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Laufberichte

Eine neue Dimension der Langsamkeit

07.06.08
Autor: Erich Paul

 7. Niesen Treppenlauf am 07.06.2008

Normalerweise gibt es hier nur Laufberichte von Marathon oder mehr. 

ABER: Wer zu sehr an seinen Prinzipien klebt, läuft Gefahr, etwas zu verpassen. Im vorliegenden Fall sprechen gleich zwei Gründe für die Ausnahme:

-  Der Niesen Treppenlauf ist eine ganz außergewöhnliche Herausforderung.

-  Lesen, dann kennt ihr den zweiten Puntk.

Red. m4y

 

Standortbestimmung - 07.06.2008 / 06.10h eidgenössischer Ortszeit

Nun stehe ich denn hier an der Talstation der Standseilbahn in Mülenen, die  fast bis auf den Gipfel des 2.362m hohen NIESEN schleicht. Das ist an und für sich nix ungewöhnliches in den Bergen – das Alleinstellungsmerkmal gerade dieses Berges/ dieser Bahn rührt daher, das neben der Bahntrasse eine Wartungsstrecke verläuft, die aus ziemlich genau 11.674 Treppenstufen besteht. Es ist nüchtern betrachtet die längste Treppe der Welt, die noch dazu mit einer maximalen Steigung von 68% glänzen kann. 

Und einmal im Jahr steht diese Treppe der Öffentlichkeit zur genussvollen Ersteigung offen. Wobei die Teilnehmerzahl auf 200 Starter limitiert ist und der chronologische Eingang der Teilnahmeanmeldungen über den Startplatz entscheidet – ansonsten hätten solche sporadischen Hobbyjogger wie unsereiner keine Chance.

Vor dem Start ist nach dem Start

Eigentlich bin ich schon jetzt ein Finisher im weitesten Sinne. Immerhin habe ich den Startplatz erreicht! Vorgestern auf der Autostrada, einige Asphaltlängen hinter Freiburg, tauchte plötzlich aus dem Grün des Mittelstreifens eine Entenmutti mit vier oder fünf Jungen hintendran auf und machten sich daran , den zweispurigen Teerbelag in meiner Fahrtrichtung zu queren. Wie die meisten Autofahrer unterschätzen scheinbar auch gewöhnliche Wildenten die Schnelligkeit von herannahenden Zweirädern. Und der, der die Jolle im Regen auf feuchtigkeitsgeschwängerter Fahrbahn bei Tempo 120 ohne ABS mit einer Hand am Lenker und der anderen am Visier steuerte, der stellte kurzfristig ein anatomisches Wunder dar, weil seine Pumpe auf Blickhöhe zu den Mandeln schlug. 

Es war keine Zeit , die sentimentale Melodie vom „Spiel mir das Lied vom Tod“ einzulegen – ein ordinäres Hupkonzert machte den „Gefiederten“ solche Hammelbeine, dass ich nach wie vor unserem Chefornithologen in die Augen gucken kann. 

Oder gestern auf’m Brünigpass in Richtung Interlaken – wieder Regen und diesmal mit solchem Nebel behaftet, dass mir eigentlich nur zwei Möglichkeiten blieben:

a) von rückwärtigen Autos abgeschossen zu werden oder

b) die Leitplanken mit einer Flugrolle in den Abgrund zu überqueren. 

Auch diese beiden Kelche gingen Gott-sei-Dank an mir vorbei.

Schaulaufen der Kernigen und Durchtrainierten

Während die Mehrzahl der Starter permanent mit irgendwelchen Strech-, Dehn- und Laufeinlagen beschäftigt sind, denke ich mit Schrecken an meine Übungseinlage an der Willinger Großschanze zurück, die immerhin über knapp 800 Treppenstufen vom Anfang des Auslaufhügels bis zum Schanzentisch verfügt. Jedenfalls bin ich damals 4x hoch und runter und war anschließend so platt wie eine Bildzeitung. Ganz zu schweigen von dem Muskelkater, der mir zwei Tage erhalten blieb und der Erkenntnis, dass ich gerade mal ein Viertel der nur hoch führenden Bergstrecke geschafft hatte. 

 
© marathon4you.de 2 Bilder

Aber - hatte ich mich nicht sowieso ein wenig schlapp gefühlt ? Sicher konnte ich damals nicht mein ganzes Leistungspotential abrufen! Merke: Läufe werden nur im Kopf entschieden - und im Negativen den positiven Phönix aus der Asche aufsteigen zu lassen – das zeichnet einen Berufsoptimisten aus.

