jacken mit zig bunten Marathon- und Ultra-Stoffaufnähern.


Marathonsieger:
Männer
1. Stijn Fincioen  Varsenare BEL  2:22:50
2. Dieter Brouckaert Zerkegem BEL  2:30:17
3. Mark Jorissen  Zwijndrecht BEL 2:32:56

Frauen
1. Nathalie Pluvier  Zerkegem BEL  3:22:53
2. Chris Peeters  Blankenberge BEL 3:35:15
3. Petra Sliepers  BEL   3:36:17

 

 

 
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