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Málaga-Marathon: Im Starkregen versunken

 

Jede Jahreszeit hat für uns Läufer ihren ganz speziellen Reiz, keine Frage. Im Frühjahr blühen wir mit steigenden Temperaturen wieder auf, genießen im Sommer die Leichtigkeit des Seins, um uns im Herbst an den bunten Farben der Wälder zu erfreuen. So weit, so gut. Ach ja, den Winter gibt’s auch noch. Kommt der mit Frost und blauem Himmel, möglicherweise noch mit weißem Geläuf, ist auch das ein Grund, frohgemut die Laufschuhe zu schnüren und der erfrischenden Bewegung eine heiße Dusche und das wohlverdiente Sofa folgen zu lassen. Ist es aber, wie meistens, grau, windig, nass und regenverhangen, beginne ich von Sonne, Meer und Palmen zu träumen. Und damit es auch zum Ende dieses Jahres wie eingangs auf Gran Canaria nicht beim Träumen bleibt, bin ich hier in Málaga.

Mit unserem Jüngsten, Jan Philipp, gibt es diesmal eine Männertour. Ich bin ja nicht wie mein eigener Vater, der mir seinerzeit im zartesten Alter für den 16. Geburtstag eine gemeinsame Kneipentour und für den 18. einen Besuch im, Ihr wisst schon, versprach. Auf beides warte ich übrigens bis heute. Nein, für uns wird es Kultur, die in südspanischen Andalusien breit gestreut ist, geben und ein gerüttelt Maß an Sport. Leider, leider bietet der Veranstalter keinen Halbmarathon oder wenigstens Zehner an, beides hätte den grundsätzlich sehr bequemen Junior zu einem Mindestmaß an Trainingskonsequenz gezwungen. Den Fünfer, der für ihn bleibt, bekommt er quasi im Tiefschlaf hin. Schade, ein wenig gequält hätte ihn sein Rabenvater im Vorfeld gerne.

Nach dreistündigem Flug ab Köln/Bonn landen wir bereits am Donnerstagmittag in Málaga und gelangen mit einem Mietwagen ruckzuck in die Stadt. Augenscheinlich ist der beginnende Winter Saure-Gurken-Zeit für die Autovermieter, denn fünf Tage Autofahren mit allem Drum und Dran für 26 € können für den Anbieter nicht mehr als ein kleiner Deckungsbeitrag sein. Lesen bildet bekanntlich, daher haben wir Herberts und Andreas Vorjahresberichte sorgfältig studiert und schamlos die Rosinen gepickt. Folgerichtig sind wir perfekt im netten und preisgünstigen Hostal Victoria untergekommen. Es liegt nur einen Katzensprung von Start und Ziel entfernt, unmittelbar am Paseo Parque, der den Park durchziehenden Straße. 205 € pro Nase für Flug inkl. Koffer und fünf Übernachtungen sind doch wirklich sozialverträglich.

Viereinhalb Tage Aufenthalt bieten reichlich Raum zum Kennenlernen der südlichsten und dichtbevölkertsten von Spaniens Festlandprovinzen. Am Donnerstag und Freitag, dem  wettertechnisch besten unseres Aufenthalts, erkunden wir in aller Ruhe die Stadt, um am Samstag Granada unsicher zu machen, was dank Mietwagen kein Problem darstellt. Wir beginnen an der Alhambra, unterstützen mittags den FC Granada, Tabellenletzter der Primera Division, bei seinem ersten Saisonsieg gegen den Euroleaguesieger 2014, 2015 und 2016, dem Tabellendritten FC Sevilla (hinter Real Madrid und FC Barcelona) und bewundern den Rest des Tages die Altstadt. Der Sonntag steht ganz im Zeichen des Marathons und des Vor-Ort-Erholens und montags geht’s nach Ronda und Gibraltar.

 

 
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Málaga ist wirklich eine Reise wert, trotz des starken Verkehrsaufkommens und der auch jetzt außerhalb der Saison katastrophalen Parkplatzsituation. Also zumindest, wenn die Parkgebühren die Leihkosten nicht um ein Vielfaches übersteigen sollen. Wir finden letztendlich eine Parkbucht auf der Haupteinfahrtsstraße, müssen allerdings zwei km zu Fuß zum Hotel latschen. Vom Berg Gibralfaro mit seiner maurischen Festung (die Muselmanen wurden erst im 15. Jahrhundert vertrieben) hat man einen phantastischen Blick in alle Himmelsrichtungen, v.a. aber auch in die Stierkampfarena. Hafen, Centre Pompidou, Leuchtturm, Parkanlagen, viele herrschaftliche Gebäude, die Kathedrale, die Alcazaba, das römische Theater, Picasso-Museum, der Stadtstrand Malaguéta, die Haupteinkaufsstraße Marques de Larios mit dem abschließenden Plaza de la Constitución – hier muss es einem auch nach Tagen nicht langweilig werden.