Start ins Ungewisse

Gleich geht’s los – ich werde mit noch zwei anderen Läufern zum Startbereich gerufen.  Es regnet noch immer! 5,4,3,2,1… und ab. Die ersten paar hundert Meter werden auf Gitterrosten gelaufen, die der kontinuierlichen Steigung  Rechnung tragend mit  „Grippstreben“ versehen sind. Gripp ist gut – aber ich habe so meine Probleme den richtigen Rhythmus zu finden. Ich schaffe es einfach nicht, die Füße immer auf die planen Flächen zwischen den „Grippstreben“ zu setzen. 

Gott-sei-Dank kommt nun die Treppe (hundert Minuten später hätte ich wohl eine andere Wortwahl gewählt!!!). Jetzt staut sich’s auch ein wenig – mit Laufen ist nix mehr. Also wenigstens zwei Stufen auf einmal genommen bringt einen auch wieder auf ansehnliches Tempo . 

Der Abstand zum Hintermann ist größer geworden – Zeit für ein Foto. Also Handschuhe ausgezogen, die in einer Plastiktüte eingewickelte Kamera aus dem Hüftgurt gezogen – von der Plastiktüte befreit, die Kamera aus der schützenden Kameratasche genommen und hastig gedrückt. Alles wieder eingepackt – Handschuhe an und weitergelaufen. Die Handschuhe – gesponsert vom Areva-Produktionszentrum - sollten mir an den später vermehrt auftretenden Geländern gute Dienste leisten. 

Aus dem Zweierschritt ist inzwischen eine Mischung aus Einer- und Zweier-Stepp geworden, d.h. mit dem linken Bein eine Stufe und mit dem rechten Bein zwei Stufen. Ist nicht mein linkes Bein das stärkere? Was bauen sich denn da für Probleme auf? Zeit für ein Bild und weiter geht’s. 

Mittlerweile nehme ich nur noch Stufe um Stufe in einem Tritt. Es geht schon haarig bergauf. Ich setze die Arme ein – lege die Hände auf die Oberschenkel und drücke mich zusätzlich ab. Hilft auch nicht wirklich. Zeit für ein Bild bedeutet immer auch ein kurzes Verschnaufen und das Überholtwerden von rückwärtigen Teilnehmern – egal! Ich bin nicht hier um eine neue Bestzeit zu zementieren – ich will nur die Treppe bezwingen – zur Not auf den Brustwarzen. 

Und wieder bin ich im Tritt. Einige hundert Stufen weiter versuche ich’s PROBEHALBER in gebückter Haltung – die  Arme scheinen fast die Treppenstufen zu berühren. Sieht irgendwie beknackt aus. Nee, wir wollen schon in gewisser Ästhetik den Berg hoch. Ich muss mal versuchen, mich abzulenken. Wenigstens kann ich mich hier nicht verlaufen. so wie damals im Westerwald, als ich 50km abspulen wollte und nach 10km schon wieder im Ziel / am Start war. Immerhin hatte ich damals im zweiten Anlauf auf die 50km die Brigitta Biermanski kennengelernt, die in 2003 die 5.100km messende Strecke Lissabon-Moskau in 64 Tagen gelaufen ist. 

Mein Blick fällt auf die „Habicht- oder Bussard- oder Rotmilan-Feder“ (jedenfalls hat sie mal einem heimischen Greifvogel gehört), die am Hüftgurt meiner Trinkflasche baumelt. Irgendwann hab’ ich sie im Wald gefunden – reichlich mit Zeckenspray desinfiziert (Vogelgrippe und solche Ängste lassen grüssen). Insgeheim hatte ich mir Auftrieb von der Feder oder Beflügelung erwünscht. Aber zurzeit bin ich eher ein Flattermann als ein Flieger. 

Scheibenkleister - gleich wird’s passieren. Dieser besondere Läuferkollege rückt näher. Was ihn so aus der Läuferschar herausragen lässt, ist nicht seine Größe, sondern sein Alter: er ist Baujahr 1938 – also schlappe 70 Jahre alt! Boh ey, der zischt an mir vorbei…..! Wahrscheinlich mit Doppelherz gedopt  - halt die Kraft der zwei Herzen.

Mein Blick fällt auf eine Glattschnecke, die sich eine Treppenstufe hoch schleimt. Die klebt an einer satten 90% Steigung – irre. Da bin ich ja mit meinen 68% ein richtiger Flachlandtiroler. Runde 50 Stufen weiter gibt’s wieder eine tierische Begegnung. Diesmal ausgehauchtes Leben. Eine Maus streckt alle Viere von sich – sieht aber mehr aus, als wäre die abgesoffen. Ich dachte schon, sie wäre das erste Opfer der Treppe. Somit habe ich noch die Chance, selbiges zu werden.

