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Laufberichte

Le Grand Raid de La Reunion

26.10.03

Le Grand Raid de La Reunion - 24., 25. und 26. Oktober 2003 - der härteste Berglauf der Welt

 

VORWORT

 

"Wie kannst Du wissen, wann es genug ist, wenn Du nicht weißt, wann es mehr als genug ist?"

 

"Das Schiff im Hafen ist sicher, aber dafür wurde es nicht gemacht!"

 

Diesen Spruch habe ich irgendwann einmal irgendwo in einer Läuferzeitschrift gelesen und ich denke, dass er ideal zu diesem Bergrennen passt. Im Herbst 2001 bin ich erstmals durch einen Bericht von Stefan Schlett im Laufmagazin "Running" auf diesen Abenteuerlauf aufmerksam geworden, war auf Anhieb fasziniert und vom Wunsch beseelt, ihn zu machen.

 

WISSENSWERTES ÜBER DIE INSEL

 

La Reunion ist eine Insel im Indischen Ozean östlich von Madagaskar gelegen und ist französisches Überseedepartement (La France outre mer). Die etwas mehr als 700.000 Einwohner leben zu über 95 % am tropischen Küstenstreifen. Die Hauptstadt St. Denis zählt über 120.000 Einwohner und liegt an der Nord­küste. Das Landesinnere, das aus hohen Bergen mit zum Teil aktiven Vulkanen (der höchste davon ist der Piton des Neiges mit 3.070 m ü.M.) und gewaltigen tiefeingeschnittenen Gebirgskesseln besteht, ist größtenteils menschenleer.

 

Außer arktischem und subarktischem Klima sind hier alle Klimazonen existent. Vom tropischen Urwald bis zu Almen, auf denen rotbunte Oldenburger Rinder grasen, ist hier alles vertreten.

 

Drei Viertel der Bevölkerung sind Mischlinge, die zum Teil aus Ostafrika, Madagaskar, den Komoren, Südarabien, Südindien, Indochina und China stammen und deren Vorfahren vor ca. 200 bis 300 Jahren eingewandert waren. Das restliche Viertel sind Weiße und alle sind französische Staatsbürger. Im Gegensatz zu Korsika sind Unabhängigkeitsbestrebungen unbekannt. Dies ist nicht verwunderlich, da Frankreich hohe Transferzahlungen leistet. So gibt es hier beispielsweise die besten und teuersten Straßen Frankreichs.

 

Das Bruttosozialprodukt wird erwirtschaftet von der Landwirtschaft (Vanille, Zuckerrohr, alle möglichen tropischen Früchte), dem Hochseefischfang (der Fang wird hauptsächlich nach Japan verkauft) und Fabrikations- und Gewerbe­betrieben in bescheidenem Rahmen. Der Tourismus spielt eine bedeutende Rolle. In der Hauptsache sind es Wanderer die ihren Urlaub hier verbringen.

 

An wenigen Stellen am Westteil der Insel besteht auch die Möglichkeit eines Badeurlaubs.

 

Über 30 % der Inselbewohner sind arbeitslos und beziehen Transferleistungen aus Paris in gleicher Höhe wie die Arbeitslosen im Mutterland.

 

Der Lebensstandard ist vergleichbar mit dem in Frankreich. Die Bezahlung erfolgt in Euro.

 

Direktflüge gibt es von Paris-Orly mit den Fluggesellschaften Air France, Air Corsaire, Air Bourbon und Air Austral. Der Preis für Hin- und Rückflug liegt zwischen 600 und 900 €.

 

DER WEG ZUM START

 

Am 23. Oktober, gegen 23.00 Uhr besteigen wir, das sind Dr. Hubertus Richter aus Erfurt, 59 Jahre, Björn Lindner aus Köln, 28 Jahre und ich, 58 Jahre (wir haben uns tags zuvor zufällig auf der Straße in St. Denis kennen gelernt) in der Avenue du Barachois einen der drei Reisebusse, die von der Rennorganisation eigens für die Grand-Raid-Teilnehmer zur Fahrt zum Start nach St. Joseph am Cap Mechant an der Südspitze der Insel gechartert wurden. Viele Franzosen sind dabei, jedoch die Mehrzahl der Passagiere besteht aus Einheimischen jeglicher Couleur. Lautstark ertönt Creole-Rock aus dem Bus-Radio und alle sind in aufgekratzter Stimmung.

 

Kurze Zeit später beginnt die Fahrt, die etwa alle 10 Minuten unterbrochen wird, um unterwegs weitere Teilnehmer (vor allem Einheimische) aufzunehmen. Ich höre aus der Unterhaltung der einheimischen Mitfahrer, dass die meisten von ihnen den Raid schon mehrmals gemacht haben. Da ich den Tag zuvor in weiser Voraussicht größtenteils ruhenderweise im Bett verbracht habe, bin ich jetzt trotz mitternächtlicher Stunde glockenwach. Auch die wachsende innere Anspannung trägt sicherlich dazu bei.

 

Wir passieren viele Ortschaften, gesäumt von Kokospalmen und anderen, mir leider unbekannten tropischen Bäumen und Sträuchern. Und immer wieder besteigen weitere Raid-Teilnehmer den Bus.

 

Gegen 02.30 Uhr sind wir am Ziel. Es ist ein Stadion in etwa auf Meereshöhe und wird mit Flutlicht gleißend hell beleuchtet. Eine Creole-Rock-Gruppe heizt den Läufern so richtig ein. Ich denke, die Lautstärke dürfte drei bis vier Mal heftiger sein als bei unseren Open-Air-Veranstaltungen. Ein Mädchen, die eine Gesichtshälfte schwanenweiß und die andere kohlrabenschwarz bemalt, tanzt auf 3 m hohen Stelzen zwischen den Läufern vor der Bühne. Jetzt fängt es an stark zu regnen und es ist recht kühl.

 

Wir müssen uns jetzt einer Rucksackkontrolle unterziehen. Die Organisation will sehen, ob auch wirklich alle Pflichtgegenstände, wie Lampen mit Ersatzbatterien, Überlebensdecke, Trillerpfeife, Wasserflasche etc. sich im Gepäck befinden. Das OK wirt erteilt, indem die Startnummer eingescannt wird.

 

In einem Zelt stehen Speisen bereit, wie Weißbrot mit Butter und Marmelade, Croissants, Rosinen, Schokolade, Tee, Kaffee, Obst und vieles mehr.

Die Wartezeit vergeht trotz strömendem Regen wie im Flug. Man sieht viele verwegene Gestalten beiderlei Geschlechts.

 

Björn und ich begeben uns jetzt in Startposition. Hubertus ist schon einige Minuten vorher aufgebrochen und steht mehrere Meter vor uns in dem großen Starterhaufen. Nun hält der Renndirektor eine Rede, wovon ich allerdings fast nichts verstehe, da viel zu schnell gesprochen wird. Dass das Rennen mit einer viertelstündigen Verspätung beginnt, kann ich jedoch heraushören.

 

DAS ABENTEUER BEGINNT

 

04.15 Uhr fällt ein Pistolenschuss und eine Großherde von über 2.700 erwartungsfrohen, nicht alltäglichen Menschen beiderlei Geschlechts im Alter von 18 bis 71 Jahren, setzt sich im Stadion in Bewegung. 2.400 laufen den Grand-Raid, 500 den Semi-Raid, also die Hälfte. Unter dem Triumphbogen, bestehend aus Luft und Plastik mit der Aufschrift "Depart", nimmt das Große Rennen jetzt seinen Anfang.

 

Björn und ich starten im letzten Drittel und können nur langsam marschieren, da es immer wieder zu Rückstaus kommt. Nach ca. 1 bis 1,5 km normalisiert sich allmählich das Läuferfeld und wir beginnen mit leichtem Traben. Wir laufen etwa 5 km ebenerdig auf einer schmalen Teerstraße. Überall sind trotz der späten Nacht oder des frühen morgens Zuschauer unterwegs, die applaudieren und "bon courage" rufen. Wie bei allen Massenveranstaltungen gibt es auch hier wieder Läufer, die slalomartig überholen. Es regnet jetzt nicht mehr.

 

Es stehen uns 130 km mit 8.000 Höhenmetern rauf und runter in schwierigstem Gelände und in allen möglichen Klimazonen bevor. Es ist die Energie erforder­lich, um 3 Stadtmarathons am Stück zu laufen. Diese Slalomisten sind die Überverrückten. Les Superfous.

 

Nach 5 km steigt nun der Weg steil an. Er ist immer noch geteert und führt serpentinartig in Richtung Foc-Foc, einem im Moment ruhenden Vulkan. Sofort nach Beginn der Steigung beginnen wir mit schnellem Gehen und Björn lässt in seinem jugendlichen Überschwang verlauten, dass dies ja gegenwärtig nichts anderes wäre, als eine Sonntagswanderung im Sauerland. "Ja, aber es wird mit Sicherheit so nicht bleiben", gebe ich ihm zu verstehen.

 

Mindestens 5 km geht es jetzt auf besten Feldwirtschaftswegen nach oben und es wird innerhalb weniger Minuten hell. Hinter einer Kurve geraten wir in einen großen Läuferstau. Hier gibt es zu trinken und man kann seine Wasserflasche auffüllen. Außerdem wird die Startnummer gelocht. Der Feldwirtschaftsweg ist hier zu Ende und es beginnt nun der wirkliche Grand Raid.

 

Nach 15minütiger Wartezeit sind wir nun an der Reihe, den wilden Bergpfad zu erklimmen. Er führt steil nach oben und stellt eigentlich ein ausgetrocknetes Bachbett dar, das durch dichtesten tropischen Dschungel führt. Jeder Schritt muss in Bruchteilen von Sekunden vorher durchdacht werden. Man springt von Stein zu Stein über glitschige Vulkanerde. Die Steine sind extrem scharfkantig, doch glücklicherweise alle fest. Das Läuferfeld ist immer noch dicht zusammen und man wird regelrecht nach vorne gedrängt.