Zur Startnummernausgabe im Palacio de Deportes José Martín Carpena, einer schönen Sporthalle, fährt uns die Buslinie 31 von der Marques de Larios für 1,30 €, braucht dafür aber fast eine Dreiviertelstunde bis ans andere Stadtende nahe des Flughafens. Um 15 Uhr soll es losgehen und um 15 Uhr sind wir, wie zahlreiche andere Laufwillige auch, vor Ort. Wieder einmal müssen wir lernen, dass wir in mediterranen Gefilden und nicht zuhause sind, denn die Öffnung der kleinen Messe verzögert sich um fast eine halbe Stunde ohne Erklärung oder Entschuldigung. Glücklicherweise regnet es heute nicht. Der Startbeutel enthält außer Werbung und einem Shirt kaum etwas Brauchbares.

Eine gute Stunde vor dem Start am Sonntag schaue ich aus dem Fenster wegen der seltsamen Geräusche. Es schüttet lang anhaltend wie aus Eimern, laut aktueller Wettervorhersage ist es lediglich bedeckt, mit viel Wasser erst abends zu rechnen. Eine halbe Stunde später ist das Bild unverändert. Mordgelüste kommen auf. Kurz vor halb neun ist die Situation unverändert, der Blick aus dem Fenster erschreckend: kaum jemand auf der Straße, jeder, der kann, wartet wohl bis zum letzten Augenblick, bevor er sich in sein Schicksal ergibt. Bei mir ist es um 8:35 Uhr soweit, der Poncho, den ich in weiser Voraussicht mitgenommen habe, schützt nur bedingt, die Schuhe sind sofort vollgelaufen. Wie soll das mit dem Fotografieren klappen? Aussichtslos.

 

 
© marathon4you.de 21 Bilder

 

Kaum jemand befindet sich in der Startaufstellung, etliche Läufer gehen kreuz und quer herum, die meisten haben sich in Zelte, Bars und Restaurants geflüchtet oder drücken sich gegen die Häuserwände. Ich komme mit dem Berliner Henry ins Gespräch, der seinen 49. Marathon, den elften seit Juni, bestreiten möchte und so um die vier Stunden, ohne Stress zu machen, laufen möchte. Wird das ein Laufpartner heute für mich? O je, das Zelt von Powerade ist zusammengebrochen! Hinter uns von einer Bühne erfolgt unablässige Moderation auf Spanisch und Englisch und als ich genauer hinhöre, glaube ich erst, mich verhört zu haben: Es findet kein Start um 9 Uhr statt, um 9:45 Uhr werde entschieden, ob der Start auf 10:30 verschoben wird. Ich trolle mich mit nassem Unterbau zurück ins kaum 200 m entfernte Hotel. Wenigstens ein Vorteil.

Auf der Webseite des Ausrichters entdecke ich dann den entsprechenden Warnhinweis. Schön, dass sie uns wenigstens so auf dem Laufenden halten. Da die Seite um 10 Uhr noch nicht aktualisiert worden ist, schlüpfe ich erneut in die klatschnassen, kalten Schuhe und trolle mich nochmals in Richtung Start. Weit muss ich nicht gehen, denn zu viele Läufer kommen mir mit sehr eindeutigen Gesichtern entgegen. „Cancelled“, sagen sie mir und zurück im Hotel lese ich es schwarz auf weiß: Die Stadt hat letztlich die Genehmigung zurückgezogen. Gut, natürlich ist es fies, zuhause würde man bei dem Wetter keinen Hund auf die Straße jagen, aber ist Laufen wirklich unmöglich? Ein Foto von der Laufstrecke mit überfluteter Straße und verschobenen Autos sagt mehr als tausend weitere Worte.

Schade. Ich wäre auch gerne im frühlingshaften Advent unterwegs gewesen, aber die Sicherheit geht vor und es gibt definitiv Schlimmeres. Wichtig ist, dass uns nichts passiert und es eben nur eine – leider dann doch teure – verpasste Gelegenheit  ist.

 

 

 


 

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