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Laufberichte

Marathon in Pilsen: Rund um den Bolevec-See

20.12.14

21 Marathons im Kalenderjahr sind genug für mich. Mit dem Málaga-Marathon Anfang Dezember hatte ich meine Laufziele für heuer erreicht. Da entdeckte ich beim Stöbern in Internet eine Veranstaltung in Pilsen. Drei Fahrstunden von Linz, am Samstag vor Weihnachten, das wäre machbar. Dann werden es heuer also 22 Marathons, wer hätte das gedacht?

Weil von Wullowitz nach Pilsen keine Autobahn führt, brauche ich dahin auch kein tschechisches Autobahnpickerl. Um halb 10 sind Ewald und ich am Bolevec-See im Norden von Pilsen. Zur Übernahme der Startnummer bzw. um sich nachzumelden, hat sich eine Menschenschlange gebildet. Startgeld: CZK 400,- oder € 16,- für den Marathon.

Neben einem 10km-Lauf und dem Marathon wird auch ein Halbmarathon stattfinden. Eine Seerunde beträgt etwas mehr als 3,2km. Die Marathonis haben diese Runde 13x zu laufen und zu Beginn zusätzlich 205m.

Ing. Vlastimil Šroubek, selbst erfolgreicher Marathonläufer, ist der Renndirektor. Gut, dass er deutsch versteht, er erklärt Ewald und mir das Startprozedere: Halbmarathonis und Marathonis starten an derselben Stelle, nur dass die Halbmarathonis in Gegenrichtung starten und nach ein paar 100m umdrehen müssen.

 
© marathon4you.de 12 Bilder

Es hat +4°C, vor allem aber ist es furchtbar windig. Das Zelt der Organisation ist an der Dachgalerie eines Škoda Octavia festgezurrt, sonst hätte es längst der Wind geholt. Alle sind ziemlich froh, als mit einiger Verzögerung die Rennen gestartet werden. 26 nehmen den Marathon in Angriff und eilen los, um schnell auf Betriebstemperatur zu sein. Am Campingplatz vorbei kommen wir nach 205m zum Parkplatz und zur Kontrollstelle. Hier wird von jedem Marathoni 12x eine Zwischenzeit genommen. Die Runde um den fast rechteckigen See wird gegen den Uhrzeigersinn gelaufen.

Wir biegen ein auf das südliche Längsufer. Es ist ein gepflasterter Geh- und Radweg, nicht ganz plan verlegt. Auf der rechten Straßenseite werden Christbäume verkauft.  5:10 brauche ich für den ersten km.

Links, der Belag wechselt auf frischen Asphalt, ein kurzer Damm. Links der See, die Gaststätte hat Winterpause, es geht leicht bergab, wieder nach links. Nun geht es eine bewaldete Böschung rauf. Wenn man über den See blickt, sieht man im Hintergrund die hohen, bunt gestrichenen Wohnhäuser vom Pilsener Stadtteil Malý Bolevec, beleuchtet von der tief stehenden Sonne. Kurz bevor es nach einem abermaligem Linksknick aufs längsseitige Nordufer geht, erwischt uns der Wind ziemlich heftig. Ich gratuliere mir zu meiner Entscheidung, mit Sturmhaube zu laufen und mit 4 Lagen am Oberkörper, eine davon mit langen Ärmeln. Die lange Hose und die Handschuhe sind für mich unverzichtbar.

Nun ein kurzer Damm, beidseitig Wasser, km2. Starker Wind von links vorne, dazu ein leichter Anstieg, das Schilf biegt sich im Wind. Teufel, ist es da ungemütlich. Weiter, rechts ein Kiefernwald. Die paar Bäume zwischen mir und dem See bieten kaum einen Windschutz, dann eine freie Fläche und der Wind kommt direkt von vorne. Und was für einer! Worauf habe ich mich da eingelassen?

Der Weg – frischer Asphalt – mäandert zwischen den Bäumen durch, dick vermummte Spaziergänger mit Kinderwagen begegnen mir. Immer wieder gibt es hier leichte Anstiege und leichtes Gefälle. Ich komme zu einem Bewegungs-Spielplatz für Erwachsene, die ganze Anlage sieht ziemlich neu aus. Hier führt der Weg vom Ufer weg, so gibt es auch etwas Schutz vor dem Wind. Nach dem nächsten Linksknick hat man wegen einer Bretterwand vor dem Wind erst einmal Ruhe. Ich schnaufe durch.

