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Laufberichte

Decke Tönnes Marathon

 

Hart, aber herzlich: Die Eifel im Winter

 

Mühsam setze ich Schritt für Schritt, schleppe mich dem Marathonziel in Las Vegas entgegen. Stolpere zweimal und kann kapitale Stürze nur mit Mühe und Not knapp verhindern. Bin auf dem Zielstrich völlig ausgelaugt und schwöre mir, daß es das für 2014 gewesen ist und ich eine Pause brauche. Kann es auch einen schöneren Saisonabschluß geben, als New York und Las Vegas? Keine drei Wochen später stehe ich am Beginn des nächsten, durchaus anspruchsvollen Marathons. Warum nur bin ich so bescheuert? Ganz einfach, weil’s schön ist. Aber wem erzähle ich das!

So bin ich also nach Euskirchen gefahren, wo mein Freund und Laufcoach, Andreas Butz, eine Autostunde von mir entfernt, zwei bis drei Mal im Jahr einen Gruppenlauf, den Decke Tönnes-Marathon, veranstaltet. Entweder, wie heute, als Normalversion (43,55 km mit 878 HM) oder auch schon mal als XL-Variante (54 km mit rund 1.100 HM). Zum kleinsten Tönnes aller Zeiten haben sich stolze neun ganz Hartgesottene getroffen, üblich sind 20 – 40 Teilnehmer. Aber das heutige Wetter und die Konkurrenz des Siebengebirgsmarathons am morgigen Sonntag haben nicht mehr hergegeben. Alle, die erschienen sind, freuen sich auf einen schönen, zügigen, aber nicht zu schnellen Gruppenlauf in lt. Ausschreibung etwa 4:30 Std. Eine Zeit, die bei den heutigen Verhältnissen allerdings schwerlich erreicht werden kann. So haben wir dann natürlich auch mehr Zeit und Luft als sonst zum Quatschen. Nicht umsonst bezeichnet Andreas sein Angebot ja als Quasselultramarathon.

Offiziell gibt es keine Verpflegung. So muss jeder das, was er zu brauchen meint, selber mitschleppen. Allerdings wird es, wie üblich, nach etwa der Hälfte eine kleine Verpflegungsstelle geben, wo man dank warmen Tees wieder auftauen kann. Wasser und Banänchen (selbstverständlich Bio!) gibt es auch, so daß niemand zu verhungern braucht. Da gibt man doch gerne ein paar Euro für einen guten Zweck ins Sparschwein.

 
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Die ersten Kilometer führen bei allgemeinem Gequassel vornehmlich über Feldwege. Sobald wir den Asphalt verlassen zeigt sich, daß das heute eine besonders schöne Schlammschlacht werden wird. Seit gestern Abend ist es ununterbrochen am Regnen, was uns saftigste Pfade und Riesenpfützen beschert. Ich bin schlau und habe wohlweislich GoreTex-Schuhe mit Gamaschen an, so kann nichts passieren und die Hufe bleiben schön trocknen. Dieser Illusion bin ich allerdings nach bereits einer Stunde vollständig beraubt.

Schon bald ist das Kloster Maria Rast erreicht, in dem sich eine Bildungsstätte der Schönstätter Marienschwestern mit Zentrale in Vallendar bei Koblenz befindet. Die erste Zwischenstation, den Parkplatz Rothberg, erreichen wir bei Kilometer 8,7. An jeder dieser Etappenpunkte nach immer rund 8 km kann man, je nach Leistungsvermögen oder Willen, ein- oder aussteigen. Wir nutzen die kurze Unterbrechung zur kollektiven Pinkelpause („Keine Fotos jetzt, Herr Bernath!“ Schade…), gleich geht’s weiter.

Nach einer Stunde hört der Regen auf. Wirklich. Und geht nahtlos, der Topographie geschuldet, in Schneefall über. Aber ehrlich: Trotz der besch…eidenen Bodenverhältnisse, der fiesen Nässe und der Kälte ist die Stimmung prima. Glücklicherweise sind wir ja alles Freiwillige! Bald darauf durchlaufen wir Eschweiler, dessen Stadtlogo: „Eschweiler – Immer in Bewegung“ exakt auf uns gemünzt zu sein scheint. Heute wird auch nicht angehalten.

 
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Schon sind wir am Steinbruch, an dem Andreas wie in jedem Jahr behauptet, hier wären Karl May-Filme gedreht worden und Nscho-Tschi in den Armen der alten Schmetterhand verschieden. Mittlerweile bin ich bald geneigt, es ihm abzunehmen! Die zweite Teiletappe ist kurze Zeit später nach 16,5 km geschafft.