 

Wo es geht, weiche ich von Zeit zu Zeit ins Gebüsch aus, um die schlimmsten Drängler vorbei zu lassen. Eine davon ist eine junge Frau mit einem Holzstock in walpurgisnachtüblicher Körperhaltung. Auch Björn ist sie aufgefallen. Wir merken uns ihre Start­nummer, denn wir wollen wissen, ob sie es wirklich schafft (und sie hat es geschafft - sie kam ca. 45 Minuten vor mir ins Ziel).

 

Das Rennen hat auch noch einen weiteren Namen: La diagonale des fous (Die Diagonale der Verrückten). Da ist sicherlich was dran, denke ich. Denn gerade vor mir geht ein ziemlich kräftig gebauter Semi-Raider, was an der Startnummer erkennbar ist. Er läuft mit ganz normalen Sandalen (eher Badeschlappen), nicht vergleichbar mit den hochwertigen Läufersandalen des allbekannten Ultraläufers Bernd Seitz . An beiden Füßen hat er bereits blutende Schürfwunden. Neben dem Pfad setzt er sich gerade auf einen großen Fels. Ich habe ihn nicht wieder gesehen...

 

Etwas abseits vom Pfad, ebenfalls auf Felsen hockend, verbringe auch ich ab und zu meine Pausen. Ich entspanne und lasse meine Blicke schweifen auf tief unter mir liegende Dschungelgebiete, die noch darunter liegenden Plantagen und den Indischen Ozean. Der Himmel ist fast wolkenlos und die Sonne brennt auf Gesicht, Arme und Beine. Meine Haut ist gut versorgt mit Sonnenschutzcreme und so bekomme ich nur wenig Sonnenbrand.

 

Ungefähr die halbe Strecke zwischen der Bergspitze, dem Foc-Foc und dem Start ist jetzt geschafft. Ich bin jetzt wieder auf dem sogenannten Pfad und noch immer schlängelt sich der Läuferlindwurm dicht auf dicht den Berg hinauf. Gerade setze ich meinen rechten Fuß auf einen stabilen Stein, als ein drängelnder Überholer mir mit all seinem Gewicht darauf tritt. Ich hatte mir extra für dieses Unternehmen stabile Trailschuhe der Marke Columbia gekauft, die aber nicht verhindern konnten, dass mir die Haut der großen Zehe fast vollständig abgeschürft wurde. Ein wüster Schmerz durchzuckt meinen Körper und ich bin im Moment regelrecht sprachlos ob dieser Unverschämtheit. "Excusez moi" höre ich noch und sehe, wie er mit weit herumfuchtelnden Armen meinen Vordermann ebenso rücksichtslos überholt.

 

Ich schreie ihm ein zwar hilfloses aber lautes "Arschloch" hinterher und überlege, sollte ich ihn an einer Verpflegungsstelle treffen, ob ich ihm ein Glas mit Cola ins Gesicht schütten oder ihm besser gleich einen Kinnhaken verpassen soll.

 

Nach einiger Zeit und weiteren kurzen Pausen ist der Foc-Foc, der erste Berggipfel erreicht. Hier gibt es keine Vegetation mehr und die Erde ist sehr jung; vor wenigen Jahren erst durch einen Vulkanausbruch geschaffen. Am Rande des Vulkans kommt nun eine Verpflegungsstelle, wo ich viel Wasser trinke und Rosinen esse. Meinen Peiniger sehe ich nicht, hätte ihm auch weder Cola ins Gesicht geschüttet, noch einen Kinnhaken versetzt. Zwischenzeitlich habe ich mich wieder abgeregt.

 

Der Trail verläuft jetzt kilometerweit am Kraterrand entlang. Mittlerweile habe ich wieder Kontakt zu Björn und wir joggen langsam auf halbwegs ebenem Gelände weiter. Wir erreichen vor uns die Pleine des Sables, völlig vegetations­los und ich glaube fast wieder beim Marathon des Sables in der Sahara zu sein. Nur dieser Sand wurde nicht aus Felsen geschliffen, sondern er besteht aus Vulkanasche. Mittlerweile sind wieder Wolken dicht über uns und es ist nicht viel wärmer als 20 Grad. Man kann jetzt kilometerweit die Läuferschlange, die sich mittlerweile relativ stark gelichtet hat, sowohl vor als auch hinter mir sehen. Der Weg ist angenehm zu laufen und es geht moderat mal hoch mal runter. Ein problemloses Überholen oder überholt werden ist möglich. Meistens überhole ich und habe Björn hinter mir gelassen.

 

In der Ferne sehe ich wieder einen hohen Berg, wo sich die weit auseinander gezogene Läuferschlange walkend hochbewegt. Die meisten Läufer tragen die weißen Käppis mit Nackenschutz, die uns die Organisation zur Verfügung gestellt hat. Am Berg werde ich wieder langsamer und von vielen überholt. Auf der Bergspitze genehmige ich mir wieder eine Pause und lasse meine Blicke über die Aschewüste, die Pleine des Sables, schweifen. Viele, viele Läufer sind noch hinter mir; das Zeitlimit ist für mich in weiter Ferne und ich genieße das Rennen in vollen Zügen. Ca. 30 km sind geschafft und ich fühle mich jung, leicht und locker. Ich bin sehr froh und stolz hier zu sein.

 

Mit zwei Elsässern aus Straßburg komme ich ins Gespräch und laufe einige Kilometer mit ihnen. Wir unterhalten uns gut, denn Deutsch ist auch ihre Muttersprache, und ich erfahre durch sie, dass es auch einen Korsika-Raid gibt. Er wäre lange nicht so schwer wie der Grand Raid und Korsika ist auch nicht so weit. Eine Idee wird gerade geboren.

 

Mittlerweile laufen wir in einer Gegend mit Grasvegetation. Einzelne Gehöfte kann man in der Ferne erblicken und es kommen eingezäunte Weiden mit Kühen. Wir sind auf der Pleine des Cafres angekommen. Hierher hatten sich während der Sklavenzeit vor 1848 entlaufene Negersklaven geflüchtet. Daher der Name "Kaffernebene". Doch heute leben hier die sogenannten petits blancs, die "kleinen Weißen", deren Vorfahren von der Kolonialverwaltung nicht bevorzugt behandelt wurden. Viel Land liegt brach. Die Landwirtschaft hat also auch hier schon mal bessere Zeiten erlebt. Momentan ist leicht zu laufen. Ich jogge die meiste Zeit, überhole fast nur und komme gut voran. Eine kilometer­lange Betonstraße kommt ins Blickfeld, auf der ich dann, da es mir sehr gut geht, für meine Begriffe schnell, wahrscheinlich zu schnell laufe. Die Marathon­distanz ist mittlerweile überschritten und es ist früher Nachmittag. An einer Verpflegungsstelle stärke ich mich mit Hähnchenfleisch und trinke dazu Malzbier. Immer noch fühle ich mich blendend und denke zum ersten Mal, dass der Raid so schwer doch gar nicht ist. Ich sollte mich gewaltig irren.

 

Weiter geht’s auf steinigen auf und ab führenden Pfaden, die immer öfter durch Umzäunungsleitern unterbrochen werden und dadurch das Rennen nun den Charakter eines Hindernislaufs angenommen hat. Meistens laufe ich alleine und sehe auch weit und breit keine Menschenseele. Das Gelände ist sehr wellig. Der Weg ist durch rot-weiße Banderolen als Grand-Raid-Wegstrecke hervorragend gekennzeichnet. Selten sieht man ein paar weiße Bauern, die mir freundlich zuwinken. Nach etwas mehr als 50 km kommt eine kurze Betonstraße, auf der wieder Rucksackkontrolleure Stichproben bei einigen Läufern vornehmen. Mich lässt man glücklicherweise ohne die lästige Kontrolle passieren. Nach etwa 150 m verlässt die Route des Grand Raids leider wieder die befestigte Straße und geht in einen Pfad über, der wieder mit einem trockenen Gebirgsbachbett vergleichbar ist. Mittlerweile geben die tiefliegenden Wolken eiskalten Nieselregen von sich und der Wind weht spürbar, was mich frösteln lässt. Gott sei Dank habe ich meine Fleece-Jacke im Rucksack, die ich jetzt anziehe und die mich wohlig wärmt.

 

Das Gelände ist jetzt sehr wellig, vergleichbar mit der Gegend um den Mont-Blanc, mit grasenden Kühen auf grünen Wiesen. Unbekannte Büsche und große, bunte Blumen wachsen hier, deren Namen ich nicht kenne, aber in unseren Blumenläden sehr teuer angeboten werden.

 

Zeitweilig müssen immer noch Viehweiden mit Steigleitern überquert werden, was mir immer weniger Freude bereitet, zumal sich der Zustand des Pfades immer mehr verschlechtert. Mittlerweile ist dieses eben erwähnte "Trocken­bachbett" gar nicht mehr so trocken; immer öfter muss ich recht tiefe Wasser­tümpel umgehen. Ständig geht es hoch und wieder runter, wobei die Tendenz mehr nach oben geht.

 

Inzwischen ist es etwa 18.30 Uhr. Es sind jetzt also nur noch maximal 30 Minuten bei Tageslicht zu laufen. Die Weiden lasse ich jetzt hinter mir und befinde mich in einem dichten Buschwald, etwa mit dem Maquis in Süd­frankreich oder auf Korsika vergleichbar. Der Weg wird immer schlechter; wieder muss man von Stein zu Stein hüpfen, die oft bis zu einem halben Meter auseinander liegen. Der Auf- oder Abstieg ist mit Steinen treppenartig angelegt, doch fehlen immer mehrere Stufen. Das Vorwärtsbewegen über eine solche "Piste des Grauens" erfordert unsäglich viel Konzentration und Kraft, die nach den vielen bereits zurückliegenden Stunden spürbar nachlässt.

Der Nieselregen geht in Platzregen über und es wird sehr schnell dunkel.

 

Längere Dämmerungsphasen wie in unseren Breitengraden gibt es hier nicht. Ich laufe jetzt mit meiner LED-Handtaschenlampe, die nur einen beschränkten Lichtkegel erzeugt. Meine Stirntaschenlampe mit großer Batterie befindet sich noch im Rucksack. Sie ähnelt einer Grubenlampe, wie Bergleute sie benutzen und besitzt eine starke Leuchtkraft. Da ich aber nur eine Batterie (ein großer Fehler) dabei habe, will ich diese Lampe erst beim Besteigen des Roche Ecrite (dem letzten der 5 Monsterberge) einsetzen.

