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Laufberichte

Crotrail: From the alps to the sea

11.07.15

Von den Alpen ans Mittelmeer mit Zielankunft am Strand - welcher Lauf kann damit aufwarten? Seit über 2 Jahren fasziniert mich dieser Lauf, welcher aber unweigerlich zu den schwierigeren seiner Sorte zählt. Seit ca. 15 Jahren bekannt unter dem Namen Cromagnon-Extremrace, geht er dieses Jahr mit Facelift als „Crotrail“ auf den Markt. 3 Läufe über die Distanzen 38-80-118km mit unterschiedlichen Höhenprofilen werden den Teilnehmern angeboten. Alle Läufe sind Punkt-zu-Punkt Läufe, d.h. der Zielort ist ein anderer als der Startort.

Dass Italiener oder Franzosen es ein wenig anders nehmen mit der Genauigkeit, ist hinreichend bekannt. Aber eines muss man aber neidlos vorne weg auch bestätigen: es funktioniert immer. Geduld und innere Ruhe bedarf es von der Anmeldung, des Informationsgehaltes der Homepage, Rückmeldungen vom Veranstalter bis hin zum Briefing. Aber darin liegt ja auch schon der Reiz in dem Ganzen: dieser Traillauf beginnt schon mit der Anmeldung und endet erst im Zielbogen am Strand.

Der Start findet am Samstagmorgen ziemlich unspektakulär um 4 Uhr am Dorfplatz in Limone (Piemont) statt. Im Piemont, nicht zu verwechseln mit dem Limone am Gardasee! Ohne Musik, ohne Countdown setzt sich das Läuferfeld für die 118km und 80km in Bewegung. Beide Läufe starten gleichzeitig. Die 80er dürfen bis Breil (Cote d'Azur) und die 118er bis Menton (Cote d'Azur) die Angelegenheit genießen.

Meine 118km kann man gedanklich in 3 Drittel einteilen. Die ersten 46km sind geprägt durch eine phänomenale Bergwelt in den südlichen Alpenausläufer in den Regionen Piemont, Ligurien und Cote d'Azur auf ca. 2000 mtr über Meeresspiegel. Aber auch mit der Erkenntnis, dass die erste Essensverpflegung auch erst nach 46 Laufkilometer, so zwischen 8 und 10 Stunden kommt, sowie der strammen Cut-off-Zeit von 11 Std!

Das zweite Drittel von Tende bis Breil verläuft in der Waldregion zwischen 300 und 1000mtr und hübschen Dörfern. Das Höhenprofil zeigt hier einen leicht welligen Trail, der sich jedoch als knüppelhartes-permanentes-killermässiges-Auf-und-Ab herausstellt. Das Schlussdrittel gehört den Emotionen mit dem sagenhaften Ausblick auf das Mittelmeer und der Aussicht auf die Küstenregion der Cote d'Azur Menton-Cape St.Martin-Monaco, sofern man noch die Kraft dazu hat.

 
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Das erste Drittel Limone Piemont nach Tende (0-46km):

 

Die warme Nacht lässt schon mal vorahnen, was an Tagestemperaturen kommen könnte. Aber genießen wir erstmal die Anstiege auf 2000mtr, die Morgendämmerung, den atemberaubenden Sonnenaufgang, rotleuchtende Berge, strahlend blauer Himmel, intensiv saftig grüne Wiesen. Wieder mal ein Privileg für uns Läufer, dies sehen und erleben zu dürfen. Und noch kann man es bei vollem Bewusstsein genießen. Die Bilder sprechen hier ihre eigene Sprache und sind brutal schön. Die Höhenwege sind ein Spagat zwischen französischer und italienischer Grenze, alte Salzhandelswege und alten Grenzsicherungsposten.

 
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Die Wärme und die Sonnenintensität steigen seit 9 Uhr unaufhörlich, jedoch auf 2000mtr lässt es sich noch aushalten. Das wird gravierend anders, als wir nach Tende absteigen. Es ist gegen 11 Uhr und wir, mein Laufpartner Willi Melcher und ich, sind noch gut drauf und in unserem errechneten Zeitplan. Doch das ändert sich ab der Meereshöhe von 600mtr. Uns schlägt die Mittagshitze  brutal ins Gesicht.

12 Uhr, der Abstieg nach Tende zieht sich. Die trockene Hitze fühlt sich an, als öffne man einen Heißluftbackofen bei 180°C. Die Sonne brennt auf Haut und Kopf. Verpflegung bei 46km. Kühlen: Kopf, Arme, Beine. Wir haben schon helle Mützen auf dem Kopf und weiße Laufshirt gewählt, um der Sonne so wenig wie möglich Angriffspunkte zu geben uns aufzuheizen. Aber das hier ist der Hammer. Kühlen am Dorfbrunnen. Trinken, Salztabletten, Essen. Wäre ratsam. Aber ich kann seit 8 Std nichts essen, mein Magen-Darm-Trakt rebelliert. Fanta, kleine Brezeln und Salztabletten, mehr geht nicht. Selbst mein geliebter Honig geht einfach nicht rein. Ich weiß, dass das nicht gut gehen wird, aber es geht gar nichts. Kekse, Kuchen, Obst, Nüsse, Salzgebäck, mir ist alles zuwider.

