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Laufberichte

Kurzausflug zum National Marathon nach Bratislava

 

Bratislava, die Hauptstadt der Slowakei, ist nur 55 km von Wien entfernt. Tausende Slowaken pendeln täglich zur Arbeit in die österreichische Metropole. Die Österreicher kommen allerdings eher als Ausflügler entlang der Donau auf Fahrrädern über Hainburg oder als reine Einkaufstouristen nach Bratislava, um die dortigen modernen Shopping-Center aufzusuchen. Mit ca. 410.000 Einwohnern ist Bratislava keine Weltstadt, doch die Verkehrsverbindungen zur Partnerstadt Wien sind bestens ausgebaut. Anreisen kann man bequem über die Autobahn, mit dem stündlich verkehrenden Zug namens Rex, mit Linienbussen, ja sogar über die Donau mit dem Twinliner.

Mitorganisator Dr. Jaroslav Sopuch  hat in diesem Jahr den National Marathon mehrfach bei anderen Laufveranstaltungen wie dem offiziellen Bratislava-Marathon im März angekündigt. Ein Intensivsammler wie ich hat so viele Termine im Kalender eingetragen und gar keine Zeit, sich wochenlang darauf einzustellen. So registriere ich mich online einige Tage vor Rennbeginn, wie weitere Lauffreunde aus Wien und Umgebung sowie zwei Mitglieder unseres 100 Marathon Club Austria. Im heurigen Jahr bin ich schon 36 Marathons und einen Ultra gelaufen, bis Ende September sollen es 42 werden, den Ultra über 55 km beim Mozart 100 (7:10 Stunden) nicht mitgezählt.

Tagwache ist um 5:30 Uhr, geschlafen habe ich wenig. Nach einem eher kargen Frühstück fahre ich bei strömenden Regen über die Flughafenautobahn Richtung Bratislava. Ernst Fink ist seit Samstag dort, er will die Stadt mit Conny, seiner attraktiven Lebensgefährtin, erkunden. Ernst zählt zu den besten und schnellsten Läufern in unserem Club, in der Altersklasse M-45 sind bei einem City-Marathon Finisherzeiten unter und um 3:30 Stunden für ihn die Regel. Da kann ich nur anerkennend aufschauen, doch Ernst ist auch 11 Jahre jünger.

Die Startunterlagen werden am Renntag bis 8.00 Uhr ausgegeben – im Hotel Sorea-Regia in der Královské údolie Nr. 6. Mein Navi spielt verrückt, mehrmals fahre ich die Uferpromenade Nábrežie arm. gen. L. Svobodu rauf und runter, dann halte ich auf einem Gehsteig und eile ins nahe Kempinski-Hotel. Dort kennt man das Sorea-Regia, es befindet sich auf dem gegenüberliegenden Hügel, rund 200 Meter bergauf. Meine österreichischen Lauffreunde Susanne Schöberl, Willi Braunsteiner, ihr Lebensgefährte und Poldi Eigner sind schon dort. Im Startsackerl befinden sich nur Prospekte, für den Chip wird eine Leihgebühr von 5 Euro eingehoben. Zum Erstaunen vieler erhält jeder Teilnehmer ein Laufshirt vom diesjährigen 10. Salzburg-Marathon. Eine junge Helferin händigt mir ein Damenshirt aus, das so klein geschnitten ist, dass es vielleicht einem achtjährigen Kind passt. Ich reklamiere nicht, zu Hause im Kasten befinden sich Dutzende Baumwoll-Shirts, die ich nie mehr tragen werde.

Werner Kroer, jüngstes Mitglied in unserem Verein, stößt zu uns. Noch verbleiben rund 30 Minuten bis zum Start um 9.00 Uhr. Wir blödeln ein wenig – Susanne sagt im Spaß, dass sie bei ihrem nächsten Kaiserwald-Marathon in St. Pölten Richtzeiten vorgeben könnte. Wer diese überschreitet, erhält keine Starterlaubnis. Ich werde mich also anstrengen müssen.