 
© marathon4you.de 8 Bilder

Zeit für’n Foto. Sch… , was ist jetzt los? Die Kamera befindet sich im Film-Modus. Da hab’ ich noch nie mit gearbeitet. Wie komme ich denn nun wieder in den Bild-Modus? Das gibt mit jetzt fast den Rest und wird ein echtes Kopfproblem für mich. Ich bekomme die Einstellung nicht hin. 5-10 Läufer huschen an mir vorbei. Ich pack’ das Ding wieder weg und versuche in einen Rhythmus zu kommen. Fällt schwer. Jetzt kommt auch wieder ein Tunnel dieser unbeleuchteten Gattung  und von der Decke tropfend. Am Ende des Tunnels kommt Freude auf – ich bin an der Zwischenstation angelangt. Ein Blick auf die Uhr – ich bin jetzt eine Stunde unterwegs und somit voll im Zeitlimit. Geil, ich bleibe im Rennen und habe mein großes Etappenziel geschafft. 

Das Restprogramm werde ich irgendwie hinter mich bringen (der Optimist kommt wieder durch). Also erstmal in Ruhe die Kamera durchchecken. Ich bekomme den Film-Modus einfach nicht weg. Sonst habe ich meine „Frauen“ für solche technischen Probleme. Zuhause meine „Holde“ und an der Arbeit Frau Fennel. Hier steht gerade keine von beiden zur Verfügung. Aber hinter dem Verpflegungstisch sitzt ein schweizerisches Mädel!  Und siehe da! Ruck zuck hat sie den winzigen Schiebeschalter an der Seite gefunden. Also nix mit durch’s Programm scrollen wie ich das nun schon fast 5 Minuten probiert habe. Alles im Lot – mir geht’s gut. Noch ein bisschen mit dem Mädel geschäkert und ein herzliches DANKE SCHÖN ausgesprochen.  

 
So,  jetzt kann man es auch genießen, sich die ein oder andere Bananenhälfte und einige Stücke Schokolade (leider keine Toblerone – hätte gut zum Berg gepasst) einwerfen. Meine Trinkflasche lasse ich mir auch gleich noch auffüllen (leider ist das Zeugs kalt – etwas „warmes“ hätte der Mensch jetzt gebraucht!!).
Gut gelaunt und total euphorisch entschwinde ich von der Zwischenstation – der Berg bzw. die Treppe ruft!! 

Und weil wir so gut drauf sind, machen wir gleich noch ein Bild. Hat natürlich zu Folge, dass wieder ein Läufer näher kommt. Ich versuche meinen Rhythmus zu finden. Der rechte Arm unterstützt die Beine – ich ziehe mich am Geländer hoch. Man müsste auf der Stelle Popeye heißen und sich mal eben eine Dose Spinat reinkippen - dann würde der Fisch abgehen und die Beine nur noch in der Luft hängen!

Die Gitterroste lassen  wieder freie Blicke nach unten zu – längst habe ich keine Augen für die Schönheit der Natur – würde auch nix bringen

a) sieht man vor lauter Nebel nix und

b) ist es auch viel zu gefährlich

GUCKEN und dabei die Treppe unter die Füße zu nehmen – das harmoniert einfach nicht. Ich bleibe stehen – mein rückwärtiger Laufkollege schließt auf.  Zisch vorbei, ich will mal’n Bild machen“, sage ich locker! Er retourniert noch lockerer: „Kumpel, ich überhole hier keinen mehr – ……ich bin der Besenwagen“. „Nee…..“! „Doch“, entgegnet er schmunzelnd und dreht sich rum. Auf seinem Rücken prangert tatsächlich ein Schriftzug mit BESENWAGEN drauf. Ich halt’s nicht aus, das gibt aber ein reichliches Kopfproblem für mich. Nix ist mehr mit Lockerheit. Da gibt’s nur noch die verkrampfte Flucht nach vorn. Also alles mobilisieren, was noch so an Reserven  abrufbar ist.

Nach und nach kämpfe ich mich an die vor mir Laufenden ran. Ich bin eigentlich viel zu schnell unterwegs und komme nicht in einen vernünftigen Rhythmus. Mittlerweile habe ich den vierten Läufer überholt. Nun wage ich mal einen Blick zurück. Sieht gut aus – der Besenwagen ist nicht mehr zu sehen (dem Nebel sei Dank) und die überholten Kollegen kommen auch nicht wesentlich näher. O.K., die Kuh ist vom Eis und weiter geht’s nach oben. 