Ein leichter Anstieg, dann wird der Asphalt bröckelig. Hier bin ich vor 17min gestartet. Jetzt sind es noch 205m, meine erste Zwischenzeit wird notiert, noch 12 Runden.

Der Streckenposten spricht mich an, glaube ich. Das hört sich ungefähr so an:
„Sto osmdesát tři“. Wie sich im Laufe der nächsten Runden herausstellt, sagt der „183“, das ist meine Startnummer, und die Zeit. So weiß die Dame mit der Tabelle, für wen sie die Zeit eintragen soll. Nach dem Parkplatz droht eine Dame in Silber vor mir – Renata – in eine Sackgasse abzubiegen. Zwei schrille Pfiffe von mir bringen sie wieder auf Kurs, sie dreht sich um und bedankt sich. Abschneiden kann man auf dem Kurs nirgends, die Strecke ist die kürzeste Runde um den See. Es bedarf daher auch keiner weiteren Streckenposten.

Beim zweiten Durchlauf hoffe ich auf Getränke, mittlerweile habe ich 6,6km absolviert. Ja, nun gibt es warmen Tee und Multivitaminsäfte. Leider schlecht eingeschenkt, ich muss nachfüllen lassen. Heißer Tee wird mit dem Schöpflöffel erst dann eingefüllt, wenn akuter Bedarf ist, sonst würde der inzwischen kalt werden. Ich habe in Bad Füssing schon Teebecher mit Eisschicht an der Labestelle stehen sehen, wann gar zu viel vorbereitet worden ist.

Bald setzen die ersten Überrundungen ein. Irgendwann ist auch Ewald dabei, er macht den Halbmarathon und wird nicht allzu lange unterwegs sein. Nein, mir geht es gar nicht gut, ich habe schwere Beine, eigentlich schon vom Start weg. Und der wellige Boden macht es nicht leichter. Nie ist es sehr steil, aber es geht nahezu andauernd etwas rauf oder runter. Rauf vor allem im Streckenabschnitt mit dem Gegenwind.

Kalt ist mir nicht, aber der Wind ist zermürbend. Längst scheint die Sonne nicht mehr. Im Gegenteil, es sieht jetzt aus, als könnte es jederzeit zu regnen beginnen. Auch ohne Regen ist meine Moral am Boden. Als ich zum sechsten Mal ins Gegenwindstück einschwenke, erfasst mich eine Windböe, dass ich kaum mehr vorwärts komme. Ich bin drauf und dran
alles hinzuschmeißen, aber hier bin ich so ziemlich am entlegensten Streckenabschnitt. Bis zum Parkplatz muss ich so und so und einen Halbmarathon will ich mindestens machen. Wenn ich stehen bleibe, verkühle ich mich noch, also weiter.

Als ich zur Labestelle = Kontrollstelle komme, ist Ewald mit seinem Halbmarathon fertig und hat es sich in meinem Auto bequem gemacht. Ich blicke auf die Uhr: so schlecht ist meine  Zeit gar nicht, die erste Hälfte werde ich in etwa mit 10km/h Durchschnittstempo schaffen. Mit 2h06:48 geht sich das fast auf die Sekunde genau aus, wie ich zwei km später auf meinem Laufcomputer sehe. Beim nächsten Mal finde ich den Gegenwind nicht mehr ganz so arg wie vorhin. Aufgeben ist meine Sache nicht. Ich bin noch alle meine Rennen zu Ende gelaufen. Und ich fahre doch nicht 480km und komme ohne Ergebnis nach Hause!

Zumal die anderen Läufer auch durchwegs Multimarathonis sind. Wer sonst tut sich am letzten Adventwochenende bei diesen Verhältnissen einen kleinen Vereins-Marathon an? Ein paar der Tschechen kenne ich mittlerweile persönlich, es ist ja nicht mein erster Marathon in CZ mit wenigen Teilnehmern. Die Läufer werden weniger, die Autos am Parkplatz auch. Die 10km-Läufer und die Halbmarathonis haben ihre Rennen beendet.

