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Laufberichte

Eine Seefahrt, die ist lustig (4)

 

Seit unserer Abfahrt in San Francisco sind vier Tage auf bewegter See vergangen. Die Costa Deliziosa erreicht den Hafen von Honolulu am 11. Februar 2014 gegen 7 Uhr. Inzwischen haben fast alle am Schiff mitbekommen, dass unsere Laufrunde auf Deck 3 während der 100 Tage dauernden Weltreise noch einiges vorhat.

Heute um 16 Uhr werden wir auf einen Teilabschnitt der offiziellen Route des Honolulu-Marathons mit Tom Craven, Mathematik-Professor an der Hawaii-Universität, 13,1 Meilen nach Osten vorbei an der weltberühmten Waikiki-Beach laufen und nach der Rückrunde einen weiteren Marathon verbuchen. Tom fungiert als Race-Direktor und hat den Lauf organisiert, den er ursprünglich auf facebook mit “Austria-Hawaii Friendship Marathon“ ankündigte, aber wegen der Internationalität der Teilnehmer als zu eng empfand und ihn in „Europe Hawaii Marathon“ umbenannt hat.

Hawaii ist für die meisten ein Mythos, die wenigsten der 2800 Passagiere unseres Kreuzfahrtschiffes waren bisher auf einer der Inseln. Mehr als 7 Millionen Touristen bereisen Jahr für Jahr Hawaii. Die Ironman Weltmeisterschaft findet jährlich im Oktober auf „Big Island“ entlang der Kona-Kohala-Küste im Westen der Insel statt, dafür muss man sich aber erst qualifizieren. Honolulu ist die Hauptstadt und liegt im Süden der Insel Oahu.  Neben der Copa Cabana ist Waikiki der vielleicht berühmteste Strand der Welt.

Auch ich war noch nie auf Hawaii. Daher habe ich mich besonders bemüht, schon vor der Weltreise mit Tom in Kontakt zu treten und ihn, als mit einigen US-Marathon Maniacs befreundet, zu ersuchen, während meines Aufenthaltes einen Lauf über 42,195km in Honolulu zu organisieren. Einige meiner Lauffreunde vom Schiff haben sich entschlossen, daran teilzunehmen.

 
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Edi aus dem Schweizer Kanton Solothurn gewann in 5:12 den „Sail to the Caribbean Marathon“ am Atlantik bei stark bewegtem Meer und vielen Walkern auf dem nicht abgesperrten Rundkurs von 570m am 16. Januar 2014. Mit Ursula nahm er auch beim Surf City Marathon am 2.Februar an der Huntington Beach in L.A. teil. Diego und Montse, ein sehr sportliches Paar spanisch-deutscher Herkunft, sind erstmals dabei. Peter hat abgesagt, er hat den Honolulu-Marathon vor rund 30 Jahren gefinisht. Torsten wäre interessiert gewesen, hat aber mit seiner Frau eine Exkursion gebucht. Auch wir planen am 12.Februar zum Surfer’s Paradise an den Nordstrand von Oahu zu fahren, in der Hoffnung, wie die vielen Surfer dort um diese Jahreszeit die großen Wellen, „the big ones“, zu sehen.

Gleich nach der Ankunft am 11.2 nehmen wir den 42er-Bus und fahren die rund 3 km nach Waikiki raus. Ich kannte den Strand bisher nur von Postkarten, auf denen er größer wirkt als in der Realität. Beim Hilton Hotel ist er am breitesten und wohl auch schönsten. Meine Frau und Tochter passen auf meinen Rucksack auf, während ich mit meiner Spiegelreflex-Kamera darauf aus bin, auf Waikiki-Beach einige gute Fotomotive zu finden. Ich fotografiere eifrig.

Gleich dahinter Richtung Nordosten ist ein eigener Stadtteil Waikiki entstanden, tausende Touristen strömen in die Geschäfte.  Das Surfbrett ist eine Art Wahrzeichen, am Strand werden alle 300 m bunt-bemalte Boards zum Verleih angeboten.