 

Relativ schlecht kann ich mit meiner Handtaschenlampe die fürchterlichen Unebenheiten des Weges erkennen. Ich bewege mich äußerst langsam und vorsichtig und werde jetzt ständig von Einzelläufern und Gruppen überholt. Es wird immer kälter und es freut mich, Handschuhe zu besitzen, die ich jetzt anziehen kann. Es würde mich nicht wundern, wenn der Regen in Schnee übergehen würde. Um 2 km zurückzulegen benötige ich jetzt über 1 ½ Stunden.

 

Wieder kommt eine große Senke. Ich springe auf einen Stein und komme erstmals ins Rutschen. Ich lasse mich auf meinen mit Muskulatur gut gepolsterten Hintern fallen und lande in einer ca. 30 cm tiefen Wasserpfütze. Puh, alles ist heil geblieben, nur die Kälte spüre ich jetzt noch intensiver. Immer müder werde ich und vom Hals bis zum kleinen Zeh schmerzt alles. So langsam komme ich dahinter, dass die Bezeichnung Diagonale des Fous (Diagonale der Verrückten) nicht aus der Luft gegriffen ist und sehe mich selbst als Ober­verrückten. Das Laufen macht mir derzeit keine Freude mehr, im Gegenteil, durch die unzureichende Leuchtkraft meiner Lampe habe ich schlechte Sicht und die immer stärker werdende Müdigkeit sowie die Furcht vor weiteren Stürzen lassen mich den Tag verfluchen, an dem mir Stefan Schlett’s Bericht über den Grand Raid in der Läuferzeitschrift "Running" aufgefallen war.

 

Starke Zweifel, ob ich diesen Lauf überhaupt schaffen werde, nehmen von mir Besitz. Ich wehre mich gegen diese schwarzen Gedanken, da ich beim Marathon des Sables im Frühjahr erfahren und durchlebt habe, dass die physischen und psychischen Grenzwerte viel, viel weiter gesteckt sind. Auch habe ich dabei gelernt mit Schmerzen umzugehen. Es ist alles eine Frage der Geduld. Ich habe mich selbst aufs Finishen programmiert und bewege mich roboterhaft weiter. Immer wieder mache ich nach wenigen 100 m Pausen, indem ich mich auf Felsen oder auch auf nassen Erdboden setze und stelle fest, dass es mir tatsächlich neue Kraft bringt.

 

Erneut kommt eine Läufergruppe an mir vorüber. Einer der Läufer stutzt, bleibt stehen: "Hi Bernhard", höre ich. Es ist Björn. Ihm geht es ebenfalls nicht gut. Er meint, er müsse aufgeben. "Ich habe überall furchtbare Schmerzen, das kann so nicht weitergehen", klagt er. Ich gebe ihm zu verstehen, dass wohl keiner hier ohne Schmerzen ist. "Jedem geht es so. Durch dieses Jammertal musst Du durch. Es wird wieder besser werden. Höre auf mich, ich habe Erfahrungen in solchen Grenzsituationen", versuche ich ihn zu beschwichtigen.

 

Endlos erscheint die Zeit bis wir die am höchst gelegene Ravitaillementstelle erreichen. Von weitem schon hören wir Musik. Es ist Rock der sechziger Jahre. Ein großes Lagerfeuer brennt. Ich trinke viel Wasser und esse Rosinen. Auf den angebotenen Rotwein verzichte ich aus begreiflichen Gründen. Die heiße Brühe lasse ich mir jedoch schmecken und sie bekommt mir sehr gut. Mittlerweile sind es 3° plus; es regnet immer noch und der schneidende Wind gaukelt einem Minustemperaturen vor. Aus den Lautsprechern ertönt gerade Jim Morrison, Bandleader der Doors, mit "Riders in Storm" - Wirklich, sehr passend -

 

Björn ist immer noch schlechter Laune; ich versuche ihn zu überreden, sich mit mir eine halbe Stunde vorm Lagerfeuer auszuruhen, um dann gemeinsam den Abstieg nach Cilaos zu wagen. Ich gehe nochmals zum Verpflegungsstand, jedoch als ich zurückkomme, sehe ich Björn nicht mehr. Mehrfach rufe ich seinen Namen, der durch die laute Musik sicher nicht gehört werden kann. Mir kommt die Idee im Sanitätszelt nachzusehen: Oh Gott, hier sieht es aus wie im Krieg, alle Feldbetten sind belegt, teilweise liegen Läufer mit Verbänden und Infusionen leblos danieder. Aber Björn sehe ich nicht...

Es tut mir sehr gut noch ca. eine halbe Stunde vorm Lagerfeuer zu liegen.

 

Mein Optimismus kehrt trotz großer Müdigkeit zurück. Ich will, ich muss das zu Ende bringen, rede ich mir ständig ein. Von hier bis Cilaos sind es nur knapp 8 km und es würde fast nur bergab gehen, also leichter als bisher, erklärt mir ein überaus freundlicher Helfer. Ich höre es wohl, weiß aber vom Streckenplan, dass dies nicht stimmt und verabschiede mich von ihm mit au revoir und er wünscht mir bon courage.

 

Courage habe ich wie alle anderen hier mit Sicherheit in hohem Maße. Sie ist auch unabdingbar, denn wie sich später herausstellen sollte, habe ich jetzt die härtesten Stunden meines bisherigen Läuferlebens vor mir. Von hier oben bis nach Cilaos sind weit über 1.000 Höhenmeter oder besser gesagt Tiefenmeter zu überwinden und das bei einer Entfernung von ca. 8 km. Später lese ich, dass der Ortsname Cilaos aus dem Madegassischen kommt und soviel bedeutet wie: Da geht kein Feigling hin .....

 

Nach 100 m stehe ich an einer Steilwand, die glücklicherweise fast überall von dichtestem Gestrüpp bewachsen ist. Der Pfad beginnt und in der Tiefe sehe ich ein Lichtermeer: Die Stadt Cilaos mit ca. 6.000 Einwohnern. Ich denke, dass es für mich von Vorteil ist, die Strecke in der Dunkelheit in Angriff zu nehmen, denn ich bin nicht frei von Höhenangst.

 

Das Zeitlimit ist für mich in weiter Ferne. Wenn ich das jetzt ganz vorsichtig und langsam durchziehe, werde ich es schaffen, rede ich mir ein. Ich will, ja ich muss es packen; ich bin nicht 12.000 km weit gereist, um wegen einiger Unpässlichkeiten aufzugeben, wenn doch, dann muss es aber ganz dick kommen. Ich würde einigen zu Hause, die absolut der Ansicht sind, dass der Raid nicht zu schaffen ist, Recht geben. Das darf nicht sein!

 

Mit einem lauten "Das muss jetzt gemacht werden" beginne ich den Abstieg. Der Regen hat aufgehört. Mond und Sterne leuchten am Himmel. Bedingt durch die dichte Vegetation bleibt es am Boden jedoch stockdunkel. Der Pfad ist ca. ½ bis 1 m breit und führt sofort steil nach unten. Ganz vorsichtig leuchte ich den Untergrund aus und setze bedächtig meine Schritte von Stein zu Stein. Die Vegetation ist kräftig und gewährt mir Halt an Zweigen und Stämmen aus dem Unterholz. Oft setze ich mich auf den Hintern und rutsche Stellen hinab, wenn die Felsen, die den Füßen Standfestigkeit verleihen, zu weit voneinander entfernt sind. Von Fels zu Fels zu springen, wage ich aufgrund der beschränkten Leuchtkraft meiner Taschenlampe nicht.

 

Hin und wieder werde ich von einzelnen Läufern oder Läufergruppen, die alle über bessere Lampen verfügen, überholt. Bereitwillig mach ich stets Platz. Ich habe Zeit, viel Zeit. Sicherheit zuerst, denke ich. Ich will ankommen und zwar heil. Immer öfter kommen jetzt Eisenleitern, alle gut und sicher verankert. Sehr gut für die Sicherheit, aber ... es ist doch ein Rennen und ich komme unsagbar langsam voran. Ich befinde mich jetzt in einem Zielkonflikt: Schnelleres Vorankommen oder mehr Sicherheit. Das Letztere behält Priorität.

 

Mittlerweile regnet es nicht mehr, auch der Wind, der mir vorher auf der Höhe schwer zu schaffen machte, ist nicht mehr spürbar. Meine Stimmung bessert sich, denn ich sehe, dass ich langsam zwar, aber doch vorankomme. Gerade bin ich ca. 50 m abgestiegen, jetzt wird der Pfad eben, ist leicht zu begehen, und ich freue mich. Aber ... hinter einer Kurve geht es wieder über 50 m bergauf.

 

Dann geht es wieder zig m runter und leider immer wieder auch ein Stück nach oben. Tendenziell ist es zwar ein Abstieg, aber die immer wiederkehrenden kurzen Aufstiege belasten mich doch sehr. Hätte ich doch wenigstens eine Lampe mit größerer Leuchtkraft, vieles wäre jetzt leichter. Ich besitze eine solche Lampe, will sie aber für die Besteigung des Roche ecrite, dem steilsten Berg, vor dem ich außerordentlichen Respekt habe, aufbewahren, da ich mir leider keine Ersatzbatterie gekauft habe.

 

Wieder ist eine Läufergruppe hinter mir und ich lasse sie wie üblich passieren. Ich versuche, mich der Gruppe anzuschließen, laufe auch einige 100 m mit ihnen zusammen. Eine Kommunikation kommt nicht zustande, weil Müdigkeit von jedem Besitz ergriffen hat, und die totale Konzentration auf den wild zerfurchten Weg dies nicht zulässt. Ein einziger Fehltritt kann Knochenbrüche und Schlimmeres bedeuten. Wahrscheinlich wäre ein solches Rennen in Deutschland zumindest bei Nacht nicht erlaubt. Mein Unterbewusstsein signalisiert mir auch ständig die Lebensgefahr. Deshalb lasse ich die Gruppe ziehen; sie ist mir einfach zu schnell.