Ich knipse einige Erinnerungsfotos, Susanne und Willi, Ernst und Conny werden digital erfasst. Am Start macht Conny von der Austria-Connection noch ein Gruppenfoto. Ein Chor singt Volkslieder, dann geht’s los. Ich laufe mit Susanne gemeinsam fast am Schluss des Starterfeldes, die Differenz beträgt ca. 40 Sekunden.

 
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Sie trainiert für den 20. Graz-Marathon am 13. Oktober die Pacemaker-Rolle – Zielzeit dort und heute sind 4:30 Stunden. Auf einem Armband hat sie die Detailzeiten eingetragen: 6:15 Minuten/km bis zur 15-Km-Marke, 6:20 bis km 30, dann  6:30 Minuten/km bis ins Ziel. Wir reden über Gott und die Welt – nach der ersten Labe bei km 5 stellt sie fest, dass wir zu langsam unterwegs sind.
Auf der Veranstalter-homepage wird angekündigt, dass die von Bratislava nach Devin führende Laufstrecke mit Start und Ziel um 9.00 Uhr bei der Fakultät für Bildung und Sport (FTVŠ), unweit der Brücke Lafranconi, keine nennenswerte Höhenunterschiede aufweist. Das Gegenteil ist der Fall: Der nach den Regeln der IAFF /AIMS zertifizierte Kurs, der eine Sperre des Verkehrs vorsieht, weist viele, z.T. langgezogene Steigungen auf und scheint für schnelle Zeiten eher nicht geeignet zu sein.

Drei Bewerbe werden angeboten, ein 10-km-Lauf, ein Halbmarathon, für den sich Willi, der Freund von Susanne, angemeldet hat und der Marathon mit 2 Laufrunden, also zweimal die Strecke Bratislava-Devin und zurück. Susanne hat sich viel vorgenommen, bei km 7 beschleunigt sie das Tempo, ich lasse sie ziehen. Normal läuft sie am Anfang eher langsam, doch heute möchte sie den  vorgegebenen Zeitplan einhalten. Ich bin mir zu diesem Zeitpunkt sicher, auch 4:30 laufen zu können, es zumindest zu wollen. Auf der zweiten Runde würde ich sie vielleicht wieder einholen.

Für den Marathon haben sich kaum mehr als 30 oder 40 Läufer registriert, sie kommen zumeist aus der Slowakei, auch aus Tschechien, Polen und wir zu fünft aus Österreich. Bei den heurigen Bergmarathons bin ich aufwärts fast nur gegangen, heute habe ich Gelegenheit auf Asphalt endlich wieder einmal „durchzulaufen“. Susanne ist entschwunden, ich überhole zwei Halbmarathonläuferinnen, die viel zu warm angezogen sind.  Der Regen hat längst aufgehört, die Sonne kommt raus, es wird spätsommerlich warm. Mit dem Singlet habe ich die richtige Laufkleidung gewählt. Ein Hitzestau infolge eines zu warmen Trikots kann einen schwer behindern, diese Erfahrung habe ich im Laufe der Jahre öfters gemacht.

Entlang der für den Verkehr auf einer Fahrspur gesperrten Laufstrecke ist zunächst wenig zu sehen, in Karlova ves stehen einige Zuschauer auf einer Hausterrasse, doch kein Spaziergänger klatscht den Läufern zu, als ich mich den idyllischen Donau- und Marchauen nähere. Inzwischen kommen die schnellen Läufer nach der Wende bei km 11 nach der Burg Devin wieder auf mich zu. Ich knipse eifrig, wissend, dass ich bei km 10 mit 4  Minuten über der angestrebten 6er-Zeit liege. Die Gegend dort ist ein beliebtes Ausflugsziel, die Aussicht auf die Donau und die Burg ist es wert, für einige Schnappsschüsse auch eine Minute zu opfern.

 
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Die Ruine der Burg Devín (slowakisch: Devínsky hrad) befindet sich im zu Bratislava gehörenden Stadtteil Devín auf einem Felsen oberhalb der Mündung der March in die Donau an der slowakisch-österreichischen Grenze. Einst war Devín eine bedeutende Grenzbefestigung des Großmährischen Reiches. Die Slowaken sehen in den alt-slawischen Ruinenresten ihre Wurzeln als eine der slawischen Nationen. 1809 sprengten napoleonische Truppen die Burg, heute ist sie eine der bedeutendsten archäologischen Stätten des Landes.