Parallel zu uns liegt, leider nicht einsehbar, das wunderschöne Bad Münstereifel. Mit seiner nahezu vollständig erhaltenen restaurierten Stadtmauer von Anfang des 13. Jahrhunderts inkl. vier Stadttore gilt es als mittelalterliches Kleinod und ist wirklich malerisch. Es folgt ein längeres Bergabstück zum dritten Parkplatz bei km 20,3. Zunächst durch Eicherscheid gelaufen, erwarten uns im Bodenbachtal einige Teiche, an denen bei günstigerer Witterung angeblich auch Sport, nämlich Angelsport, betrieben wird. Rechts von uns wird vor einer Treibjagd gewarnt, links rufen die Treiber, und in der Mitte laufen wir. Na prima! Sicherheitshalber lassen wir den Andreas vorlaufen, dann hat der Rest eine größere Überlebenschance.

2 km vor dem auch geographischen Höhepunkt unserer heutigen Schlammschlacht geht es durch den Wald stramm bergauf. Seit vielen km bereits erfreut uns der erste Schnee des Jahres, allerdings mangelt es an Frost, der uns ganz andere Laufverhältnisse beschert hätte. Dann ist es geschafft, sie liegt vor uns: Die Kapelle des dicken Anton, im Eifler Platt der „Decke Tönnes“. 335 m beträgt der Höhenunterschied zwischen Start und Kapelle.

Die Kapelle ist ein viel besuchter Wallfahrtsort an einer stark befahrenen Straße im Kreisdekanat Euskirchen, Erzbistum Köln. Verehrt wird der Eremit St. Antonius. Antonius wird heute als Schützer des Waldes und der Tiere geachtet. Früher stand der Decke Tönnes im Freien. Um 1900 erhielt er ein Dach über den Kopf. Wind und Wetter hatten ihm in den vergangenen Jahrhunderten doch so zugesetzt, daß man diese überlebensgroße Statue (deshalb „Decke“ Tönnes) zu einem Restaurator geben mußte. Täglich halten viele Wanderer, Läufer und Autofahrer an seiner Kapelle inne. Wir auch.

 
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Zum ihm werden viele unterhaltsame Geschichten und Sagen erzählt. Er war Helfer gegen Hautkrankheiten, wird oft als Schweinehirt dargestellt und dient heute als Schutzpatron des Waldes und der Autofahrer. Sicher freut sich im Himmel Antonius darüber, dass wir Ausdauersportler ihn auch als Patron der Waldläufer verehren und er 2005 Namensgeber für diesen Marathon geworden ist. Hier besteht für Etappenläufer die vierte Möglichkeit zum Ein- oder Ausstieg. Einer steigt aus, drei zu. Max, Andreas Sohn, beglückt uns mit seiner Freundin vor Ort mit Wasser, warmem Tee und Bananen, eine Wohltat nach mittlerweile 23 gelaufenen km.

Das obligatorische Gruppenfoto fällt heute aus, wir müssen schnell weiter, denn die nasse Kälte kriecht in alle (!) Glieder. Auf den nächsten 6 km verlieren wir ca. 230 der vorher mühsam erarbeiteten Höhenmeter. Am Ende des Gefälles bei km 31,8 stoßen wir auf die Steinbachtalsperre, den Beginn der fünften Teilstrecke. Sie wurde auf Druck der Euskirchener Tuchindustrie gebaut, die gegen Ende der 1920er Jahre ihren Wasserbedarf aus den natürlichen Bachläufen nicht mehr decken konnte. Gute 17 m ist der Stausee tief, ein schönes Freibad lädt zu anderer Jahreszeit zum Planschen ein. Heute eher weniger. Auf der attraktiven 3 km-Rundstrecke um den See findet in gut zwei Wochen der Euskirchener Silvesterlauf statt, eine feine Veranstaltung, an der ich schon mehrfach teilgenommen habe.

Drei km weiter wartet mit der Hardtburg wieder ein optischer Leckerbissen auf uns. Die gut erhaltene Ruine einer Wasserburg aus dem 11. oder 12. Jahrhundert ist zwar schon seit dem 18. Jahrhundert ruinös, wird aber seit 1965 instandgehalten, ist frei zugänglich und macht von außen einen guten Eindruck. Hier ist nun die allerletzte Möglichkeit, noch zu uns zu stoßen oder den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen und aufzuhören. Letzteres wäre aber doof, denn es sind nur noch 8,5 km ins Ziel und nach 35 km aussteigen?