23km habe ich geschafft, noch 6 Runden. Mittlerweile wird mir viel čaj eingeschenkt, man kennt nun meinen Flüssigkeitsbedarf. Ein Blick zu meinem Auto, Ewald ist nicht zu sehen.
Die silberne Renata sehe ich nun vor mir. Wir grüßen uns, als ich sie überhole. Sie läuft nun ohne Kopfbedeckung, das wäre mir zu kalt. Ihre blonden Haare mit der pink-farbenen Strähne wehen im Wind. Eine halbe Runde später überholt sie mich, wir grüßen uns wieder. Miroslav Vostrý aus Kladno überrundet mich irgendwann mit seinem unvergleichlichen Laufstil. Bei jedem meiner insgesamt 11 Marathons, die ich in Tschechien und der Slowakei gelaufen bin, war der auch dabei. Er spricht nur tschechisch, ich gar nicht. Ich komme wieder an Renata vorbei, mittlerweile sind wir beim vertrauten „Ciao!“
 
Die Spaziergeher rund um den See sind mehr geworden, für die meisten wohl ein Verdauungsspaziergang. Ich hingegen stärke mich mit einem Beutelchen Power-Gel und picksüßem, heißem Tee. Dazu ein Stück Brioche mit Nutella oder so etwas Ähnlichem drauf.

Die Christbäume finden reißenden Absatz. Ab und zu weht eine Rauchfahne vom Feuer aus dem 200-l-Fass herüber welches die Verkäufer zum Händewärmen unterhalten. Der Wind transportiert den Rauch schnellstens waagrecht ab.

Für 29km habe ich genau 3 Stunden gebraucht, mühsam ist es. Der Wind weht unvermindert. Hunde in allen Größen werden äußerln geführt. Unter 4h30 wird es sich heute eher nicht ausgehen. Das Rennen heute ist wahrlich nichts für Anfänger. Immer wieder werde ich überholt, aber nicht nur. Hin und wieder bin es sogar ich, der überholt. 
Bei km34 nehme ich mein zweites Power-Gel und spüle es mit dem letzten Schluck aus meiner Iso-Flasche runter, nun habe ich die Hände frei. Einem jungen Pärchen begegne ich mehrmals, jedes Mal an anderer Stelle.

Wenig später kommt mir Ewald laufend entgegen. Er hat im Auto geschlafen und will noch ein paar km laufen. Gerne nehme ich sein Angebot an, mich zu begleiten. Siehe da, die Runde mit ihm geht gleich um 2min schneller als jene zuvor. Renata hat nun keine Chance mehr gegen mich!

Im widrigen Gegenwindbereich müssen wir uns durch eine Gruppe aus etwa 30 Personen kämpfen, die wir von hinten aufrollen. Die glauben wohl, sie sind alleine hier!

Bei km39 sind wir uns alle einig, ich habe noch eine Runde zu laufen. Zur Stärkung nehme ich noch einen Becher Tee. Unter 4h30 wird es sich doch ausgehen. Locker sogar, wie ich jetzt sehe. Gut, wenn ich endlich aus dieser Nummer raus bin. Je früher desto lieber, ich kann es kaum erwarten. Die Christbäume sind in den letzten vier Stunden erkennbar weniger geworden: Ein Polizeiauto fährt langsam Patrouille. Ich absolviere die 13. und letzte Runde relativ zügig. Ein letztes Mal präsentiere ich meine Startnummer und bin im Ziel. Mit Handschlag werde ich begrüßt, ich bekomme noch Obst mit auf den Weg, ein Foto wird gemacht und ich bekomme eine schöne Glasmedaille in einer dunkelblau ausgelegten Schatulle. Was für ein Aufwand für nur 26 Finisher, 2 Damen und 24 Herren.
 
4h27:17, noch sind nicht alle da. Als ich mir trockene Sachen anziehe, kommt Renata zufrieden ins Ziel. Ich bin auch zufrieden. Mein Bedarf an Marathons ist vorerst gedeckt.

Auf der Ergebnisliste erkennbar:
Alle Marathonstarter sind ins Ziel gekommen, 100% Ankunftsquote, beachtlich!

Auf die wunderschöne Altstadt Pilsens hatten wir diesmal keine Lust. Ich war zuletzt vor zwei Jahren da, sehr sehenswert, u.a. steht da die zweitgrößte Synagoge Europas!

Ach ja: Pilsen ist 2015 Europäische Kulturhauptstadt. Und dass von hier das berühmte Pilsner Urquell kommt, erwähne ich nur der Form halber. Das weiß ja jeder.

 


 

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