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Laufberichte

Melbourne Marathon: Zwei auf einen Streich

 

“Es gibt Idioten, die beide mitmachen!” Das schrieb mir mein Laufkumpel Paul aus Melbourne im Herbst 2014. Mit “beide” meinte er die zwei großen Sportveranstaltungen in seiner Heimatstadt, den Radmarathon “Around the Bay” mit Strecken von 100 bis 250 km und eine Woche später den Melbourne Marathon.

Ich bin ein Radfahrer, der seit 2008 auch das Laufen probiert. Ich sage “probiert”, weil ich wegen Problemen mit meinem linken Hüftgelenk schwerbehindert bin. Ich fahre mit Tretlageanpassung praktisch einbeinig Rad und benutze beim Laufen eine Krücke links und einen Gehstock rechts. Seit meiner Teilnahme am Londoner Marathon 2014 befinde ich mich eigentlich im “Lauf-Ruhestand”. Eigentlich -  bis zu Pauls oben zitierten Worten. Der Herausforderung, bei beiden Marathons  “down under” dabei zu sein, konnte ich nicht widerstehen.

Am 6. Oktober treffe ich aus München kommend in Melbourne ein. Die von zahlreichen Bürohochhäusern geprägte Hauptstadt des Bundesstaates Victoria liegt im Südosten Australiens am Yarra River und ist mit 4,25 Millionen Einwohnern nach Sydney die zweitgrößte Stadt des fünften Kontinents. Hier leben viele Einwanderer britischer, chinesischer, italienischer griechischer, irischer, serbischer, kroatischer und vietnamesischer Herkunft. 1956 fanden in Melbourne die Olympischen Sommerspiele statt.

 

Around the Bay

 

Mein Doppel-Training Rad + Laufen verlief bisher besser als erwartet, mit sporadischen Schmerzen, aber ohne echte Verletzung. In Melbourne leiht mir ein weiterer Freund sein Fahrrad aus, das ich mit meiner eigenen Tretlageanpassung aufbaue. Alles OK! Am 11. Oktober geht es dann “Around the Bay”, wobei ich mich für die längste Strecke von 250 km angemeldet habe. Um 5:30 Uhr erreichen Pauls Frau Kathy und ich die Westgate Bridge im Zentrum von Melbourne, ohne die offizielle Startlinie zu passieren, da dies für mich mit meiner Behinderung zu gefährlich wäre. Leider führt das auch dazu, dass mein Ergebnis nicht offiziell gewertet werden kann. Aber Sicherheit geht vor!

Beim ersten Tageslicht nach 55 km ist absehbar, dass das Wetter ganz angenehm wird. Der bei Radfahrern berüchtigte Wind um die Bucht von Melbourne bleibt uns diesmal erspart. Mit der Fähre trete ich um 12:00 Uhr die 45-minütige Überfahrt von Queenscliffe in Richtung Bucht von Melbourne an. Rennfahrerin Kathy hat sich bei km 70 mit einer schnellen Gruppe abgesetzt und eine frühere Fähre erwischt.

Bis 13:30 Uhr bin ich wieder unterwegs in Richtung Melbourne an der Ostseite der Bucht. Hier geht es hauptsächlich an der schönen Küste entlang, ganz im Gegensatz zur Westseite bis Queenscliffe, wo die Strecke meist im Hinterland durch viele lange und eintönige Straßen führt. Auf den letzten 100 km entlang der Ostseite kann ich oft im Windschatten fahren, da ich jetzt etliche langsamere Radler eingeholt habe, die auf der 210-km-Strecke unterwegs sind. Der gefürchtete Berg St. Martha’s Mount kommt und geht; war das wirklich ein Berg? Mit meiner Alpenerfahrung bin ich anderes gewohnt. Um 16:40 Uhr erreiche ich das Ziel mitten in Melbourne in St. Alexandra Gardens, wo beste Stimmung herrscht und natürlich ein Belohnungsbier wartet.

 

Der Marathon

 

Nun bleiben noch sieben Tage bis zum Laufmarathon, bei dem ich wesentlich mehr Bedenken habe. Von Anfang an war klar, dass ich diesmal wohl länger benötigen würde als meine bisher langsamste Zeit von 3:34 Stunden. Am Montag fliege ich nach Mount Gambier, 400 km westlich von Melbourne, wo ich vier Tage mit Erholung und leichtem Training verbringe. Mit dem dort lebenden Freund Craig, einem beinamputierten Radfahrer, ist entspanntes Radeln angesagt.

 
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Am Freitag hole ich im Melbourne Cricket Ground (MCG) meine Startunterlagen ab. Das Riesenstadion fasst 80.000 Zuschauer und wird bei Bedarf nicht nur für Cricket-, sondern auch für Rugby- und Fußballveranstaltungen genutzt. Es liegt mitten im Melbourne Park, einem sehr großen Gelände, auf dem sich auch die Rod-Laver-Tennisarena, die Hisense Arena für australischen Fußball und weitere Sportstätten befinden.