Was allerdings fehlt, sind die Wellen. Nur im Osten der  Waikiki Beach kann man ein wenig Wellen reiten. Es befinden sich durchwegs Anfänger auf den Brettern, die zumeist nicht einmal darauf stehen können und gleich ins Meer plumpsen. Ich bin in den 1980er-Jahren windgesurft, am Roten Meer und bei uns am Neusiedlersee. Wellenreiten ist etwas ganz anderes, man braucht viel Balancegefühl und auch Kraft. Mut gehört auch dazu, denn ein Safety-Guard erzählt mir, dass es jedes Jahr am Nordstrand Tote gibt. Ursache ist Ertrinken in einer großen Welle sowie Unfälle mir Haien.

Ich fahre um 13 Uhr 30 mit  dem Bus 19 zum Pier 2 zurück, meine Frau und Tochter bleiben am Strand. Um 16 Uhr ist unser Marathon angesetzt. Edi und Ursula treffe ich im Buffet auf Deck 9, Diego ruft eine Viertelstunde vor dem Start an, dass er und Montse nach unten kommen werden. Tom, der Matheprofessor, ist schon eine Viertelstunde vorher da. Er unterhält sich gerade beim Eingang zur Passkontrolle mit Edi, der in seinen Lieblingsshirt vom 20. Jungfrau-Marathon im Jahre 2012 laufen will. 

Tom berichtet, dass er aufgrund seiner mit Antibiotika behandelten und gut überstandenen Krankheit in den letzten zwei Wochen sich nicht so intensiv um die Interessenten kümmern konnte, die auf der Facebook-Ankündigung des Marathons zunächst positiv reagierten, sich aber dann zurückzogen. So kommt es, dass nur 5 Läufer am Start stehen, die Tom alle registriert hat. Als Race-Direktor läuft er auch selbst mit.

Ich ersuche den italienischen Schiffsfriseur, der sich in unserer Nähe befindet, ein Foto von uns zu machen. Um 16 Uhr 15 wird gestartet – jeder drückt auf seine GPS-Uhr. Diego aktiviert zusätzlich GPS über sein i-Phone. Garmin-Uhren haben ein Computer-Interface, das auch die meisten anderen Uhrenhersteller wie Polar oder Suunto anbieten, über das sich später alle Daten übertragen und im Netz abgleichen lassen. Man kann so feststellen, welche Route jemand gelaufen ist und auch, ob die Distanz eingehalten wurde.

 
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Ich meine, dass wir versuchen sollen, in der Gruppe zu laufen und bei den öffentlich zugänglichen Trinkwasserversorgungsstellen, genau genommen sind es kleine Brunnen, zu warten. Tom übernimmt die Führungsarbeit, nur er kennt die Strecke. Sein Tempo ist mir aber zu schnell, es geht nicht um einen 10 km-Trainingslauf am Schiff, sondern um 42,195 km in Summe. Mitunter laufen wir statt 6:15  min/km um 5:45 und darunter. Da es um 16 Uhr noch ziemlich heiß ist, wird das Tempo nach 10 oder 15 km automatisch langsamer werden.

Die Favoritin für den „Sieg“ ist für uns alle die Spanierin Montse, die als Personalcoach super trainiert ist und über eine großartige Kondition verfügt. Bei den Trainingsläufen auf Deck 3 ist sie sogar schneller als Peter, der uns Männern sonst um die Ohren läuft. Daher befindet sie sich auf gleicher Höhe mit Tom, der ja als der eigentliche Leithammel vorgesehen ist. Es geht zunächst die Alla Moana Blvd. entlang, vorbei am gleichnamigen Beach Park, Jachthafen und Shopping Center. Ich wundere mich, dass meine Uhr nur knapp über 3 km anzeigt, als wir zum Stadtteil Waikiki kommen. Mit dem Bus sind wir gut 10 Minuten gefahren.

Ich schlage Tom vor, dass wir statt durch die Stadt zu laufen, eine kleine Schlaufe zum Strand hinunter machen sollten, denn dort würden sich meine Familienangehörigen befinden. Ich schere aus und begrüße meine Frau Elfriede und Tochter Amanda. Sie laufen ein Stück mit mir und fotografieren. Die Gruppe wartet natürlich nicht auf mich, ich hole sie wieder ein und rufe Diego zu, dass er Tom zu einem Fotostopp bewegen soll. Die Waikiki Beach mit dem Diamond Head im Hintergrund sollte uns ein paar Minuten wert sein.