Unter der Burg ist ein Jahrmarkt aufgebaut, Buden und Verkaufsstände locken viele Spaziergänger an. Eine Greifvogelschau wird geboten. Auf die Läufer achtet niemand. Ich bleibe diesmal nicht bei der Labestelle stehen, ca. einen Kilometer weiter befindet sich die erste Wende. Inzwischen kommen mir gut zwei Dutzend Läufer entgegen, darunter auch Ernst, Poldi, Werner und Susanne in dieser Reihenfolge. Ich bleibe immer wieder kurz stehen und fotografiere die Läufer, viele kämpfen mit großem körperlichem Einsatz.

 
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Hinter mir dürfen sich vielleicht noch vier oder fünf Nachzügler befinden. Ich nehme mir vor, nach dem zweiten Durchlauf beim gemauerten ehemaligen Burgtor etwas schneller zu werden, um auf den zweiten 10 km zurück nach Bratislava wenigstens die Halbmarathondistanz nach 2:15 Stunden zu erreichen. Doch die inzwischen aufgekommene Hitze und die vielen Steigungen erschweren dieses Vorhaben. Der Weg in die Stadt zur Zeitnehmungsmatte unter einem aus zwei Topfranken aufgebauten pflanzlichen Torbogen ist lang und beschwerlich. Inzwischen nähern sich auf halber Strecke schon wieder die schnelleren Läufer.

 
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Mit Verspätung, nämlich 2:18 Stunden für den Halbmarathon (netto ca. 2:17), trete ich die zweite Runde an. Zwei sehr sportlich wirkende Herren meines Alters oder vielleicht auch unter M-60 startende Kontrahenten laufen auch mich zu, sie liegen ca. 1 km vor der Halbmarathonwende, somit habe ich 2 km Vorsprung. Das sollte sich ausgehen, die würde ich in Schach halten können. Noch ein langsamer Läufer kommt näher, der dürfte sogar ein halbe Stunde zurück sein. Ich schaue auf meine Garmin, bald ist der 25 km-Punkt und die Labestelle erreicht, doch die Laufzeit wird wohl bei 2:45 liegen. Ich schaffe auf den wenigen Abwärtspassagen kaum mehr als 10 km/h.

Knapp vor km 30 treffe ich auf Ernst, der sein verschwitztes Shirt umgebunden hat, so heiß ist ihm offenbar geworden. Poldi, gut einen Kilometer dahinter, klagt, dass er heute die 4:00 Stunden nicht unterbieten wird. Werner rufe ich zu, dass sich diesmal 4:15 – wie von ihm erhofft – nicht ausgehen werden. Susanne wirkt sehr abgekämpft, sie sagt mir, dass sie ziemlich geschafft sei – das Pacemaker-Training auf 4:30 wird sie woanders wiederholen müssen. Ich blicke mich um, Schreck lass nach: die beiden Nachzügler sind nur mehr 100 m weit entfernt. Es zeichnet sich ab, dass sie mich überholen werden. Knapp vor der Wende bei ca. 31 km ist es soweit, ich muss sie ziehen lassen. 

Die Garmin zeigt 3:20 Stunden bei km 31 an. Würde ich bei dem langsamen Lauftempo die 35 km-Marke nach 3:45 überhaupt erreichen können? Eher nicht, denn es geht aufwärts und die Sonne scheint einem direkt ins Gesicht. Ich versuche zu kämpfen, doch für 4 km benötige ich fast 30 Minuten. Nach 36 km zeigt die Uhr 4:05 Stunden an. Für die verbliebenen 6 km bis ins Ziel könnte ich bei einer Laufzeit von 7 Minuten/km vielleicht noch unter 4:50 kommen. Doch diese optimistische Rechenoperation bleibt Theorie, als Vorletzter von 28 Klassierten finishe ich schließlich ziemlich abgekämpft mit 4:55:15, meine Garmin weist eine Nettozeit von 4:54:32 aus. Man übergibt mir eine einfache Medaille mit einem farbigen Papieraufkleber und eine Urkunde.