Der Melbourne Marathon wird seit 1978 jedes Jahr durchgeführt; zur 30. Auflage anno 2007 legte man einen neuen, flachen Kurs mit Start und Ziel beim MCG fest. Das Melbourne Marathon Festival umfasst außerdem Läufe über 21,2, 10 und 5,7 km sowie einen Rollstuhl-Marathon, Beim letzten lockeren Trainingslauf verspüre ich nach einem Kilometer plötzlich Schmerzen im rechten (gesunden) Oberschenkel. Ich behandele mich selbst zu Hause, verbringe den Samstag mit Faulenzen und kann nur hoffen, dass die Schmerzen schnell verschwinden.  

Ausgerechnet am Tag des Marathons verkehren wegen Wartungsarbeiten keine Züge auf meiner Strecke von Brighton nach Melbourne. Paul bringt mich freundlicherweise im Auto zum Start neben dem MCG. Es dauert, bis ich die Stelle für die Taschenabgabe im Untergeschoss gefunden habe, sodass ich den Start kurz vor 7:00 Uhr mit gerade mal vier Minuten Spielraum erreiche. Ich stehe weit hinten und versuche gar nicht, mich vorne einzuordnen, da sich dies bei meiner aktuellen Form nicht lohnt. Nach dem gemeinsamen Countdown laufen die Führenden los; ich überquere die Startlinie erst nach drei Minuten. Über Lautsprecher ist zu hören, dass rund 7.000 Läufer auf die Strecke gehen. Ins Ziel kommen davon später 6.041. Der älteste Mann zählt 87, die älteste Frau 73 und die jüngsten Teilnehmer 18 Jahre.

Auf dem ersten Kilometer ist der Weg oft blockiert und ich komme dementsprechend nur langsam voran. Wir passieren den Bahnhof Flinders Street, wichtigster Nahverkehrsknotenpunkt, Kulturdenkmal und eines der baulichen Wahrzeichen Melbournes. Schon fängt mein rechter Oberschenkel wieder an zu rebellieren. Dieser Marathon ist mein siebter, und bis jetzt habe ich immer durchgehalten und bin auch noch nie gegangen.

Ein weiterer Freund, Alan, will mich nach 9 km anfeuern. Wenigstens diesen Punkt möchte ich laufend erreichen. Die Strecke führt auf den ersten paar Kilometern aus der Stadtmitte von Melbourne hinaus in südliche Richtung durch den Yarra Park bis zur St. Kilda Road und um einen kleinen See namens Albert Park Lake. Die Temperatur beträgt anfangs angenehme 15 °C bei für Melbourner Verhältnisse ruhigem Wind. Diese optimalen Bedingungen muss ich ausnutzen! Der Oberschenkel bleibt schmerzhaft aber stabil bei meinem lockeren Tempo von ca. 5:25 min/km. Am Ufer des Albert Park Lake an einer der vielen “rest areas” kann ich Alan begrüßen und muss nach einer kurzen Erfrischungspause mit Energy-Gel und Wasser in Richtung Melbourne-Bay-Ufer weiter laufen. An den Kreuzungen feuern uns viele Zuschauer an, insbesondere in St. Kilda West, dem Herzen der Strecke. Auf vielen anderen Abschnitten ist leider weniger los.

 
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Nach 13 km geht es an der Bucht entlang auf dem Beaconsfield Drive in Richtung Stadt zurück, bis zum Wendepunkt nach 17 km. Hier kann ich die führenden Läufer auf der anderen Seite der Straße bewundern, ein paar Meter weiter jenseits der Straße lockt das herrlich blaue Wasser der Melbourne Bay. Schön wäre es jetzt, hinein zu springen, aber ich habe andere Pläne. Am Wendepunkt auf der Beach Street sind meine Schmerzen und mein Tempo noch stabil. Ich hoffe jetzt, dass ich wenigstens die Hälfte der Strecke durchhalten werde.

Ungefähr 9 km laufen wir in Richtung Süden das Buchtufer entlang, an der St. Kilda Marina und dem Elwood Sailing Club vorbei bis zum nächsten Wendepunkt am südlichen Ende der Strecke. Die Aussicht über die Bucht ist herrlich. Ich erreiche die Halbmarathonmarke nach 1 Std. 55 Minuten und kann nur hoffen, dass mein Körper auch auf der zweiten Hälfte mitspielt. Bei der nächsten Verpflegungsstation lege ich wieder eine kurze Pause ein, um noch ein Energy-Gel und Wasser zu nehmen. Ich muss zum Essen grundsätzlich anhalten, da ich sonst wegen der Gehhilfen keine Hand frei habe.

Einige Läufer haben sich verkleidet. Unter anderem ist eine ganze Mannschaft von “Engeln” in kurzen und ausgepolsterten Röckchen unterwegs. Auch ein “Kellner” in schwarzem Anzug und Krawatte läuft mit. Das weiße Hemd wirkt allerdings sehr verschwitzt, was den Vorstellungen der Gäste in einem edlen Restaurant nicht ganz entsprechen dürfte!