Die Gitterroste lassen mal wieder tief blicken. Was, wenn jetzt der Hüftgurt mit der Kamera, dem Handy und den Schlüsseln für’s Zündschloss, Tankdeckel und Motorradkoffer in die Tiefe stürzen würde?  Ich könnte  von hier gar nicht drankommen und müsste irgendwie den Berg ab der Talstation runter laufen. 

Was werden denn da wieder für Ängste wach? Ich überprüfe den Gurtverschluss – kann eigentlich nix passieren. Langsam komme ich zu der Erkenntnis, dass Mann Ängste braucht! Nur die Angst ist Triebfeder für’s ÜBERLEBEN. So ist es O.K. – mental ablenken und dabei Stufe für Stufe erklimmen. 

 
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Und wieder ein Tunnel – was soll’s – geht zur Abwechselung mal wieder auf Steinbelag nach oben. Nee, was ist denn jetzt los – Endstation? „Hopp“ ruft der nette schweizerische Mitarbeiter von der Bergbahn, „das sind die letzten Treppenstufen – jetzt musst’ nur noch die paar hundert Meter Wanderweg zum Gipfel hoch rennen!“ Na wenn das so ist, dann machen wir erstmal ein Foto von der letzten Stufe. 

Unfassbar, das ist Nr. 11.674 – geil, fantastisch. Ich bin nur noch begeistert. Das Laufen auf den letzten 50 Höhenmetern bereitet überhaupt keine Probleme und dann taucht das unscheinbare Ziel auf. Also bremse ich noch mal 5 m vor dem Ziel ab und bitte einen Zuschauer um ein Foto vor dem Ziel. Der Zeitnehmer blickt ein wenig ungläubig – wahrscheinlich bin ich der einzige von 200 Startern, der sich den Luxus leistet, noch hunderte von Sekunden so kurz vor’m Ziel zu verschenken. Sei’s drum – mir sind visuelle Werte wichtiger als eine in schwarz manifestierte Zahlenkombination. Fototermin beendet – Zeit, um gemütlich durch’s Ziel zu schlendern – Mann ist ja schließlich nicht auf der Flucht!!! (gerannt wäre ich nur, wenn der Besenwagen dicht hinter mir gewesen wäre!).

Nun stehe ich also auf dem Niesen in 2.362m Höhe und habe nicht weniger als 11.674 Treppenstufen und einige hundert Meter Laufstrecke zurückgelegt. Ich bin total happy und greife erstmal zwei, drei Müsliriegel und „warmen“ Tee ab. Es ist doch lausig kalt hier oben und leider sieht man vor lauter Nebel auch nix. Schade eigentlich. Und da steht auch der Kollege mit dem Überraschungspaket für die Finisher. Es ist eine schicke Stirnlampe. O.K., dann trolle ich mich mal wieder bergabwärts in Richtung Bergstation, hier müsste meine Tasche mit der Wechselkleidung liegen. Duschmöglichkeiten sind auf’m Berg keine vorhanden.

Ich muss noch eine Viertelstunde ausharren, dann kommt auch schon die erste Bahn mit Touristen hoch und nimmt die ersten Läufer (die letzten werden die ersten sein) mit runter. Ich ergattere sogar einen Sitzplatz, den ich aber einer älteren Französin anbiete. Alte Kavallerieschule, wird der Leser jetzt sagen. Logo,  außerdem war ich sowieso gerade dabei, einen Krampf ins Bein zu bekommen.  Stehend ist das einfacher abzuwenden. Nach dem Umstieg auf der Mittelstation sind wir nun nach 26 Minuten reiner Fahrtzeit wieder unten an der Talstation.

Guck’ an! Mein Motorrad steht auch noch am abgestellten Platz – trotz Halteverbot. Also nicht abgeschleppt! Es gibt Ängste, denen ist man sich nicht bewusst, weil man sie zwischenzeitlich verdrängt. Und außerdem fällt mir auf, dass es gar nicht mehr regnet. Es scheint zwar nicht die Sonne, aber ich hab’ jetzt Sonne im Herzen. Also die Motorradklamotten über und ab in die nächste Bäckerei. Ich brauch jetzt Süßes ohne Ende – also große Schweineohren – oder wie die Dinger sonst so heißen, die mittig mächtig viel Pudding umranden.

Nachtrag.

Erstaunlicherweise hatte der Verfasser überhaupt keine muskulären Probleme und mittlerweile wächst durchaus die Lust, mal wieder an einem Treppenlauf teilzunehmen. 

Ach ja eine Platzierung gab’s auch noch. Von den hundertfünfzig, die’s letztendlich geschafft haben wurde ich „stolzer“ Fünftletzter mit einer Zeit von 2:03:09


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