 

Jetzt kommt wieder eine Eisenleiter, viele, viele Sprossen führen nach unten. Es wird eben und laufe ca. 50 m und hinter einer Kurve geht es wieder fast so viel nach oben. Ich fühle mich genarrt und denke, dass die Erfinder des "Grand Raid" Sadisten sein müssen. Noch immer ist das Zeitlimit für mich kein Thema. Hinter einer weiteren Biegung geht es jetzt wieder nach unten, extremst steil, nur Erde ohne Felsen, und ich rutsche auf dem Hintern mindestens 20 m kontrolliert, in dem ich mich an Zweigen festhalte, nach unten. Viel Kraft ist erforderlich und ich werde immer müder. Zum ersten Mal nehme ich jetzt eine Prise Guarana-Pulver mit Wasser ein. Für eine kurze Zeit werde ich wieder wacher, jedoch habe ich dafür ein blümerantes Gefühl im Magen, so dass sich weitere Guarana-Einnahmen verbieten.

 

Das Weiterbewegen geht jetzt über Stunden immer im gleichen Schema: Dort wo die Felsen nicht zu weit voneinander entfernt sind, springe ich von Stein zu Stein, wobei mir jede Erschütterung einen Stich durchs Hirn versetzt. Sind die Felsen zu weit auseinander rutsche ich auf dem Hintern oder hangele mich von Baum zu Baum nach untern. Wenn Eisenleitern kommen, freue ich mich.

Jetzt denke ich, am Ende meiner Kräfte zu sein, schwitze wieder sehr. Ein einsamer Raider überholt mich gerade und muntert mich auf. "Seulement 10 minutes encore". 10 Minuten noch und der Abstieg ist geschafft, sagt er.

 

Langsam entfernt er sich wieder von mir. Die Wirkung seiner Worte ist verblüffend. Sofort geht es mir wieder besser. An der Felswand fällt mir jetzt eine Eisenplakette auf, die an den Tod eines Läufers in meiner Altersklasse erinnert, der hier beim Grand Raid 2002 an einem Herzinfarkt verstarb. Jetzt geht es mir wieder schlechter.

 

Nach ca. ½ Stunde mühevollstem Vorwärtsbewegen ist tatsächlich der Abstieg zu Ende, ich verlasse den dichten Wald, komme in eine Wiese und sofort macht sich wieder der eiskalte Wind bemerkbar. In ca. 100 m Entfernung sehe ich jetzt Zelte einer Verpflegungsstation und glaube am Ziel in Cilaos, wo ich übernachten kann, zu sein. Eine hübsche Französin serviert mir heißen Tee und ich esse Weißbrot mit würziger, sehr wohlschmeckender Salami. Ich sitze auf einem Stuhl im Zelt und fühle mich wie im Paradies und frage, wo ich jetzt schlafen kann und muss hören: in Cilaos, bis dahin sind es noch etwa 4 km: Aber es wäre jetzt nicht mehr so schwer zu laufen bis dahin.

Diese Aussage hat eine Wirkung auf mich wie ein Peitschenhieb, glaubte ich doch am Etappenziel zu sein. Für einige Minuten bleibe ich jetzt regungs- und sprachlos auf dem Stuhl sitzen. Die Helferin versucht mich jetzt zu motivieren, dass das was ich noch bis zum Ziel vor mir habe ein Nichts darstellt im Vergleich zum Bergabstieg von vorher. Nach dem Genuss von 2 Glas Cola mache ich mich wieder auf den Weg.

 

Nach einigen 100 m Feldweg auf Wiesen und eisigem Wind komme ich nun auf eine breite Teerstraße, die durch einen Nutzwald führt. Ich jogge jetzt das erste Mal seit vielen, vielen Stunden wieder und komme leidlich voran. Bei Wegkreuzungen sind an Baumästen immer Banderolen mit der Aufschrift "Grand Raid" angebracht, was mich sicher stimmt. Mittlerweile ist es nach Mitternacht und ich komme durch eine Ortschaft, wobei mein schlürfendes Laufen sofort ein Hundebellkonzert auslöst. Keine Menschenseele ist zu sehen. Ich glaube, nun bald ausgestreckt auf einem Feldbett zu liegen und freue mich schon darauf. Ständig geht die Teerstraße bergab und ich laufe schneller. Immer wieder sehe ich Banderolen an Baumzweigen ...

 

Im Geiste schlafe ich schon, aber ach, mir fällt jetzt auf, dass ich schon lange keine rot/weißen Banderolen mehr gesehen habe. Abrupt stoppe ich, ich könnte heulen, aber was nützt’s. Ich habe mich verlaufen und muss zurück, schaue genauer hin, es sind nur rein weiße Plastikstreifen, die mit dem Raid nichts zu tun haben. .. Wieder bergauf ca. 1 ½ km zurück und dann sehe ich eine junge Negerin, die mit einer Taschenlampe auf eine Treppe aufmerksam macht, an der wieder "Grand Raid Banderolen" zu sehen sind.

 

Vorhin war die Frau nicht da. Sie musste auf die Toilette, sagt sie mir auf meine Frage hin. O.K. ich bin jetzt wieder auf dem richtigen Weg und bin erleichtert. Nach 50 m ordentlichem Weg denke ich, ich träume einen schlechten Traum; es geht wieder ganz steil bergab, muß wieder von Stein auf Stein springen, kommen wieder Eisenleitern, kurzum es ist wieder so wie vor der Verpflegungs­stelle. Sehr, sehr schwer fällt mir das Ganze jetzt, glaubte ich doch, jetzt schon im Bettchen schlummern zu können. Der Raid presst ...

Plötzlich hinter einer Biegung kommt Licht und ich sehe in etwa 50 m Entfernung eine Läufergruppe von über 10 Männern und Frauen vor mir.

Ich nehme einen Teich wahr mit Felsen darin, ein Fels wird von einer Läuferin umarmt. Einen anderen Läufer sehe ich, wie er gerade ein Bad nimmt. Surrealistisch sieht das aus. Phantasiere ich jetzt schon?

 

Als ich näher komme, bemerke ich, dass es sich um einen Bach handelt, der überquert werden muß. Eine Brücke gibt es nicht, statt dessen sind Holzstämme hintereinander angebracht, über die man balancieren muß. An manchen Felsen kann man sich notdürftig festhalten (= die Felsumarmung der Frau), und man kann leicht von den nassen Baumstämmen abrutschen (= der Badende). Ich überlege kurz und wate dann durch das Wasser, das über die Knie reicht. Huh ist das kalt und sofort werde ich wieder glockenwach, schließe mich jetzt der Gruppe an und wieder geht es steil nach oben. Nach ca. 20 Minuten erreichen wir eine Teerstraße und eine Kontrollstelle taucht auf. Dahinter bebautes Gebiet, das heiß herbeigesehnte Cilaos ist erreicht.

 

Unsere Startnummern werden in den Computer eingegeben. "Dossard 1844, Grand Raid, Gratulation Bernhard" höre ich. Manche von der Gruppe laufen nur den Semi Raid und sind jetzt am Ziel, denn es heißt: Semi-Raiders a gauche, Grand-Raiders a drote.

 

Ich gehe nach rechts und werde gefragt: "Voulez-vous continuer?" (wollen Sie weitermachen?) 22 ¾ Stunden bin ich jetzt unter schwierigsten Bedingungen unterwegs gewesen. Mein Hirn hat im Sinn zu sagen: "Ich will aufhören"! Aber wie, als wenn ich eine 3. Person wäre, höre ich mich sagen: "Mais oui, Monsieur, biensur" (Aber ja, mein Herr, Selbstverständlich) .....

 

Ja, bin ich denn jetzt total übergeschnappt? Wie soll denn das gehen, noch 3 Monsterberge stehen bevor, und ich bin am Ende meiner Kraft. Kurz überlege ich, die Organisation zu fragen, ob ich jetzt auch als Grand-Raider beim Abbruch die Medaille und Urkunde des Semi-Raids bekommen würde... Rasch komme ich jedoch zu dem Entschluss, dass dies ja nichts anderes als eine schön geredete Kapitulation bedeuten würde. Zuerst mal ins Bett, wenn auch nur für eine ganz kurze Zeit; dann wird man weitersehen.

 

Die Übernachtungsturnhalle ist voll belegt. Kein Bett ist mehr frei. Aber es wird gerade noch ein Feldbett aufgebaut, Ich habe großes Glück, denn man winkt mich dorthin. Ich ziehe schnell meine nassen Hosen, Schuhe und Socken aus, krame die "Überlebensdecke" = eine hauchdünne Aluminiumfolie aus dem Rucksack, breite sie über mich (sie wärmt tatsächlich) und bin Minuten später eingeschlafen.

 

Zwei Stunden später werden ich geweckt. Der Mann muß mehrfach rütteln. Zuerst habe ich den Eindruck, als schlüge mir eine Kirchenglocke gegen den Schädel, dann kehre ich zur Realität zurück. Den Buff vom Marathon des Sables hatte ich mir über die Augen gestülpt und ziehe ihn hoch. Das erste, was ich sehe, ist eine junge Frau im Alter meiner Tochter, die mich sofort anspricht. "Ah, um participant du Marathon des Sables! Un Homme tres dur ! » (Ah ein MdS-Teilnehmer, ein harter Mann). Ich gebe ihr zu verstehen, daß der MdS im Verglich zum Grand Raid ein sonntäglicher Kaffeetantenausflug ist und sie deshalb eine "femme tres dure" (harte Frau) ist.

 

Sie fragt mich, wann ich starten will und ich antworte ihr, dass ich noch nicht weiß, ob ich überhaupt weitermache. Sie lacht und glaubt, ich würde Witze machen. "Klar doch, zuerst nehme ich noch ein kleines Frühstück ein. Danach werde ich mich auf den Weg machen. Wir können zusammenlaufen, wenn Du willst," entgegne ich ihr. Sie will, ich esse noch einige Weißbrotstücke mit Honig und Butter. Sie hat bereits gefrühstückt, während ich noch geschlafen habe.