 

Das zweite Drittel von Tende (46km) bis Breil (80km):

 

Diese 36km werden zur Qual und dauern viel länger als gedacht. Das Profil sagt "ein bisschen hoch und runter zwischen 300 und 1000mtr", aber die Hitze und die Sonne brennen fürchterlich. Mittlerweile fühle ich mich wie ein Brötchen zum Aufbacken im Heißluftbackofen. Das kann nicht gut gehen.

 
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Erste Sternchen sehe ich, dabei ist es noch taghell, gegen 17:30Uhr. Kreislaufprobleme. Die Anstiege selbst im schattigen Wald werden zur Tortur für mich. Standpausen. Brunnen oder fließendes Gewässer gibt es leider auf dem Streckenabschnitt 46-80km kaum. Den Körper runter zu kühlen, war nur an wenigen Dorfbrunnen möglich. Die Kilometer ziehen sich bei einer Gehgeschwindigkeit von 3km/h ewig. Gegen 20:30 Uhr das Fiasko. Die Sternchen sind wieder da, der Körper komplett entkräftet, der Geist komplett schwach.

 
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Noch 4km bis nach Breil (80km) - ich werde aufgeben. Mein Traum vom Mittelmeer schwindet. Standpause - Lagebesprechung mit Willi - Mitteilung des desaströsen Zustandes - die Hitze steht in diesem Waldstück immer noch. Meine Gedanken kreisen um alles und nichts. Ich schätze meinen Körper gerade so ein, dass er diese Anstrengung über weitere 12 Std nicht mehr verkraftet. Ausstieg bei 80km?

Immer noch Standpause. Ich finde in meiner Verzweiflung zwei Vitargo-Gels in meinem Rucksack,  esse beide und wir machen uns auf die restlichen 4km. Verwunderlich ist, dass uns auch in dieser Zeit kaum Leute überholen. Alle kämpfen mit der Hitze. Anscheinend kommt etwas von dem Gel in meinem Hirn an und lässt mich die aktuelle Lage ein wenig besser einschätzen. Die Kraft in den Beinen ist da, nur mein Gesamtkörper fühlt sich nicht so gut an. Und der Geist ist schwach und muss irgendwie überlistet werden. Breil, Breil, ich bin da. Nur noch hinlegen. Ein Bett muss her! Wir entschließen uns zu einer längeren Pause und das Ausschöpfen der Cut-off-Zeit. Willi ist dankbar für den Vorschlag. Ich denke, alleine weiterlaufen will er auch nicht. Abkühlen inkl. Pause ist immer gut. Unsere Körper sind immer noch überhitzt. Dieses permanente Auf und Ab zermürbt  uns und ist richtig schweißtreibend. Breil (80km), es ist Punkt 22 Uhr.

Ich unterteile das letzte Drittel im Kopf in kleinere Zwischenziele und entscheide, nicht in Breil rauszugehen. Aussteigen kann ich auch noch in Sospel bei km98. So einfach geben wir das Ding noch nicht her.

24 Uhr ist Cut-off. Wir geben uns 1 Std zur Erholung. Mein Fahrplan: Sanitätszelt und eine Liege organisieren. Meine Umsetzung in der Stunde:
45min Liegen und Ruhen, ein wenig die Augen zu machen, 6 Nudelsuppen, 1 Liter Fanta, 0,5 Ltr Cola, 1 Banane, Käse.

 

Letztes Drittel von Breil nach Menton (80-118km):

 

23:05 Uhr, 18km to go, Cut-off um 04:30 Uhr in Sospel. 5,5 Std Zeit; jedoch mit den Laufzeiten der letzten Stunden kaum machbar. Aber wir fühlen uns wieder einigermaßen gut. Die Pause hat uns zurück gebracht. Zu Beginn gehen wir die Sache noch bedächtig an, mit der Flüssigkeit im Bauch auch ratsam. Nach 30min wissen wir, dass wir „back in the race“ sind. Wir können wieder Druck machen und laufen, wir kriechen nicht mehr. Abkühlung ist zwar auch in der Nacht kaum zu spüren, aber wir überholen wieder andere Läufer. Gut für den Kopf.

