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Kiew Marathon: Der County Club grüßt die Klitschkos

 

Es hat an die 25 Grad C in Kiew, der 3 Mio. Einwohner zählenden Hauptstadt der Ukraine am Dnepr, als ich am Samstag ankomme. Über das Spätsommerwetter freuen sich nicht nur die zahlreichen Touristen, sondern wohl auch die Teilnehmer des heuer zeitgleich mit Berlin, Ulm und Warschau stattfindenden Kiew-Marathons, der seit seiner ersten Austragung im Jahre 2010 ständig gewachsen ist.

Unter den mehr als 600 registrierten Teilnehmern inklusive der Staffeln befinden sich auch ein halbes Dutzend Mitglieder des Country Marathon Clubs, die ihre Laufstatistik um einen Länderpunkt erweitern wollen. Mit 35 gewerteten Ländern befinde ich mich derzeit noch am unteren Ende der Rangliste, doch ich habe mir vorgenommen, bei meiner Marathonsammlertätigkeit zukünftig mehr auf das Länderkontingent zu schauen. An dieser Stelle sei ergänzt, dass die anwesenden Repräsentanten des County Clubs nicht nur mehr Länder als ich haben (was einen dort absolvierten Marathon betrifft, nicht jedoch im Sinne von Reisezielen), sondern in der Läufercommunity auch bestens bekannt und renommiert sind.

Mario und Doris Saggasser vom 100 Marathon Club Deutschland sind zu nennen – er ist der 1. Vorsitzende und läuft mit 50 die Marathondistanz  in knapp über 3 Stunden. Doris ist eine Powerfrau, die im Rennen schon so manchen Mann bei der 30 km-Marke hinter sich gelassen hat und ungeahnte Kraftreserven mobilisieren kann. Gordon Bennet ist aus New York City angereist und hat wie ich 35 absolvierte Länder vorzuweisen, Jürgen Sinthofen, der auf Laufspass.de über seine Marathonläufe berichtet, verbucht 54 countries und Philippe Waroux hat es bisher auf 40 Länder gebracht. Ausgemacht ist, dass wir uns für ein Gruppenfoto morgen knapp vor dem Start um 8 Uhr 40 treffen.

 
© marathon4you.de 30 Bilder

Als ich am Samstag um 11 Uhr meine Reisetasche auf Rollen zum Hotel Ukrajina hinaufschleppe, das sich auf einer Anhöhe hoch über den Majdan, dem Platz der Unabhängigkeit mit dem 63m hohen Denkmal auf einer Säule, befindet, sitzt Mario auf einem Fauteuil im Foyer und ist mit seinem Smartphone beschäftigt. Ich stelle mich in die Check-out-Warteschlange, in der Hoffnung, vielleicht früher als um 14 Uhr ein Zimmer zu ergattern. Wie auf booking.com in den Bewertungen des Hotels (nur mit 7,4) auch angeführt, ist das Personal eher unfreundlich – und in meinem Fall auch noch strikt in der Einhaltung der „Vorschriften“.  Nach einer halben Stunde Wartens erfahre ich endlich, dass ich meine pralle Tasche bis zur Check-in-Time im 3.Stock abgeben kann. Die dort verlangte Gebühr beträgt nur 6 Hrywnja (UAH in Wechselkursen abgekürzt), das sind ca. 25 Cents. Für einen Euro bekommt man gegenwärtig 24 UAH. Die Preise für Westtouristen in der Ukraine sind sehr günstig, zwei Nächte im Hotel Ukraine werden um 60 Euro angeboten.

Nach Abgabe der Tasche benutze ich den Notabgang, statt den extrem langsamen Aufzug, um ins Foyer zu gelangen  – Mario ist inzwischen verschwunden. Ich plane, nach der Abholung des Starterpakets ein wenig Sightseeing zu betreiben und u.a. meine umfangreiche Sandsammlung im Zeitraum von mehr als 30 Jahren von den schönsten Stränden der Welt (in kleinen schmalen Gläsern abgefüllt, die mehrere Regale füllen und deren Inhalt von tiefschwarzem Lavasand bis zum hellsten Korallenweiß reicht) auch um etwas Treibsand von einer Sandbank am östlichen Dnepr-Ufer zu erweitern. Manchmal frage ich mich, warum ich mit dem Laufen erst ab 2001 angefangen habe. Bei meinen vielen und weiten Reisen hätte ich schon vor 30 oder 40 Jahren so manches Land kassieren können, wenngleich man sagen muss, dass es damals keine exotischen Marathonziele gegeben hat und diese erst mit der touristischem Vermarktung unseres Sports entstanden sind.