 

Wir brechen auf, es ist früher Morgen so gegen 6.00 Uhr. Noch immer ist es kalt und wir gehen einige 100 m durch den Ort und biegen dann nach links ab eine große Treppe hinunter und wir sind wieder auf einem Weg, der jetzt leicht zu laufen ist und tendenziell nach untern führt. Wir unterhalten uns gut und ich erfahre, dass sie Virginie Caro heißt und in Paris wohnt und zuvor schon an anderen Trails teilgenommen hat, z.B. auch in Mauretanien. Sie spricht auch etwas englisch und versteht einige Wörter deutsch. Wenn mir französische Wörter nicht geläufig sind, benutze ich englische Vokabeln. Unsere Verständigungssprache ist also franglais.

 

Nach ca. 1,5 km erreichen wir einen Bach, der relativ wenig Wasser führt. Es stehen einige Zelte, eine Rot-Kreuz-Fahne weht im Wind und an einem Lagerfeuer wird gerade Kaffee gekocht. Erstmalig lasse ich jetzt meinen lädierten Fuß behandeln. Ein junger sehr freundlicher Sanitäter desinfiziert mir die Wunde und bringt eine Mullbinde an.

 

Virginie geht voraus und überquert von Stein zu Stein springend den Bach. Diese Mühe mache ich mir schon gar nicht mehr und ich wate gleich durchs Wasser. Jetzt fällt mir erstmalig auf, dass ich total fit bin, der kurze Schlaf mir mein "Akku" wieder aufgeladen hat. Mein Optimismus ist wieder da und ich genieße jetzt wirklich den Lauf.

 

Nun bewegen wir uns wieder steil nach oben auf einem Pfad, der keine Schwierigkeiten bereitet. Mittlerweile ist auch die Sonne aufgegangen, nur wenige weiße Wölkchen sind am Himmel und es ist jetzt angenehm warm. Wir kommen gut voran und überholen sogar einige Konkurrenten, denen ich teilweise bis zum Ziel immer wieder begegnen werde. Einer ist Bernard Phantastique, ein Einheimischer madegassischer Herkunft. Er läuft den Raid jedes Jahr und macht mir Mut.

 

Mehrere 100 m haben wir zwischenzeitlich wieder an Höhe gewonnen, bewältigen Steigungen von über 30 % und sind allerbester Laune. Fast so hoch geht es jetzt wieder, wie ich gestern Nacht abgestiegen bin. Jetzt bei Tageslicht, gutem Wetter und netter Gesellschaft macht das Rennen wieder Spaß. Viele 100 Höhenmeter sind noch zu überwinden bis der nächste Pass der Col Taibit erreicht sein wird. Desto höher wir kommen, desto wunderbarer wird die Aussicht in den Cirque du Cilaos (Talkessel von Cilaos).

 

Der Ort Cilaos liegt auf einer kleinen Erhebung im Tal. Es gibt einige Wiesen und Felder, ja sogar Weinberge. Ansonsten Natur pur, um uns herum sind Steilwände, überall Wasserfälle und größtenteils Urwald. Ich habe den Eindruck in einer Welt, ganz weit vor unserer Zeit zu sein und sehe Bäume, die ich schon mal auf Zeichnungen zuvor gesehen habe. Auf diesen Bildern waren auch noch Saurier abgebildet. Steven Spielberg hätte hier seinen Yurassic Park-Filme drehen können ohne Computersimulation. Lediglich seine Echsen hätte er zeichnen müssen.

 

Von weitem sehen wir etwas Weißes durch den Urwald ca. 150 - 200 Höhenmeter über uns. Es ist das Zelt einer Ravitaillationsstelle an einer Teerstraße gelegen, die wir nach einiger Zeit wohlbehalten erreichen Es sind 5 Feldbetten aufgebaut, auf denen erschöpfte Konkurrenten schlafen. Neben dem Verpflegungstisch sehe ich eine ganze Menge Startnummern von Läufern liegen, die aus dem Rennen rauf sind.

 

Wir machen jetzt eine viertelstündige Pause und unterhalten uns mit anderen Läufern, denen wir jetzt immer wieder begegnen werden. Nach 50 m auf der Teerstraße führt die Grand-Raid-Strecke rechts sehr steil eine Steigung von über 40 % in Richtung Gipfel. Der Weg ist objektiv wieder so schlecht wie beim Abstieg gestern Nacht, aber jetzt bei Tageslicht, im nicht erschöpften Zustand und bester Gemütsverfassung ist die Wahrnehmung völlig anders ...

Als Naturfreund fühle ich mich hier wie im Paradies, gerade komme ich um eine Kurve und es duftet, als wäre ich in einem indischen Restaurant. Es sind die hier überall wild wachsenden Gewürzpflanzen, die diese wunderbaren Gerüche von sich geben. Ab und zu fliegen kleine, bunte Vögel vor mir auf.

 

Selten sieht man Schmetterlinge, teilweise doppelt so große wie der Schwalbenschwanz bei uns. Frösche in allen möglichen Farbschattierungen sehe ich hin und wieder, auch Eidechsen, einmal bestaune ich ein Chamäleon. Sonst habe ich von der einheimischen Tierwelt nichts zu Gesicht bekommen. Für den Menschen gefährlich werdende Tiere, einschließlich Giftschlangen gibt es auf der Insel nicht. Auch gibt es weder Malaria noch Gelbfieber und andere Tropenkrankheiten sind ebenfalls unbekannt.

 

Immer mehr geht jetzt der tropische Urwald in Nadelwald über, der uns guten Schutz vor der Sonne bietet. Ein ca. 40jähriger Mann mit teilweise schwarzafrikanischer Herkunft, mit langen Rasta-Locken, langem Bart und intelligentem Gesicht kommt uns entgegen und ruft mir in perfektem Deutsch zu, dass in ca. ¼ Stunde ein Duschbad auf uns warten würde. Auf meine Frage hin, wo er so gut Deutsch gelernt habe: "In Bad Oeynhausen war ich mehrere Jahre auf der Forstwirtschaftsschule und bin jetzt der Förster von Cilaos, oder besser gesagt der Naturschutzbeauftragte". Er selbst ist den Raid auch schon mal gelaufen und wünscht uns ein gutes Ankommen.

 

Tatsächlich erreichen wir nach kurzer Zeit einen Platz, an dem Waldarbeiter lagern. Es brennt ein Lagerfeuer, und die Leute bieten Tee und Kaffee an. 20 m vom Feuer entfernt, befindet sich ein Wasserrohr mit fließendem, eiskaltem Wasser in etwa 2 m Höhe. Diese Erfrischungsgelegenheit lasse ich mir nicht entgehen, lasse ausgiebig Wasser über meinen Kopf laufen und wässere meine Kappe.

 

Die Reise geht weiter, und das Zeitlimit der nächsten Cut-off-Stelle ist weit. Wir gehen im Wohlfühltempo und überholen ab und zu andere Raider. Darunter ist auch der phantastische Bernard. Des öfteren kommen jetzt Wanderer entgegen, die fast immer enthusiastisch applaudieren. Die Stimmung ist nach wie vor großartig, fast euphorisch. Ganz steil geht es jetzt über den Col du Taibit, dann wieder runter, immer in dichten Wäldern. Wir kommen recht gut voran und werden nie überholt.

 

Eine spezielle Hirschart soll es auch auf Reunion geben, habe aber nie ein Exemplar davon zu Gesicht bekommen. Es lebte hier mal eine Straußenart, die ausschließlich auf dieser Insel vorkam. Schon vor 1800 wurde sie ausgerottet. Der Laufvogel hieß Dodo, und hatte keine natürliche Feinde, bis der Mensch auftauchte ... Bei den Seefahrern im Indischen Ozean war über Jahrhunderte der Spruch verbreitet: "Tot wie der Dodo".

 

Heute sieht man in den Ansiedlungen überall Reklameschilder mit der Abbildung des sympathischen Tieres und dem Spruch: "La Dodo lé la!" (Der Dodo lebt hier). Es ist eine Biermarke der Brasserie Bourbon und ist von brauchbarer Qualität. An diese Reklame denke ich gerade und stelle mir vor, wie ich im Ziel auf dem Stadion la Redoute von St. Denis dieses Bier trinken werde. Ein fürwahr schöner Gedanke, doch bis dahin sind es noch einige Kilometer.

 

Ich habe allen Grund, dem Schicksal dankbar zu sein und freue mich jetzt, in 2001 den le Grand-Raid-Bericht von Stephan Schlett in Running gelesen zu haben. Wir haben jetzt wieder einen tiefen Talkessel mit einer kleinen Siedlung vor uns. Der Ort heißt Marla. Sehr steil geht es wieder runter, was aber bei Tageslicht, bei gutem Wetter und guter Laune durchaus angenehm zu schaffen ist.

 

Es gibt hier wieder eine Kontroll- und Verpflegungsstelle sowie eine Sanitätsunterkunft. Mit lauten Bravo-Rufen werden wir vom Verpflegungsteam und den Krankenschwestern begrüßt. Marla im Cirque de Mafate zählt zu den entlegendsten Weiler Reunions. Es gibt keine Autostraße und alles muß zu Fuß, Pferd oder in Ausnahmefällen mit dem Helikopter transportiert werden.

Es ist jetzt Mittagszeit und dieser Verpflegungspunkt ist besonders reichlich mit Köstlichkeiten wie Salami, Nudel- und Kartoffelgerichte, Hähnchenbraten, Eintopf etc. bestückt. Hier sind die aufmerksamsten und nettesten Helfer und Sanitäter des gesamten Raids anzutreffen. Mit Alain Muller, einem 28jährigen Soldaten der Legion etrangere und Bernard Phantastique sitze ich beim Mittagstisch und wir unterhalten uns angenehm. So ca. 50 - 70 Raider machen hier eine ausgedehnte Mittagspause und alle sind aufgekratzt und bester Stimmung.