Dann geht es zurück in die Stadt, wo wir uns durch ein Heer entgegenkommender Touristen durchkämpfen müssen. Entlang der Kalakaua Avenue führt der von Tom ausgewählte Kurs an der Kuhio Beach und dem Waikiki Aquarium vorbei. Ich überrede wieder alle für einen Fotostopp. Faktum ist, dass keiner außer Tom wirklich vorauseilen könnte, denn wir kennen den Weg nicht. Ausgemacht ist, dass auf der Rückrunde ab Meile 24 jeder so schnell laufen darf, wie er noch kann. Der Weg zurück ist bis dahin allen bekannt.

Tom hat geplant, an der Küste entlang solange zu laufen, bis die 13,1 Meilen erreicht sind. Doch als wir in die Kalakaua Avenue einbiegen wollen, ist dort eine Straßensperre errichtet. Wir sind noch keine 10 km gelaufen, schon wird eine Kursänderung nötig. Tom reagiert schnell, er dirigiert uns zurück. Als Alternative bietet sich die ansteigende Monsarrat Avenue an, die zur Diamond Head Road führt. Tom entschließt sich mit uns in den Krater durch den Tunnel, der tagsüber nur von 6 bis 18 Uhr geöffnet ist, zu laufen. Es geht aufwärts wie bei einem heimischen Berglauf. Edi, der Schweizer aus dem Kanton Solothurn, fühlt sich wohl. Auch Montse, die mit Diego in Las Palmas auf Gran Canaria lebt, trainiert für einen Ultralauf auf La Palma. Sie sieht den Marathon als lockeres Training an, läuft uns zunächst voraus, dann wieder entgegen, als Kür legt sie zudem noch kleine Extrarunden wie eine Slalomläuferin auf Schi ein.  Tom sagt zu mir anerkennend, dass Montse eine sehr gute Läuferin sei, das könne er nach über 170 Marathons, darunter viele unter 4 Stunden, gut erkennen.

Leider führt in den Diamond Head, der teilweise noch militärisches Sperrgebiet ist,  was als Folge des  japanischen Angriffes auf Pearl Harbour zurückgeht, erklärt mir Tom, nur ein Weg hinein, aber keiner an einer anderen Stelle raus.  Wir kehren um, es geht wieder durch den Tunnel zurück. In der Ferne sieht man zwei Gipfel, den Koko Head und den Koko Crater. Aber es gibt scheinbar keine Möglichkeit, runter nach Kahala zu kommen. Meine Garmin zeigt knapp 14 km an, 1:34 Stunden sind wir unterwegs. Tom führt uns entlang der Alohea Avenue zu einem Sportplatz, wo sich auch ein WC befindet. Wir fühlen unsere Trinkflaschenvorräte wieder auf. Meine vier Fläschchen sind aber viel zu klein, sodass ich längst spüre, dass ich zu wenig Wasser zu mir nehme.

 
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Tom will jetzt den H1 Freeway, auf den auch der Honolulu-Marathon führt, entlanglaufen bis wir die 13,1 Meilen erreicht haben. Die Gruppe ist noch ziemlich geschlossen. In weniger als einer halben Stunde wird die Nacht hereinbrechen. Der Verkehr auf dem Highway in Richtung Kahala und Hawaii Kai ist sehr stark. Wir laufen auf dem schmalen Gehsteig bzw. am Pannenstreifen. Vorne eilen plötzlich Tom, Montse und Edi davon, es ist inzwischen schon finster geworden. Ich verliere meine Wasserflasche, gehe ein Stück zurück. Nun ist auch Diego davongeeilt, plötzlich bin ich abschlagen der Letzte, sehe die Gruppe nicht mehr.

Ich frage einen Mann bei einer Garagenausfahrt, ob er Läufer bemerkt habe. Er bestätigt dies und deutet in Richtung Osten. Bei einer WC-Anlage erblicke ich die Gruppe, wir machen ein Foto, das den schon erfolgten Sonnenuntergang festhält. Tom möchte noch ein Stück weiterlaufen, obwohl unsere Uhren schon über 22 km anzeigen. Ich lasse mich zurückfallen, um Kräfte für die Rückrunde zu sparen. Als ich die Gruppe wieder erreiche, fehlt plötzlich Diego, um den sich Montse, seine Freundin, Sorgen macht. Er dürfte die Gruppe übersehen haben. Sie findet ihn, er ist  mehr als einen Kilometer weiter gelaufen.