Sospel (98km) erreichen wir um 02:30 Uhr. 3,5 Std in der Nacht, 18km, Ausbau des Cut-off-Polsters auf 2 Std. Es läuft. Noch 20km bis zum Ziel und nur noch ein Anstieg mit ca.1000 Höhenmeter vor uns. Mein Traum wird wahr. Dieser VP bringt die endgültige Wende und die Bestätigung, dass wir das packen werden.  Wir ziehen den Berg konstant hoch und ein weiterer heimlicher Wunsch geht in Erfüllung. Morgendämmerung oben am Berg - kurz vor dem Mittelmeer. Wie ein kleines Kind schaue ich durch die Bäume und denke mir: "Wann sehe ich das Meer zum ersten Mal?".

5:20 Uhr letzte Wasserstelle bei 108km. Ich fühle mich sehr gut, schalte mein Handy an und bekomme die SMS meines Bruder: "Zielankunft um 03:11Uhr - Finisher". Alexander Binz, mein jahrelanger Begleiter und Photograph auf meinen Touren hat nun nach 1 ¾  Jahren Training, 20kg weniger Körpergewicht und ein paar Vorbereitungsläufen die 38km mit ca. 2000Hmtr in 9:11 Std:min absolviert. Der Hammer, ich bin stolz wie Bolle auf ihn und mich übermannen die Gefühle. Wir gehen weiter, noch ca. 200 Höhenmeter sind zu meistern, und dann ist es soweit: die Kante, der Bergrücken, der Ausblick: sagenhaft.

 
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Das Mittelmeer liegt vor mir. Die Straßenlampen von Menton und Cap St.Martin leuchten noch gelblich. Die Gefühle übermannen mich wieder, die Tränen laufen, ich muss meinen Freund umarmen. Vielleicht ist es mein letzter Lauf mit ihm, ich weiß es nicht.  Aber der Moment ist magisch und gehört zu den besten in meinen 10 Jahren als Trailrunner. Und das alles nach diesen Stunden der körperlichen Grenzerfahrung.

Es folgen knapp 9km Downhill und  nicht enden wollende Straßenzüge durch die Vororte. Viele Treppen, Windungen durch Menton, ehe wir aus der Altstadt plötzlich entlassen werden und an der Strandpromenade stehen. Ein einzigartiger Lauf aus den Alpen zum Mittelmeer. Mein erster Lauf mit Zielankunft auf 0 Meter Meereshöhe. An der Strandpromenade ist mit Sprühfarbe "200mtr" markiert. Es sollen nach meinem UTMB-Finish die schönsten Zieleinlaufmeter werden.

Um 07:18 Uhr, die Sonne scheint auch schon wieder und es hat ca. 30°C, bleibt unsere Laufuhr stehen. Unglaubliche 118km mit +6800 Hmtr und -7800Hmtr gehen am Strand von Menton nach 27 Std und 18 Minuten zu Ende. Ein Traum ist wahr; und zur Vervollständigung des Traumes sind wir 5min später zum Schwimmen im Mittelmeer. Ein unglaubliches, nie dagewesenes Gefühl. Eben ein Traum.

 
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Noch ein paar Zahlen und Fakten:


beim 118km Lauf starten 200 Läufer/innen; ganze 65 haben das Ziel in Menton durchquert; Mit Platz 40+41 für Willi Melcher und Oliver Binz (Gesamtwertung) sind  wir sehr glücklich.

Beim 118km waren auch Michael Mewes (29:09 Std:min) und Gabriele Kenkenberg (27:29 Std:min) erfolgreich unterwegs. Gabriele hat mit einer großen kämpferischen Leistung auf den letzten 20km auch noch den 3.Platz in der Damenwertung errungen. Jörg Kornfeld musste sich leider der engen Cut-off-Zeit im ersten Drittel geschlagen geben.

Beim 80km-Lauf musste auch Alexander Rohleder der Kombination schwere Strecke + Hitze beim KM46 Tribut zollen. Mit 15min zu lange unterwegs war das Zeitfenster (Cut-off) bei Tende leider schon geschlossen.

Beim 38km konnte Alexander Binz mit 9:11 Std:min finishen.

 

 

Der Finishertag:

 

Nach dem Zieleinlauf am frühen Morgen, entspannen im Zielbereich-Strand, können wir unser Hotelzimmer um 11 Uhr beziehen. Mittagsschlaf bis 15Uhr, dann ist wieder der Strand angesagt. Herrlich, dieses Bad im Meer.  Mein Körper fühlt sich ziemlich ausgelaugt an, nach dieser Strapaze.

Nach dem Besuch von Monte Carlo haben wir den Tag bei spitzenmäßigem Seafood an der Strandpromenade ausklingen lassen. Unglaubliche Tage, unerwartete Emotionen, traumhafte Landschaften und ein ganz, ganz besonderer Lauf, für den es sich die Reise wirklich lohnt. Wie sagt man so schön: Der Körper erholt sich, die Erinnerungen bleiben für immer.

 
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