 

Ich habe einen Wahnsinnsappetit und verzehre riesige Portionen und trinke dazu Orangensaft. Den angebotenen Rotwein verschmähe ich schweren Herzens. Jetzt hätte ich Lust auf ein ausgedehntes Mittagsschläfchen, was das Zeitlimit aber leider nicht zulässt. Bei der netten Krankenschwester lasse ich mir noch meine Füße verarzten, was sie sehr gewissenhaft tut. Sie kann sogar ein wenig Deutsch und freut sich, diese Kenntnisse endlich mal an den Mann zu bringen. Zum Abschluss bekomme ich sogar noch Küsschen auf die Wange.

 

Ich wünsche ihr ein langes und glückliches Leben und mache mich frohgelaunt wieder auf den Weg. Virginie bleibt noch etwas zurück und lässt sich ihre Blasen an den Füßen behandeln. Der Weg geht nun einige 100 m weiter bergab; ich quere einen Fluss, sogar ohne mir die Füße nass zu machen und bin bald wieder im dichten Wald, wo es tendenziell stark nach oben geht.

 

Die wenigen hundert Einwohner des Cirque de Mafate leben verstreut in einem Dutzend Weiler, die nur durch Pfade miteinander verbunden sind. Die Menschen leben vom Tourismus, kleinen Viehzuchtbetrieben und der Produktion von Geranienöl. Die Geranien wurden um 1870 aus Südafrika importiert und trugen zum wirtschaftlichen Überleben der "petits blancs" bei. Aus den Geranienblättern wird ein Öl gewonnen, das in der Parfümherstellung Verwendung findet.

 

Vor mir am Berg sehe ich einen Kollegen, ca. 25 - 30 Jahre alt, ein Franzose, wie er sich langsam mit einem Holzstock und zwei ganz dick bandagierten Knien nach oben quält. Beim Überholen spreche ich ihn an und er meint, dass er trotzdem den Raid in der Zeit beenden will und kann. Ich bekunde meinen Respekt und wünsche alles Gute. Es kommen jetzt Passagen, wo ich sogar einige 100 m joggen kann. Wieder kommen Wanderer entgegen, die lautstark applaudieren. Alle wissen über den Grand Raid Bescheid und bekunden höchste Anerkennung.

 

Noch immer laufe ich mit Glücksgefühlen im Bauch in sicherlich einer der schönsten Landschaften der Welt. Der Pfad ist zwar schwierig, stört mich seit Stunden aber sehr wenig; ich scheine mich mittlerweile daran gewöhnt zu haben und komme flott voran. Hinter einem Nadelwald erreiche ich Wiesen und ein weiteres Dorf.

 

Die Häuser sind aus Holz und mit Wellblech gedeckt und von großen Gärten umgeben. Aus einem plärrt mir Musik entgegen: "Shirwarwa...". Hat also dieses blöde Lied auch hier schon Fans gefunden.

 

Eine neue Kontroll- und Verpflegungsstelle erreiche ich, wo ich Kekse und Apfelstückchen zu mir nehme und viel Wasser trinke. Der Oberhelfer französischer Abstammung im Alter von 65 - 70 Jahren spricht sogar ganz gut deutsch. Als ich mich wieder auf den Weg mache, kommt gerade Virginie eingelaufen. Sie will nur ganz kurz an der Ravitaillationsstelle verweilen und dann aufrücken.

 

Mittlerweile sind Wolken aufgezogen und es nieselt leicht. Es ist wieder sehr kalt geworden. Nun geht es einen Weg hoch, der mit Holzstämmen ausgelegt ist und sehr schwer zu gehen ist. Das Holz ist durch die Nässe glatt und viel Konzentration und Kraft ist wieder erforderlich. Ich bemerke, dass das Profil meiner extra für den Raid gekauften Trailschuhe größtenteils hinüber ist. Die spitzen Steine vulkanischen Ursprungs haben es regelrecht gefressen.

Die Schuhe werden von der amerikanischen Firma Columbia vertrieben und wurden in Vietnam hergestellt. Wenn der selige Ho-Tschi-Minh das wüsste...

Gegenwärtig laufe ich durch eine für mich neue Art von Wald. Es ist Nebelwald mit langbärtigen Flechten. Die Bäume stehen weit auseinander, dazwischen wachsen Sträucher und große Blumen. Sehr steil geht es diesen fürchterlichen "Holzweg" nach oben. Müdigkeit nimmt ganz allmählich wieder von mir Besitz. Trotzdem bin ich auf der Überholspur und lasse einen Mann und eine Frau hinter mir. Der höchste Punkt, nämlich der Col des Boefs ist jetzt erreicht und rechts davon geht es teilweise senkrecht viele hundert Meter in die Tiefe. Ich laufe jetzt in den Wolken und nur ab und zu kann ich einiges von der monumentalen Landschaft erkennen. Grün ist an der Macht. Soweit das Auge reicht Naturwald, Tamarinden, Kiefern, Tannen, tropische Gehölze, Dschungel etc.

 

Virginie holt mich ein und bekundet, schneller laufen zu wollen, um länger schlafen zu können. Das Argument leuchtet ein, habe aber Angst vor Stürzen und laufe deshalb langsamer. Wenn der Weg es zulässt, ab und zu ist das der Fall, rücke ich wieder auf, indem ich trabe. Mittlerweile wird es wieder schnell dunkel und ich hole gerade Bernard Phantastique ein. Wie immer kommt es zu einer Begrüßungszeremonie durch Handschlag: Bernhard grüßt Bernard. Ich drücke meine Besorgnis aus, dass es wieder so hart wird wie gestern Abend, worauf er mich beruhigt, der Abstieg wäre viel, viel leichter. Nur noch maximal 1 ½ Stunden würden wir auf dem Pfad laufen, dann käme eine breite Straße bis nach Grand Ilet, dem Übernachtungsplatz.

 

Und tatsächlich in der vorhergesagten Zeit erreichen wir eine weitere Kontroll­stelle und dahinter beginnt eine breite Forststraße. Es geht jetzt ständig nach untern und beginne wieder zu joggen und lasse Bernard hinter mir. Der schwache Schein meiner Taschenlampe genügt bei diesem guten Weg trotz stockdunkler Nacht völlig. Mittlerweile habe ich eine Kollegin eingeholt, die in St. Denis wohnt. Sie ist ca. 30 Jahre alt, ist französischstämmig und spricht sogar ein wenig Deutsch. Sie hat den Raid schon zweimal gemacht, einmal aufgegeben, letztes Jahr aber gefinisht.

 

Da das Wetter jetzt sehr schlecht wäre, will sie das Rennen an der nächsten Kontrollstelle in Grand Ilet beenden, denn sie wolle den Roche ecrite nur bei gutem Wetter besteigen. Langsam entferne ich mich trabend von ihr.

Die Füße sind den harten und ebenen Untergrund nicht mehr gewohnt und schmerzen entsetzlich. Viele Konkurrenten überhole ich jetzt, doch an Virginie komme ich nicht mehr ran. Endlich erreiche ich den Ort Grand Ilet, den größten Ort im Cirque de Salazie.

 

Der Name Salazie geht auf das madegassische Wort salzane zurück, was soviel wie Pfahl oder Pfosten bedeutet und sich offenbar auf die drei Gipfel des Gros Morne bezieht, die wie Wachtposten an der südwestlichen Ecke des Talkessels aufragen. Erster europäischer Siedler war ein gewisser Monsieur Cazeau, der in einer kleinen Hütte lebte und Berühmtheit erlangte, als er sich bei einer 43tägigen Regenperiode ausschließlich von Kürbis ernährte.

 

An einer Steigung in Grand Ilet treffe ich auf Alain, den Fremdenlegionär, der auf Mayotte, einer französischen Insel nordwestlich von Madagaskar Dienst tut. Auf Mayotte wurde dieses Jahr zum ersten Mal auch ein Raid ausgetragen und zwar von der gleichen Organisation wie auf Reunion. Ob ich den nächstes Jahr nicht auch laufen wolle? Ich verneine, denn der Sinn steht mir im Moment gar nicht danach.

 

Wieder bin ich richtig müde und die Füße schmerzen. Der Ort zieht sich hin und wir haben Angst, uns zu verirren. Doch immer wieder tauchen die weiß-roten Banderolen am Straßenrand auf, die auf den Grand Raid hinweisen.

Endlich nach mehreren Kilometern Ortsdurchlauf kommen wir an eine große hell erleuchtete Halle, den Kontroll- und Schlafplatz. Es ist genau 21.12 Uhr und ich bin jetzt fast 41 Stunden unterwegs. Die Startnummer müssen wir abgeben, denn jeder, der nach 20.00 Uhr hier ankommt, muß übernachten und darf erst nach 03.00 Uhr morgens starten. Die Tragödie von Guus Smith vom vergange­nen Jahr; er stürzte am Roche ecrite in der Nacht ab, hat die Rennleitung dazu veranlasst, die Raider vor sich selbst zu schützen. Ein Helfer erklärt mir, dass nach dem Roche ecrite die Strecke mehr einen Straßenmarathon darstellen würde und daher wäre es dann ganz leicht zu laufen. Hoch erfreut höre ich das und glaube es ihm gerne.

 

Alain und ich verzehren ein ausgiebiges Menue, bestehend aus weißen Bohnen, Würstchen, Gemüse, Salat, Rindfleisch, Reis, Schokolade und trinken Coca Cola. Danach bewegen wir uns zum Schlafgemach, eine große Turnhalle. Alle Betten und Matratzen sind belegt.

 

Gerade erhebt sich Hubertus, sieht mich und kommt mir freudestrahlend entgegen. Er hätte 6 Stunden geschlafen und würde jetzt aufbrechen und ich könne sein Bett in Besitz nehmen, was ich sehr gerne tue. Er fragt nach Björn und bedauert ebenfalls, dass er so früh aufgegeben hat. Wir wünschen uns gegenseitig gutes Ankommen morgen in St. Denis und lege mich sofort auf die Matratze, halte noch Ausschau nach Alain, sehe ihn nicht wieder; er scheint also auch einen Schlafplatz gefunden zu haben.

 

Sekunden später bin ich eingeschlafen. Gegen 03.00 Uhr werde ich geweckt und Virginie steht vor mir. Ich bin doch tatsächlich der letzte, der noch im Bett liegt. Da es aber nach dem Roche Ecrite autobahnartig zum Ziel gehen soll, sorgt mich das in keiner Weise. Wir gehen jetzt frühstücken und essen Croissants mit Butter und Schokolade, trinken Tee. Wir haben ja soviel Zeit .... und starten als letzte.