Auf der Registrierungsbestätigung in Russisch und in den englisch ausgeführten „Regulations“ wird als Ort der Expo der  Olympische Stadionkomplex (Olimpiyskyi) , wo Dynamo Kiew seine Heimspiele austrägt, angeführt. Dorthin sind es mit der (blauen) Metrolinie 2 vom Majdan nur zwei Stationen.

Der Majdan ist der Treffpunkt politischer Gruppierungen, im letzten Jahr gab es hier Dutzende Tote bei Zusammenstößen von Demonstranten mit der Polizei. Der ehemalige Boxchampion nach der WBO-Version in Ruhestand, Vitali Klitscho, ist seit Mai 2014 Bürgermeister von Kiew und Abgeordneter im Parlament.  Sein jüngerer Bruder, Wladimir, breitet sich gerade auf seinen kommenden Kampf mit dem Briten Tyson Fury vor, der aber nun verschoben wurde. Nicht die Klitschkos haben etwas mit dem Menschenaufkommen rund um den Majdan zu tun, sondern im Mittelpunkt stehen die vielen gefallenen einfachen Soldaten und Zivilisten im bewaffneten Konflikt mit dem separatistischen Ostprovinzen in der Region Donbass, die mit russischer Unterstützung militärisch für eine Loslösung von der Ukraine kämpfen und eine Volksrepublik Donezk fordern. Die russische Besetzung der Krim scheint man schon hingenommen zu haben. Brennende Kerzen, Kränze und Fotos von den jungen Helden, vereinzelt auch Angehörige, die ihre Trauer mit fremden Menschen teilen möchten, erwecken in mir ein bedrückendes Gefühl. Für mich gibt es nichts Sinnloseres, als einen Krieg mit militärischen Mitteln zu führen.
Wie in St. Petersburg und Moskau sind die Rolltreppen auch hier in den Metrostationen in Kiew nie enden wollend. Es dauert mehrere Minuten, bis ich unten in der Station, geschätzte 80 Meter tiefer, ankomme. Um die U-Bahn-Rolltreppe betreten zu können, muss man vorher an der Kasse eine Art Jeton zum Preis von 4 UAH kaufen. Fahrscheine bei uns in Österreich sind 10mal teurer.

Das Nationalstadium von Kiew ist ein imposanter Komplex – der Marathonkurs morgen am Renntag wird hier zweimal vorbeiführen. Am Außenoval sind riesige Konterfeis der Dynamofußballer angebracht, darunter auch unser Nationalspieler Alexandr Dragovic mit serbischen Wurzeln. Je näher ich an das Stadion rankomme, desto argwöhnischer werde ich: weit und breit sind keine hinströmenden Messebesucher zu sehen, keiner kommt mir mit einer Tragetasche entgegen. Ich nähere mich der Absperrung. Das riesige Werbeplakat von Klitschkos-Fight hat mit dem Marathon wohl nichts zu tun. Ich blicke mich um, ein junger Mann steuert auf mich zu. Er scheint das gleiche Ziel zu haben – ich spreche ihn an (das Cyrillische Alphabet habe ich mir voriges Jahr für den Marathon in St. Petersburg beigebracht, inzwischen auch ein paar zweckdienliche russische Wörter gelernt). Der Wachmann vor dem abgesperrten Stadionkomplex weiß nur, dass heute Abend Dynamo spielt und man noch Karten kaufen kann.

Für solche Zwischenfälle habe ich vorgesorgt – auf der homepage sind vier Personen mit unterschiedlichen Zuständigkeiten angeführt, die man auch anrufen kann. Wir haben Glück – um die Mittagszeit hebt tatsächlich jemand ab. Die Expo sei verschoben worden, wir sollen mit der roten Metrolinie 1 bis zur Station Nivsky und vor dort drei Haltestellen weiter mit einem der Busse fahren. Der offizielle Ort der Startnummernausgabe ist offenbar schon seit längerem (und bei den Leistungen vermerkt) das  KyivExpoPlaza-Gelände, wo auch die Sport EXPO UA 2015 vom 25. bis zum 26. 9. stattfindet.

