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Laufberichte

Montpellier Marathon: Allez, courage

 

In der zweiten Märzhälfte, quasi zum Frühlingsanfang, wäre doch ein Laufwochenende mal wieder angezeigt. Der Kalender weist am 19.3. Termine in Marseille und Montpellier aus. Da ich in Marseille  erst vor zwei Jahren einen meiner schönsten Marathons erlebte, entscheiden wir uns diesmal für das 170 Kilometer weiter westlich liegende Montpellier. Einen billigen Flug gibt es auch, bis ich nach Eingabe aller Daten feststelle, dass Opodo.de ganz am Schluss noch 36 Euro Verwaltungsgebühr draufschlägt. Abbruch. Statt dessen fliegen Judith und ich günstig nach Marseille und nehmen von dort den Zug nach Montpellier, Blick auf die schöne Landschaft inklusive.

Schnell zur Marathonmesse und unsere Startnummer abholen. Das französischsprachige Gesundheitszeugnis hatten wir vorher bereits beim Zeitnehmer hochgeladen und ein o.k. erhalten. Ein Samstagnachmittag in der wunderschönen Altstadt von Montpellier liegt vor uns. Hügelig ist es hier, weshalb die Laufstrecke nicht durchs Zentrum führt. Auf der Place royale du Peyrou, beim triumphbogenartigen, später zum Denkmal für König Ludwig XIV umfunktionierten Stadttor, treffen wir auf muntere Karnevalsgruppen, wie auch vor zwei Jahren in Marseille. In Südfrankreich scheinen die Uhren anders zu gehen. Wahrscheinlich verkürzt der späte Karneval die Fastenzeit. Beeindruckend die Anzahl von Cafés und Lokalen. Und es ist sommerlich warm.

 

 
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Montpellier ist eine der wenigen bedeutenden französischen Städte ohne antiken Hintergrund. Es wurde erstmals 986 urkundlich erwähnt und ist heute ein Industriezentrum und bekannt für Medizintechnik, Metallverarbeitung, Druckindustrie, Chemikalien, Agrartechnik, Textilien und Weinerzeugung. Nach Paris, Toulouse und Aix-en-Provence ist Montpellier eine der größten Studentenstädte Frankreichs. Mehr als 60.000 der rund 275.000 Einwohner sind an einer der zahlreichen Hochschulen der Stadt eingeschrieben. Zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten gehören die Place de la Comédie mit dem Brunnen der drei Grazien, die Kathedrale Saint-Pierre, der schon erwähnte Triumphbogen Porte du Peyrou mit dazugehöriger Promenade, der Aquädukt St-Clement aus dem 17. Jahrhundert und das Musée Fabre mit Gemälden flämischer, holländischer, italienischer, spanischer und französischer Meister.

 

Der Marathontag

 

Eine halbe Stunde vor Beginn um 8:30 Uhr brechen wir zu Fuß beim Hotel auf und sind unter den Ersten im Startbereich auf der Place du Nombre d`Or im Stadtviertel Antigone. Bei Letzterem handelt es sich um eine Sozialbau-Siedlung im neoklassizistischen Stil,  die ab 1983 nach Plänen des katalanischen Architekten Ricardo Bofill auf einem ehemaligen Militärgelände entstand und auf dem Prinzip des „Goldenen Schnitts“ (Nombre d´Or) beruht. Wie auch in Spanien finden sich die Läufer auf keinen Fall zu früh ein. Aufstellung um 8:20 Uhr reicht völlig, die Pacer für 3:30, 3:45 und 4:00 stehen zusammen und halten ein Schwätzchen. Christophe aus Marseille spricht uns auf Deutsch an: Wo wir denn herkommen? Er läuft heute seinen ersten Marathon. Ich frage, warum er heute nicht in seiner Heimatstadt startet. Ihm scheint es hier besser zu gefallen.

 

 
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Und dann geht es Schlag auf Schlag. Gewarnt wurden die 700 Marathonis, 600 Halbmarathonis und 2400 Teilnehmer/innen der Sechserstaffeln vor Bodenunebenheiten und Drängeleien. Nichts davon bekomme ich mit. Dafür schon eher das große Schwimmsportzentrum „Piscine olympique d`Antigone“, das neun 50-Meter-Bahnen und allerlei Spaßbecken zu bieten hat. Über den Fluss Lez verlassen wir zügig die Stadt. Eine 15-Kilometer-Runde nach Nordosten steht an. Vor einigen Jahren wurde der Marathon ins Umland verlegt. Für uns bedeutet das 70 statt früher 500 Höhenmeter, aber auch viel weniger Sightseeing. Dafür muss man sich dann eben vor oder nach dem Lauf Zeit nehmen.