 

Es ist genau 03.43 Uhr als wir die Straße betreten, sind in euphorischer Stimmung und gehen durch Grand Ilet den rot-weißen Banderolen hinterher und kommen an etlichen großen Bauernhöfen vorbei, wo Rinder gehalten werden. Außerdem wird in diesem Talkessel, dem Cirque de Salazie Brunnenkresse, Tabak, Kaffee, Äpfel und reichlich chou-chou angebaut. Chou-chou erinnert im Geschmack an Zuchinies und ist ein extrem wandelbares Gemüse mit über 100 Zubereitungsarten. Es wandert in Süßspeisen, Marmelade und Currygerichte, wird als Auflauf serviert und dient in gekochter Form als Beilage.

 

Wir unterhalten uns angeregt und sind gespannt auf den Roche ecrite, vor dem wir absoluten Respekt haben; sind doch Klettereinlagen zu bestehen und beide sind wir nicht ganz frei von Höhenangst.

 

Mindestens 20 Minuten laufen wir jetzt und sehen keine Banderolen mehr. Merde, wir müssen zurück und tatsächlich nach weiteren 20 Minuten erreichen wir die Stelle, wo wir hätten abbiegen müssen.

 

Auf einer Teerstraße geht es jetzt ca. 2 km den Ort hinaus. Noch immer ist es stockdunkel. An einer Mauer sehen wir Licht. Es ist eine junge Frau im Alter von Virginie und spricht Austriadeutsch. Sie ist sehr attraktiv und hat keine Startnummer, ist einfach nach Reunion gereist mit dem Vorsatz sich nachzu­melden, obwohl eine Nachmeldung laut Ausschreibung von vornherein ausgeschlossen war. Gewohnt, sich immer und überall durchzusetzen, läuft sie jetzt inoffiziell und bettelt sich an den Verpflegungsstellen durch, was ihr auch bei diesen freundlichen Leuten immer gelingt.

 

Von weitem sehen wir jetzt sich bewegende Lichter, Glühwürmchen ähnlich in einer Steilwand. Aha, das also ist der mit Spannung erwartete schwierigste Berg. Wir erreichen einen Kontrollposten, der unsere Pflichtgegenstände sehen will. Wir zeigen sie ihm und er locht unsere Startnummern. Gleich dahinter sind Treppen und es geht hinauf.

 

Endlich ... die große Herausforderung wird angenommen. Wir gehen schnell, sind wir doch gut ausgeruht und voller Tatendrang, Ich bin etwas schneller als Virginie und setze mich von ihr ab, verspreche aber, auf dem Gipfel auf sie zu warten. Nach vielen Treppenstufen beginnt wieder ein Pfad, an manchen Stellen so steil, dass man die Hände zum Hochziehen des Körpers benutzen muss. Mehrmals überhole ich jetzt vor mir laufende Konkurrenten und fühle mich superfit. Noch immer ist es dunkel und tief unten sieht man die Lichter von Grand Ilet, Einzelheiten kann man nicht erkennen.

 

Zügig und ohne Probleme geht es aufwärts, habe ich doch jetzt meine Gruben­lampe an der Stirn, die wirklich einen guten Sichtradius gewährleistet. Hätte ich mir doch vorher Ersatzbatterien gekauft, der Höllenabstieg nach Cilaos wäre sicherlich anders verlaufen. Nachdem ich bereits über die Hälfte geschafft habe, wird es hell und bin jetzt in den Wolken, es ist feucht, regnet aber glücklicher­weise nicht. Ca. 1 1/2 Stunden bin ich jetzt in der Wand, überhole gerade Bernard Phantastique. Er meint, es müsse jetzt gleich eine Stelle mit Drahtseilen kommen, dann wäre es nicht mehr weit zur Bergspitze. Er sollte Recht behalten, die Drahtseile kommen und hangele mich an ihnen hoch. Jetzt sind wir über den Wolken. Es kommt noch mal eine kurze Strecke, die ich kletternd zurücklegen muss und dann bemerke ich die eiserne Gedenkplakette mit Bild von Guus Smith: In memoriam... Traurigkeit überkommt mich jetzt, als ich das Bild des noch jungen Mannes mit offenem, lächelndem Gesicht sehe. Nur noch ca. 100 m sind zu überwinden...

Mit einem Seufzer der Erleichterung erreiche ich das Plateau, wo sich auch gleich hinter einer Mauer eine Kontroll- und Verpflegungsstelle befindet. Ich habe es geschafft und denke, den Raid "Im Kasten". Zu haben, was sich später als ein großer Irrtum herausstellt.

 

Im Ravitaillationszelt werde ich schon von weitem von einem afrikanisch­stämmigen Helfer in meinem Lebensalter superfreundlich auf Deutsch begrüßt. "Bernhard Sesterheim, wie geht es Dir? Du siehst toll aus! Da staunst Du? Ja, ich kann gut Deutsch. Das habe ich in Konstanz am Bodensee gelernt. Dort war ich 5 Jahre beim französischen Militär." Er liest mir jeden Wunsch von den Augen ab und bewirtet mich in einer Weise, als wäre er meine Mutter... Ein besonders prachtvoller und liebenswürdiger Mensch, denke ich und bin tief gerührt. Wir unterhalten uns blendend, erzähle ihm von meinen Marathons. Er erzählt von sich, er besitzt einen Klempnerbetrieb in St. Denis und würde mich gerne einladen. Leider habe ich den Zettel mit seiner Telefonnummer verschlampt... Die Zeit vergeht kurzweilig äußerst rasch. Mittlerweile ist auch Virginie angekommen und froh, den Anstieg geschafft zu haben. Ich breche jetzt auf, gehe langsam, um Virginie Gelegenheit zum Aufrücken zu geben. Nach ca. ½ Stunde holt sie mich ein.

Der Weg besteht zur Zeit aus relativ flachem Basaltgestein und ist tatsächlich leicht zu laufen. Aha, ich bin jetzt also auf der "Stadtautobahn", denke ich. Es ist eine offene Hochebene und nur ganz spärlich mit Buschwerk wie in Südfrank­reich bewachsen. Die Farbe schwarz dominiert jetzt.

 

Wir kommen flott voran und sind sicher, den Raid nun nach wenigen Stunden mit der Leichtigkeit des Seins finishen zu können. Wieder mal ein großer Irrtum.

 

Bald kommen wir wieder in den "grünen Herrschaftsbereich". Es ist Natur­schutzgebiet und wir sind in einem Nebelwald angekommen. Im Moment scheint die Sonne und der Wald dampft. Es ist ein Urwald wie aus dem Bilderbuch. Einzelne Urwaldriesen stehen zwischen kleineren und jüngeren Bäumen. Ab und zu liegen umgestürzte Bäume auf oder über dem Weg. Einmal renne ich mit meinem Kopf voll dagegen, habe also meine Körpergröße unterschätzt. Nun laufen wir auf einem Kamm; rechts und links geht es wieder Hunderte von Metern in die Tiefe. Die Gegend sieht aus, wie der Grand Canon in Arizona, USA, mit dichtem Urwald bedeckt, aussehen würde. An einer besonders exponierten Stelle machen wir eine Pause und ich photographiere Virginie mit ihrer Einwegkamera. Überhaupt bewegen wir uns jetzt ganz langsam voran, wir wollen diese einmalig schöne Landschaft genießen.

 

Unbekümmert lassen wir uns von Konkurrenten überholen...

Aber ach, der Weg verschlechtert sich zusehends, immer steiler und schwieriger werden die Ab- und Anstiege, die sich scheinbar die Waage halten. Es wird wieder richtig anstrengend. Ich schwitze wieder sehr. Bei km 117 erreichen wir eine Kontrollstelle der besondern Art. Statt wie üblich Bravo-Beifallrufe zu genießen, blicke ich in todernste Gesichter von schwarz gekleideten, hochgewachsenen französischen Militärpolizisten. "Votre temps n’est pas bon", höre ich. Entsetzt muss ich zur Kenntnis nehmen, dass das Zeitlimit droht. "In spätestens 40 Minuten müsst Ihr am nächsten Cut-Off-Punkt sein; sonst werdet Ihr aus dem Rennen genommen, und bis dahin sind es noch ca. 4 km!"

 

Ich fühle mich, als hätte mir jemand einen Tiefschlag versetzt, weiß ich doch, dass 4 km in 40 Minuten bei diesen Wegbedingungen unmöglich zu schaffen sind. Schnell schütte ich mir noch 2 Becher Coca-Cola in die Kehle, fülle meine Wasserflasche auf und ab geht’s. Virginie ist schon vor mir losgerannt. Der Wahlspruch "Sicherheit zuerst" wird ad acta gelegt. Oberste Priorität ist jetzt das Ankommen an der nächsten Station in der Zeit. Ich könnte heulen, hätte ich das gewusst, wir hätten nicht so viel Zeit verplempert. Der Pfad ist wieder entsetzlich zu laufen. Dicke Wurzeln, spitze Steine, Geröll, glitschige Erde, steil nach oben und nach unten, im Grunde alle Schikanen, die einen Cross-Lauf ausmachen. Wo es möglich ist, rennen wir verzweifelt gegen die Zeit an. Es kommt wie es kommen muss; an einem Abstieg mit glitschiger Erde verliere ich die Bodenhaftung, die Füße fliegen nach oben, lande auf dem Rücken und Hintern und rutsche unkontrolliert ca. 10 m den Pfad hinunter. Puh, das Adrenalin flutet durch meinen Körper, und ich beäuge mich ausgiebig. Außer leichten Schürfwunden an der rechten Hand, habe ich keine Blessuren. Virginie hat von alldem nichts mitbekommen. Ich drossele jetzt etwas meine Geschwindigkeit beim Bergablaufen. Mir liegt schwer im Magen, dass ich wahrscheinlich jetzt so kurz vor dem Ziel wegen Überschreiten des Zeitlimits aus dem Rennen genommen werde. Überlege mir ernsthaft, einfach an der Kontrollstelle vorbei zu rennen.