Von der anderen Seite der nach General Ludvik Svoboda als Uferpromenade bezeichneten Straße winkt mir Willi herüber. Er, Susanne und Poldi sind fast schon abfahrbereit. Ich gehe zu ihnen hinüber, wir sprechen über den Lauf. Poldi  ist mit seinen 4:08:46 einigermaßen zufrieden, Susanne mit ihren 4:40:55 ganz und gar nicht. Dass sie die einzige Starterin in der Klasse W-40 war und somit den ersten Rang belegt hat (den zweiten hinter einer Frau in der Altersklasse W-60) scheint ihr wenig zu bedeuten. Ich verabschiede mich von den Dreien.
Werner Kroer steht bei seinem Auto 100m weiter abseits, er hat mit 4:32:16 eine gute Laufzeit vorzuweisen. Ich gehe zu meinem V70, ziehe mich um – Duschgelegenheit gibt es keine, der Schweißgeruch ist nicht wegzubringen. Dr. Jaroslav Sopuch hat Werner in die nahe Uni eingeladen, dort würde es einen kleinen Imbiss geben. Herr Sopuch spricht mit Helfern, wir warten auf ihn. Unterdessen trifft der letzte Läufer ein, er hat eine gute halbe Stunde auf mich verloren.

 
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Ich fotografiere Werner in seinem Salzburg-Marathon T-Shirt vor einer slowakischen Werbetafel. Wir gehen mit Jaroslav in die Uni-Kantine. Die Veranstalter haben sich etwas Schlaues einfallen lassen, um Kosten zu sparen: Für die Teilnehmer einer internationalen Tagung wird in der Kantine ein Menü ausgegeben. Nach Vorzeigen der Startnummer dürfen sich die Läufer anschließen. Es gibt Gemüsesuppe und ein Cordon bleu. Wir bleiben noch eine Weile, reden über Werners USA-Marathons, bedanken uns dann bei Dr. Sopuch und fahren über Kittsee unter Umgehung der Autobahnmaut zurück nach Wien – Werner bis nach Bad Vöslau weiter.

Was sind meine Eindrücke vom Lauf insgesamt? Die Veranstalter haben sich redlich bemüht, besonders die Aussperrung des Verkehrs ist ihnen hoch anzurechnen. Die Versorgung an den Labestationen bekommt von mir das Prädikat „bescheiden“: Kein Obst, keine Riegel, kein Cola, nur Wasser aus Kanistern und ein angerührtes Isogetränk. Von der Hitze aufgeweichte Schokostücke werden nicht genommen. Im Ziel erhält man eine unterschriebene Urkunde ohne Laufzeit, Medaillen in dieser Qualität werden bei uns noch nicht einmal bei Kinderläufen ausgegeben.

Der Marathon stellt infolge der Topologie erhöhte sportliche Anforderungen. Ein gut trainierter Hobbymarathonläufer meiner Altersgruppe kann dort trotz der vielen Steigungen bei kühleren Temperaturen durchaus um oder auch unter 4 Stunden finishen. Infolge der Hitze besonders um die Mittagszeit hat so mancher bis zu einer Viertelstunde auf seine Richtzeit verloren.

Die schönen Donau- und Marchauen um Devin sind für Naturliebhaber wie mich jederzeit einen Ausflug wert. Ich könnte mir vorstellen, dort einmal mit einem Schlauchboot die Gewässer zu erkunden oder an einer geführten Exkursion in den Auwald teilzunehmen.

Aufgrund der geringen Teilnehmeranzahl stellt der National Marathon keine Konkurrenz zum internationalen Bratislava-Marathon im März mit mehreren Hundert Teilnehmern dar. Die Bevölkerung interessiert sich meinen Beobachtungen als mehrmaliger Teilnehmer beim Bratislava-Marathon zufolge nur in sehr begrenztem Ausmaß für Marathonläufe(r).

 


 

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