Bei km 29 endlich Toilettenhäuschen, leider mit einer Warteschlange, die mich um drei Minuten zurückwirft. Endlich geht es weiter, zurück nach Melbourne und leider mit wachsenden Schmerzen. Ab km 32 weiß ich, dass ich bis ins Ziel die Zähne zusammenbeißen muss. Es ist hart. Die Temperatur steigt auf vielleicht 18°C, immer noch ganz angenehm für einen Marathon. In dieser Phase hat sich das Teilnehmerfeld etwas auseinandergezogen, sodass ich problemlos mit den Gehhilfen laufen kann, ohne von anderen gefährdet zu werden oder selbst andere Läufer zu behindern. Viele Mitstreiter beglückwünschen mich zum bereits Geleisteten und feuern mich an: Bei den zunehmenden Schmerzen ist das für mich eine echte Unterstützung!

Zum Ziel zurück geht es im Wesentlichen entlang der St. Kilda Road. Für mich die reinste Hölle, denn Kurven und ganz leichtes Gefälle erscheinen mir in meinem Zustand unerträglich. Bergauf hält sich der Schmerz noch in Grenzen. Bei km 37 spielt meine Endzeit keine Rolle mehr, wichtig ist jetzt nur, das Ziel zu erreichen. Also kurz anhalten und das Bein dehnen, während etliche Läufer, die ich vorher mit Mühe überholt hatte, nun an mir vorbeiziehen. Bei km 39 muss ich wieder halten, um den rechten Oberschenkel erneut zu bearbeiten. Wieder höllische Schmerzen, wieder wenig Erfolg, wieder weiter laufen!

Inzwischen haben mich die 4-Stunden-Pacemaker überholt, gefolgt von einer großen Gruppe von Läufern, die noch ganz locker wirken. Da nützt mir auch ein kleiner Spurt nichts, um wieder zu ihnen aufzuschließen. Es ist nun klar, dass ich mehr als 4 Stunden benötigen werde. Warum kann das Ziel nicht einfach zu mir kommen? Noch eine Pause bei km 40, um meine Schmerzen zu lindern. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreiche ich endlich den Melbourne Cricket Ground. Ich freue mich riesig, in so ein berühmtes Stadion einzulaufen, wie auch schon beim Marathon in München. Das motiviert auf den letzten Metern. Leider ist noch eine ganze Runde zu absolvieren. Dann pure Erleichterung! Ziel nach 4:02:13 erreicht! Melbourne-Doppel geschafft!

 
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Meine Fortbewegung hinter der Ziellinie gestaltet sich äußerst schwierig; der angebotene Rollstuhl ist bei meinen Hüftproblemen keine Option. Also auf Anraten der freundlichen Helferin gleich zur Massage, wo ich netterweise bevorzugt behandelt werde. Vielen Dank dafür, liebe Freunde in Melbourne! Nach der Gepäckabholung gelange ich mit einiger Mühe ins Stadion zurück, um das MCG von innen zu bewundern und zu fotografieren. Auf der Tribüne an der Zielgeraden viele Zuschauer, mit Abstand mehr als bei meinen sechs früheren Marathons. Sogar das Ziel in London war schwächer “besetzt”, obwohl an der Strecke extrem viel los war.

Ich verlasse sehr langsam das Stadion, um mit dem Zug und Ersatzbus nach Brighton zurückzukehren. Nach einem guten australischen Bier und einem leckeren “roast pork and crackling”-Lunch kommt mit der Dusche die erste richtige Erholung.

“Einige Idioten machen beide mit!” Bei den Melbourne-Marathons herrschten – gesundheitliche Probleme hin oder her - optimale äußere Bedingungen, wofür ich dem Wettergott dankbar bin. Dank natürlich auch an meine Melbourner Freunde Paul (ehemaliger Senioren-Vizeweltmeister über 800 m) und Kathy für die Unterkunft und tatkräftige Unterstützung.

Die Schmerzen unterwegs haben mich übrigens in dem Entschluss bestärkt, den Marathon-Ruhestand künftig ernst zu nehmen. Wettkämpfe bis zur Halbmarathon-Distanz  möchte ich aber weiterhin bestreiten, zumindest im kommenden Jahr aber dem Radsport den Vorrang geben.

 

 

Ergebnisse

 

Männer

1.    Brad Milosevic (AUS) 2:15:59
2.    Antony Ndungu Mugo 2:18:39
3.    Felix Kipkorir Kangogo 2:19:22

Frauen

1.    Jessica Trengove (AUS) 2:27:45 (Olympianorm für Rio)
2.    Lydia O´Donnell 2:39:01
3.    Makda Harun Haji 2:40:37

 

Statistik aus der Internet-Site nach dem Marathon:

Luftfeuchtigkeit:            64%
Durchschnittliche Temperatur:    14 GradC
Wind:                    9,0 kph
Finisher:                6.041 M + W
Meine Zeit:                4:02:13
Meine Position:            2.977 insgesamt, 2.392 (Männer)
Mein Tempo:                10,45 kph

 


 

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