Ich bedanke mich bei meinem jungen Fremdenführer und knipse ihn vor dem Eingang zur Expo – er wird zwar den Marathon morgen nicht gewinnen, doch dank seiner Jugend eine gute Finisherzeit schaffen. Die ausgewiesenen 600 Höhenmeter bedeuten, dass der Marathon viele Steigungen haben muss – den ersten Eindruck davon bekam ich ja gestern: das Hotel Ukraine liegt auf einer Anhöhe, die breite Chreschtschatyk, Flaniermeile der ukrainischen Hauptstadt Kiew, liegt geschätzte 50 m tiefer.

Die Expo ist allerdings sehr bescheiden, nur einige wenige Verkaufsstände sind vor Ort. Für Ländersammler wird die Welt immer kleiner, vor zwei Wochen in Georgien beim Kazbegi-Marathon, heute hier in Kiew: Ernst Fink denkt das gleiche über mich, als er nach einem kurzen Shakehands meint, dass auch ich überall dabei sei. Ganz so ist es nicht, denn Ernst hat in diesem Jahr schon die Welt bereist und ist in Neuseeland, Australien, Kalifornien, Mauritius – um nur einige Destinationen zu nennen -  einen Marathon gelaufen, stets von seiner Lebensgefährtin Conny, die auch in Kiew antreten wird, begleitet. Mit Ernst verbinde ich schöne Erinnerungen bei unseren Fahrten mit seinem Auto zu Marathons in Polen, Tschechien und Italien im Jahre 2013.

Ich habe mich für den Kiew-Marathon in der zweiten Gebührentranche mit 550 UAH (ca. 23 Euro) online registriert und dazu auch das offizielle Shirt um 295 Euro (ca. 12 Euro) mitbestellt. Als mir diesmal XL als zu groß erscheint, tauscht man mir es bereitwillig gegen eines in Größe L aus.

Der Tag ist für mich zu kostbar, um mich länger als nötig bei der Expo aufzuhalten. Ich nutze den Samstag, um möglichst viel von der Stadt zu sehen. Die Marathonstrecke wird morgen an vielen Kirchen und Sehenswürdigkeiten vorbeiführen. Mein letztes Ziel ist der Dnepr, die Sonne geht langsam unter. Ich setze mich in der Nähe von drei einheimischen Fischern, die ihren Fang begutachten, auf meine Jacke. Ohne Unterlage würde der Letten am Flussufer schon zu kalt sein, obwohl ein Mann im kalten Dnepr schwimmt und ein Kleinkind im Wasser in Ufernähe spielt. Im Westen werden die Zwiebeltürme einiger orthodoxer Kirchen und die Mutter-Heimat-Statue in rotes Licht der untergehenden Sonne getaucht. Ich öffne den Rucksack und hole die mitgeführte Flasche Bier heraus, gekauft im Billa-Laden am Majdan-Platz. 

Die Uhren in Kiew gehen eine Stunde vor, die innere Uhr ist auf 21 Uhr eingestellt, die Lokalzeit ist aber schon 22 Uhr. Das Frühstück im Hotel wird ab 7 Uhr angeboten, meinen Handywecker stelle ich auf 6 Uhr Ortszeit. In der Regel werde ich auch ohne Klingelton wach. Der Blick hinaus aus dem 7. Stock zeigt eine leichte Eintrübung, schon in der Nacht spürte ich die Abkühlung. Die Rezeptionistin sagte mir gestern, dass es zu kleinen Regengüssen tagsüber am Renntag kommen könnte. Soll mir recht sein, ich bin heuer ohnehin auf Dauer hitzegeschädigt, der Sommer war zwar super für die Badefreaks, doch für Marathonläufer auch in höheren Lagen überdurchschnittlich heiß. Spätestens an kalten und nebeligen Novembertagen werde auch ich wieder dem Sommer nachtrauern – die Botschaft auf den Postwurfsendungen lautet dann: „Ab in die Sonne mit Ihrem Reiseveranstalter!“

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