Es geht den sehr stark befahrenen Freeway zurück, die Menschen fahren von der Arbeit nach Hause. Das Licht der Scheinwerfer schmerzt in meinen Augen. Beim offiziellen Honolulu-Marathon, der sehr zeitig in der Früh wegen der Hitze beginnt, sind die Straßen ja gesperrt, bei unserem Freundschaftsmarathon sehen wir, dass der Verkehr auch vor einem Paradies nicht Halt macht. Das habe ich vor 20 Jahren auch in Tahiti so erlebt.

Ich überhole Diego, inzwischen sind ca. 28 km gelaufen. Unser nächster Treffpunkt ist wieder die Tankstelle am Weg zum Freeway. Nun bilden Diego und ich die Nachhut, Montse und Edi sind vorne, Tom knapp dahinter. Es geht bald wieder aufwärts, offenbar will Tom nun doch versuchen, zur Küstenstraße, der Diamond Head Road, hinunter zu kommen. Doch als er einen Radfahrer konsultiert, dürfte dieser ihm gesagt haben, dass dies wegen der Sperre noch immer nicht möglich ist. Wir laufen zurück, es geht bergab. Dann wählt Tom dieselbe Strecke, auf der wir beim Anstieg zum Diamond Head gekommen sind.

Man merkt, dass nun um die Plätze gekämpft wird. Montse und Edi sind einige Hundert Meter vorne, Tom läuft in meiner Reichseite, Diego ist etwas zurückgefallen. Ich bin zwar stark dehydriert, weil ich besonders am Rückweg zu wenig Wasser bekomme, doch die Kraft für ein höheres Schlusstempo habe ich bis km 38. Tom hängt sich nun ca. 2 km bei mir an, überraschenderweise kämpft sich Diego zurück. Wir laufen knapp hintereinander. Bei einer Ampel bleibe ich stehen, während Tom drüber läuft. Er hat plötzlich neue Energien bekommen. Diego ebenso, er setzt sich von mir ab. Irgendwo im Moana Park hat Diego die 42,195 km erreicht, da er ja eine „Gutschrift“ vorweisen kann, rund einen Kilometer mehr als wir gelaufen zu sein. Ich bewege mich bei ihm vorbei. Mit 5:22:38 finishe ich.

Es ist stockdunkel, die Straßenbeleuchtung ist  schwach, bis zum Pier 2 sind nun noch 2 Kilometer zu gehen. Etwas entkräftet treffe ich dort Tom, der auf mich wartet. Er hat mit 5:19:30 den Marathon beendet. Ich gehe durch die Kontrolle und hole aus der Kabine ein kleines Geschenkpäckchen für Tom. Es handelt sich um eine Tragetasche des Vienna City Marathons aus 2012, ein Originalshirt, ein Paar Socken und 3 Sticker vom 100 Marathon Club Austria, dessen Obmann ich bin.  Ich bringe ihm eine Wasserflasche und als Draufgabe eine Sektflache vom Schiff, die wir als Angehörige des Costa Clubs regelmäßig erhalten.

Inzwischen haben sich auch Diego,  Montse und Edi eingefunden. Es war ein anstrengender Tag, der Marathon war schwer, der Anstieg auf den Diamond Head trug dazu  bei. Wir sind alle müde und müssen den Wasserhaushalt des Körpers wieder ins Gleichgewicht bringen.

Tom verspricht, die Ergebnisse am nächsten Tag auf seine Facebook-Seite zu stellen. Ich habe vor, auch auf unserer homepage einen entsprechenden Blogeintrag vorzunehmen. Eine Urkunde sollten  wir nachgereicht bekommen.

Wir, die Lauffreunde von Deck 3 haben wieder gepunktet, das zählt auf alle Fälle. Man macht ja nur zu besonderen Anlässen eine Weltreise, wenn sich dazwischen der eine oder andere Marathon ausgeht, ist die Freude groß.

Ich bin  nun auch ein Honolulu Marathon Runner, wie die Aufschrift auf einem bei Runners Route am Kapitoliani Blv. heute gekauften Funktionsshirt bekräftigt.

Hätte Montse die Strecke gekannt, wäre sie wahrscheinlich weitaus schneller als mit 5:08:23 ins Ziel gekommen. Bei den geplanten Marathons ins Auckland, Sydney und vielleicht Singapur, falls noch Slots frei sein sollten, wird sie das sicher bestätigen. Auch ich nehme mir vor, wieder mehr auf die Finisherzeit zu achten.

 

 


 

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