Auf einmal sehe ich ein vertrautes Sport-Scheck-Stadtlaufhemd vor mir. Xavier, dessen Träger, hat in Bremen gearbeitet und ist mit seiner deutschen Begleiterin Leyla unterwegs. Prompt mischt sich noch eine junge Dame ins Gespräch ein, die in Montpellier studiert hat. Beide Frauen sind im orangefarbenen Veranstaltungsshirt unterwegs. Wahrscheinlich kenne ich damit nun alle deutschen Teilnehmerinnen. Ich freue mich über das neongrüne Hemd für die männlichen Sportler, das mir an trüben Tagen auf meiner Laufstrecke zu Hause mehr Sicherheit vor unbeleuchteten Radlern geben wird. Das Hemd war im Startpreis von 50 Euro enthalten, ebenso ein Halstuch. Lebensmittel oder Pröbchen waren diesmal nicht dabei.

 

 
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Und dann gilt es doch noch etwas zu lernen: Hier gibt es keine Schwellen auf der Fahrbahn, sondern viereckige Aufpflasterungen ohne farbliche Kennzeichnung. Da heißt es aufpassen.

Bei Kilometer 4 erreichen wir die Gemeinde Castelnau le Lez. Es geht an der Avenue de l'Europe entlang. Nachdem ich an der Préfecture von Montpellier gestern 17 französische Fahnen gezählt habe und keine Europaflagge, bin ich heute mit Europafähnchen für ein friedliches Zusammenleben unterwegs. Wie so oft habe ich mich erst kurz vor unserem Abflug mit dem Zielgebiet näher befasst und freue mich jetzt darüber, in einer Straßenbahnstadt ersten Ranges zu laufen. Die Bahn existiert seit dem Jahr 2000 und war ein solcher Erfolg, dass es nun schon vier Linien mit einer Streckenlänge von 60 km gibt. Mit 102 Millionen Fahrgästen sind die Nutzerzahlen fast so hoch wie bei der 80 km langen Münchner Straßenbahn. Die Fahrzeuge jeder Linie haben ein von Künstlern gestaltetes eigenes Erscheinungsbild.

Wie beliebt dieses  Verkehrsmittel ist, sehen wir hier beim Verpflegungspunkt km 5: Ein Neubau macht Reklame mit der Tram vor der Haustüre. Ob das bei uns daheim ein Verkaufsargument wäre? Aber zurzeit kann man ja in Deutschland Wohnungen aller Art an den Mann bringen. Staffelwechselstelle mit DJ, die einzige Musik des heutigen Laufs. Zuschauer, darunter viele Laufbegleiter, stehen immer mal wieder vereinzelt am Straßenrand. Es geht in ein Weinanbaugebiet. Wir laufen durch die landschaftlich sehr schöne Anlage des Luxushotels „Domaine de Verchant“. Links geht es zum SPA-Bereich, keiner dreht ab. Ein Zuschauer ruft Judith ein „Vous êtes la plus belle de la course“ zu. Wenn das nicht beflügelt...

 

 
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Highlight bei km 9 ist das riesige Einkaufszentrum „Odysseum“ samt Aquarium, da dürfen wir eine Runde drehen. Interessanterweise liegen die Passagen unter freiem Himmel. Im Sommer sicher eine heiße Sache. Neben uns auf der Autobahn ein Kilometerschild: 338 km nach Barcelona, 239 nach Toulouse. Auf der A75 in der Nähe liegt auch das höchste Bauwerk Frankreichs: Die Stützen des Viaduc de Millau sind 343 Meter hoch. Konzessionär ist der Konzern Eiffage, der auf Gustave Eiffel zurückgeht. Ein Laufshirt vor mir weist auf den 24 km langen „Course de l´Eiffage“ hin, der jedes Jahr 15.000 Teilnehmer über die Brücke bringt.