 
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Hoch über Kreuzweingarten genießen wir am Hochkreuz den Blick über diesen Euskirchener Stadtteil, bis wir durch diesen Ort einem weiteren Höhepunkt zustreben, den man allerdings gezeigt bekommen muß, sonst rennt man daran vorbei: Die Reste eines Römerkanals (Wasserleitung) zeigen uns, in welch hohem Lebensstandard man schon vor zwei Jahrtausenden zu leben verstand. Die Wasserleitung nach Köln war eines der längsten Aquädukte des römischen Imperiums und gilt als größtes antikes Bauwerk nördlich der Alpen. Zum Schutz vor Frost etwa 1 m unterhalb der Erdoberfläche verlaufend, wurde sie um das Jahr 80 n. Chr. aus Gußmauerwerk (Vorläufer des Betons, wie das Kolosseum in Rom) und im Halbbogen gemauerten Steinen vom römischen Heer erbaut und ca. 180 Jahre lang genutzt.

Sie hatte eine Länge von 95,4 Kilometern und eine Transportkapazität von bis zu 20.000 Kubikmetern Trinkwasser je Tag. Zählt man die verschiedenen Zuleitungen von den Quellen noch hinzu, dann hatte die Leitung sogar eine Länge von 130 km. Die Anlage versorgte die damalige römische Stadt Köln mit Wasser für die öffentlichen Laufbrunnen, Thermen und privaten Hausanschlüsse und transportierte das Wasser einzig und allein durch ihr Gefälle. Sie gehört zu den Denkmälern damaliger, bis heute nachwirkender, Ingenieurskunst. Das, was heute noch zu sehen ist, sieht beileibe nicht nach zweitausend Jahren aus. So manches, was auf „nur“ tausend Jahre angelegt war, existierte bekanntermaßen schon zwölf Jahre später nicht mehr…

Etliche Serpentinen (höchst gefährlich, da schwer naß und rutschig) führen uns ins Dorf hinab und im beständigen Wechsel zwischen Auf und Ab begeben wir uns auf die letzten Kilometer, die wie immer etwas zäh werden, zumindest für mich. Aber das intensive Gequassel mit Andreas lenkt erfolgreich ab und irgendwann ist auch der längste Weg mal zu Ende. Auf dem vorletzten km ereilt unseren niederländischen Lauffreund aus Utrecht der Albtraum eines jeden Läufers: Er wird von einer unerzogenen Töle in den Unterschenkel gebissen. Gottseidank scheint es nicht so schlimm zu sein, und da der Halter bekannt ist, sollte auch die Schadensregulierung kein Thema sein.

Kurz nachdem uns das Euskirchener Ortsschild wieder heimatliche Gefilde angezeigt hat, sind wir an Andreas‘ Haus angelangt und haben es wieder einmal geschafft. Mit trockenen Kleidern versehen, sitzen wir noch gemütlich im Butzschen Wohnzimmer, mampfen Giselas Vollkornwaffeln sowie –kuchen und bekämpfen die Dehydration mit jeder Menge Wasser und heißem Tee. Gisela gibt mir ihre Lieblingstasse. Diese Ehre weiß ich zu schätzen und nehme sie auch gerne. Gut, daß das keiner geknipst hat! Ich und eine FCB-Tasse…  Andreas erzählt von seiner ersten Großveranstaltung, der Runner’s Night Ende Februar, auf der illustre Hochleistungssportler sprechen werden. Und auf das erste Traillauf-Seminar 2015 auf Mallorca werden wir auch schon heißgemacht, bei den Gedanken an die tollen Trails und die schöne Gemeinschaft könnte ich schon mit dem Packen beginnen.

Im kommenden Jahr dürfen wir uns wieder auf mindestens drei Ausgaben des Tönnes freuen. Es wird einen Doppeldecker geben, am zweiten Tag anders herum gelaufen, und der Weihnachts-Tönnes ist auch fest geplant. Ob eine XXL-Variante über 54 km durchgeführt wird, ist noch offen. Näheres dann zeitgerecht auf der Veranstalterseite. Wie sagt Andreas so schön? Einmal im Leben muß man den dicken Anton besucht haben.

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Streckenbeschreibung:
Anspruchsvoller Rundkurs mit zahlreichen Steigungen und Gefällen auf teilweise schwierigen Wegen, 878 Höhenmeter. 90% Forst-, Wald- und Feldwege.

Auszeichnung:
Urkunde aus dem Internet

Logistik:
Keine

Verpflegung:
Keine, jeder Teilnehmer ist für die Ver- und Entsorgung selbst zuständig. Bei diesem Lauf Versorgung mit Wasser, Tee und Bananen beim km 23,7.

Kostenbeitrag:
Keiner, es wird aber um eine Spende von 2-5 € gebeten, die zu 90% zugunsten der Sportförderung behinderter Kinder und zu 10% zum Erhalt der Kapelle Decke Tönnes weitergereicht wird.

 

 


 

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