 

Die Uhr tickt gnadenlos, noch 5 Minuten und ich renne wie vom Teufel besessen. Noch 3 Minuten, 2 Minuten, 1 Minute, 0. Eijeijei , es ist immer noch keine Cut-off-Stelle in Sicht. Mir wird schlecht, fast übergebe ich mich, renne aber trotzdem weiter. Nach 5 Minuten höre ich ca. 30 m unter mir die Stimme von Virginie "Bernhard, schnell, es ist da." Nach einer Minute stehe ich vor einer Prüf- und Verpflegungsstation, sehe die strahlende Virginie und alles applaudiert und schreit Bravo. Der Chef der Station, ein mittelgroßer, schwerer ca. 40jähriger Mann, teilweise schwarzafrikanischer Abstammung begrüßt mich mit Handschlag.

 

Auf meinen besorgten Blick hin, sagt er: "Alles ist gut, Ihr werdet es schaffen!" Sofort werde ich von einer Emotionswoge erfasst, umarme den schweren Mann ganz fest und küsse ihn auf die Wange. Zuerst stöhnt er auf, wahrscheinlich war mein Druck zu stark, aber dann umarmt er mich auch; anscheinend ein Reflex und die anderen Helfer jubeln... Das sind Szenen, die man nie vergisst.

 

Ich erfahre jetzt, dass ich tatsächlich das Zeitlimit nicht verfehlt habe, denn wir sind ¼ Stunde später gestartet; hatte also noch 9 Minuten Spielraum. Die nächste und letzte Cut-off-Stelle wäre bedingt durch bessere Wege leicht zu erreichen und wir würden wieder Zeit gutmachen. Mit kindlicher Ausgelassenheit verspeise ich jetzt große Portionen von Gänseleberpastete mit Weißbrot und trinke Coca-Cola.

 

Die Reise geht weiter, Virginie etwas voraus, da sie den Berg runter schneller vorankommt. Es sind jetzt nur noch ca. 10 km bis zum Ziel auf Meeresniveau und noch immer sind wir hoch in den Bergen. Der Pfad führt durch undurch­dringlichen Dschungel bergab und leider auch immer wieder steil bergan. Ich umgehe gerade frisch Gebrochenes... Wenig weiter hängt an einer bestimmten Stelle eine stark gebräunte Männerunterhose in den Zweigen. Der Raid fordert alles.

 

Tatsächlich erreiche ich nach einer gewissen Zeit eine Wiese, und unten, ca. 100 m tiefer, verläuft eine Teerstraße, an der sich die letzte Prüfstelle befindet. Von weitem sehe ich Virginie und andere Kameraden, die dem Platz zustreben. Mir kommt jetzt ein Helfer entgegen, ein paar Jahre älter als ich, joggt mit mir zurück und erklärt, dass ich mich nur ganz kurz in Colorado, so heißt dieser Platz, aufhalten darf, denn die Wegbedingungen nach St. Denis würden wieder sehr schlecht werden, so etwa wie der Abstieg nach Cilaos in der ersten Nacht, und mittlerweile hat es begonnen zu regnen. Ich befolge seinen Rat, trinke ganz schnell 2 Glas Cola, fülle die Wasserflasche wieder auf und weiter geht’s. Virginie läuft schon voraus.

 

Einige 100 m gehe ich schnellen Schrittes auf der Teerstraße hoch und dann rechts ab wieder in den Dschungelpfad hinein. Mittlerweile hat ein Platzregen begonnen, ja, hat sich denn alles gegen mich verschworen. Der Pfad gleicht immer mehr einem trockenen Gebirgsbach, der immer feuchter wird, bin schon wieder im Stress und habe große Angst, das Zeitlimit zu verfehlen. Die "Angst" macht mir im wahrsten Sinne des Wortes Beine. Ständig überhole ich jetzt Konkurrenten, darunter auch die Ingrid, die als Letzte ca. 1 ½ Stunden nach mir ankommen sollte.

 

Ah, endlich, es geht jetzt wirklich stetig steil nach unten und leider hinter einer Kurve wieder genau so steil nach oben... In der Ferne sehe ich jetzt einen Berggipfel, weit über uns, auf dem sich eine Sternwarte befindet. Dumpfe Vorahnungen plagen mich: wenn es da auch noch rauf geht, dann wird es knapp, sehr, sehr knapp. Es geht weiter bergab, es regnet immer noch stark und der Weg wird immer schlammiger. Und tatsächlich nun zieht sich der Hindernispfad nur noch bergauf, in der Tiefe sehe ich schon das weiße Häusermeer von St. Denis. Die Sternwarte ist erreicht und auch gleichzeitig eine Teerstraße, die serpentinenartig nach unten führt. Hoffnung keimt auf und verfliegt sofort wieder, denn nach 20 m steht wieder ein Schild "Grand Raid", das nach rechts in den Dschungel zeigt. Es ist zum Verrücktwerden, keine Schikane lassen die Raid Organisatoren aus. Das müssen wirklich Sadisten sein.

 

Wie ehedem, der Pfad ist von fürchterlicher Beschaffenheit. Noch habe ich eine Stunde Zeit, weiß aber nicht, was noch alles auf mich wartet und fühle wieder das Damoklesschwert des Zeitlimits über mir baumeln. Von Müdigkeit oder gar Erschöpfung ist nichts zu spüren; das Adrenalin verleiht mir Flügel, und ständig überhole ich weitere Raider. An einer glitschigen Stelle falle ich wieder auf den Hintern, ohne Schaden zu nehmen. Ich merke, dass ich mein Tempo zurücknehmen muss, denn das Ziel ist in greifbarer Nähe und ein Sturz auf spitze Felsen würde anders enden.

 

Gott sei Dank, es geht jetzt nur noch bergab, ich habe noch ca. 40 Minuten Zeit. Jetzt kann ich tief unter mir das Stadion la Redoute, das Ziel erkennen und kann den Zielsprecher hören, der einlaufende Raider namentlich begrüßt und dann geht es wieder bergauf, mindestens 50 - 80 m. Noch 30 Minuten Zeit, au weia, auf was habe ich mich da eingelassen.

Der Raid presst.

 

Jetzt ja, ich kann den folgenden Pfadverlauf überblicken und er führt nur noch bergab unter einer Autobahnbrücke hindurch auf eine Straße, die schnurstracks Richtung Stadion führt. Virginie sehe ich ca. 300 m vor mir. Autofahrer hupen, geben Lichtsignale, Passanten klatschen. Die Straße wird überquert, ein Polizist hält sie für mich frei und an der anderen Seite ist nach 50 m der Stadioneingang.

 

Jetzt, da der Grand Raid sich zeitlich dem Ende nähert, sind viele Zuschauer anwesend und alle applaudieren. Von Endorphinen getragen, laufe ich stolz noch ca. 100 m auf der Tartanbahn und sehe vor mir den Triumphbogen: ARRIVE.

 

Die Digitaluhr zeigt exakt 59:36:21. Ich will schreien, aber der Hals ist wie zugeschnürt, die Tränen laufen mir das Gesicht runter und kann auch das Schluchzen nicht zurückhalten. Die Emotionen haben mich voll im Griff. Das ist Glück, Glück, Glück... im höchsten Maße. Wahrlich, das sind bewegende Momente.

 

Eine junge Kreolin hängt mir die Medaille über und schüttelt mir die Hand. Reporter kommen jetzt mit Fernsehkameras und Mikrofonen auf mich zu, und ich stammele irgendetwas in franglais (Mischung aus französisch und englisch) hinein.

 

NACHWORT

 

Nach Wochen schreibe ich diesen Bericht und habe etwas Abstand zu den dortigen Erlebnissen gewonnen. Ganz klar durchgesetzt hat sich jedoch das Positive, so dass ich mich entschlossen habe, diesen einzigartigen Abenteuerlauf in 2004 erneut zu wagen. Der Grand Raid ist wirklich bestens organisiert und ist bei ausgiebigem Training (ca. 50 - 70 km Laufen pro Woche über einen längeren Zeitraum) zu schaffen. Bedingt durch die extremen Höhenunterschiede, steilen Auf- und besonders Abstiege bei zu einem großen Teil schwierigsten Wegeverhältnissen ist allerdings die Anforderung an die psychische und physische Leistungsfähigkeit als sehr hoch einzustufen. Man kann das schon an der sehr hohen Abbrecherquote erkennen: Von 2.400 Startern erreichten weniger als 1.400 Läufer das Ziel.

 

Trittsicherheit im unwegsamen Gebiet kommt bei weitem vor Grundschnellig­keit und der Wille entscheidet letztendlich über das Gelingen und wird einer ständigen Prüfung unterworfen. Doch der immaterielle Lohn einer solchen bestandenen Examinierung kann ich subjektiv gar nicht hoch genug einordnen. Es sind einfach Ultra-Höhenflüge im persönlichen Leben, die sich bis zum Ende aller Tage im Hirn festsetzen. Das hohe Verletzungsrisiko ist nicht wegzudiskutieren, selbst der überaus erfahrene Abenteuerläufer Stephan Schlett hatte sich auf Reunion schon Rippenbrüche zugezogen, kann aber durch selbstverantwortliches Verhalten vertretbar gemacht werden. Das Autofahren auf deutschen Autobahnen bei 160 km/h und einem "Sicherheitsabstand" von 2 m, wie man es leider oft beobachten muss, ist sicherlich riskanter.

 

Wer sich zum Ziel setzt, anzukommen und nicht in der Ideologie der persönlichen "Best"-Zeiten gefangen ist, kann wirklich wunderbare, unvergessliche Glückserlebnisse genießen.

 

Obwohl ich weiß, dass ich von einigen dann während des Laufs verflucht werde, stehe ich gerne interessierten Läufern mit Rat und Tat zur Verfügung. Lasst mir eine e-Mail sesterheimgmbh@web.de zukommen oder ruft mich unter 06507/4158 an.

 

Denn wie heißt es so schön? "Das Schiff im Hafen ist sicher, aber dafür wurde es nicht gemacht!


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