Ich habe heute einen super Tag erwischt. Sehr schnell bin ich unterwegs, wundere mich über meinen niedrigen Puls. Das 3:45 h-Fähnchen befindet sich immer noch in Sichtweite. Zurück in das Neubaugebiet Port Marianne, wo sich die Architekten bei der Planung vieler schicke Wohnblöcke austoben dürfen. Montpellier ist seit Jahren die am stärksten wachsende Stadt in Frankreich. Für mich gut verständlich. Ein attraktives Ambiente, das Meer in unmittelbarer Nähe - hier lässt es sich leben. Die Halbmarathonis verlassen uns bei km 15 und damit auch die vielen jungen Läuferinnen. Ist Marathon womöglich doch ein Seniorensport?

Die nördliche Runde ist vorbei, die südliche Schleife wartet auf uns. Pinien am Straßenrand spenden etwas Schatten. Wir passieren eine ausgebrannte Diskothek. Der Name ist noch lesbar: Er lautet ironischerweise "Heat". Wahrscheinlich sind das hier die ödesten fünf schnurgeraden Kilometer des Laufs. Wir schwenken auf den Radweg. Die Straße ist leer, trotzdem drängeln Radler an uns vorbei. Gelegentliche Zuschauer und Streckenposten feuern uns an: „Allez, courage“.

 

 
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Wir biegen in das Örtchen Pérols ab. Ein Abschnitt durch nette kleine Straßen. Staffelwechsel in der Stierkampfarena. So etwas gibt es also auch hier in Südfrankreich. Wir sind fast am Meer, Lagunen links und rechts. Ich überhole den 3:45-h -Pacer. Leider erkenne ich erst jetzt, dass der Läufer ziemlich eingebrochen ist und hinter der Zeitvorgabe liegt. Über den Canal du Rhône a Sète geht es an den Hafen von Carnon Plage. Fünf Kilometer laufen wir nun parallel zum Strand. Wir müssen auf den Radweg an der Lagunenschnellstraße. Die viel nettere Straße am Meer entlang sehen Judith und ich erst bei einer Busfahrt am Montag. Ebenso die Gassen des Fischerdörfchens Palavas-les-Flots. Wirklich schade, dass uns Läufern lediglich der Blick auf das Musée Albert Dubout, ein Schlösschen in der Lagune, geboten wird. Dort sind Werke eines einheimischen Karikaturisten ausgestellt.

Den Ort schneiden wir nur am Rand. An der Arénes de Palavas die nächste Staffelwechselstelle. Laut Ausschreibung wäre es hier auch durchgegangen, aber jetzt halt doch nicht. Der Fluss, an dem wir nun abwechslungsreich entlanglaufen, ist die Lez, die uns zurück nach Montpellier bringen wird. Auf einer Brücke über den Rhône-Kanal noch mal schöne Ausblicke auf die Lagunen links und rechts. Hier gibt es auch weiße Flamingos. Aber für ein Foto sind sie nicht zu haben.

Und jetzt noch 14 Km zurück Richtung Montpellier. Meine Euphorie ist vorüber. Ich bin ratzeputz fertig und muss mich nun nach hinten durchreichen lassen. An der Verpflegungsstelle bei Kilometer 30 lasse ich es mir gut gehen bei vielerlei Obst, Kuchen und Keksen, Wasser und Cola. Und irgendetwas, das „Glucose“ genannt wird und vielleicht ein Iso-Getränk darstellen soll, zumindest aber nach Aprikosen schmeckt.

Oft weiden Vierbeiner neben dem Damm mit der Laufstrecke. Die Carmargue mit ihren berühmten Pferden und Stieren befindet sich gleich um die Ecke. Eine kleine Schleuse liegt am Fluss. Dass es etwas bergauf geht, spüre ich nicht. Dafür liefere ich mir viele Zweikämpfe mit anderen Schleichern, unterbrochen nur von unzähligen Fahrradfahrern. Viele begleiten Läufer, zwischendrin tummeln sich noch Sonntagsradler auf dem Weg zum Meer. Ich bin ziemlich sauer, erschrecke oft. Judith meint später, das Ganze sei halb so wild gewesen. Wahrscheinlich überkommt mich nur der Frust wegen meiner mäßigen sportlichen Leistung.

 

 
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Port Ariane, Teil der Stadt Lattes, ist ein Neubaugebiet mit Hafen und Wasserstraßen. Sein Boot kann man praktisch vor der Haustür parken. Wir kommen zur Brücke der Autobahnneutrassierung und der im Bau befindlichen Eisenbahnschnellfahrstrecke. Auf der Lärmschutzwand lese ich groß "Isar". Schön, dass die Heimat offenbar so nah ist. Überhaupt ist in dieser Gegend vieles mit Graffiti besprüht, meist mit lesbaren Buchstaben. Beeindruckend, welche entlegenen Stellen die Sprayer erreichen.

Dann zurück im Viertel Port Marianne. Links auf der anderen Lez-Seite das 2011 eröffnete blaue Rathaus, entstanden nach Plänen der Stararchitekten Jean Nouvel und Francois Fontès. Wir dürfen noch eine Schleife um einen kleinen See drehen. Am Designcenter sieht man viele Schriftzüge. Palmen am Ufer. Ich finde das alles recht schick. Über die Lez-Brücke und dann bei km 40 die letzte Staffelwechselstelle. Hier wird viel angefeuert, besonders wir Marathonis. Denn auf den letzten zwei Kilometern kann man ja jetzt Sprinter bei den Staffelwettbewerben erwarten. Aber es gibt genug Platz für alle, und wie ich bald feststelle, werden auf den finalen zwei Kilometern eher Laufanfänger eingesetzt. Dafür stoßen peu à peu die Staffelmitglieder der ersten Etappen dazu.

 

 
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Das riesige Halbrund der Esplanade de l'Europe empfängt uns. Auf den letzten hundert Metern sind Staffeln und Marathonis getrennt - sehr gut, so gibt es keine Behinderungen wie bei manch anderer Veranstaltung. Ich genieße den Applaus der vielen Zuschauer.

Die recht einfach gehaltene Medaille entspricht eher dem Niveau eines Volkslaufs. Dann gleich zur vorbildlichen Zielverpflegung. Kuchen, Käse, Schokolade, Obst, Nüsse, Cracker und Getränke aller Art werden an den langen Tischen angeboten. Nur ein Bierchen wäre jetzt noch schöner. Schnell ins Hotel zum Duschen und dann Sightseeing per Trambahn. Denn mit der Startnummer darf man den ganzen Tag umsonst fahren.

 

Fazit:


Ein gut organisierter Marathon mit Start und Ziel am Rande des Zentrums von Montpellier.

Viel Landschaft und einiges an neuen urbanen Entwicklungsgebieten.
Am Meer entlang, aber leider nur in der „zweiten Reihe“.

Sehr viele Radler auf den letzten zwei Dritteln der Strecke trüben den Gesamteindruck etwas.

Ich habe während de gesamten Laufs keinen einzigen Rotkreuz-Wagen oder dergleichen gesehen.

Ein Gesundheitszeugnis in französischer Sprache (Einheitsformular) muss  vom Arzt ausgefüllt und vorab dem Veranstalter gemailt werden.

Alle Informationen sind nur auf Französisch erhältlich. Der Anteil ausländischer Läufer geht gegen null.

Gute Stadtinformationen gibt es im Tourismusbüro auch auf Deutsch. Ansonsten kommt man mit Englisch ganz gut durch.

Neben Marathon, Halbmarathon und Staffeln gibt es auch Kinderläufe und Nordic-Walking-Angebote

Meine persönliche Empfehlung für Stadtmarathon-Läufer wäre eher der Marseille-Marathon (siehe den Bericht aus dem Jahr 2015) mit anschließendem Ausflug nach Montpellier. Zwei Städte von ganz unterschiedlichem Charakter. Am besten per Leihwagen, weil die Landschaft sehr schön ist und es sehr viel zu sehen gibt. Das Wetter im März ist allerdings nicht immer so schön wie an diesem Wochenende.


Sieger Herren

2:24:03 HRIOUED ALAA
2:36:01 SHUMBI QUASIM
2:40:24 DELAFENESTRE DAVID

Sieger Frauen

2:53:01 MERCYLINE JERONOH
2:53:31 MARIJA VRAJIC
2:54:38 LEMOINE JENNIFERFS

HM Herren

1:09:01 GARCIA PABLO MIGUEL
1:10:04 BARAS Eddy
1:14:17 CHAPEAU DAVID

HM Frauen

1:33:44 CHARBONNIER VÉRÈNE
1:35:51 BOURRELLIER MARION
1:37:13 DELLOUX JENNIFER

 


 

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